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Willkommen, Mr. Hyde
Biografien & Erinnerungen

E x p o s é :

bvbografie 

Wie ist das Leben als Kind in einer Familie mit einem Alkoholiker? Dies Buch über das Auf und Ab mit der Krankheit, der Coabhängigkeit und die seelischen Verletzungen trägt autobiographische Züge.
Ein Rückblick in eine schwere Zeit bis zu dem Moment, wo der Auszug und die Abnabelung von der Vergangenheit endlich funktioniert.

L e s e p r o b e : 

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

SGD Studiengemeinschaft Darmstadt

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

 

 

Innerlich und äußerlich gebrochen...

Es lief alles seinen Gang, ein Leben, welches für uns schon zur Gewohnheit geworden war. Vater hatte den einen oder anderen Krankenhausentzug hinter sich gebracht.
Und immer wieder war er, aus den verschiedensten Gründen, immer wieder rückfällig geworden. Er schliff Mutter gelegentlich an den Haaren durch die Diele, wir flüchteten wie immer, wir hatten Angst wie immer, aber ich wurde älter.
Und je älter ich wurde, desto mehr meinte Mutter, Vater würde mich nichts tun. Seine Sprüche sollte ich nicht ernst nehmen, seine Beleidigungen und Erniedrigungen meinte er schon nicht so, er liebte mich doch über alles. Denn er würde nur die Menschen, die ihm wahnsinnig viel bedeuteten, so tief demütigen. Ihn würde es am meisten verletzen.
Na dann...dachte ich bei mir...dann musste er mich ja abgöttisch lieben, so sehr wie er mich immer wieder demütigte, so sehr wie er mich immer wieder spüren ließ, wie wenig ich ihm wert war.
Wenn er wenigstens keine Gefühle hatte zeigen können, dann wäre es ja einigermaßen erträglich gewesen. Aber so...er konnte mich nicht in Ruhe lassen. Er musste mich verletzen. Doch ich hatte dazugelernt. Ich zeigte ihm nicht, dass er mich bis ins Mark mit dem, was er sagte, was er tat, traf. Ich zeigte keine Regung, auch wenn ich innerlich wie Espenlaub zitterte. Was ihn natürlich noch mehr erzürnte, doch wie gesagt: Ich war abgestumpft. Ich war nach außen kalt wie Eis, während ich innerlich zart und empfindsam wie ein Stück Pergament war, immer kurz vor dem Zerbrechen. Und nur wer mich wirklich gut kannte, wusste um meine Schwachstellen. Das Fatale an der Situation war, Vater kannte mich wirklich sehr gut. Wen wunderte es? Wir waren uns schließlich sehr ähnlich. Und er wusste seine giftigen Pfeilspitzen prima anzusetzen, dass sie mich immer mit ins Herz trafen, denn noch immer hatte ich kein Herz aus Stein.
Und wenn Vater und ich uns morgens während des Marktes, vor allem, wenn wir alleine arbeiteten, blendend verstanden, ließ ich es zu, dass meine Mauer um mein Herz herum bröckelte. Sie bis Abends wieder völlig aufzubauen, war mir nicht immer möglich.

So dachte Mutter eben, dass mich seine Angriffe nicht mehr treffen würden, auch körperlich war ich inzwischen beinahe ausgewachsen, so dass er mich auch körperlich nicht mehr angreifen würde, zu groß wäre seine Scham nach einer Entgleisung. Er soff in ihren Augen schließlich nicht bis zur Besinnungslosigkeit, sondern füllte eben immer nur seinen Spiegel auf.
In diesem Glauben ließ sie mich mal wieder mit ihm alleine und fuhr mit Sarah zu Amelie, um dort an einem Volksfest teilzunehmen, um sich abzulenken.
Jedes Mal, wenn Mutter ankündigte, fortzufahren und auch noch Sarah und Omi mitnahm, wurde mir speiübel.
Auch wenn Mutter mir logisch versuchte, zu erklären, warum ich keine Angst vor Vater zu haben brauchte, war das eben nur Theorie.
Die Praxis sah weitaus schwieriger aus. Angst ließ sich nicht erklären, nicht logisch begründen, logisch fortschicken, logisch aus dem Leben verbannen.
Sie war da, ein ständiger Begleiter, sofern man sie nicht bekämpfen konnte. Und ich konnte es nicht, sie war wie eine gute Schwester. Sei nahm Besitz von meinem Leben, meiner Seele und ich konnte sie nicht steuern. Vor allem nahm sie mich völlig in Beschlag, dass ich teilweise glaubte, dieses Gefühl einfach nicht mehr ertragen zu können, als ginge es über meinen Verstand. Diese Angst nahm so starken Besitz von mir ein, sobald ich mit Vater alleine war, dass ich meinte, mir schwänden alle Sinne und meine sämtlichen Körperfunktionen würden außer Betrieb gesetzt.
An einem dieser Wochenenden machte Mutter sich ein schönes Wochenende mit Omi, Sarah und Amelie, während ich mit Vater Samstags noch den Wochenmarkt bestritt. Ich ging ihm tagsüber aus dem Weg, sofern es mir möglich war. Ich sprach nicht, um nur ja nichts Falsches von mir zu geben. Und ich vermied alles, was ihn hätte erzürnen können.
Mittags lud ich brav das Auto alleine aus, damit er stolz auf mich sein konnte ( auch wenn er das niemals gewesen war) , ich bot ihm keinerlei Angriffsfläche.
Doch hatte ich denn niemals dazu gelernt? Er brauchte keine Angriffsfläche, er würde sie sich suchen und eben auch finden...nur ein kleiner Anhaltspunkt reichte, um ihm einen Reibungspunkt zu geben.

Als ich alles ausgeräumt und sauber gemacht hatte, ging ich heim. Vater hatte schon getrunken, obwohl es erst 15.00 war, aber er legte sich sofort in sein Bett. Wobei er sein eigenes Schlafzimmer hatte, seitdem wir in das große Haus eingezogen waren, während Mutter schon immer in ihrem Zimmer schlief. Also hatte der das Zimmer für sich und ich hoffte, auch dieses Mal würde er bis zum nächsten Morgen schlafen. Und so ging ich wie jeden Samstag in die Badewanne, denn das liebte ich. Ein ausgiebiges, warmes Bad, um meine Akkus wieder aufzutanken.
Gegen 17.00 verließ ich die Wanne und auch Vater stand wieder auf. Stumm kam er mir auf der Galerie entgegen und ging an mir vorbei. Danach war er zwei Stunden verschwunden.
In dieser Zeit saß ich wie auf Kohlen und dachte darüber nach, wie mich dieses Warten, diese Ungewissheit mürbe machte. Niemals wusste ich, was noch kam, wo ich dran war, niemals konnte ich mich auf mich konzentrieren, obwohl man das ja sollte. Der ganze Dreh- und Angelpunkt meines Denkens ging um Vater, der mein Leben beeinflusste, ob ich nun wollte oder eben nicht.
Dann, die Zeiger gingen in Richtung 19.00 hörte ich die Türe. Am Knallen der Haustüre konnte ich schon seine Launen abmessen. Und dieses Knallen verhieß nichts Gutes. In Sekundenschnelle spulte ich in meinem Kopf ab, ob ich Vaters Unwillen, seinen Zorn mit irgend etwas hatte erregen können, ob ich im Laufe des Tages irgendwann seine Stirn in krause Falten hatte legen sehen. Doch mir fiel beim besten Willen nichts ein.
Aber was hatte das mit mir zu tun? Es hätten ja auch äußere Einflüsse sein können, die ihn erzürnt hatten...
Das lag nun nicht mehr in meiner Hand.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und holte meinen Ausbildungsordner heraus, um meinen Bericht für die Schule zu schreiben. Auch wenn ich mich nicht recht darauf konzentrieren konnte, sollte es für Vater, wenn er mein Zimmer betreten würde, doch wenigstens den Anschein erwecken, dass ich mit etwas sinnvollem beschäftigt war.
Doch Vater kam nicht. Eine halbe Stunde verging, in der ich ihn unten in der Diele immer hin- und herlaufen hörte. Auch dies war kein gutes Zeichen.
Da! Auf einmal rief er mich. Innerlich angespannt wie eine gezogene Feder sprang ich auf, so dass mein Schreitischstuhl mit einem lauten Knall in die Ecke flog.

Flugs rannte ich hinunter. Vater stand schon unten auf dem Vorsprung, um auf mich zu warten. Artig ging ich hinunter. Er geleitete mich mit einem Kopfnicken in Richtung Küche. Dort hatte ich alles aufgeräumt, was ich benutzt hatte. Aber alleine die Tatsache, dass ich etwas gegessen hatte, reichte.
Er herrschte mich an: Bist du eigentlich nicht fett genug, musst du dir auch noch die dicken Nudeln in den fetten Wanst knallen?
Sprachlos sah ich ihn an. Stand mir dabei auch noch der Mund auf? Ich wusste es nicht. Vater ging in sein Zimmer und ließ mich einfach in der Küche stehen.
Ratlos blieb ich stehen. Was hätte ich nun tun sollen? Wieder hinaufgehen?
Doch wozu? Um 2 Minuten später wieder hinunter gerufen zu werden? Dass dieser Abend nicht unbedingt glimpflich ablaufen würde, sagte mir mein Bauch.
Irgend etwas würde noch passieren, dessen war ich sicher. Aber sollte ich hier stehen bleiben?
Ich fühlte mich wie ein Abbild auf dem Schießstand, wie mitten auf dem Präsentierteller, ihm dargelegt als Prügelknabe.
Und so lief ich langsam in die Diele, um die Situation abzuschätzen und möglicherweise angemessen reagieren zu können.
Als ich mitten in der Diele, auf halbem Weg zur Treppe nach oben und auf halben Weg zur Küche, angekommen war, kehrte Vater auch zurück.
Ich war mir nicht sicher, ob er einen Schluck getrunken hatte oder seinen Gang in sein Zimmer dazu genutzt hatte, sich etwas zu überlegen, womit er mich in Schach halten konnte, damit ich unten blieb. Es spielte auch keine Rolle, zum Nachdenken kam ich ohnehin nicht mehr.
Drohend baute er sich vor mir auf, während ich gesenkten Hauptes mit hängenden Schultern vor ihm stand.
„Was hast du unseren Angestellten erzählt? Warum hast du überhaupt mit ihnen gesprochen? Du weißt doch, dass ich das nicht mag?“ herrschte er mich an.
Völlig verdutzt über die Frage rotierte der Vormittag in meinen Kopf herum. Für längere Gespräche blieb bei dem ganzen Verkaufstrubel doch gar keine Zeit mehr.
Es konnte sich höchstens um einen der wenigen Sätze gehandelt haben, bei dem man Arbeitsabläufe miteinander bespricht, manchmal auch einige Anweisungen gibt oder erhält.
Doch Vater dieses zu erklären, hielt ich für vergebliche Liebesmüh`.
Denn er hätte mir sowieso nicht geglaubt und so wie er sich seine Vorwürfe heute wieder aus den Fingern sog, wollte er doch auch gar keine Antwort mehr haben. Im Grunde wusste ich auch nicht so genau, wie ich eine Antwort hätte formulieren sollen, dass sie für ihn in einem richtigen Ton und in der richtigen Satzstellung gesagt worden wäre.
Momentan konnte ich weder ihn noch die Situation richtig einschätzen.
Das einzige, was ich nun nur noch ohnmächtig spürte, war Angst. Richtige Angst, nicht diese unwirkliche Angst, die einen lähmt. Nein, dieses war die Angst um die nächsten Stunden, um die Tatsache, mit dem Monster alleine zu sein und nicht zu wissen, was noch alles geschehen würde.
Dass ich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern vor ihm stand und stumm war, reichte nun aus, ihn richtig zu erzürnen. Wenn er nachgedacht hätte, würde er gesehen haben, wie lächerlich seine Vorwürfe doch waren.
Aber meine Regungslosigkeit, meine fehlende Angriffsfläche machte ihn nur noch wütender. Ich stand dort wie ein Schluck Wasser in der Kurve, inzwischen unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Und das musste ihn rasend machen.
Mit der flachen Hand schlug er mir ins Gesicht. Diesen Schlag hatte ich nicht erahnt. Ich hatte eher gedacht, er würde mich nach einer Salve von Vorwürfen gehen lassen.
Doch sein Frust, niemanden zu haben, der sich wehrt, wurde immer größter. Vermutlich war er auch erzürnt darüber, dass Mutter sich ihm einfach entzogen hatte, unterschwellig spielte wohl auch ein wenig Eifersucht mit hinein, dass sie einfach das tat, was er sonst sich selbst nur zugestand: Einfach wegzufahren.
Wer weiß, über was oder wen er sich sonst noch aufgeregt hatte. Auf alle Fälle spürte ich eine Ladung von Emotionen in seinem Schlag. Irgend etwas gärte in seinem Innern.
Nach einigen Sekunden konnte ich wieder klar denken und so tat ich etwas, was völlig unklug gewesen war in dieser Situation, das hatte ich in jahrelanger Studie an Vater gelernt: Ich lief weg. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Still dastehen wie ein Hund, der geprügelt wird?
Dazu reichte meine Kraft neben der Angst, die ich verspürte, einfach nicht mehr aus.

Und so lief ich, zuerst ins Wohnzimmer, Vater lief sofort hinter mir her. Wir schauten uns an, während zu meiner Sicherheit der Wohnzimmertisch zwischen uns stand. Wir liefen einige Male um den Wohnzimmertisch herum. Wieder kam ich mir vor wie in einem Slapstick, auch wenn diese Situation, alleine mit Vater und in absehbarer Zeit niemand da, der mich beschützen würde, alles andere als lustig war.
Nachdem er begonnen hatte, über den Tisch hinüber nach mir zu greifen und der Tisch mir auch nicht wirklich Schutz würde bieten können, lief ich um die Couch herum, als ich auf passender Höhe stand.
Ich lief ins Esszimmer und wieder standen wir uns gegenüber, den Tisch zwischen uns. Da fiel mir ein, was das letzte Mal in diesem Raum während einer ähnlichen Situation passiert war. Der Tisch war kein Hindernis für ihn, er stieß ihn mit Leichtigkeit um. Was dann mit mir geschehen würde, hatte ich noch lebhaft in Erinnerung. Das wollte ich vermeiden und so lief ich in die Küche hinein, um gleich wieder hinaus in die Diele zu laufen. Und so lief ich, immer Vater in meinem Nacken, erneut ins Wohnzimmer, von dort aus ins Esszimmer, hinüber in die Küche, durch die Diele....Durch die Türen konnten wir immer im Kreis laufen und diese Runden machten wir einige Male. Dann wurde ich immer müder. Sollte das ewig so weitergehen? Irgendwann bekam er mich zu fassen, er war nun einmal schneller und größer als ich. Nein, das durfte nicht sein.
Und so lief ich grade aus weiter in sein heiligstes Refugium, als ich erneut die Diele erreicht hatte. Ich betrat sein Zimmer, was wir sonst nie taten, weder in seiner Abwesenheit und schon gar nicht in seiner Anwesenheit. Das hätten wir nie gewagt, dass war ein Gesetz! Niemals die Zimmer unserer Eltern zu betreten.
Doch in dieser Situation blieb mir keine andere Wahl. Denn auch in diesem Raum stand ein Tisch und zwar Vaters schwerer Eichenschreibtisch in Mitte des Raumes, hinter dem ich mich verschanzte. Dieser Schreibtisch war so ein schweres Gerät, dass selbst Vater ihn nicht hätte umstoßen können. Davon mal ab hätte ich auch niemals geglaubt, dass er sein eigenes Zimmer in Unordnung gebracht hätte. Die anderen Räume waren ihm egal gewesen, aber sein Zimmer war ihm heilig. Nachdem wir auch um seinen Schreibtisch einige Runden gedreht hatten, uns gegenseitig dabei nie aus den Augen verloren und er mir, wann immer wir Pause machten, mir drohend in die Augen sah, floh ich auch aus diesem Raume.
Zu groß war einfach der Respekt vor diesem Zimmer und vor Vater. Oder war es eher die nackte Angst, die mich hinaustrieb?
Doch darüber nachzudenken, dafür fehlte mir in dieser Situation einfach die Zeit. Ich lief weiter, rannte, rannte, rannte. Kurzfristig für Millisekundenbruchteile dachte ich darüber nach, das Haus zu verlassen. Doch wo hätte ich hinflüchten sollen?
Omi und Mutter waren nicht da und bis die Großeltern die Türe geöffnet hätten, geschweige denn, dass ich es vielleicht gar nicht geschafft hätte, die Haustüre zu öffnen und hinaus zu schlüpfen, war es vielleicht schon zu spät. Dann hätte er mich am Wickel gehabt.
Ich lief so schnell, dass diese Möglichkeit auch schon vorbei war, denn ich lief die Treppe hinauf, in Vaters Schlafzimmer. Vater war schnell, denn er gab nicht auf. Eine ungeheure Aggression hatte ihn antreiben müssen, dass er nicht aufgab, mich zu jagen. Gnade mir Gott, wenn er mich heute erwischen würde. Das war mir rein gefühlsmäßig klar. Und so lief ich hinter sein Bett, er stand davor, kam mir drohend immer näher, so dass ich auf sein Bett hinaufsprang und drüber rannte. Auch hier folgte Vater mir und so lief ich wieder aus dem Schlafzimmer hinaus, denn es bot mir keinen großen Schutz. Zum nachdenken war ich inzwischen einfach nicht mehr in der Lage. In meiner riesengroßen Angst, handelte ich einfach nur noch instinktiv. Und mein Instinkt trieb mich in Sarahs Zimmer, warum auch immer. Dort hatte ich noch weniger Schutz, aber wie gesagt: Mein Verstand war ausgeschaltet.
Und so rannte ich in Sarahs Zimmer und stieß die Türe ins Schloss. Hatte ich tatsächlich die Hoffnung ich hätte die Türe zuhalten können? Die Schlüssel hatten unsere Eltern vorsorglich abgezogen, ich hätte also noch nicht einmal abschließen können. Und so stemmte ich mich gegen die Türe, aber Vater gab nicht auf. Er drückte dagegen, ich hatte nicht einmal den Hauch einer Chance gegen seine Kraft. Und so wurde ich von der Gewalt seines Gewichtes zurückgeworfen, als er die Tür aufstieß. Ich fiel zu Boden und landete in einer Ecke in Sarahs Zimmer zwischen ihrem Kleiderschrank und ihrem Schreibtisch. Diese Ecke war grade so groß, dass mein Kopf dazwischen passte und was war ein Wunder, dass ich mir beim Fallen nicht sonst was angestoßen hatte.
In Sekundenschnelle hatte Vater sich auf mich draufgesetzt, während ich rücklings auf dem Boden lag. Schnell hielt ich mir die Hände und Arme vor mein Gesicht, denn mir war klar, was nun folgen würde.
Vaters Zorn war durch mein Fliehen so enorm gestiegen, dass er alle Schranken hatte fallen lassen. Er schlug nur noch zu, diesmal nicht mehr mit der flachen Hand, sondern mit der Faust immer in Richtung meines Gesichts. Ich getraute mich nichts mehr als mich zu schützen. Denn mich zu wehren hätte rein kräftemäßig keinen Sinn mehr gemacht. Und so ergab ich mich in mein Schicksal. Mein Kopf schleuderte unter seinen Fausthieben immer hin und her, zwischendurch traf er mein Gesicht, so sehr ich mich auch zu schützen versuchte. Und so wurde mein Widerstand immer schwächer, während seine Faustschläge immer stärker wurde.
Irgendwann spürte ich ein Knacken in meinem Kopf und ich spürte, wie das Blut mein Gesicht hinabfloss. Es spritzte förmlich aus meiner Nase heraus und erst da kam Vater zur Besinnung, während ich mich kaum mehr rührte. Ich spürte nur, wie etwas warm mein Gesicht hinablief.
In diesem Moment ließ Vater von mir ab, nachdem er bestimmt 15-20 x zugeschlagen hatte.
Seine Aggressionen auf mich war er wohl so langsam los geworden, auch hatte ihn gewiss der Anblick des Blutes schlagartig ernüchtern und erkennen lassen, was er da eigentlich trieb. Diesen Blick fing ich auf, als er endlich aufstand und ging.
Da war nichts aggressives mehr drin, kein Hass, keine Überheblichkeit, weil er mich nun doch noch gekriegt hatte.
Er war einfach nur geschockt und gleichzeitig wohl voller Scham, was er da getan hatte. Und so stand er auf und verließ das Zimmer. Unfähig, aufzustehen, hörte ich, wie er die Treppe hinablief.
Das Blut floss weiter meine Wangen hinab, während ich meine Arme und Hände halb vors Gesicht, halb in die Höhe hob, während ich still auf dem Boden liegen blieb.
Zu meinem Blut gesellten sich nun auch noch meine Tränen auf mein Gesicht, welches gleichzeitig mein Gesicht hinabliefen.
Sie bahnten sich ihren Weg hinaus aus meinen Tränenkanälen, mein Gesicht hinab, denn meine Emotionen waren übermächtig.
Einerseits löste sich die Angst ein wenig, denn für diesen Moment hatte ich es überstanden. Dann kamen da noch Resignation dazu, ihm nicht gewachsen zu sein. Zu guter Letzt war auch ich geschockt über das, was das mit mir geschehen war.
Meine Gedanken überschlugen sich: Sollte ich aufstehen, um mich zu waschen und in mein Zimmer zu gehen? Was aber, wenn er zurück käme, dann müsste ich das Ganze noch einmal durchleiden. Kriegen würde er mich so oder so. Da machte ich mir keine Illusionen mehr. Einerseits taten mir momentan alle Knochen weh, vor allem aber mein Gesicht, welches ich mich kaum traute, anzufassen, so sehr schmerzte mich der Bereich um meine Nase herum.
Andererseits war meine Seele kaum in der Lage, aufzustehen. Dann kam natürlich auch noch meine Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Abends hinzu. Also blieb ich liegen, ich harrte der Dinge, die da noch kamen, während meine Tränen so langsam versiegten und auch das Blut zu fließen aufhörte. Ich spürte in den nächsten 60 Minuten, die ich so liegen geblieben war, wie alles begann, anzutrocknen, während ich Vater unten rumoren und herumlaufen hörte.
Nach einer Stunde kam er erneut die Treppe herauf und ganz aus einem Instinkt heraus hielt ich wieder meine Hände vor mein Gesicht, damit ich meine geschundene Nase schützen konnte. Kam er zurück, was würde er denken, wenn er mich immer noch so am Boden liegen sah?
Aber war es im Grunde nicht auch egal, was er dachte? Ja, es war egal. Er hatte alle Schranken des Respekts und der Selbstachtung fallen lassen und ich? Ich hatte endgültig allen Stolz und alle Achtung vor ihm sowie auch vor mir verloren.
Ich lag dort wie ein Häufchen Elend, unfähig, auch nur eine Regung, einen Schutz vor mir selbst zu zeigen und bot mich ihm dar wie ein Opferlamm. Und das war ich in diesem Moment wohl auch.
Ich horchte hinaus in die Diele. Wo ging er hin, wo war er nur. Die Treppe knarrte und mit jedem Schritt, den er immer weiter hinaufkam, schossen mir erneut die Tränen in die Augen vor lauter Angst, was noch alles in dieser Nacht geschehen sollte.
Doch diese Angst war völlig unnötig gewesen, denn Vater ging in sein Schlafzimmer, um sich ins Bett zu legen. Das wusste ich in diesem Moment, während ich noch so da lag, natürlich nicht. Aber ich hoffte es. Nachdem ich noch weitere 30 Minuten so liegengeblieben war und nichts mehr hörte außer seinem Schnarchen aus dem Schlafzimmer heraus, wagte ich es, leise und ganz vorsichtig aufzustehen. Absolut leise richtete ich mich auf, um ins Bad zu gehen, immer darum bemüht, nicht auch nur mehr Geräusche von mir zu geben als ein Staubkorn, welches zu Boden fällt.
Ich schloss leise die Türe, grade so weit, dass Vater möglichst nichts hörte, aber ich ließ die Türe nicht ins Schloss fallen, damit ich nichts provozierte, was Vater hätte zu mir locken können.
Und so stand ich vor dem Badezimmerspiegel, sah mich dort an, während ich angestrengt nach draußen lauschte, damit ich mich keiner erneuten Gefahr aussetzen würde.
Wie ich mich da so ihm Spiegel ansah, erkannte ich mich nicht wieder. Ein Gemisch aus Blut und Tränen hatte sich auf meinem Gesicht gebildet, die Bahnen, die dieses mein Gesicht heruntergelaufen war, waren noch klar zu erkennen. Inzwischen waren die Bahnen getrocknet und hatten hässlichen Spuren hinterlassen, während meine Nase wie ein großer, roter Ballon in meinem Gesicht leuchtete. Sie war knallrot und geschwollen und kam mir nicht so vor, als würde sie zu mir gehören. Überhaupt sah mich dort im Spiegel eine Fratze an, welche nicht die meine gewesen war. Es war ein Gesicht, welches sich nicht mit meinem Innern deckte. Eine fremde Person sah mich dort an, wo war mein Ich, mein Stolz, mein inneres Selbst geblieben? Es war verschwunden, nur dieses Mädchen, geboren aus Angst, Demütigung und Verletzung war dort zu sehen.
Meine Nase schmerzte und leise ließ ich das Wasser laufen, bis es warm aus dem Wasserhahn herausströmte. Der Waschlappen in meiner Hand, den ich von Wasser durchfluten ließ, war weich und meine Haut sehnte sich nach ihm. Vorsichtig tupfte ich das trockene Blut mit ihm ab, bei jeder Berührung um meine Nase herum zuckte ich zusammen. Leise wusch ich den Waschlappen aus und legte ihn sorgsam auf die rote Stelle.
Ich lauschte in die Diele hinaus, aber außer Vaters Schnarchen war nichts zu hören- zum Glück. Mit zittrigen Händen löschte ich im Bad das Licht, ging in der Dunkelheit aber noch einmal hinein, um aus dem Dachfenster, welches leicht geöffnet war, hinaus zu sehen.
Oben am Himmel stand inzwischen der volle Mond, umgeben von seinen Gefolgsleuten, den Sternen. Unschuldig standen sie am Himmel und schauten zu uns hinunter, taten gleichzeitig so unbeteiligt und leisteten uns in unserem Tun Gesellschaft.
Hinten in der Ferne hörte ich einen Zug und sogleich ergriff mich das Fernweh. Wie gerne würde ich mich einfach nur hineinsetzen und weit, weit fortfahren, fort von diesem ungeheuren Ort, der mir so viel Kummer und Leid brachte.
Der Zug ratterte in die Dunkelheit hinein und mein Herz war voll Traurigkeit, gleichzeitig aber auch voller Zorn auf Vater, der seinen Emotionen freien Lauf gelassen und mich dermaßen tief verletzt hatte, dass mir meine Seele und mein Körper höllisch weh taten.
Das Rattern des Zuges wurde immer leiser und verlor sich langsam in der Dunkelheit. Ich hielt den kühlen Waschlappen auf meiner Nase fest, während ich gleichzeitig meinen Kopf an das Fenster anlehnte.
Die kühle Nachtluft und die Ruhe tat mir gut. Ich genoss es nach langer Zeit einmal wieder, meine Seele baumeln zu lassen. Wenn die Stille auch nur auf kurze Dauer sein sollte und wenn sie mir gleichzeitig auch weh tat, war es doch eine Wohltat.
Während ich meinen Blick zum Vollmond hinauflenkte, dachte ich nach, was mich mehr verletzte: Die Schläge auf mein Gesicht oder die Verletzung meiner Seele, die Erniedrigung meines Stolzes, die mangelnde Liebe meines Vaters?
Es war wohl von jedem ein Stück, aber am meisten schmerzte mich wohl die Erniedrigung.
Während ich den Mond dort anstarrte und Vater dort hinaufwünschte, er möge niemals wiederkehren, hielt ich Zwiesprache mit dem vollen, runden, weißen Gesellen.
Er hatte doch alles gesehen, was dachte er nun über mich? Wie hatte er zusehen können bei dem, was geschehen war? Was hätte er tun können in seiner Macht von Ebbe und Flut?
Hätte er Vaters Gedanken, Emotionen in eine andere Richtung lenken können?
Was sah er sonst noch, was alles auf der Welt geschah und war machtlos, zu helfen. Wie er da so rund am Himmel stand, fühlte ich, wie er mir verbunden schien und dennoch so fern von mir. Er war mir Freund und Kamerad, auch wenn er niemals mit mir sprechen würde. Er aber hörte mir zu, ich konnte zu ihm hinaufsehen, meine Sehnsucht stillen, meinen Kummer mir von der Seele reden, während ich das Gefühl hatte, sein fahles Licht umarme mich.
Immer, wenn ich traurig war, kam ich hier ans Fenster, lies meinem Fernweh, meinen Fluchtgedanken freien Lauf und meistens stand er dort oben und wartete auf mich.
Wie mein Kopf so am Fenster gelehnt und mein Herz bei meinem Freund dort oben war, schmerzte mich mein Gesicht zwar noch sehr, aber meine Seele begann, zu regenerieren.
War es vielleicht Raphael, der seinen Arm um meine Schultern gelegt hatte, der mir tröstend halt gab in der für mich schweren Stunde? Raphael, der mich trug, während ich am Boden lag?
Wo sonst hätte ich die Kraft hernehmen sollen, wieder aufstehen zu können und meinen Stolz ganz wie die Phönix aus der Asche wieder aufbauen zu können?
Niemand sonst hätte mich verstehen können, meiner Seele wieder Auftrieb geben können als mein Raphael und der dicke, treue Freund dort oben.
Niemand sonst war für mich da. Ich war alleine.
Und mit diesem Gedanken in der einen Hand und dem Waschlappen an meinem Gesicht in der anderen Hand schlich ich ins Bett, um den Rest der Nacht Vergessen im Schlaf zu finden...

Am nächsten Tag, es war ja ein Sonntag schlief Vater bis zum frühen Mittag, während ich begonnen hatte, das Haus zu putzen.
Als ich fast fertig war, kamen Mutter und Sarah zurück. Als Mutter mich erblickte, erschrak sie. Meine Nase war furchtbar dick und sie strahlte in allen Farben. Blau hatte sich bis zum Auge hinauf gezogen. Vater war, nachdem er aufgestanden war, Gruß- und Wortlos an mir vorbeigerauscht. Mir war nicht klar, ob er nun immer noch sauer auf mich war oder er sich eher um seiner selbst Willen schämte. Es spielte für mich auch keine Rolle, denn auch ich hätte nicht gewusst, wie ich ihm begegnen und mit ihm hätte umgehen sollen.
Während Mutter mich ansah, fragte sie: „War das Papa?“
Ich nickte. Sie nahm mich und Sarah sofort mit und brachte mich ins nächste Krankenhaus. Dort wurde ich geröntgt, wobei man dann feststellte, dass meine Nase angebrochen war, aber so wieder heilen würde. Man verband sie mir mit einem dicken Pflaster und ich sah wie ein Boxer aus, als ich mich im Spiegel betrachtete. Nun erkannte ich mich gar nicht mehr wieder. Während der nächsten Woche durfte ich im Haus bleiben, denn niemand sollte mitbekommen, was bei uns daheim passiert war. Während dieser Woche ging die Schwellung auch einigermaßen schnell zurück, so dass man kaum noch etwas sehen konnte.
Mutter hatte mich nie gefragt, wie dies passiert sei, aber sie ließ durchblicken, dass sie mir zu 80 % die Schuld gab, denn ihrer Meinung nach musste ich Vater wieder einmal provoziert haben. Denn sie sah ihn immer noch als den Mann, den sie einst kennen gelernt hatte.
Dies hatte ich Mutter nie verziehen. Denn dass sie erstens nicht an mich glaubte, mich zweitens nicht unterstützt hatte in dieser Sache und drittens mir auch noch die Schuld an dem gab, wofür ich meiner Meinung nach am allerwenigsten konnte, ging über meinen Verstand. Sie fragte mich nicht und ich sprach nicht darüber. Was hätte es da auch noch zu sagen gegeben?
Aber immer, wenn am Rande das Gespräch darauf kam, würgte sie es relativ schnell ab, indem sie sagte, dass es schon seinen Grund haben würde, dass ich ständig etwas von Vater abbekam, während er Sarah in Ruhe ließ. Ständig würde ich mit ihm aneinander rasseln, während Sarah sich bedeckt im Hintergrund hielt. Also sollte ich mich nicht wundern, wenn dies auch seine Spuren hinterlassen würde.
Meinen kurzen, leisen Einwand, dass Vater Mutter schließlich auch gelegentlich angriff, ließ sie nicht gelten.
Wenn ich nun den Umkehrschluss hervorgeholt hätte, dass Vater mich und Mutter dann ja maßlos lieben würde, da sie mir ja einst gesagt hatte, er behandelt nur die Menschen von Grund auf schlecht, die er so abgöttisch liebte.
Dann schloss ich daraus, dass die Menschen, die er in Frieden ließ wie meine Schwester oder andere Menschen in seinem Leben, die er auch unheimlich gut ignorieren konnte, dass sie ihm egal waren.
Doch wie gerne hätte ich auf diese Art von maßloser Liebe verzichtet. Lieber wäre ich dann ignoriert worden.
Auch habe ich dadurch niemals in meiner Kindheit das Maß normal empfundener und gegebener Liebe kennen lernen können. Ich wusste nicht, wie es ist, wirklich tief und innig geliebt, gleichzeitig aber respektvoll behandelt zu werden.
Diese Art von Liebe tat mir weh- an Seele und Körper- ich hätte gut darauf verzichten können.

Dass meine Nase gut angebrochen war, hätte es nicht gebraucht.
Dass meine Seele bis auf den Grund erniedrigt worden war, hätte es nicht gebraucht.
Dass mein Respekt und meine Liebe für Vater bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht worden war, hätte es nicht gebraucht.
Dass ich gebrochen worden war, innerlich wie äußerlich, hätte es nicht gebraucht.

Aber es war geschehen und ich musste es akzeptieren, ich musste damit leben.
Doch ich konnte Vater nicht mehr in die Augen sehen. Verzeihen? Kaum möglich.
Ich konnte ihm nicht mehr gegenübertreten. Nicht mehr mit ihm sprechen. Ihn nicht mehr sehen. Im Grunde schämte ich mich nicht für meine Schwäche, ihm unterlegen zu sein. Nein, aber es entwickelte sich aus der einst großen Liebe für meinen Vater eine abgrundtiefe Verachtung für das, wozu er in einer emotional schwachen Stunde in der Lage gewesen war.

Und auch Vater war nicht mehr in der Lage, mir entgegenzutreten, mir in die Augen zu sehen.
Für die nächsten Wochen ließ er mich in Ruhe. Er sprach nicht mehr mit mir, aber er rief mich abends auch nicht mehr hinunter. Er ließ uns alle in Ruhe. Wohlmöglich war er selbst geschockt über das, was er getan hatte. Er war friedlich. Zwar trank er weiterhin, doch nicht mehr so exzessiv wie vorher.
Für Mutter war die ganze Angelegenheit aber ein weiterer Schockmoment. Niemals hätte sie geglaubt, dass Vater mich angegriffen hätte, wenn ich mit ihm alleine war.
Meine in dem Moment übermäßig entwickelte Verachtung für Vater schockte sie zwar auch, aber sie konnte es nicht ganz nachvollziehen. Verstehen vielleicht, aber sie sagte mir immer wieder, dass er mich doch lieben würde, mehr als Sarah, mehr als jeden anderen Menschen, doch darauf konnte ich verzichten.
Und sie gab mir immer wieder zu verstehen, dass es doch mein Vater sei.
Ja, mein Vater.
Ich glaubte weiterhin an Gott und hatte immer versucht, mich an die 10 von ihm gegebenen Gebote zu halten.
Aber ich hatte Probleme mit einem der 10 Gebote.
Ich wollte Vater und Mutter ehren. Immer! Aber mit jedem Vorfall, jedem weiteren Vertrauensbruch, den sie an mir begangen, wo sie mir in den Rücken fielen, mit jeder neuen Enttäuschung, wenn ich mich auf sie verließ und sie dennoch weiter lieben wollte, fiel es mir immer schwerer.
Und Vater? Ihn hatte ich geliebt. Und nun? Was ging emotional in mir vor?
Ich hätte Respekt und Liebe empfinden müssen, aber ich empfand nur noch Hass und Verachtung für ihn. Ich sah ihn von diesem Moment mit völlig anderen Augen. Seine Anerkennung, sein Wohlwollen und seine Liebe hatte ich immer erringen wollen, alles, aber auch restlos alles hätte ich dafür getan.
Dass er in diesem Moment der Schwäche sich so wenig im Griff gehabt hatte, ließ alle positiven Gefühl in mir wie ein Pflänzchen ohne Wasser verkümmern und die bitteren, bösen Gefühle für ihn wachsen wie ein böses Geschwür.
Und je mehr Mutter sich bemühte, mir Verständnis für ihn und seine Krankheit abzuringen, um so weniger war es mir möglich, jemals wieder anders zu empfinden.
Diese Situation, wie ich so hilflos und ohnmächtig unter ihm lag, würde ich nie wieder vergessen können, nie wieder würde sie verblassen und im Grunde war sie die Spitze, der Höhepunkt dessen, was ich mit Vater im Laufe seines Lebens erlebt hatte.
Von diesem Moment war alles anders, mein ganzes Leben, mein ganzes Denken machte einen Schlenker, einen Dreh um 180 Grad, denn ich drehte mich von ihm und von der Familie weg und ging, innerlich gesehen, in eine völlig andere Richtung.
Zwar war ich finanziell noch von ihnen abhängig, aber mir war klar, ich wollte gehen, sobald ich die Ausbildung beendet hatte. Ich wollte meine Familie, mein Leben und meinen Kummer hinter mir lassen, sobald es mir möglich war.
Kurzfristig dachte ich sogar darüber nach, meine Ausbildung in einem anderen Betrieb zu beenden, aber ich hätte nicht gewusst, bei wem, da alle anderen Inhaber von Blumengeschäften gleichzeitig Kollegen von Vater waren und sie sich untereinander kannten und andererseits war ich immer so klein und unwissend gehalten worden, dass mir völlig unklar gewesen war, an wen ich mich in dieser Frage hätte wenden können. Wer mich hätte informieren sollen, was in dieser Richtung zu unternehmen war.
Und so hielt ich weiter aus, der dunkle Tunnel, das dunkle Loch hatte endlich einen Ausgang, einen Lichtblick und das war das Ende meiner Ausbildung, während gleichzeitig mein Auszug aus der Hölle, meinem Elternhaus damit vonstatten ging.

Während ich darüber nachdachte, wie es für mich weitergehen sollte, wusste Mutter, dass sie mich noch nicht einmal mit Vater alleine lassen konnte, es sei denn, ihr war egal, was mit mir geschehen würde.
Aber das war es ihr nicht, denn sie wollte sich keine Schuld aufladen und sich Vorwürfe machen lassen.
An Liebe mir gegenüber von ihrer Seite aus glaubte ich nicht und wenn doch, dann war auch dies eine merkwürdige Art, mir ihre Liebe zu zeigen, von der ich persönlich nichts hatte. Aber vielleicht war sie ihr Leben lang auch einfach nur zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen.

Zumindest nahm sie nach zig Krankenhausentziehungen die zweite Langzeittherapie für Vater in Angriff.
Zuallererst musste sie Vater davon überzeugen, dass es für ihn an der Zeit wäre, sein Leben an unserer Seite zu überdenken.
Denn sie war ziemlich am Ende ihrer Kräfte, nahm zu dem Zeitpunkt wieder verstärkt Herztabletten neben anderen Medikamenten. Und wenn er eines Tages nicht ganz alleine da stehen wollte, dann musste er etwas tun.
Dieses Mal erwartete sie von Vater aber nicht nur, dass er eine Therapie neben dem Entzug machte, sondern vor allem, dass er gewillt war, an unserem Leben tatsächlich etwas zu verändern. Denn lange würde sie das Leben so an seiner Seite nicht mehr aushalten.
Da Vater sich seiner Tat und seiner Person im allgemeinen sehr schämte, wusste er, dass Mutter recht hatte. Entweder er machte einen endgültigen Entzug, bei dem er sein Leben um 180 Grad drehte und eine neue Wendung gab oder er würde eines Tages völlig alleine da stehen.
Vor allem ging er ja noch weiter in die Gruppe der AA, wo man ihn unterstützte. Viele schon seit Jahren trockene Alkoholiker zeigten ihm recht deutlich auf, wohin sein Weg ihn führen würde, wenn er den Absprung nun nicht schaffen würde: In den endgültigen Abgrund!!!
Da dies Menschen waren, die sich nicht nur mit der Thematik auskannten, sondern auch ganz genau wussten, wovon sie sprachen, da sie es am eigenen Leib erfahren hatten, wie schwer es war, dem Alkohol, der Macht, der Droge, der Verlockung nachzugeben und standhaft zu bleiben, hörte er ihnen zu. Es waren sehr wenige Menschen, denen er erlaubt hatte, ihm etwas zu sagen oder ihm überhaupt nahe zu kommen.
Aber durch das, was passiert war und die Gespräche mit anderen Betroffenen sah er ein, dass er die zweite Entziehungskur nötig hatte und so wollte er auch selbst sein Leben in neue Bahnen leiten.

Mutter war sehr froh über diese Entwicklung, auch sie sah seit langem einmal wieder Licht am Ende des Tunnels. Sie war guter Hoffnung, dass die zweie Kur, die quasi die letzte Rettung der Familie, der letzte Anker, bevor unser Schiff endgültig unterging, die lang erhoffte, ersehnte Wendung war.
So richtig glücklich würden wir wohl nie mehr werden, denn es war einfach zu viel passiert.
Wir konnten nur versuchen, das Bestmögliche aus unserem verkorksten Leben zu machen, auch wenn es nie wieder diesen unschuldigen, glückseligen Touch bekommen sollte, den wir einmal für uns gebucht hatten.
Doch wenn wir von diesem Zug, der uns ins endgültige Unglück, in die heiße Glut der Hölle beförderte, nicht würden abspringen können, würde uns auch keine noch so verlockend angebotene Notbremse mehr helfen können.
Wir würden, wenn wir nun nichts mehr unternahmen, zusammen mit Vater den Abgrund hinabstürzen.
Entweder wir würden alle zusammen, und zuallererst Vater, denn um ihn ging es ja an vorderster Front, mithelfen müssen, damit wir nicht alle gemeinsam untergingen.
Würde auch dieser letzte Schritt nicht die erforderliche Wendung bringen, konnten wir uns nur von ihm trennen oder mit ihm zusammen die allerletzte Fahrt in das tiefe, schwarze Loch ohne Wiederkehr antreten. 
S e i t e n z a h l :  400 
A u t o r I n :  anonym 
V i t a :  keine Angabe 

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