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Romane & Erzählungen
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E x p o s é :
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Es geht in drei verschiedenen Geschichten um problematische Vater-Sohn-Beziehung. Um Missverständnisse, fehlendes Einfühlungsvermögen und letztendlich um ein Aufeinanderzugehen und voneinander lernen. |
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L e s e p r o b e :

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Joe war ein fünfjähriger Knabe, der in die erste Klasse ging. Seine Mutter war seit achtzehn Monaten tot und seinen Vater kannte der Junge nur dem Namen nach. Der Junge lebte bei dem letzten Mann seiner Mutter, der ständig betrunken war und den Jungen schlug. Joe ging vor der Schule auf und ab. Er wartete auf drei Jungen, die ihn schon seit längerer Zeit verhöhnten und beschimpften. Seinen Mitschülern war aufgefallen, dass Joe immer der Erste in der Schule war und als Letztes ging. Sie hatten ihn verspottet und als sie einsehen mussten, dass Joe sich nicht provozieren ließ, beleidigten sie ihn. Drei der Jungen waren Joe nachgeschlichen und hatten ihn am Grab seiner Mutter beobachtet. Immer mehr Vermutungen wurden laut, aber Joe äußerte sich zu keiner. Erst heute, als sie begannen seine Mutter schlecht zu machen, war er wütend auf sie losgegangen. Er hatte ihre Herausforderung angenommen…. Der Junge lehnte sich gegen das Tor und wartete. Seine tiefschwarzen Locken hingen ihm lang den Rücken herunter. Das schmale Kindergesicht wurde von großen, ausdrucksvollen, braunschwarzen Augen beherrscht. Seine Haltung war nicht die eines fünfjährigen Kindes. Er trug seinen Kopf stolz und mit dem Ernst eines Erwachsenen. Als nun die drei Jungen um die Ecke bogen, stieß er sich von dem Tor ab. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie aufeinander los. Die Jungen waren älter und kräftiger als Joe, der sehr zierlich war. Joe ging mit vollem Schwung in den Kampf. Trotz der Übelkeit, die ihn schon den ganzen Tag quälte, bemühte er sich seine Schläge genau zu platzieren und gleichzeitig den Schlägen der anderen auszuweichen. Plötzlich stolperte er und fiel der Länge nach hin. Er erwartete, dass die Jungen sich nun auf ihn stürzen würden, aber zu seinem Erstaunen sah er sie weglaufen. Verblüfft erhob er sich und sah ihnen voller Verachtung nach. Als er sich nun umsah, bemerkte er, dass ein großer, dunkelhaariger Mann vor ihm stand. „Na Kleiner, geht’s?“ fragte er und lachte den Jungen mit blitzenden Zähnen an. „Ja danke“, meinte Joe höflich. „Ich heiße Joseph.“ Auf einmal wurde ihm schwarz vor Augen, er taumelte. Sofort war der Mann bei ihm und nahm ihn auf den Arm. Das Letzte was Joe sah, war das besorgte Gesicht des Fremden, dann wurde er bewusstlos. Der Mann beschloss den Jungen erst einmal mit zu sich nach Hause zu nehmen, da er nur dessen Vornamen kannte. Er legte ihn auf den Rücksitz seines Autos, deckte ihn zu und setzte sich hinter das Steuer. Zuhause angekommen, nahm er Joe aus dem Wagen und trug ihn ins Haus. Laut rief er nach seiner Frau: „Ilse!“ Eine kleine, blonde Frau kam die Treppe herunter. „Ja Chris? Was ist denn?“ Als sie den bewusstlosen Jungen in den Armen ihres Mannes sah, hielt sie erstaunt inne, fragte aber nicht mehr. Sie hatte sich schnell wieder in der Gewalt und forderte ihren Mann auf, den Jungen auf das Sofa im Wohnzimmer zu legen. Als Chris Joe hinlegte, rutschte Joes Hemd nach oben und auf dem nun freigewordenen Streifen der Haut sah Ilse lauter blaue Flecken. Sie knöpfte das Hemd des Jungen auf und zog fassungslos die Luft ein. Auch Chris war entsetzt. als er den Rücken des Jungen sah. Der Rücken war voller Striemen, die alle mehr oder weniger vernarbt waren, Stumm sahen Chris und Ilse sich an. „Ruf bitte einen Krankenwagen an, Chris. Er hat Fieber“, sagte Ilse schließlich leise. Zehn Minuten später kam der Krankenwagen. Verwirrt richtete Joe sich auf, ließ sich jedoch gleich wieder zurückfallen. Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf gleich platzen würde. Erstaunt sah er sich im Zimmer um. Wo war er? Mühsam stand er auf. Er sah im ersten Moment nur Sterne. Plötzlich wusste Joe was geschehen war. Er erinnerte sich an die Prügelei und an den jungen Mann. Sich vorsichtig überall festhaltend bewegte er sich auf die Tür zu. Bevor er sie jedoch erreichte, kam eine Krankenschwester herein. „Mein Gott!“ rief sie aus. „Du musst im Bett bleiben, Junge.“ Sie legte den Knaben ins Bett zurück und deckte ihn sorgfältig zu. „Wo bin ich?“ fragte Joe die Krankenschwester. Die Antwort gab er sich gleich selber: „Im Krankenhaus, oder?“ In der nun folgenden Stille sah die Krankenschwester sich mit zwei großen, braunschwarzen Augen konfrontiert, die sie misstrauisch musterten. Dann schloss Joe die Augen. „Wo ist denn der nette Onkel?“ fragte er schläfrig. „Er kommt nachher Kleiner“, sagte die Krankenschwester, „wie heißt du denn eigentlich?“ „Joseph Hilgers, München, Marienstraße 7.“ Kam es schwer verständlich aus den Kissen. Sekunden später war der Junge eingeschlafen. Die von Joe genannte Adresse wurde an Chris und Ilse Bauer weitergegeben. Als die beiden von einer Nachbarin das Schicksal des Jungen erfuhren, waren sie tief erschüttert. „Ja, der hat den Jungen immer geschlagen, seit die Mutter tot ist…..Wo der jetzt ist? In irgendeiner Kneipe…..Ich die Polizei benachrichtigen? Nee, mit denen will ich nichts zu tun haben!“ Chris und Ilse konnten nicht verstehen, wie so etwas geschehen konnte, und vor allem wie man so etwas einfach geschehen lassen konnte. Nach diesem Gespräch fuhren sie direkt ins Krankenhaus. Der Junge schlief noch immer, als sie ins Zimmer traten. Ungeheuer verletzlich sah er unter der großen, weißen Decke aus. Er hatte lange, dichte Wimpern, um die ihn jede Frau beneiden würde. Es war ein hübsches Kind, das sahen auch Chris und Ilse, als sie ihn dort liegen sahen. Erst als Chris sich über das Bett beugte, um das Fenster zu öffnen, wachte er auf. Verschlafen fuhr er sich mit der Hand über die Augen und versuchte sich aufzurichten. „Hallo!“ sagte er verlegen. „Hallo Kleiner.“ Auch Chris wusste nicht, was er sagen sollte. „Ich habe Durst“, mit diesem Satz brach Joe das Schweigen. „Warte, ich hole dir etwas zu trinken“, antwortete Chris eilig und verließ das Zimmer. Nun war Joe mit Ilse alleine. Schweigend musterten sie sich. Schließlich glitt ein Lächeln über Joes Gesicht: „Ich heiße Joe!“ Beide mussten plötzlich lachen. Damit war der Bann gebrochen und als Ilse nun einige Fragen stellte, kam ein lockeres Gespräch zustande. Ilse war erstaunt, wie geschickt der Kleine dem Gespräch jedes Mal eine neue Wendung gab, wenn es auf seine Mutter kam. Welche Veränderung in dem Kindergesicht bewirkte es auch, wenn das Gespräch auf den Stiefvater kam. Das Gesicht verschloss sich und aus den hübschen, dunklen Augen sprühte Verachtung und Zorn. Ilse erkannte schnell, was den Jungen am Meisten interessierte: Tiere. Begeistert erzählte er von seiner Schildkröte, die ihn zugelaufen war. Auch Chris, der mit einem Kakao ins Zimmer trat, merkte schnell, dass man dieses Kind leicht verletzen konnte. Joe war ungeheuer empfindsam. Er spürte genau, dass Chris und Ilse sich nicht ganz wohl fühlten und dass sie mehr über ihn wussten, als sie sagten. Schließlich schloss er erschöpft die Augen. Leise verließen Chris und Ilse das Krankenzimmer, nachdem Joe eingeschlafen war. In den drei Wochen, in denen Joe noch im Krankenhaus bleiben musste, besuchten sie ihn täglich. Schon bald hatte der lebhafte Knabe ihr Herz erobert. Während der ganzen Zeit hatte Chris sich bemüht, den Jungen als Pflegekind zu bekommen. Er nahm damit viel Schreibkram auf sich. Sein Leben und das Leben seiner Frau wurden genau überprüft und durchleuchtet. Das Jugendamt war der Meinung, der Junge sei am Besten in einem Heim aufgehoben, bis der richtige Vater des Kindes ausfindig gemacht worden sei. Als dann jedoch das Ende des Krankenhausaufenthaltes nahte, hatte Chris sein Ziel erreicht: Sie erhielten das Kind vorerst zur Pflege. Sicher, sie mussten immer damit rechnen, dass der leibliche Vater kam und den Jungen holte, aber es war ein Teilerfolg. Lächelnd sahen sie zu, wie Joe ungläubig in dem Raum stand, der von jetzt an sein Zimmer sein sollte. „Danke!“ sagte er, einfach nur „Danke“, aber beide fühlten, dass es aus tiefstem Herzen kam. Schnell gewöhnte sich Joe bei den Bauers ein. Bald tobte er durch das Einfamilienhaus. Zu Ilse hatte der Junge schnell ein inniges Verhältnis, aber Chris gegenüber reagierte er mit viel Befangenheit. Er hatte sowohl Respekt als auch teilweise Angst vor ihm. Immer wieder zuckte er zusammen, wenn der Mann mal etwas lauter sprach. „Überleg mal, was der Kleine erlebt hat“, sagte Ilse dann. „Er hat keine guten Erfahrungen mit Männern gemacht und braucht eben etwas Zeit.“ Nur zögernd begann Joe Chris zu vertrauen. Immer wieder kam es zu Reibungen zwischen dem Mann und dem Kind, wenn es um Joes Unpünktlichkeit ging. Chris hasste Unpünktlichkeit. Oft kam Joe ohne jede Begründung erst zwei Stunden später aus der Schule. Bereits mehrere Male hatte Chris den Jungen darauf angesprochen. Es änderte sich jedoch nichts. Auch an diesem Tag war Chris losgefahren, um Joe von der Schule abzuholen. Als er jedoch an der Schule ankam, war der Junge bereits weg. Zweieinhalb Stunden später, kam Joe schließlich nach Hause. Unsicher blieb er in der Wohnzimmertür stehen. „Hallo…….“ Chris stand auf. „Wo warst du?“ fragte er sanft, zu sanft. Joe sah ihn nur ängstlich an. „Wo du warst will ich wissen!“ brüllte Chris los, dann holte er aus und verpasste dem Jungen eine Ohrfeige. Chris sah noch die kleine Gestalt, das bleiche Gesicht und die großen ängstlich geöffneten Augen aus denen die Tränen schossen, dann drehte Joe sich um und rannte die Treppe hoch nach oben. „Verdammt!“ stieß Chris hervor. Er ging zurück zum Tisch und trank seinen Kaffee aus. Dann folgte er dem Jungen nach oben. Joe stand am Fenster und starrte hinaus. Tränen rannen ihm übers Gesicht. „Wo warst du Joe?“ fragte Chris ruhig. Erschrocken fuhr der Junge zusammen und drehte sich um. „Auf dem Friedhof“ sagte er leise. Chris setzte sich in den Sessel. „Komm mal her Joe!“ Zögernd kam der Junge näher. Sanft zog Chris ihn zu sich auf den Schoß. „ Joe, du kannst gerne auf den Friedhof gehen, aber wir müssen wissen wo du bist. Du kannst nicht einfach wegbleiben und keiner weiß Bescheid. Wir machen uns doch Sorgen, wenn wir nicht wissen wo du bist. Nächstes Mal kommst du erst nach Hause und sagst Bescheid, dass du noch mal weggehst. Ok?“ Joe sah ihn groß an. Noch immer rannen Tränen über sein Gesicht. Dann nickte er langsam: “Ok“. Vertrauensvoll kuschelte sich der Junge nun an den Mann. Langsam gewöhnte sich Joe daran, dass bei den Bauers viel Besuch kam. Zögernd legte er seine Unnahbarkeit anderen gegenüber ab. Aber Joe war ein Einzelgänger. Nie sah man ihn mit anderen Kindern spielen. Schon bald stellte sich heraus, dass er ein unberechenbares Temperament besaß. Wenn jemand irgendwas sagte, was er für eine Beleidigung hielt, schlug er zu. Immer häufiger kamen Briefe mit einer Mitteilung an die Eltern. Immer öfter sprach Chris mit Joe darüber und schließlich drohte er ihm eine Strafe an. Als der Lehrer Joe eines Tages sagte, er werde eine erneute Mitteilung an seine Eltern schicken, sprang ein blonder Junge am anderen Ende der Klasse auf und schrie triumphierend: „Der hat doch gar keine Eltern!“ Wütend packte Joe einen Stuhl und warf ihn mit voller Wucht in die Richtung des blonden Jungen. „Joseph“, sagte der Lehrer, „ich möchte, dass sich deine Eltern morgen um 20Uhr für ein Gespräch bereithalten. Ich komme zu euch!“ „Heute Abend um 20Uhr kommt mein Klassenlehrer zu euch“, sagte Joe leise, als Chris ihn am nächsten Tag von der Schule abholte. Chris blickte prüfend zu Joe nach hinten, bevor er startete. Joe starrte stumm aus dem Fenster. Sie waren kaum im Haus, als Joe direkt nach oben wollte, doch Chris hielt ihn zurück. „Was ist los?“ Joe schaute zu Boden und sagte schließlich, den Blicken des Vaters ausweichend: „Mir ist schlecht.“ Chris musterte ihn prüfend und sagte dann sanft: „Ok Kleiner, leg dich ins Bett. Wenn du etwas möchtest, ich bin im Wohnzimmer.“ Joe ging nach oben und legte sich hin. Er konnte nicht schlafen, er hatte Angst. Oft genug hatte Chris ihn gewarnt, wenn es wieder einmal Ärger in der Schule gab. Joe wusste, dass Chris am Ende seiner Geduld war, zumal er schon mehrfach in der Schule hatte erscheinen müssen. Plötzlich fuhr Joe ein Gedanke durch den Kopf; was wäre wenn Chris und Ilse ihn in ein Heim stecken würden? Erschreckt fuhr er hoch und lief ins Bad, wo er gerade noch die Toilette erreichte und sich erbrach. Voller Angst ging er zurück in sein Zimmer, wo er nach langem Grübeln in einen unruhigen Schlaf fiel. Unten hatte Chris gehört, wie der Junge ins Bad lief. Auch die dann folgenden Geräusche waren nicht zu überhören. Er ging zu Ilse in die Küche und meinte: „Ich glaube, Joe hat sich den Magen verkorkst. Hoffentlich wird er nicht krank, er war gestern schon sehr blass und ruhig.“ Er nahm sich einen Quark aus dem Kühlschrank und fragte; „Sag mal Ilse, weißt du was der Lehrer heute Abend von uns will?“ „Joes Lehrer? Keine Ahnung!“, gab sie zurück, „Joe hat nichts erwähnt. Vielleicht geht es um die Klassenfahrt nächsten Monat. Wann kommt er denn?“ „Heute Abend um acht.“ „Ist ja seltsam, so kurzfristig, aber wir werden ja sehen.“ Als Joe nach zwei Stunden immer noch nicht unten war, ging Ilse nach oben, um nachzusehen. Nach einer Weile kam sie wieder runter und meinte: „Ich glaube, du hattest Recht Chris. Der Kleine wird krank, er schläft und hat zumindest erhöhte Temperatur. Sollt er Fieber bekommen, sag ich dem Lehrer Bescheid, dass er morgen nicht zur Schule kommt.“ Als es um 20Uhr schellte, schlief Joe immer noch. Ilse war mehrfach oben gewesen, um nachzusehen. Inzwischen war sie sehr besorgt, denn Joe hatte immer noch Temperatur und warf sich unruhig im Schlaf hin und her. Er murmelte irgendwas vor sich hin, was sie aber nicht verstand. Chris öffnete die Tür und bat den Lehrer herein. Sie gingen ins Wohnzimmer und nachdem sie dem Lehrer einen Kaffee angeboten hatten, fragte dieser: „Hat Joseph Ihnen erzählt, worum es geht?“ „Nein, er sagte mir heute Mittag lediglich, dass Sie heute Abend kommen“, erwiderte Chris. „Tja, dann“, begann der Lehrer, „es ist folgendermaßen: In letzter Zeit ist es häufiger so, dass der Junge bei kleinsten Anlässen völlig ausrastet. Gestern hat er einen Stuhl nach einem Mitschüler geworfen. Zum Glück hat er nicht getroffen. Im Übrigen sind seine Leistungen bedenklich abgesackt. Nach einem Gespräch mit dem Kollegium haben wir jetzt zunächst beschlossen, dass Joseph nicht an der Klassenfahrt teilnehmen darf. Von dieser Entscheidung wollte ich Sie persönlich informieren.“ Mit Besorgnis beobachtete Ilse wie Chris anfing, ein Bier nach dem anderen zu trinken, während der Lehrer erzählte, was in den letzten Wochen im Unterricht vorgefallen war. Als der Lehrer nach zwei Stunden ging, hatte Chris etwa zehn Bier getrunken und sich richtig in seinen Ärger hineingesteigert. Sie versuchte ihn aufzuhalten, als er die Treppe hinauf stürmte. „Chris, lass uns das morgen klären. Bitte!“ Aber er hörte ihr nicht einmal zu. „Von wegen krank! Es reicht! Wie oft habe ich ihn gewarnt?“ Er stürmte ins Zimmer und machte das Licht an. Drei große Schritte, dann stand er am Bett, zog die Decke weg und brüllte los: „Du kannst dir das Theater sparen! Ich habe dich oft genug gewarnt!“ Bevor Ilse eingreifen konnte, hatte er Joe aus dem Bett gezogen und verpasste ihm eine Tracht Prügel. Nur mit Mühe gelang es Ilse dazwischen zu gehen und ihn aus dem Zimmer zu schieben. In der Tür drehte Chris sich noch einmal zu Joe um, der wie erstarrt dastand und sagte drohend: „Über alles andere unterhalten wir uns morgen!“ „Chris, verdammt geh ins Bett, du bist betrunken! Ich komm gleich nach. Versprich‚ mir, dass du jetzt ins Bett gehst!“ Stirnrunzelnd sah Chris auf seine Frau herunter: „Für heute hast du gewonnen, aber das wird morgen geklärt. Ich bin doch kein Kasper für den Jungen!“ „Bitte geh schlafen. Chris bitte!!“ Erleichtert sah Ilse, wie Chris im Schlafzimmer verschwand. Sie wartete, bis er die Tür geschlossen hatte, bevor sie in Joes Zimmer zurücklief. Der Junge lag tränenüberströmt auf dem Bett. Sie setzte sich auf die Bettkante und strich ihm über den Kopf: „Mein Gott, Joe, warum hast du mir nichts erzählt? Ich hätte mit deinem Lehrer reden können.“ Joe war kalkweiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Mühsam versuchte er aufzustehen, aber bevor er es verhindern konnte, erbrach er sich über das Bett. Erschrocken schaute er zu Ilse und wich mit Panik in den Augen zurück. „Ist gut Kleiner. Ist nicht schlimm. Ich hole neues Bettzeug und einen Schlafanzug. Geh ins Bad.“ Als sie sah, dass der Junge zögerte und zur Schlafzimmertür hinüber sah, fügte sie hinzu: „Du brauchst keine Angst zu haben, ich passe auf.“ Es dauerte fast drei Stunden, bis Ilse den Jungen soweit gebracht hatte, dass dieser in einen unruhigen Schlaf fiel. Am nächsten Morgen machte sie Chris heftigste Vorwürfe. Chris sah sie nur an: „ Er muss wissen, dass es so nicht geht Ilse. Was hat es denn bisher gebracht, wenn ich mit ihm geredet habe? Nichts!! Von jetzt an läuft es anders!“ Sie konnte Chris nicht davon abbringen zu Joe nach oben zu gehen, aber er hatte zumindest versprochen ruhig zu bleiben. Als Chris ins Zimmer trat, wich Joe mit angstgeweiteten Augen bis zum Fenster zurück. Chris war noch viel zu ärgerlich, um die Panik in dem Kind zu bemerken. „Ab heute liegen jeden Tag deine Hefte mit den kompletten Hausaufgaben bei mir auf dem Schreibtisch, wenn ich von der Arbeit komme. Sollte es noch ein einziges Mal Ärger in der Schule geben, kann Ilse mich nicht zurückhalten. Hast du das verstanden Joseph?“ Der Junge nickte ängstlich. „Ob du das verstanden hast??“ „Ja!“ „Das hoffe ich für dich. Denk daran, wenn ich von der Arbeit komme liegen die Hefte auf dem Schreibtisch!“ Damit wandte Chris sich um und ging hinunter. Joe wartete bis er die Haustür hörte, bevor er nach unten ging. Besorgt beobachtete Ilse den Jungen, als er das Frühstück ablehnte. „Willst du nicht lieber zuhause bleiben? Ich kann dir eine Entschuldigung schreiben.“ Stumm schüttelte er den Kopf, zog seine Jacke an und ging zur Schule. Als er mittags nach Hause kam, verschwand er sofort nach oben in sein Zimmer. Ilse rief ihn zum Mittagessen, aber es kam keine Reaktion. Schließlich ging sie nach oben. „Joe, komm essen.“ Der Junge saß über seine Bücher gebeugt am Schreibtisch und sagte leise: „Ich habe keinen Hunger.“ Ilse war es bewusst, dass es wenig Sinn hatte Joe zum Essen zu zwingen. Sie ging nach unten, goss ein Glas Milch ein und brachte es mit einer Banane nach oben. „Trink wenigstens die Milch“, bat sie ihn. Als Chris um 17Uhr nach Hause kam, lagen Joes Hefte auf seinem Schreibtisch. „Siehst du“, sagte er zu Ilse, „es geht doch.“ Nachdem er alles kontrolliert hatte, nahm er die Hefte und ging zu Joe ins Zimmer. Der Junge stand in der hintersten Ecke des Zimmers, als er eintrat. „Und? War das jetzt so schwer?“ Stumm schüttelte Joe den Kopf. „Ab jetzt läuft das jeden Tag so!“, damit verließ Chris den Raum und ging wieder hinunter. In den nächsten Wochen wurde Joe immer blasser und ruhiger. Morgens sah er zu, dass er aus dem Haus war, bevor Chris zum Frühstück kam. Jeden Nachmittag lagen seine Hefte auf dem Schreibtisch. Mittags musste Ilse den Jungen zum Essen zwingen und abends Chris anlügen, wenn er fragte, warum Joe nicht zum Abendessen erschien. An den Wochenenden schob der Junge Bastelarbeiten für die Schule vor, um auf dem Zimmer bleiben zu können. Er ging nur aus dem Haus um zur Schule zu gehen und zum Grab seiner Mutter. Da er nur Einser aus der Schule nach Hause brachte, fühlte Chris sich bestätigt in seiner Art mit dem Jungen umzugehen. Da er beruflich viel zu tun hatte, entging ihm, dass Joe eigentlich überhaupt nicht mehr am Familienleben teilnahm. Nur Ilse fiel es auf, dass bei Joe jede Nacht das Licht brannte. Und eines Morgens, als sie Joes Zimmer aufräumte, entdeckte sie auch den Grund dafür. In einer Kiste unter dem Bett des Jungen fand sie Schulhefte. Sie nahm die Kiste mit nach unten in die Küche und sah sie sich genauer an. Die ersten Hefte waren jene, die sie kannte, mit Bemerkungen der Lehrer über unvollständige Hausaufgaben und Bitten um Rücksprache. Dann waren da Hefte, die ganz offensichtlich den aktuellen Unterrichtsstoff enthielten. Sie sah kurz auf den Stundenplan. Ja heute hatte er kein Rechnen und das Heft war hier. Die Überraschung waren die dritten Hefte. Das waren die Hefte, die Chris täglich auf dem Schreibtisch hatte. Um sicherzugehen, rief sie in der Schule an und erkundigte sich genau, welcher Stoff zurzeit durchgenommen wurde. Ihre Ahnung wurde bestätigt: Joe saß jede Nacht und arbeitete sich durch die Schulbücher. Er eignete sich das Wissen selbständig an, nur um Chris gute Zensuren und saubere Hefte auf den Schreibtisch legen zu können. Ilse hatte die ganze Zeit geahnt, dass Joe panische Angst vor Chris hatte seit dem Abend, aber das war schlimmer als sie befürchtet hatte. Sicher war ihr aufgefallen, dass das Bett in Joes Zimmer jetzt ganz hinten in der Ecke stand und nicht mehr wie sonst mitten im Raum. Sie wusste auch, dass Joe jeden Nachmittag nach den Hausaufgaben schlief, aber sie hatte nicht geahnt, dass das alles nur war, weil Joe nachts nicht schlafen konnte, aus Angst davor wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden. Also lernte er nachts und machte die Hefte für Chris fertig. Nach der Schule erledigte er dann die normalen Hausaufgaben und die Verbesserungen der Klassenarbeiten, um dann zu schlafen. Als Chris abends nach Hause kam, berichtete sie ihm, was sie herausgefunden hatte. „So ein Quatsch! Der Junge hat doch keine Angst vor mir!“ Chris war empört. „Meine Güte Chris, überleg doch mal, was er mitgemacht hat, bevor er zu uns kam.“ erwiderte Ilse. Chris lief im Wohnzimmer auf und ab: „Nein, das glaube ich nicht. Er hat keine Angst vor mir!“ „Wenn du dir so sicher bist, dann komm doch morgen mal überraschend früher nachhause. Dann wirst du es schon sehen. Sei mal so gegen 13Uhr da.“ „Ok, ich werde kommen. Du wirst sehen, er hat keine Angst vor mir!“ Am nächsten Tag kam Joe wie immer aus der Schule. Wie so oft in letzter Zeit, rief Ilse ihn in die Küche und stellte ihm Milch und ein Brot hin, damit er wenigstens etwas aß. Joe nahm das Glas Milch entgegen und ging in Richtung Küchentisch. In diesem Moment ging die Haustür auf und Chris rief: „Ilse, ich habe etwas vergessen!“ Als Chris in die Küche trat, sah er gerade noch, wie Joe leichenblass wurde und das Glas Milch auf dem Boden zerschellte. Dann rannte das Kind an ihm vorbei die Treppe hinauf ins Zimmer. Erschüttert sah Chris Joe hinterher. „ Mein Gott, du hattest Recht. Aber warum hat er Angst vor mir?“ „Chris, er ist jahrelang von einem Mann misshandelt worden! Dir hat er vertraut und du hast ihn nachts aus dem Bett geholt und geschlagen. Was erwartest du denn?“ „Ich werde mit ihm reden!“ Chris lief die Treppe hinauf und ging in Joes Zimmer. Der Junge stand am Schreibtisch. Als er Chris sah, fing er an zu sprechen: „Ich habe die Haus… Hausaufgaben noch nicht….Ich fange jetzt sofort an.“ Chris ging auf Joe zu und sagte: „Joe, ich…“, aber mit dem was jetzt passierte, hätte er nie gerechnet. Joe ließ sich auf den Boden fallen und versteckte sich unter dem Schreibtisch: „Bitte nicht…Ich mach die Hausaufgaben gleich…Bitte nicht hauen.“ Bitterlich weinend saß der Junge unter dem Tisch. Chris ging ein paar Schritte zurück und dann in die Knie. Er sah zu Joe hinüber und sagte sanft: „Ist schon gut Kleiner. Du musst keine Angst haben. Ich tu dir nichts. Ich muss jetzt noch mal weg, aber wenn ich wieder da bin, reden wir. Ich hab dich lieb.“ Er stand auf und ging hinunter zu Ilse. Er war wie vor den Kopf geschlagen: „Das habe ich nicht gewusst und vor allem nicht gewollt. Gehst du bitte zu ihm? Ich muss noch mal weg. Es dauert nicht lange. Sag ihm, dass ich ihn lieb habe ja?“ Verwundert sah Ilse ihm nach. Was hatte er vor? Sie lief die Treppe hoch in Joes Zimmer. Der Junge saß immer noch zusammengekauert unter dem Schreibtisch und weinte. „Joe, komm her Kleiner. Chris ist weg. Er wollte das alles nicht. Chris war nur sauer und enttäuscht, dass es immer Ärger in der Schule gab. Aber er hat nicht gewollt, dass du Angst vor ihm hast, er hat dich lieb. Komm bitte raus und setz dich zu mir aufs Bett.“ Zögernd kam Joe näher und setzte sich ein Stück von Ilse entfernt aufs Bett. „Muss ich jetzt ins Heim?“ fragte er mit gesenktem Kopf leise. „Wie kommst du denn darauf?“ fragte Ilse verblüfft, „natürlich nicht! Wir wollten dich doch hier haben und wir wollen deine Eltern sein. Mit dir zusammen eine Familie.“ Sie zog den Jungen zu sich heran und strich ihm sanft über den Kopf. „Alles wird wieder gut. Du bleibst bei uns.“ „Die Jungs in der Schule sagen immer, Der hat doch keine Eltern, und dass ich bald in ein Kinderheim muss.“ sagte Joe leise. „So ein Quatsch! Du bleibst hier bei uns. Chris und ich sind jetzt deine Eltern. Keiner weiß, wo dein richtiger Vater ist. Du bleibst bei uns!!!“ Joe schmiegte sich eng an Ilse. Leise, kaum verständlich fragte er: „Darf ich….darf ich Mutti zu dir sagen?“ Jetzt kamen auch Ilse fast die Tränen: „Natürlich darfst du, wenn du möchtest. Für mich bist du mein Sohn. Glaub mir wir haben dich beide lieb. Chris weiß, dass er einen Fehler gemacht hat und es tut ihm wirklich leid.“ Schweigend saß Ilse mit dem Kind im Arm da. Was sie jetzt erfahren hatte, erklärte einiges. Joe litt unter Verlustängsten. Die Prügeleien und der Trotz waren einfach nur Angst. Angst alleine dazustehen. Als sie merkte, dass der Junge eingeschlafen war, legte sie ihn sanft aufs Bett und deckte ihn zu. Sie schloss die Vorhänge und ging nachdenklich nach unten. Eine psychologische Betreuung für die ganze Familie wäre vermutlich angebracht, zumindest für die nächste Zeit. Weder Chris noch sie selber hatten bisher viel mit Kindern zu tun gehabt, schon gar nicht mit Kindern, die soviel durchgemacht hatten, wie Joe. Ilse beschloss einen befreundeten Psychologen anzurufen und ihn um Rat zu bitten. Zwei Stunden später hörte sie Chris vorfahren. Er betrat das Haus mit einem großen Korb in der Hand. „Wo ist Joe?“ fragte er. „Er schläft jetzt. Wir müssen reden Chris!“ „Ja später, jetzt muss ich erst einmal nach oben. Keine Angst, Süße, es wird alles wieder gut.“ Er lief die Treppe hinauf und ging mit dem Korb ins Kinderzimmer. Joe war wach. Zusammengekauert saß er in der hintersten Ecke vom Bett und starrte zur Tür. Langsam und vorsichtig ging Chris auf das Bett zu. „Es ist alles gut Joe. Ich tu dir nichts.“ Behutsam stellte er den Korb aufs Bett und ging dann zurück zum Sessel, wo er sich niederließ. Joe rührte sich nicht, er saß in der Ecke und beobachtete den Mann. „Mach den Korb auf Kleiner. Da ist etwas für dich drin.“ Der Junge blickte vom Korb zu Chris, aber er machte keinerlei Anstalten, den Korb zu öffnen. Er hatte immer noch viel zu viel Angst. Plötzlich bewegte sich der Korb. Er fing an zu schaukeln und fiel schließlich um. Der Deckel fiel ab und ein schwarzes Fellbündel krabbelte auf Joe zu. Der Junge schaute von dem Tier zu dem Mann und zurück: „Für mich?“ fragte er leise. „Ja er gehört dir. Aber du musst ihn füttern und mit ihm rausgehen. Und er hat noch keinen Namen. Es ist dein Hund Joe. Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich hätte dich nicht schlagen dürfen. Es tut mir leid. Ich hab dich wirklich lieb. Wollen wir uns wieder vertragen?“ Joe hatte den Hund eng an sich gepresst und ihm liefen die Tränen übers Gesicht. Aber er nickte. „Joe, kommst du mal zu mir? Nur wenn du möchtest, du musst nicht.“ Nach kurzem Zögern stand der Junge auf und ging langsam auf den dunkelhaarigen Mann zu. Behutsam zog Chris ihn zu sich auf den Schoß. „Wir schaffen das, Kleiner. Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder passieren wird!!“ Joe sagte nichts, aber ein Anfang war gemacht. Nach einer Weile meinte Chris: „Was hältst du davon, wenn wir runtergehen und das Körbchen und das Futter von deinem Hund aus dem Auto holen und ihm einen Platz zu Schlafen suchen. Er ist erst acht Wochen alt und ein kleiner Junge. Du musst ihm einen Namen aussuchen. Kommst du?“ Gemeinsam gingen sie nach unten. Erleichtert lächelte Ilse Chris zu, als sie Joe hinter ihm entdeckte. Dann erst bemerkte sie das Fellknäuel auf dem Arm des Kleinen. „Was hast du denn da?“ fragte sie überrascht. „Das ist mein Hund“, sagte Joe glücklich und drückte das Tier an sich, „Er gehört mir ganz allein.“ „Manfred hatte mir letzte Woche einen seiner Welpen angeboten und ich dachte mir heute, ich könne sie mir ja mal ansehen.“, meinte Chris. „Auweia“, lacht Ilse: „Manfred! Joe, pass auf dein Hund ist in ein paar Wochen größer als du. Das ist ein Neufundländerwelpe und der wird richtig groß!“ „Aber jetzt braucht er erstmal Futter“, unterbrach Chris sie, „Joe, holst du es aus dem Auto?“ Kaum war der Junge draußen, fiel Ilse ihrem Mann um den Hals: „Das war eine tolle Idee. Ich habe Thom angerufen. Er will uns helfen mit der Situation klarzukommen. Heute Abend gegen 21Uhr möchte er zunächst mit uns alleine reden. Er meint, es gäbe eine Menge Möglichkeiten alles wieder in Ordnung zu bringen. Wir sollen Joe in den nächsten Tagen erst einmal zuhause lassen. Thom will morgen mit dem Rektor sprechen. Er meint, dass Wichtigste wäre jetzt erst einmal Zeit, die wir zu dritt verbringen.“ Zwanzig Minuten später saßen Chris und Ilse auf der Terrasse und tranken Kaffee. Immer wieder schauten sie in den Garten, wo Joe mit dem Hund auf dem Rasen lag und spielte. Ilse stand auf, um den Kuchen zu holen: „Hey Joe, möchtest du einen Kakao oder einen Eistee?“ „Ich komme mit“, schnell sprang der Junge auf und lief hinter Ilse ins Haus. „Mutti, mein Hund soll Odin heißen.“ Chris horchte verblüfft auf. Er hörte noch wie Ilse erwiderte: „Das ist aber ein schöner Name. Möchtest du Kakao oder Eistee?“ „Eistee! Ich muss wieder zu Odin!“ Schnell lief er wieder hinaus. Als Ilse sich wieder zu Chris setzte, wiederholte dieser fragend: „Mutti??“ „Ja. Joe hat mich gefragt, ob er Mutti zu mir sagen darf. Ich finde es schön. Hast du ein Problem damit?“ „ Nein um Himmelswillen. Ich war nur verblüfft.“ „Du musst ihm einfach etwas Zeit geben. Es ist noch lange nicht alles in Ordnung, aber die Idee mit dem Hund ist ein guter Anfang.“ Der Nachmittag verlief ruhig und harmonisch. Gegen 19 Uhr war Joe so erschöpft, dass er ins Bett wollte. Bereits kurze Zeit später war er mit dem Hund im Arm fest eingeschlafen. An diesem Abend sprachen sie lange mit Thom. Der Kinderpsychologe erklärte ihnen, dass sie eben kein normales Kind bei sich aufgenommen hatten. Sie hatten nicht geahnt, dass der Tod der Mutter und die Misshandlungen durch den Stiefvater derart tiefe Spuren in der Kinderseele hinterlassen hatten. Joe hatte auf sie bisher eigentlich immer wie ein normaler kleiner Junge gewirkt. Sicher, er hatte es schwer gehabt. Wie Thom erklärte, war die ganze Unbeschwertheit nur Fassade. Chris wurde bewusst, wie nah er drauf und dran gewesen war, Joes Vertrauen in Menschen ein für alle mal zu zerstören. Und Thom machte ihm klar, dass er lange brauchen würde um das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen. „Komm mal mit nach oben, ich will dir etwas zeigen.“, sagte er zu Chris. Als sie oben vor Joes Tür standen, meint Thom: „Der Junge hat im Unterbewusstsein längst wahrgenommen wer hier vor der Tür steht. Wenn ich jetzt die Tür öffne, achtest du nur auf den Kleinen. Schau nur hin, nicht sprechen und nicht eintreten.“ Thom öffnete die Tür. Sofort änderte Joe seine Schlafstellung. Bis eben hatte er lang ausgestreckt auf der Seite gelegen, mit dem Hund im Arm. Jetzt drehte er sich mit dem Rücken zur Tür in die hinterste Ecke vom Bett, zog die Beine an und die Decke über den Kopf. Lediglich ein paar von seinen schwarzen Locken waren noch zu erkennen. Thom schloss leise die Tür und sie gingen wieder ins Wohnzimmer. Dort erklärte er was oben geschehen war. „Als ich die Tür öffnete, lag der Kleine völlig entspannt da. Sowie sein Unterbewusstsein registrierte, dass die Tür geöffnet wurde, drehte er sich in eine Schutz- bzw. Angststellung. Erst wenn das nicht mehr passiert, habt ihr sein Vertrauen wieder.“ Er sah Chris ernst an: „Ich denke, Ilse könnte hinaufgehen, ohne dass diese Reaktion käme. Du musst damit rechnen, dass Joe in den nächsten Wochen und Monaten bei bestimmten Gesten, oder wenn du mal lauter sprichst, absolut panisch reagieren kann. Du wirst eine Menge Geduld brauchen. Kindliches Vertrauen ist schnell zerstört, aber schwer wieder zu erringen. Und jetzt das Wichtigste: Man darf dieses Kind auf keinen Fall körperlich bestrafen. Ein normales Kind verkraftet eventuell mal eine Ohrfeige, obwohl es grundsätzlich falsch ist, aber Joe würde daran zerbrechen. Verbiete ihm etwas oder ignoriere ihn, aber schlage ihn nie wieder! Jetzt braucht er einfach nur Zeit und viel Zuneigung. Du solltest dir darüber im Klaren sein, dass es eventuell ein Jahr dauern kann, bis er wieder normal auf dich reagiert. Wenn du meinst, du schaffst das nicht, dann gib ihn jetzt ab, bevor du ihn noch mehr verletzt. Mach keine halben Sachen. Ganz oder Gar nicht, das muss dir klar sein. Wenn ihr Hilfe braucht, ruft mich an, auch mitten in der Nacht. Wenn ihr es wirklich durchziehen wollt, werde ich euch helfen.“ Schließlich stand Thom auf: „Ich muss jetzt nachhause. Ich rede morgen mit dem Rektor von Joes Schule und werde ihn für zwei Wochen beurlauben. Seht zu, dass ihr diese Zeit nutzt. Gute Nacht.“ Noch bis tief in die Nacht sprachen Chris und Ilse miteinander. Sie waren sich einig, dass sie den Jungen bei sich behalten wollten. Nie hätten sie gedacht, dass es so schwierig werden würde, aber Joe hatte bereits am ersten Tag im Krankenhaus ihr Herz erobert und sie würden alles tun, um zu einer glücklichen Familie zusammenzuwachsen. Bereits am nächsten Morgen, erkannte Chris wie Recht Thom hatte. Ilse und Joe saßen am Frühstückstisch, als er in die Küche stürmte und rief: „Verdammt, wo ist das neue weiße TShirt?“ Joe zuckte zusammen und rannte aus der Küche ins Bad. Sofort wollte Chris ihm folgen, aber Ilse hielt ihn zurück. „Warte, setzt dich einfach hin.“ „Du hast es vermutlich mal wieder unter das Bett geschoben“, sagte sie dann laut genug, um im Bad gehört zu werden, „bevor du von anderen Ordnung verlangst, solltest du mal selber welche halten!“ „Du hast ja recht Liebling“, stimmte Chris ihr zu, „komm her und hol dir einen Kuss ab!“ Vorsichtig kam Joe wieder in die Küche und setzte sich an den Tisch. Er schaute von einem zum anderen, es schien alles in Ordnung zu sein. In den nächsten Wochen war Joe fast den ganzen Tag mit dem Hund unterwegs. Ohne es zu wissen, hatte Chris das Beste getan, was er hätte machen können: Er hatte Joe einen Freund geschenkt. Als der Junge wieder zur Schule musste, ergab sich ein ganz anderes Problem. Joe legte ihm nach wie vor seine Hefte auf den Schreibtisch. Chris rief Thom an, um zu erfahren, wie er sich verhalten sollte. „Setzt euch Sonntag an einen Tisch und sprecht über das Thema. Du kannst ihm in ruhigem Ton erklären, dass du die Hefte gern ab und zu mal sehen willst, und dass er nicht Klassenbester sein muss. Auch er darf mal die Hausaufgaben vergessen, solange es nur hin und wieder passiert.“ Chris befolgte Thoms Rat und rief Joe am Sonntag auf die Terrasse. „Hör mal Kleiner. Wegen deiner Hausaufgaben….“ Erschreckt schaute Joe zu ihm rüber. Man konnte seine Gedanken fast lesen: Was habe ich jetzt falsch gemacht? Ruhig fuhr Chris fort: „Deine Hefte sind jetzt in Ordnung und auch deine Noten sind super. Ich brauche jetzt nicht mehr jeden Tag zu schauen. Weißt du was? Wenn du mal nicht genau weißt, wie etwas geht, sagst du einfach Bescheid und wir versuchen es gemeinsam Ok?“ Erleichtert lächelte Joe ihn an: „Ja Ok.“ Trotz all dieser Fortschritte, mied Joe jeden körperlichen Kontakt zu Chris. Sowie Chris ihm näher kam als einen Meter, wich er zurück. Abends saß er meistens an Ilse gekuschelt auf dem Sofa. Sowie Chris sich dazusetzte, stand er auf und setzte sich mit einer Decke auf den Sessel. Es fiel Chris schwer, aber er hielt sich an Thoms Ratschlag, er gab Joe Zeit…. Am Schuljahresende brachte Joe ein Zeugnis mit nach Hause, in dem nur Einsen und Zweien standen. Auch die Benimm- und Ordnungsnoten waren super. Chris gab ihm zur Belohnung 50,-DM und fuhr ihm sanft über den Kopf. „Ich bin sehr stolz auf dich Joe! Wir wollten ja eigentlich nach Griechenland in den Urlaub, aber da können wir Odin nicht mitnehmen. Also haben Ilse und ich beschlossen, dass wir Urlaub auf dem Bauernhof machen. Da kannst du sogar reiten lernen.“ Die Freude war dem Jungen deutlich anzusehen. Plötzlich umarmte er den Vater kurz, um sich dann schnell, vom eigenen Mut erschrocken, hinter Ilse zu verstecken. Das erste Mal seit langer Zeit hatte Chris das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Es wurde ein toller Sommer. Joe hatte ein natürliches Talent im Umgang mit Tieren und so kam es, dass die Eltern Ihren Kleinen nach der ersten Woche nur noch zum Frühstück und zum Abendessen sahen. Den Rest des Tages war der Junge mit dem Hund und seinem Pflegepferd unterwegs. Am Ende des Sommers, war der kleine, braungebrannte Junge so unglücklich über die Abreise, dass Chris spontan für die Herbstferien erneut buchte. Beim Frühstück am letzten Urlaubstag erzählte Ilse Joe, dass sie in den Herbstferien wiederkommen würden. Als Chris dann auf den Balkon trat, flog ihm der kleine Junge glücklich um den Hals. „Danke! Ich hab dich lieb!“ Lächelnd sahen sich Chris und Ilse über den Kopf des Kleinen hinweg an. Endlich war das Eis gebrochen. Aber der schönste Moment des Tages stand Chris noch bevor. Abends, wieder zuhause, saß Joe zwischen ihnen auf dem Sofa. Kurz vor dem Einschlafen sah er Chris mit seinen großen, dunkelbraunen Augen an und fragte schläfrig: „Kann ich nicht Vati zu dir sagen, statt Chris?“ Der Mann hätte niemandem beschreiben können, was er in diesem Moment empfand: „Natürlich darfst du Joe. Wir sind deine Eltern und du gehörst zu uns!“ Am nächsten Tag ging Chris mit Thom Essen und berichtete über die Fortschritte. „Das ging schneller, als ich erwartet hatte“, meinte Thom. „Der Junge hängt sehr an euch. Aber Chris, es ist noch nicht vorbei. Ihr habt noch keine ernste Situation gehabt, wo es wirklich auf deine Reaktion ankam. Aber früher oder später wird es passieren. Bevor du dann etwas Falsches tust, überlege genau. Im Moment ist alles schön, aber die Angst steckt immer noch tief in dem Jungen. Vergiß das nicht!!“ Der Sommer ging vorbei und die Herbstferien auf dem Bauernhof wurden ein Riesenerfolg. Lachend sagte Chris zu Ilse: „Das war es dann wohl mit Sommer, Sonne, Strand und Palmen. Die nächsten Jahre ist wohl nur Urlaub hier angesagt. Das hat man nun vom Elternleben.“ „Kühe und Pferde“, erwiderte Ilse, „aber ich möchte um nichts in der Welt tauschen!“ Chris legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich: „Ich auch nicht Süße. Glaube mir, ich auch nicht.“ An einem trüben Oktobertag kam Joe aus der Schule nach Hause und verschwand nach einem kurzen Gruß direkt auf sein Zimmer. Ilse dachte sich zunächst nichts dabei. Erst im Laufe des Tages fiel ihr auf, dass Joe irgendwie bedrückt wirkte. Auf ihre Fragen meinte er nur, es wäre nichts. Vielleicht hat er nur einen schlechten Tag, dachte sie bei sich. Aber es änderte sich auch die nächsten Tage nichts an dem seltsamen Verhalten des Jungen. Eine Woche später legte Joe einen Zettel von der Schule auf den Tisch. „Montag ist Elternsprechtag. Ihr sollt eine Uhrzeit eintragen und unterschreiben.“ sagte er leise, „ich muss noch Hausaufgaben machen.“ Ehe sie reagieren konnte, war der Junge schon oben in seinem Zimmer verschwunden. Stirnrunzelnd hielt sie den Zettel in der Hand. Was war bloß los? Irgendwas in der Schule? Aber dann hätte der Lehrer doch längst angerufen. Besorgt rief sie bei Thom an. „Ilse, ich würde mir nicht so viele Gedanken machen. Überleg doch mal, was nach dem letzten Gespräch mit einem Lehrer passiert ist. Ich nehme an, Joe weiß schon seit einer Woche, dass Elternsprechtag ist. Er hat einfach Angst. So wie manche Menschen sofort ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die Polizei sehen. Ich habe schon zu Chris gesagt, dass diese Sache allenfalls oberflächlich ausgestanden ist. Geht einfach völlig normal mit ihm um. Und bleibt vor allem ruhig, egal was in der Schule passiert. Ruf mich an wenn etwas ist. Ich komme dann sofort.“ Abends als Chris kam, nahm sie ihn sofort an die Seite. „Du glaubst doch nicht, dass ich noch mal so reagieren würde, oder?“ empört blickte Chris sie an. „Egal was in der Schule passiert ist, ich werde Joe nie wieder schlagen!“ „Ich weiß es Chris. Aber die Frage ist: Weiß Joe das auch??“ Sie beschlossen zu tun, wozu Thom ihnen geraten hatte und den Montag abzuwarten. Joe wurde von Tag zu Tag ruhiger und blasser. Er aß kaum noch etwas und verbrachte die meiste Zeit mit dem Hund draußen oder auf seinem Zimmer. Als der Junge Sonntagabend nicht zum Abendessen herunter kam, ging Ilse nach oben, um nachzusehen. Joe lag im Bett und schlief. Ilse trat heran um ihn zu wecken, und zog die Decke beiseite. Das Kind war hochrot im Gesicht und die schwarzen Locken klebten am Kopf. Besorgt strich Ilse dem Jungen über die Stirn. Der Junge hatte ja hohes Fieber!! Schnell lief sie runter zu Chris und sagte ihm Bescheid: „Ich werde erstmal Fieber messen. Tu mir den Gefallen und ruf Thom an. Der Kleine hatte keinerlei Anzeichen für eine Krankheit. Ich bin gleich wieder unten.“ Nachdem Ilse bei Joe Fieber gemessen und ihm einen Schlafanzug angezogen hatte, kam sie wieder herunter. „Chris, er hat über 40 Fieber. Soll ich einen Arzt rufen?“ „Thom meinte, das hätte nur wenig Sinn. Das Fieber wäre psychisch bedingt, und wir können nur versuchen es zu senken. Er geht morgen mit mir zur Schule und kommt anschließend mit her. Gut, dass der Termin vormittags ist.“ Ilse saß die ganze Nacht bei Joe am Bett und machte Wadenwickel, um das Fieber zu senken. Der Kleine lag da wie tot. Er wachte nicht ein einziges Mal auf. Am Montagmorgen gingen Chris und Thom zum Elternsprechtag. Es stellte sich heraus, dass alles in Ordnung war. Joes schulische Leistungen waren überdurchschnittlich und die Lehrer wollten sich nach den Halbjahreszeugnissen zusammensetzen, um darüber zu sprechen, ob er nicht eine Klasse überspringen sollte. Allerdings war auch aufgefallen, dass der Junge sehr ruhig und zurückhaltend geworden war. Sein Deutschlehrer hatte ihn gefragt, warum er in den Pausen immer alleine mit einem Buch in der Ecke des Schulhofes saß, und ihm angekündigt, darüber mit seinen Eltern zu sprechen. „Siehst du“ meinte Thom, „Joe meint, dass alles, was nicht positiv ist, eine Bedrohung für ihn darstellt. Er kann einfach nicht einschätzen, wie du reagierst. Du hast mit deiner letzten Aktion viel in ihm kaputtgemacht. Komm lass uns nach Hause fahren.“ Als sie zuhause ankamen, saß Ilse immer noch bei Joe am Bett. „ich schaffe es einfach nicht das Fieber zu senken.“ Thom zog Chris zur Seite: „ Du gehst jetzt zum Bett und deckst ihn auf. Setz dich zu ihm und sprich mit ihm.“ Als Chris die Decke zur Seite zog, drehte der Junge sich sofort wieder in die Schutzstellung. „Nein, bitte nicht! Mutti bitte hilf mir….“ Ohne aufzuwachen, fing er an zu weinen und zu reden. „Chris, nimm ihn auf den Arm und halt ihn fest. Er wird versuchen, sich zu wehren. Halt ihn fest und sprich mit ihm.“ Thom stand an den Türrahmen gelehnt und beobachtete die Szene. Er hielt Ilse zurück: „Das ist jetzt eine Sache zwischen den Beiden. Wenn das vorbei ist, habt ihr es geschafft. Dann hat der Junge auch wieder Vertrauen zu Chris. Glaub mir, ich weiß was ich tue.“ Chris nahm den Jungen hoch. Wie vorausgesagt, wehrte Joe sich heftig. Chris hielt ihn sanft fest und sprach leise auf ihn ein. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bevor Joe seinen Widerstand aufgab. Erschöpft lag er im Arm des dunkelhaarigen Mannes, der ihm über den Kopf strich und ihm erzählte, wie stolz er doch auf ihn sei und wie lieb er ihn habe. Schließlich kuschelte der Junge sich an ihn und fiel in einen tiefen Schlaf. Jetzt hörte man sogar Thom aufatmen: „Du hast es geschafft Chris. Leg ihn ins Bett und lass ihn schlafen. Er schläft sich jetzt gesund. Das war wichtig. Jetzt kann seine Seele heilen.“ Er legte Ilse den Arm um die Schulter: „Du wirst sehen, heute Nachmittag ist das Fieber gesunken und er ist auf dem Weg der Besserung.“ Leise schlossen sie die Tür hinter sich und gingen ins Wohnzimmer. Thom erklärte ihnen genau, was in dem kleinen Jungen vorgegangen war. „Joe ist nicht der Typ Kind, der einen Wutanfall bekommt. Ich denke, dass bei ihm schon im Kleinkindalter die Trotzphase durch den Stiefvater unterdrückt wurde. Diese Phase ist aber extrem wichtig für die Entwicklung eines Kindes. Joe „frisst“ alles in sich hinein. Er hat gelernt, dass Wut und Aufbegehren gegen Erwachsene für ihn nur Schmerzen zur Folge haben. Dann kam er zu euch und er hat euch völlig vertraut. Für ihn kam die Bestrafung durch Chris absolut überraschend. Es war wieder genau wie bei seinem Stiefvater. Also unterdrückte er wieder seine Gefühle und versuchte alles mit sich selber abzumachen. Aber er ist nun mal erst knapp sieben. Sein neu aufgebautes Vertrauen zu dir, Chris, ging nur bis zu einem gewissen Punkt. Er konnte nicht wissen, wie du reagierst, wenn er etwas „Falsches“ macht, und in seinem Alter konnte er auch nicht genau abschätzen, was genau etwas „Falsches“ ist. Was falsch oder richtig ist, geben immer Erwachsene vor. Wenn der Junge Probleme hat, wird er vermutlich immer zunächst körperlich reagieren, mit Appetitlosigkeit, Übelkeit und Fieber. Deshalb ist es wichtig, ihn genau zu beobachten und zu versuchen, seine innerlichen Blockaden Stück für Stück abzubauen. Nach dem Tag heute, wird er wieder in der Lage sein, ohne Bedenken in deinen Armen einzuschlafen Chris. Geh nachher zu ihm hoch und du wirst sehen, dass er jetzt wieder ganz entspannt liegen bleibt, weil er dir jetzt wieder vertraut. Ihr beide habt in den letzten Wochen unglaublich viel geleistet, und ich glaube kein eigenes Kind könnte euch näher stehen, als dieser kleine Junge.“ Chris und Ilse sahen sich an. Da hatte jemand in Worte gefasst, was sie fühlten. Joe war ihr Sohn!! Zwei Stunden später war das Fieber tatsächlich gesunken. Schon am Abend ging es dem Jungen wesentlich besser und er fragte, ob er nicht mit ins Wohnzimmer kommen dürfe. Chris trug ihn hinunter und eng an den Vater gekuschelt schaute er sich mit seinen Eltern einen Film an. Von nun an war alles wieder in Ordnung. Wenn Joe in der Schule Probleme hatte, vertraute er sich seinen Eltern an, statt zu warten bis der Lehrer anrief. Nur Freunde hatte er immer noch nicht. Er hatte nie gelernt mit Gleichaltrigen umzugehen. Neben seinen Eltern waren Tiere das Wichtigste für ihn. Wenn er nicht mit Odin nach draußen konnte, saß er meistens mit einem Buch in einem Sessel und war kaum ansprechbar. Chris begann ihn regelmäßig mit zum Schwimmen zu nehmen. Es dauerte nicht lange und Joe konnte ohne Probleme mit seinem Vater mithalten. Auch auf den Sprungbrettern zeigte er keinerlei Angst. Innerhalb kürzester Zeit sprang er mit einem Salto selbst vom Zehnerturm. Eines Tages brachte er Pedro mit nach Hause. Pedro war Spanier und erst vor kurzem mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Amüsiert beobachteten Chris und Ilse, wie die Kinder sich gegenseitig ihre Muttersprache beibrachten. Innerhalb eines Jahres konnten die Jungs fließend von einer Sprache in die andere wechseln. Pedro war es auch, der Joe mit zum Gitarrenunterricht nahm. Die beiden Jungs waren unzertrennlich. Nachdem sich auch die Eltern kennen gelernt hatten, dauerte es nicht lange, bis Pedro mit ihnen in den Urlaub fuhr, oder Joe in den Herbstferien mit nach Spanien flog, weil Chris keinen Urlaub bekam. Es ging sogar soweit, dass Joe, als Pedro zuhause Ärger hatte und ausriss, aus Freundschaft zu Pedro mit verschwand. Die besorgten Eltern suchten die Jungen fast eine Woche. Schließlich fanden sie die Kinder in der Nähe des Ferienbauernhofes, fast 200 Kilometer von zuhause entfernt, in einer Waldhütte. Die Knaben waren mit Fahrrad, Hund und Lebensmitteln losgeradelt. Während die Eltern krank vor Sorge waren, erlebten die Kinder einen Abenteuerurlaub. Das Donnerwetter anschließend standen sie gemeinsam durch, genau wie die Strafen. Sie mussten bei beiden Elternhäusern den Zaun streichen und den Garten in Ordnung bringen, anstatt wie alle anderen Kinder zum Schwimmen zu gehen. Außerdem mussten beide einen fünfseitigen Aufsatz schreiben über das Thema: „Warum ich nicht weglaufen darf.“ Chris fand Joes Aufsatz morgens auf seinem Schreibtisch, als Joe schon mit dem Hund unterwegs war. Er schlug die Mappe auf und fing laut an zu lachen. „Was ist denn los Schatz?“ fragte Ilse. Er gab ihr die Mappe: „Schau doch selbst!“ „Das gibt es doch nicht!“ auch Ilse musste lachen, „ich wette, bei Pedro ist es umgekehrt!“ Ein Anruf bestätigte ihren Verdacht. Die Jungen hatten wortwörtlich den gleichen Aufsatz geschrieben. Allerdings mit einem Haken: Joes Aufsatz war auf Spanisch, der von Pedro auf Deutsch. Die Kinder hatten sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Schreiben der jeweiligen Sprache beigebracht. Egal, was die beiden ausfraßen, keiner konnte ihnen wirklich böse sein. Wenn einer der beiden wirklich mal alleine unterwegs war, wurde sofort gefragt: „Wo ist denn dein Zwilling?“ Sie gingen gemeinsam zum Gitarrenunterricht und zum Schwimmen. Sie lernten zusammen die englischen Liedertexte der Hitparade auswendig und bekamen dadurch auch noch ein Gefühl für eine dritte Sprache. Chris und Ilse hielten engen Kontakt zu Pedros Eltern. Auf die Art und Weise waren beide Parteien darüber informiert, was die beiden Kinder vorhatten und wo sie zu finden waren, wenn sie mal wieder irgendwo zusammenhockten und die Zeit vergaßen. Als die Grundschulzeit zu Ende war, wechselten beide Jungen auf das gleiche Gymnasium. Beide hatten eine Klasse übersprungen. Eines Tages erhielten Chris und Ilse einen Brief vom Jugendamt, in dem man ihnen mitteilte, dass man Joes leiblichen Vater ausfindig gemacht und ihn angeschrieben habe. Die beiden beschlossen Joe vorläufig noch nichts zu erzählen. „Er lebt in Amerika und vielleicht will er den Jungen ja gar nicht. Er hat ihn doch noch nie gesehen.“ meinte Ilse. „Wir müssen abwarten, aber kampflos gebe ich den Jungen nicht her!“ sagte Chris ernst. |
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