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Heimspiel
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Martina Spröhnle   

E x p o s é :

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Die Handballmannschaft des TSB Horkheim hat die Chance auf den Aufstieg in die Regionalliga. Die Volontärin Kati bekommt die Projektaufgabe gestellt, den TSB beim Kampf um den Aufstieg zu begleiten. Das Problem ist nur, Kati hat vom Handballsport nicht die leiseste Ahnung. Bereits bei ihrem ersten Besuch stößt sie auf gaffende Kerle, einen unverschämten Kartenabreißer und ... Frederik, ihre erste große Liebe. Als dann auch noch Natalie, Frederiks Freundin auftaucht, muss sich Kati plötzlich nicht nur Klarheit über ihre Gefühle, sondern auch Zugang zu einer Welt verschaffen, die sie vor vollkommen neue Herausforderungen stellt. Für Hannes ist der TSB Bestandteil seines Lebens. Dies ändert sich jedoch, als der stotternde Briefträger im Pflegeheim seiner an Alzheimer erkrankten Mutter die Pflegerin Olga kennen lernt und sich in sie verliebt. Als er dann auch noch dem ehemaligen Profispieler Mikolaj Gombrowicz begegnet, nimmt sein Leben plötzlich eine völlig neue Wendung ein. 

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


 „Und woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es eben.“
„Aber woher denn?“
„Es ist halt einfach so. Keine Schneeflocke gleicht der anderen.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich meine, da draußen schneit es gerade Millionen von Schneeflocken und ich bezweifle, dass weder du noch irgendjemand sonst beweisen kann, dass nicht mindestens zwei davon vollkommen identisch sind.“
„Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen dazu, okay? Und das Ergebnis dieser Untersuchungen besagt eindeutig, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht.“
„Das ist doch Schwachsinn! Selbst wenn man eine Milliarde Schneeflocken zur Kenntnis genommen hat, wer garantiert mir denn, dass nicht die eine Milliardeundeinste Schneeflocke genauso aussieht wie Nummer 785 336 412?“
„Herrgott, warum musst du immer so verdammt pedantisch sein? Besitzt du denn gar keinen Funken Romantik in dir?“
„Was hat das denn bitteschön mit Romantik zu tun? Nur weil ich mich frage, wie man behaupten kann, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht, soll ich nicht romantisch sein? Ich bin romantisch. Ich bin die Romantik pur. Das heißt aber nicht, dass ich jeden Scheiß glaube, den man mir verzapfen will.“
„Du tust ja gerade so, als ob ich dir `nen Staubsauger verkaufen will. Dabei vertrete ich lediglich die Meinung, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht.“
„Und du behauptest, dass es dafür Beweise gibt. Aber genau hier liegt das Problem, denn du kannst es nicht beweisen.“  
„Weißt du was? Du gehst mir mit deinen beschissenen Beweisen so was von auf den Sack! Immer brauchst du für alles eine logische Erklärung! Kannst du die Dinge nicht einfach mal so hinnehmen, wie sie zu sein scheinen? Was ist denn so schlimm daran, einfach mal an etwas zu glauben? Was ist so schlimm daran, zu glauben, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht?“
„Was regst du dich eigentlich so auf? Glaube doch, woran du willst. Ist mir doch egal! Lebe weiterhin in deiner Seifenblasenmärchenwelt und träum dir die Realität so zurecht wie du sie willst. Ich jedenfalls bin nicht bereit, mir deine rosarote Brille aufzusetzen und alles fraglos hinzunehmen. Das ist ja, wie wenn du alle Ecken und Kanten in deinem Leben mit Schaumstoff überziehst, nur damit du dich ja nicht daran stößt und dir womöglich noch Aua machst.“
„Und was tust du? Du feilst an deinen Ecken und Kanten noch so lange rum, bis du dich bei der geringsten Berührung daran schneidest. Und je mehr du dich dann verletzt, desto besser geht’s dir!“
„Das ist der absolut bescheuertste Vergleich, den ich je in meinem Leben gehört habe.“
„Du hast doch damit angefangen!“
„Schön, aber warum soll es mich denn verletzen, wenn sich eines Tages herausstellt, dass eben nicht jede Schneeflocke einzigartig ist?“
„Weil es dann wieder eine Sache weniger auf der Welt gibt, die dem Menschen den Glauben an etwas Höheres nimmt.“
„Indem ich beweise, dass es Schneeflocken gibt, die identisch sind?“
„Nein, indem du überhaupt beweist!“
„Ohne Beweise wären wir heute bei weitem nicht da, wo wir jetzt sind. Egal ob in der Medizin, im Rechtssystem oder sonst wo. Es braucht Beweise überall dort, wo Menschen geholfen werden kann. Beweise führen zu Wissen und Wissen ist notwendig, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
„Aber im Fall der Schneeflocke ist es einfach nur der sinnlose Versuch des Menschen, sein lächerliches Machtgehabe zur Schau zu stellen. Es heißt schließlich nicht umsonst: Wissen ist Macht. Und der Mensch hat sich schon immer schwer getan, sich unterzuordnen und zu akzeptieren, dass er eben nicht der Nabel des Universums ist. Ich erinnere nur an unseren guten alten Freund Galilei.“
„Ach ja? Na dann nenn mir mal einen einzigen Menschen, der heute noch daran zu knabbern hat, dass die Erde nicht das Zentrum des Sonnensystems ist! Ich sag dir was, du wirst keinen finden! Und warum wirst du keinen finden? Weil es jeder akzeptiert. Und weshalb akzeptiert es jeder? Weil es der Wahrheit entspricht. Und warum entspricht es der Wahrheit? Weil es Beweise dafür gibt, und zwar Eindeutige. Punkt Basta!“
„Gar nichts Punkt Basta! Der Mensch will alles immer bis aufs Detail wissen und dadurch verlernt er, auf sein inneres Gefühl zu hören. Ständig muss er alles kontrollieren und wie ein Marionettenspieler die Fäden in der Hand halten. Anstatt zu kapieren, dass er nur Teil des Ganzen ist, versucht er immer mehr, zum Herrscher des Ganzen zu werden.“
„Oh, Mister ‚Der – Mensch – ist – ein – machtbesessenes – Arschloch – dessen - größtes – Ziel – es – ist – Gott – von – seiner – Chefposition – zu – verdrängen – indem – er – sich – Wissen – über – die – Welt - verschafft’. Welch eine Ehre für mich! Bitte belehren Sie mich weiter und öffnen Sie mir die Augen für all die Weisheiten des Lebens!“
„Halt einfach die Klappe! Du bist so ein blöder Idiot, der ... ach, leck mich doch!“
„Was ist eigentlich dein Problem?“
„Du! Du bist mein Problem! Du und deine scheiß Rechthaberei.“
„Ach ja? Okay, dann fragen wir doch SIE einfach mal. Hey, was glaubst du? Ist es möglich, zu behaupten, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht?“
Oh Gott, meinten die beiden wirklich sie? Klar meinten die sie. Es saß ja auch sonst keiner mehr im Auto. Was sollte sie bloß sagen? Noch vor zwei Sekunden hatte sich Kati einfach nur auf die schneebedeckten Straßen konzentriert und dabei verkrampft das Lenkrad festgehalten. Klar hatte sie zugehört und sich im Stillen gefragt, wer von den beiden dem anderen wohl als Erster eine reinhauen würde. Aber dass sie sich plötzlich selbst in der Gefahr sah, möglicherweise eine gescheuert zu kriegen, versetzte sie nun doch ein wenig in Panik. Gut, das mit dem Eine-gescheuert-kriegen war vielleicht etwas übertrieben. Aber zumindest musste sie nun etwas sagen. Irgendetwas, das sie als möglichst intelligent und clever darstellen sollte. Irgendetwas, das beide absolut überzeugte, ohne dass sich einer als Verlierer gedemütigt fühlte. Irgendetwas, an das sich die beiden noch in zehn Jahren mit Kommentaren wie ‚Weißt du noch damals, die Fahrerin mit ihrer Wahnsinns-Theorie über die Schneeflocken? Was waren wir doch für Idioten’ erinnerten. Ja genau. So etwas sollte es sein. Das Problem war nur, es sollte möglichst schnell, um genau zu sein, JETZT aus Katis Mund sprießen. Denn je länger sie nachdachte, desto unangenehmer wurden die erwartungsvollen Blicke von rechts und schräg hinter ihr.
„Hmm, schwierige Frage.“
Kati musste Zeit gewinnen. Na los, denk nach! Zeige, dass sich die fünf Jahre Germanistik-Studium gelohnt haben!
„Ähm, also ...“
Komm schon! Du kannst sie nicht länger hinhalten. Du MUSST etwas sagen! Wenn schon nichts Intelligentes, dann sei wenigstens lustig!
„Nun, ich frage mich, wie bescheuert jemand sein muss, seine Zeit damit zu verbringen, eine Milliarde Schneeflocken zu untersuchen?“
Na toll! Glückwunsch, klasse Kommentar! Die erhofften Lacher blieben leider aus. Nun war wohl eher damit zu rechnen, dass sich die beiden in zehn Jahren mit Kommentaren wie ‚Oh man, weißt du noch die Fahrerin damals? Was für eine hohle Schnalle!’ an ihre Schneeflocken-Debatte erinnerten.
Der Rest der Fahrt verlief für Kati in beschämender Stille. Es folgte lediglich ein kurzes „Dankeschön“, bevor die beiden Spieler die Autotür von außen zuschlugen und mit ihren Tennistaschen bepackt in Richtung Turnierhalle gingen.
Während Kati im Auto saß und auf den nächsten Spieler wartete, der zum Hotel gefahren werden wollte, überlegte sie krampfhaft, was sie wohl am besten hätte sagen sollen. Nach ungefähr zehn Minuten hatte sie sich für folgende Antwort entschieden: ‚Nun, ich frage mich, ob eine generelle Diskussion über ein einzigartiges Gebilde der Schneeflocke überhaupt möglich ist? Schließlich handelt es sich dabei ja um zahlreiche Schneekristalle, die aneinandergeheftet und auf ihrem Weg Richtung Erdboden den unterschiedlichen Temperaturen und Witterungen ausgesetzt sind. Meines Erachtens gilt es daher erst einmal zu klären, ob eine Schneeflocke überhaupt nur EINE Gestalt besitzt?’
Perfekt, klasse Antwort! Kati war sich sicher: Mit dieser Aussage hätte sie bei den beiden mächtig Eindruck geschindet. Die Vorstellung daran, mit welcher Verblüfftheit sie Blicke getauscht hätten, verabreichte Kati ein Gefühl von Stolz und zauberte ihr ein breites Grinsen ins Gesicht.
„Was is’n so lustich?“  
Kati hatte gar nicht bemerkt, dass der Spieler, auf den sie gewartet hatte, bereits ins Auto gestiegen war.
„Ach, nichts Wichtiges“, flüchtete sich Kati mit hochrotem Kopf aus der Affäre.
Auf dem Weg ins Hotel kam ihr plötzlich ein Gedanke. Möglicherweise war es ja doch noch nicht zu spät, jemanden mit ihrer Meinung zu beeindrucken? Zumindest war es ein Versuch wert.
„Es heißt, keine Schneeflocke gleicht der anderen.“
Stille. Beim Blick in den Rückspiegel war keine Reaktion erkennbar.
„Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen dazu.“
Okay, zumindest der Blickkontakt stand jetzt.
„Glaubst du daran? Ich meine, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht?“
„Solange sie nich dafür sorgen, dass ich nach’m Turnier nich mehr nach Hause komme, is mir eigentlich scheißegal, wie die aussehen.“
Blödes Arschloch! Was glaubte dieser Möchtegern-Roger-Federer eigentlich, wer er war? Dem wäre ihre Antwort sowieso viel zu hoch gewesen. Kati entschied sich dafür, für den Rest der Fahrt auf weitere Konversation zu verzichten.

Als Kati drei Stunden später von ihrer Schicht nach Hause fuhr, war die Schneeflocken-Diskussion schon beinahe in Vergessenheit geraten. Morgen war ihr letzter Tag und übermorgen ging es dann wieder zurück in die Redaktion. Wie blöd musste man eigentlich sein, die einzigen zwei Wochen Ferien, die man innerhalb von sechs Monaten hatte, mit einem Nebenjob zu verbringen, bei dem man bestenfalls vier Stunden pro Nacht zum Schlafen kam?
Kati entschloss sich, nicht weiter darüber nachzudenken. Allerdings war das nächste Ziel ihrer Gedanken nicht weniger aggressionsbeladen. Vor gut drei Wochen hatte sie im Zimmer ihres Chefredakteurs gesessen, nachdem er sie zu sich gebeten hatte. Während er gerade noch die letzten Reste Mon Chérie hinunterschluckte, hoffte sie inständig, dass er nicht eher zu sprechen begann, bis sich nicht wirklich alle Schokoladenreste von seinen Zähnen gelöst hatten.
„Ja, liebe Frau Brandtner, Sie befinden sich ja nun bereits quasi sozusagen im Endstadium und, wenn ich mir so quasi am Rande beziehungsweise nebenbei bemerkt die Äußerung erlauben darf, wir und sozusagen ich und meine Wenigkeit ganz persönlich sind mit Ihrem, wie soll ich sagen, na, lassen Sie mich es mal so ausdrücken, mit Ihrem Einsatz oder besser mit Ihrem Arbeitseifer und natürlich auch mit Ihrem journalistischen Talent äußerst zufrieden und, um es auf den Punkt zu bringen, mehr als entzückt, ja sogar hellauf begeistert, ja, und um wieder auf das eigentliche Thema zu sprechen zu kommen, sie befinden sich also im Endstadium ihres Volontariats und da geht es jetzt sozusagen in die letzte Runde, in den Endspurt quasi.“
Kati hatte sich schon oftmals gefragt, wie dieser Mensch es je bis zum Chefredakteur der Heilbronner Stimme bringen konnte. Sein enormer Bauchumfang sowie alle weiteren an Attraktivität mangelnden Körperteile schlossen ein Hochschlafen durch einflussreiche Betten definitiv aus. Kati konnte sich seine Position nur dadurch erklären, dass seine schreiberischen Fähigkeiten bedeutend ausgeprägter waren als seine sprachlichen.
„Nun ja, also, wie bereits in meinen einleitenden Worten beschrieben, haben Sie nun den größten Batzen, zumindest was die temporale, also die zeitliche Schiene beziehungsweise Komponente anbelangt, hinter sich und müssen nun nur noch lediglich die letzte aller Hürden, quasi die Crème de la Crème all Ihrer Aufgaben bewältigen, was letzten Endes in der Gesamtheit betrachtet, und es liegt mir nahe, dabei besonders zu betonen, dass all Ihre bisherigen Aufgaben nicht weniger honoriert beziehungsweise wertgeschätzt wurden, also somit auf die gleiche Stufe, also auf Augenhöhe sozusagen gestellt werden. Nicht dass Sie jetzt denken, dass Ihre komplette Arbeit allein von dieser allerletzten Aufgabe, also ich meine jetzt, dieser großen Aufgabe neben all den noch daneben her laufenden kleinen Verpflichtungen abhängig ist und Ihre bisherigen Erfolge keinerlei Beachtung finden. Auf der anderen Seite dürfen Sie sich natürlich auch nicht einfach so in aller Ruhe und Gemütlichkeit in Ihre Sofakissen zurücklehnen und Däumchen drehend den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, nicht? Nein, nein, so ist das selbstverständlich auch nicht miss zu verstehen.“
Katis Gedanken schweiften für einen Moment vom Thema ab. Wie mochte dieser äußerst unattraktive Mensch wohl als Kind ausgesehen haben? Ob seine Ohren schon damals so fleischig und seine Haare so dünn und fettig waren? Irgendwie tat er ihr sogar ein wenig leid. Er trug weder einen Ehering noch hatte er irgendwelche Fotos auf seinem Schreibtisch stehen. Am liebsten hätte Kati ihn einfach mal mit ins Einkaufszentrum genommen und ihm ein komplettes Umstyling verpasst. Genauso wie in den ganzen Zeitschriften und Fernsehmagazinen. Mit Vorher-Nachher-Vergleich. Kati war sich sicher. Mit ein bisschen mehr Sport und weniger Mon Chéries, mit einer anderen Frisur, einer rahmenlosen Brille und einem schicken Anzug plus den passenden Schuhen dazu hätte er sicherlich noch Chancen, eine nette Frau zu finden. Ob Kati sich ihm einfach mal als Styling-Ratgeberin anbieten sollte? Besser nicht. Die Gefahr, das Angebot egal auf welche Weise miss zu verstehen, war zu hoch. Schade, sie hätte echt was aus ihm machen können.
„ ... deshalb kommen wir folglich nun zum eigentlichen und endgültigen Thema Ihrer Projektarbeit. Sie hatten mir ja sozusagen bereits schon vor vier Wochen ...“
Neun. Es waren genau neun Wochen und vier Tage gewesen.
„ ... zu dieser Zeit hatten Sie mir ja bereits Ihre Wunschliste bezüglich der favorisierten und für Sie in Frage kommenden Themengebiete unserer Zeitung hinterlegt. Als erstes Gebiet hatten Sie quasi KULTUR angegeben. Nun, ich muss Ihnen leider Gottes und bedauerlicherweise mitteilen, dass, und bitte seien Sie nicht böse und nehmen Sie es uns nicht krumm, ja, dass wir uns bei Ihrem Profil und im Hinblick auf unsere Vorstellungen gegen diesen Bereich sozusagen entschieden haben.“
Gut, dann würde es eben LOKALES sein. Da gab es schließlich neben Seniorennachmittagen, Vereinssitzungen und irgendwelchen Jubiläen auch noch viel Interessantes zu berichten.  
„Es wird Sie, liebe Frau Brandtner, sicherlich auch überraschen, wenn ich Ihnen hier und jetzt sage, und auch hier bitte ich Sie, nicht traurig und enttäuscht über unsere Entscheidung zu sein, dass wir Sie auch nicht für den Bereich LOKALES vorgesehen haben.“
Na toll! Dann blieb also nur noch WIRTSCHAFT übrig. Der einzige Grund, weshalb es Kati auf die Liste gesetzt hatte, bestand darin, einen Wirtschaftsprüfer als Vater zu haben. Kati wunderte sich noch heute, wie ein Mensch wie ihr Papa nach so vielen Jahren noch so fasziniert und begeistert über Bilanzprüfungen sprechen konnte. Für Kati gab es nichts Langweiligeres – mal abgesehen von der x-ten Wiederholung des Talkshowthemas „Vaterschaftstest - Heute erfährst du die Wahrheit“ – als erklärt zu bekommen, wie man den Jahresabschluss irgendeines Unternehmens mit den gesetzlichen Vorschriften zu überprüfen hatte.
„Tja, liebe Frau Brandtner, ich will jetzt auch gar nicht länger um den heißen Brei herum reden, sondern Ihnen sozusagen endlich die Butter aufs Brot schmieren, oder nein, ich meine eher, Ihnen die heiß ersehnte Nachricht, die Mitteilung, die quasi über Ihren letzten Gang auf dem Weg in die nächste Phase, also den Beruf als Journalistin beziehungsweise Redakteurin, was immer Sie anstreben, wobei Ihnen klar sein muss, dass es in der heutigen Zeit nicht gerade leicht ist, irgendwo eine Festanstellung zu bekommen. Früher war das anders, aber heutzutage kriegt keiner mehr einen unbefristeten Vertrag, egal wie lange er schon im Geschäft ist, traurig ist das, ja wirklich. Aber wo war ich stehen geblieben?“
Beim Projektthema, du olle Laberbacke!
„Ach ja, bei Ihrem Thema. Also, Frau Brandtner, um es kurz zu machen und Sie nicht weiter auf die Folter zu spannen, nenne ich Ihnen nun Ihre Aufgabe, die Sie für die nächsten vier Monate begleiten wird. Es geht dabei um eine wirklich interessante Aufgabe, für die ich nur die Beste meiner Volontärinnen möchte.“
Wow! Von genau zwei Volontärinnen, von denen die eine so verpeilt war, dass sie es nicht einmal merkte, wenn der zuständige Redakteur ihren Artikel um die Hälfte kürzte, die Beste zu sein, war wirklich schmeichelhaft.   
„Sie müssen wissen, auf das Thema hat mich ein alter Freund gebracht. Ich selbst wäre nie darauf gekommen, das muss ich offen zugeben, aber als er mich gefragt hat, ob es nicht möglich sei, darüber zu schreiben, und zwar nicht einmalig, sondern in Serie sozusagen, also, als Begleitung des Ganzen mit dem Ziel, dem Leser Einblicke in diese einzigartige Entwicklung zu gewähren, in der Hoffnung, dass er sich am Ende ein Stück weit damit identifizieren kann, denn mit der Identifikation kommt die Begeisterung und mit der Begeisterung kommt der Erfolg und Erfolg ist doch in unser aller Interesse, nicht wahr?“
Katis Interesse bestand im Moment vielmehr darin, diesem Nervbolzen an die Gurgel zu springen und ihn so heftig zu schütteln, dass das Thema wie ein verschlucktes und in der Luftröhre stecken gebliebenes Bonbon aus seinem Mund schoss.
„Jedenfalls, liebe Frau Brandtner, haben Sie die große Ehre, einer ganz eigenen Welt Ihren Stempel aufzudrücken, indem Sie sie mit Ihren eigenen Worten quasi zu etwas Greifbarem für den Leser machen.“
Kati wusste, nicht mehr lange und sie platzte.
„Kennen Sie eigentlich den TSB Horkheim?“
Kati bemühte sich, die Frage mit der Offenbarung ihres Projektthemas in Verbindung zu bringen.
„Also, ich meine, der TSB ist ja ein großer Verein mit vielen Abteilungen. TSB heißt ja, also steht für Turn- und Sängerbund. Aber es gibt da noch einiges mehr an Abteilungen wie beispielsweise die Tischtennis-Abteilung, die Tennis-Abteilung, die Schieß-Abteilung. Sagt man Schieß-Abteilung? Ist ja auch egal. Die Abteilung Tanzen und so weiter und so fort. Jedenfalls, das Aushängeschild des Vereins, auf dem sozusagen die Fokussierung, der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit liegt, das, liebe Frau Brandtner, ist die Handball-Abteilung. Und hier ganz besonders die erste Herrenmannschaft. Klasse Truppe, die Jungs! Nein, doch wirklich! Hab früher auch oft bei den Spielen vorbeigeschaut, sozusagen als alter Profi, nicht?“
Noch immer waren Kati die Zusammenhänge zu ihrem Thema nicht ganz ersichtlich.
„Die Jungs sind wirklich gut, um nicht zu sagen, sogar sehr gut. Klar gibt’s auch mal eins auf den Deckel, aber so ist das eben im Sport. Da spielt soviel mit rein, das glauben Sie gar nicht. Schon wenn allein ein einziger Spieler, und das muss man sich mal vorstellen, mental geschwächt, also quasi nicht so gut drauf ist, kann sich das unter Umständen schon auf die komplette Mannschaft übertragen. Und ist dieser Punkt dann mal erreicht, Sie glauben gar nicht, wie hart das ist, da wieder rauszukommen und sich sozusagen an den eigenen Haaren herauszuziehen, so wie dieser eine da sich am eigenen Schopfe aus dem Wasser gezogen hat. Wie hieß er doch gleich? Mühlheim?“
„Münchhausen.“
„Ach ja, genau, Münchhausen hieß der Knabe. Gut, sehr gut. Sehen Sie jetzt weshalb ich Sie für dieses Thema ausgesucht habe?“
„Für welches Thema doch gleich?“
„Ach so, ja, also es geht um die Begleitung der TSB Handballherrenmannschaft bis zum Ende dieser Saison. Sie müssen nämlich wissen, dass die Jungs nach, ach, was weiß ich wie vielen Jahren, zum ersten Mal wieder die Möglichkeit zum Aufstieg in die Regionalliga haben. Ist das nicht unheimlich aufregend?“
Aufregend? Das soll wohl eher ein schlechter Witz sein!
„Mein alter Freund jedenfalls, er ist im übrigen der Trainer der Mannschaft, Rainer Schäfer, ganz solide der Mann, nun ja, er hat mich darum gebeten, ihm diesen Gefallen zu tun und seiner Mannschaft den nötigen Aufwind zu verleihen, Sie erinnern sich? Einblick gleich Identifikation, Identifikation gleich Begeisterung, Begeisterung gleich Erfolg? Tja, und Sie, liebe Frau Brandtner, erhalten nun von mir diese ehrenvolle Aufgabe als Zeichen meines Vertrauens und meiner, nun ja, durchaus überragenden Wertschätzung Ihres Könnens, die Mannschaft auf ihrem Weg oder besser gesagt bei ihrem Kampf um den begehrten Aufstieg zu begleiten. Nun? Was sagen Sie dazu?“
SPORT? Hallo? Kati konnte sich nicht daran erinnern, dieses Themengebiet auch nur ansatzweise auf ihrer Wunschliste erwähnt zu haben. Am liebsten hätte sie ihrem Chef die Liste um seine speckigen Ohren gehauen, um zumindest einen Zweck damit zu erfüllen. Wie konnte er ihr nur so etwas antun? Es war eine Sache, ein Thema zu bekommen, das sterbenslangweilig war. Aber mit etwas beauftragt zu werden, von dem man schlichtweg keine Ahnung hatte, das war die reinste Katastrophe! Was hatte Kati denn mit SPORT zu tun? Rein gar nichts. Und schon gar nicht mit Handball. Wie zum Henker sollte sie also einen Artikel geschweige denn eine ganze Artikelserie darüber schreiben? Sie musste es irgendwie schaffen, diesem Menschen klar zu machen, dass sie die absolut falsche Person für diesen Job war.
„Nun, lieber Herr Schmitz, ich weiß Ihr Vertrauen in meine Kompetenzen wirklich sehr zu schätzen und natürlich ehrt es mich auch, dass Sie so große Stücke auf mich setzen, allerdings ... ähm ... nun ... Sie müssen wissen, ... äh ... dass meine Interessen und damit mein Kenntnisstand in Bezug auf diese wie jede andere Sportart nicht gerade sehr, wie soll ich sagen, ausgeprägt ist.“
„Ach, machen Sie sich darüber keine Sorgen! Ich bin da durchaus zuversichtlich und habe das sichere Gefühl, und glauben Sie mir, auf mein Gefühl konnte ich mich schon immer verlassen, schon als Kind, als ich mich einmal geweigert hatte, auf den Geburtstag meines Cousins mitzugehen, von dem alle samt mit einer Fischvergiftung nach Hause gekommen sind, ja, und dieses Gefühl sagt mir eindeutig, dass Sie, liebe Frau Brandtner, genau die Richtige für diesen Job sind.“
„Aber ...“
„Ich lege große Stücke auf Sie, das müssen Sie wissen! Und ich würde diese Aufgabe nicht einfach irgendjemandem geben, nicht? Mein guter alter Freund Rainer hat mir schon so viele gute Dienste erwiesen und jetzt endlich kann ich mich dafür revanchieren, und das noch dazu mit einer so kompetenten Mitarbeiterin wie Sie es eine sind. Vergessen Sie das nicht! So, und jetzt wollen wir nicht noch mehr Zeit damit verplempern, darüber zu diskutieren, ob Sie nun für diesen Job geeignet sind oder nicht. Schließlich hab ich auch noch andere Dinge zu tun, als mich stundenlang und quasi ohne sichtbares Ende mit meinen Mitarbeitern zu unterhalten. Obwohl ich mich natürlich sehr gerne mit Ihnen unterhalte, das dürfen Sie mir ruhig glauben! Aber Ihre aus meinen Augen übertriebenen Selbstzweifel bringen uns an dieser Stelle keineswegs weiter. Also trauen Sie nicht nur mir, sondern vor allen Dingen und ganz besonders sich selbst ein wenig mehr zu, und ich versichere Ihnen, und dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen, Sie packen das schon!“
Unfähig, auch nur noch einen einzigen Versuch in Richtung Gegenlenkung zu unternehmen, bemühte sich Kati, das breite Grinsen ihres Chefs zu erwidern. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl als die der Kapitulation hatte. Es galt nun vielmehr, nach Hause zu gehen und sich ins Internet zu stürzen. Ob für Recherchen oder die Suche nach einem neuen Job, da war sich Kati im ersten Moment gar nicht so sicher.



KAPITEL 2


Hannes war nicht dumm. Er mochte vielleicht ein wenig langsam sein, zugegeben. Aber dumm? Nein, dumm war er nicht. Dumm war in seinen Augen jemand, der gemein zu anderen war. Jemand, der nicht wusste, welche Folgen seine eigenen Handlungen haben konnten. Dumm waren die Menschen, die es nicht verstanden, genau hinzusehen. Auf Hannes traf dies ganz und gar nicht zu. Und deshalb war er auch nicht dumm.
Auf seiner Armbanduhr war es schon viertel nach fünf. Hannes beobachtete den kleinen Bildschirm über der Fahrstuhltür. Er zeigte 03 an. Hannes wartete auf EG. Er war schon über eine halbe Stunde zu spät. Sicher saß Mutje schon ganz ungeduldig an ihrem Platz. Aber was hätte er auch tun sollen? Es war Sperrmüll und Rüdiger, sein Nachbar, wollte seinen kompletten Dachstuhl auf die Straße stellen. Also, besser gesagt, die alten Möbel auf dem Dachstuhl. Keine Frage, dass Hannes ihm nach der Arbeit half.  
Hannes war Briefträger von Beruf. Seit einundzwanzig Jahren verteilte er die Post in ein und dem selben Bezirk. Auf ein und dem selben Fahrrad. Vor gut fünf Jahren hätte Hannes den Anspruch auf ein neues Fahrrad gehabt. Doch er wollte keines. Er behielt lieber das Alte, auch wenn es nur drei anstelle von sieben Gängen hatte. Dafür waren die Pedale größer und der Sitz bequemer. Hannes verstand sowieso nicht, weshalb heutzutage Fahrräder mit schmaleren Sitzen so beliebt waren. Rüdiger hatte so eines. Und Hannes durfte einmal damit zum Einkaufen fahren. Gott sei Dank war der nächste Tag ein Sonntag gewesen. Hannes hätte niemals auf seinem Postrad sitzen bleiben können, so höllisch weh tat sein Hintern.
Hannes war gerne Briefträger. Das frühe Aufstehen machte ihm nichts aus, genauso wenig wie die Launen des Wetters. Für alles war er bestens ausgerüstet. Schildkappe und Sonnenbrille für die heißen, Wollmütze, Schal und Handschuhe für die kalten Tage. Wenn es regnete, zog er sich sein Fahrradcape über, und wenn es schneite, trug er Ellenbogen- und Knieschützer und polsterte sich die Hüfte mit Mutjes Nierenwärmer aus. Das behinderte ihn zwar ein wenig beim Auf- und Absteigen, gab ihm aber auf den glatten Straßen ein sicheres Gefühl. Und Sicherheit ging schließlich vor. Deshalb war es heute auch wichtiger, Rüdiger beim Hinuntertragen der Möbel zu helfen, als pünktlich bei Mutje zu sein.
Hannes drückte noch einmal auf den Fahrstuhlknopf. Er wusste, dass es nichts bringen würde, aber so hatte er zumindest das Gefühl, etwas zu tun. Denn nichts zu tun, fiel Hannes schwer.
Endlich erschien das ersehnte EG.
„Sind wir denn schon im fünften Stock?“
„N ... Nein, Frau B ... B ... Bleschke.“
Hannes stellte sich neben die kleine zierliche Frau und ihren Gehwagen. In ihrem Korb entdeckte er eine schwarze Lederhandtasche und eine rot-gelb gestreifte Hundeleine.
„Haben Sie mein Finchen gesehen?“
Finchen war Frau Bleschkes verstorbener Grauhaardackel. Das wusste Hannes von einem der Zivis im Heim.
„N ... Nein, t ... t ... tut mir l ... leid.“
„Oh weh, das ist gar nicht gut, gar nicht gut. Ich muss mein Finchen unbedingt finden. Wissen Sie, mein Finchen hat so schrecklichen Durchfall. Und das ist nicht schön, nein, gar nicht schön. Überall verteilt sie ihre Häufchen, das arme Ding. Kann ja nichts dafür. Oh weh, ich muss mein Finchen unbedingt finden. Oh weh, oh weh!“
„V ... V ... Vielleicht ist s ... sie ja in Ihrem Z ... Zimmer?“
„Sauerkirschen. Ja, die sind daran schuld. Ich hab mein Finchen Sauerkirschen essen sehen. Einfach so hat sie sich auf den Tisch gesetzt. Und ich hab fünf Sekunden mal nicht hingeschaut. Durchtrieben ist dieses kleine Luder. Durch und durch durchtrieben. Ich hab sie gleich geschimpft, als ich sie auf dem Tisch sitzen sah. Sofort hab ich sie angeschrieen und ihr eins auf die Schnauze gegeben. Klar hat ihr das nicht gefallen, gar nicht gefallen. Aber da muss man ganz streng sein. Frau Meierle war nie so streng mit ihrer Lotte. Und was hatte sie davon? Angebissene Sofadecken und lauter Häufchen in der Wohnung. Bei Durchfall ist das was anderes. Mein Finchen kann da ja nichts dafür. Da flutscht das einfach so raus. Und stinken tut das! Furchtbar, ganz furchtbar! Aber was soll ich denn machen? Die Sauerkirschen hat sie jetzt sowieso schon gegessen. Dummes Ding, wirklich! Ach, mein armes Finchen! Wo ist sie denn nur? Haben Sie sie gesehen?“
„Ich g ... glaube, sie i ... i ... ist in Ihrem Z ... Zimmer.“
„Wirklich? Und hat sie dort wieder hingemacht?“
„N ... Nein, ich d ... denke nicht.“
„Gott sei Dank.“
Die Fahrstuhltür öffnete sich.
„Wo sind wir denn?“
„Im v ... v ... vierten St ... t ... tock.“
„Nicht im fünften? Ich muss in den fünften.“
Hannes verabschiedete sich von Frau Bleschke und begrüßte gleich darauf Frau Lempert, die ebenfalls in Begleitung ihres Gehwagens den Fahrstuhl betrat.
„Haben Sie mein Finchen gesehen?“
„Tot ist es, ihr Finchen! Tot!“
„Ja, wirklich?“
„Ja, tot.“
„Aber es hat doch so schrecklichen Durchfall.“
Hinter Hannes schlossen sich die Fahrstuhltüren. Wie erwartet saß Mutje schon auf ihrem Platz. Sie war gerade damit beschäftigt, ihren Latz zusammenzufalten. Beim Vorbeigehen nickte Hannes freundlich den anderen Heimbewohnern zu, die alle samt auf das Abendessen warteten. Dann begrüßte er Mutje. Er musste immer von links an sie herantreten, da sie alles, was rechts von ihr lag, nicht mehr wahrnahm. Hannes streichelte ihr den Arm und beugte sich zu ihr herab. Es dauerte immer einen Augenblick, bis Mutje reagierte. Zuerst hob sie langsam den Kopf und suchte mit ihrem Blick Hannes’ Gesicht. Hannes lächelte nur und wartete geduldig auf eine Erwiderung. Erst in dem Augenblick, in dem Mutje ihn ebenfalls anlächelte, nahm er neben ihr Platz.
„Stoischn gracht dewoi?“
Es kam nur noch selten vor, dass Mutje etwas sagte, das Hannes verstand. Und selbst dann war er sich nicht sicher, ob sie auch meinte, was sie sagte.
„J ... Ja doch. D ... Das hab ich e ... e ... erledigt.“
Als Mutje damit angefangen hatte, Wörter zu benutzen, die keine Wörter mehr waren, versuchte Hannes, herauszufinden, was sie von ihm wollte. Er fragte immer nach. Bat sie um Wiederholung. Erklärte, dass er sie nicht verstand. Doch anstatt sich in ihren Äußerungen mehr zu bemühen, wurde Mutje immer ärgerlicher auf Hannes. Oder aber sie schaute ihn genauso ratlos an wie er sie.
Irgendwann hatte Hannes begriffen, dass seine Versuche zwecklos waren. Es hatte keinen Sinn, sich mit Mutje „normal“ zu unterhalten. Also entschied  er sich eines Tages für die „unnormale“ Variante. Er reimte sich auf ihre Fragen einfach irgendetwas zusammen und antwortete entsprechend darauf. Für Mutje schien das so in Ordnung zu sein. Sie wurde nicht mehr ärgerlich oder schaute völlig ratlos drein. Und so unterhielten sich die beiden einfach, ohne dass am Ende auch nur ansatzweise etwas dabei herauskam.

Früher war Mutje eigentlich keine Frau vieler Worte gewesen. Sie redete nie um den heißen Brei herum. Vielmehr schenkte sie nur jenen Gedanken ihre Stimme, die es ihrer Ansicht nach Wert waren. Ihren Mann verlor sie noch vor Hannes’ Geburt. Er arbeitete als Schornsteinfeger und brach sich kurz nach der Hochzeit beim Herunterfallen vom Dach das Genick. Von da an heiratete sie nie wieder. Männer, die ihr den Hof machten, interessierten sie schlichtweg nicht.
Zu Hannes sagte sie immer, sein Vater sei der einzige Mann für sie gewesen. Keinem anderen hätte sie je wieder ihr Herz schenken können. Hannes bemühte sich ernsthaft, ihr zu glauben. Doch tief in seinem Innern war er der Überzeugung, dass seine Mutter ganz froh darüber war, allein zu sein. Sicherlich war es nicht leicht für sie gewesen, ihren Sohn ohne einen Vater großzuziehen. Aber Hannes war der Meinung, dass sie lieber die harte Arbeit in der Großwäscherei mit all dem Lärm, der körperlichen Belastung und der ausbeuterischen Unterbezahlung auf sich genommen hatte, als sich einem Mann unterzuordnen und dessen Launen zu ertragen. Sie war nicht der Typ, der die Dinge gerne aus der Hand gab. Hannes wusste das nur zu gut. Er lebte noch immer im Haus seiner Mutter und teilte bis vor zwei Jahren den Haushalt mit ihr. Die Aufgaben waren stets klar verteilt. Als Mutje noch in der Wäscherei arbeitete, kümmerte sich Hannes nach der Schule um die alltäglichen Hausarbeiten. Während seine Klassenkameraden Fußball oder Räuber und Gendarm spielten, wusch Hannes die Wäsche, fegte den Boden, ging einkaufen und versorgte die Hühner und Hasen. Wenn dann am Abend Mutje nach Hause kam, kochte sie ihrem Sohn und sich die einzig warme Mahlzeit am Tag. Anschließend tat sie das Übrige an Hausarbeit, damit Hannes seine Schulaufgaben erledigen konnte. Für Hannes war dieser Moment der Schönste des Tages. Sie sprachen zwar kaum etwas miteinander, aber allein dass Mutje da war und das Geschirr abwusch, während er sich am Küchentisch auf seine Aufgaben konzentrierte, machte ihn rundum zufrieden.
Sicherlich hatte Hannes es ab und an vermisst, mit den anderen Buben aus dem Dorf zu spielen. Oft, wenn er zum Wochenmarkt ging, um die Lebensmittel einzukaufen, die Mutje ihm auf einem Zettel notiert hatte, blieb er am Rande des Bolzplatzes stehen. Er beobachtete dann die einzelnen Jungen und bekam schnell ein Auge für ihre Stärken und Schwächen.  
„Es ist besser für dich, keine Zeit mit ihnen zu verbringen. Jungens in deinem Alter kommen nur auf dumme Gedanken. Und ich will mich eines Tages nicht für meinen Sohn dafür entschuldigen müssen, dass er irgendetwas angestellt hat.“
Hannes hatte Mutje noch nie widersprochen. Und er tat es auch in diesem Punkt nicht. Mutjes Meinung war für Hannes die Einzige, die zählte. Er nahm sie einfach so hin und verschaffte ihr kurz darauf Zutritt zu seiner Eigenen.
„Sie würden sich lustig über dich machen, glaub mir! Ich kenn diese Sorte Jungens. Du würdest nie dazugehören. Für die wärst du einfach nur ein dummer Kerl. Also kannst du es auch gleich bleiben lassen.“
Wenn Mutje das sagte, wusste Hannes nie so genau, ob sie sein Stottern meinte oder das erbärmliche Bild, das er als Fußballspieler abgeben würde. Am Ende war es ihm auch egal. Schließlich war er weder auf das eine noch auf das andere stolz. Hätte er allerdings eins von beiden ändern können, Hannes’ Wahl wäre auf sein fußballerisches Talent gefallen. Als toller Fußballspieler wäre er ohne Zweifel bei allen beliebt gewesen. Normal sprechen hingegen konnte jeder. Außerdem würde es sich bei den wenigen Worten, die er sagte, sowieso nicht lohnen.
Nachdem Hannes die Schule beendet und seine Stelle als Briefträger angetreten hatte, hörte Mutje auf zu arbeiten. Von nun an verdiente Hannes das Geld. Anfangs war er stolz und fühlte sich in der Rolle des Versorgers sichtlich wohl. Doch es dauerte nicht lange und der große starke Mann in ihm wurde wieder in die Flucht geschlagen. Für Mutje war Hannes eben noch immer der kleine Bub. Dieses Gefühl gab sie ihm seit eh und je. Selbst jetzt. Selbst hier. Egal ob Hannes ihr die mit Brei verschmierten Mundwinkel abwischte. Egal ob er sie auf ihrem Rollstuhl den Flur entlang schob. Ob er ihren zerbrechlichen und schwachen Körper auf der Toilette festhielt oder sie anschließend sauber machte. Hannes war der Bub seiner Mutter und würde es für immer bleiben.

Vor vier Jahren hatte alles angefangen. Plötzlich schmeckte der Käsekuchen salzig und das Rindergulasch irgendwie nach Karamell. Socken wurden in den Kühlschrank und die Butter auf den Fernseher gestellt. Nachts um drei lief der Staubsauger und Mutje wusste auf einmal nicht mehr, wo sie war, geschweige denn, was sie tat. Vor vier Jahren hieß Hannes plötzlich nicht mehr Hannes, sondern Alfred. Alfred hingegen wurde zu Bernhard und Bernhard war auf einmal Metzger, und als solcher versuchte er Mutje bei jedem ihrer Einkäufe übers Ohr zu hauen. Das jedenfalls erzählte sie Hannes, alias Alfred, immer und immer wieder.
Anfangs hatte er noch versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie sich irrte. Einmal ist er sogar mit ihr zum Metzger gegangen.
„Sch ... schau M ... Mutje! D ... D ... Das ist doch g ... gar nicht der B ... Bernhard!“
„Selbstverständlich ist das nicht der Bernhard! Das ist der Herr Lohmeier. Und ich hätt jetzt gern ein halbes Pfund gefüllten Schweinebauch.“
Und für einen kurzen Augenblick glaubte Hannes, alles sei wieder in Ordnung. Es vergingen viele solcher Augenblicke, ehe Hannes begriff, dass eben nichts mehr in Ordnung war.

S e i t e n z a h l :  160
A u t o r I n :  zur Vita von Martina Spröhnle

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