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Der perfekte Mensch
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Christian Schuh   

E x p o s é :

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Frieder Karthaus ist der erste perfekte Mensch. Das erfährt der Computerfachmann am Morgen seines 30. Geburtstags. Es ist kein Scherz und kein übler Streich, seine Nachforschungen ergeben immer wieder, dass es tatsächlich ein „Staatliches Institut für Charakterbildung und Lebensführung“ gibt. Im Gebäude dieses Instituts lernt er die ebenfalls 30-jährige Christine Langenfeld kennen, die gleichermaßen perfekt sein soll. Die Ereignisse überschlagen sich, als sie gemeinsam nach Lösungen suchen. Sie entdecken ein Mordopfer im Institut und werden kurz darauf der Tat beschuldigt. Ihre Wohnungen werden durchsucht. Trotz oder gerade wegen der Ereignisse verlieben sie sich ineinander. Einige Wochen später ist Christine schwanger, was das Institut keineswegs überrascht sondern sehr erfreut.

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


Kapitel eins
Sein Leben war besser als gut. Es war perfekt. Man hatte es ihm amtlich bestätigt. Er sei sich seiner selbst bewusst und habe sich zu einer authentischen und sozial kompetenten Persönlichkeit entwickelt. Und genau das habe er auch immer gewollt, Perfektion.
„Schwachsinn!“ Im ersten Moment hatte er mit diesem einen Wort zurückgeschlagen. Dann hatte er immer wieder erklärt: „Alles falsch!“ Er könne und werde es einfach nicht glauben. Er habe allenfalls versucht, in seinem Leben möglichst keine Fehler zu machen.
Es spielte keine Rolle mehr. Jetzt war er nicht in der Lage, die Kaffeekanne aufzurichten. Die Brühe lief über den Tassenrand, auf den Unterteller und schwappte auf den kleinen Couchtisch. Er schaute nicht hin, sondern blickte unverwandt zu den vier Menschen, die ihn schweigend beobachteten.
Er hatte endlich einen Menschen gefunden, mit dem er zusammenleben wollte. Er liebte und wurde geliebt. Mehr noch, er würde Vater werden.
Die Vaterschaft war geplant.
Allerdings nicht von ihm. Auch nicht von ihr. Und schon gar nicht von beiden gemeinsam.

Kapitel zwei
„Guten Morgen, mein Name ist Stefan Bäcker vom Staatlichen Institut für Charakterbildung und Lebensführung. Herr Karthaus?“
„Ja,“ erwiderte der Angesprochene, der verschlafen in seiner halbgeöffneten Wohnungstür stand.
„Darf ich eintreten?“
Frieder zögerte, als würde ihm erst jetzt klar, dass er sich nicht mehr in seinem Traum befand; er spürte, wie sich die angenehme Wärme seiner Wohnung mit der kühlen Luft aus dem Treppenhaus vermischte. Dem Fremden musste die Zimmerluft wie eine miefige Wolke vorkommen, schoss es ihm durch den Kopf. Laut scheppernd hantierte irgendwer im Erdgeschoss an den Briefkästen: Sofort hatte er den Postboten vor Augen, der täglich um diese Zeit kam.
Frieder schien zu frösteln, tatsächlich versuchte er aber mit der leichten Schüttelbewegung seine Gedanken und Bilder abzuwerfen. Er musste sich konzentrieren, herausfinden, wer der Fremde war.
Unwillkürlich gestattete er ihm, ein zu treten. Er würde nie genau sagen können, warum er ihn überhaupt in seine Wohnung gelassen hatte. War er überrumpelt worden? War er neugierig gewesen? Oder war der Grund, wie einige Freunde wohl sagen würden, seine „grenzenlose Höflichkeit“? Nur eins war sicher, er war in diesem Moment verschlafen und sehr müde gewesen.
Der leicht korpulente Mann trug einen dunklen Anzug, ein eierschalenfarbenes Hemd und eine farblich dazu kaum abgesetzte Krawatte. Der dunkelbraune Haarkranz war kurz geschnitten und das Gesicht rund. Wären nicht die lebhaften blauen Augen und vor allem die Brille gewesen, so hätte man diesen Mann jederzeit und überall übersehen können. Das fragile Brillengestell hatte metallene Bügel, die mit den Gläsern durch stecknadelkopfgroße Steine verbunden waren. Der eine Stein schimmerte blau, der andere rot.
Auf welcher Seite war der blaue, auf welcher der rote zu sehen? Man müsste sich in die Position des Brillenträgers versetzen, um es sagen zu können. Es war Frieder ein Rätsel, wie Menschen es überhaupt schaffen konnten, rechts und links spontan und ohne Überlegung zu unterscheiden. Er schüttelte sich erneut und schaute seinem Gegenüber kurz in die Augen, blickte dann zur Seite und spürte, wie eng der Flur und wie nah der Fremde ihm gekommen war. Frieder trat beiseite.
Ohne Zögern öffnete der Besucher die Tür zum Wohnzimmer und erklärte dabei freundlich: „Vielen Dank, ich weiß, wo es lang geht. Wir haben immer den Grundriss der Wohnung in unseren Unterlagen, damit wir uns auf unsere Aufgabe vorbereiten und uns bei der Zeugnisübergabe orientieren können. In ihrem Fall habe ich anhand der Akten auch die Einrichtung der Wohnung genau studiert.“
Wie zum Beweis schaute er sich prüfend um. „Ah, da ist ja auch das grünblaue Sofa!“ Er neigte den Kopf zur Seite, als könne er dadurch die Couch besser sehen. „Hm, wenn ich es so betrachte, dann muss ich meine Meinung revidieren. Das Sofa sieht viel besser aus als unsere Abteilung ‚Wohnverhältnisse’ das anhand von Katalogfotos dokumentieren konnte.“ Er wandte sich wieder Frieder zu und deutete dessen verwirrten Blick offenbar als Aufforderung, sich zu setzen.
Was will dieser Mensch? Warum spricht er von dieser Wohnung, als sei sie ein Ausstellungsstück im Möbelhaus?     
„Wer sind Sie?“ Frieder spürte sofort, dass er etwas Unangemessenes gefragt hatte; nichts Verwerfliches oder irgendwie Falsches, nein, eine Verlegenheitsfrage aus Gedankenlosigkeit; ihm fiel wieder ein, dass der Fremde sich vorgestellt hatte. Er war von irgendeinem Institut.
„Es tut mir leid, es war gestern Abend recht spät ...“
Nur durch den Morgenmantel und seine Frisur konnte man bemerken, dass er gerade erst aufgestanden war. Die rotblonden, kurz geschnittenen Haare standen in Büscheln ab, als habe er vergessen, das Haargel zu entfernen. Im Gegensatz dazu gab Frieders leicht sonnengebräunter Teint seinem fast kantigen Gesicht einen frischen, klaren Ausdruck. Da er lediglich einen Slip unter seinem Morgenmantel trug, konnte man einen Teil seiner unbehaarten Brust sehen. Die breiten Schultern verrieten, dass er regelmäßig Sport betrieb. Selbst die unbehaarten Unterschenkel, die aus dem Morgenmantel ragten, wirkten kraftvoll. Er war barfuss.
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, wehrte der Fremde ab. Er sei schließlich unangemeldet gekommen und es sei nur verständlich, dass Frieder überrascht sei. Während er sich langsam von dem Sofa erhob, erklärte er: „Sie sind sehr freundlich und geduldig und das, obwohl sie gestern Abend in Ihren 30. Geburtstag gefeiert haben. Ich hoffe, es war ein schöner Abend. Vor allem aber, darf ich Ihnen an dieser Stelle meinen herzlichen Glückwunsch aussprechen!“
Der Fremde griff nach der Hand seines unfreiwilligen Gastgebers und schüttelte sie leicht. Während er dann umkehrte und sich wieder hinsetzte, sagte er: „Wie gesagt, mein Name ist Stefan Bäcker. Ich komme vom Staatlichen Institut für Charakterbildung und Lebensführung. Ich bin der Außendienstmitarbeiter, der in unserer Stadt die Lebensführungszeugnisse zustellt,“ er rückte sich auf dem Sofa zurecht, „unser Institut beobachtet, kategorisiert und bewertet seit 42 Jahren ausgewählte Bürgerinnen und Bürger. Wir haben genau zehn Kategorien, die wiederum in zehn Unterpunkten spezifiziert sind. Das bedeutet, dass jedes Verhalten von 99 anderen unterschieden und bewertet werden kann. Da sind zunächst die zehn Oberkategorien wie zum Beispiel die ‚Persönliche’ und die ‚Soziale Authentizität’, die ‚sachliche’  und die ‚emotionale Identität’ oder auch die ‚klassischen’ und ‚modernen’ Tugenden. Diese Kategorien haben die Nummern eins bis zehn, wobei beispielsweise die klassischen Tugenden die Nummer fünf erhalten haben. Diese Nummer fünf unterteilt sich dann unter anderem in Ordentlich-, Zuverlässig- und Pünktlichkeit. Die Ordentlichkeit wird als 5.3, die Zuverlässigkeit als 5.4 und die Pünktlichkeit als 5.5 geführt. In allen 100 Kategorien können bis zu zehn Punkte erreicht werden. Das bedeutet eine mögliche Höchstwertung von 1000 Punkten.“
Frieder seufzte unwillkürlich. Obwohl er mittlerweile hell wach war, fühlte er sich wie in einem Traum: Die Erklärungen waren unbegreiflich. Dieser Besucher machte nur in der irrealen Welt der Träume einen wirklichen Sinn. Aufwachen. Er griff mit der rechten Hand an seine linken Arm und kniff zu. Kein Traum. Es war real, der Schmerz bestätigte: Stefan Bäcker hatte auf seinem Sofa Platz genommen.
Frieder konnte nicht sagen, ob sein Besucher das Kneifen bemerkt oder ob dieser beispielsweise gerade in diesem Moment aus dem gardinenlosen Fenster in den kalten, sonnigen Januartag hinausgeschaut hatte.
„Es mag Ihnen sehr befremdlich erscheinen, aber es ist real, es ist wahr – heute bekommen Sie Ihr Lebensführungszeugnis!“ Diesen Worten zufolge hatte Stefan Bäcker ihn genau beobachtet. Er lächelte; auf Frieder wirkte es fast bedrohlich. Oder interpretierte er die Reaktion des Besuchers aufgrund der ungewöhnlichen Situation falsch? War der Mann belustigt?
Es spielte keine Rolle! Frieder musste sich irren, den Schmerz träumen. Er kniff sich nochmals in den Arm, wieder tat es weh. Was geschah hier? Der Fremde grinste, so wissend und abgeklärt!
Das war’s! Plötzlich war alles klar: Peter und Jonas spielten ihm einen Streich zu seinem Geburtstag! Seine beiden besten Freunde wollten ihn hochnehmen! Endlich fügte sich alles zu einem Bild zusammen! Er musste einen Weg finden, seinen Besucher höflich zu entlarven: Es war ein Scherz, eine Überraschung! Er seufzte erleichtert und grinste.
„Sehr richtig, alles ist nur halb so wild ...“, stimmte der Institutsvertreter freundlich zu. Offensichtlich interpretierte er das Lächeln seines Gegenübers anders als es gemeint war, „in Ihrem Fall ist das Ergebnis ja ... unvergleichlich. Gut. Nein, sehr gut.“
Sehr gut? Frieder war so verblüfft, dass sein Blick bei den Hantierungen des Besuchers haften blieb. Dieser hatte seinen Aktenkoffer auf den niedrigen Couchtisch abgelegt und die Schlösser aufschnappen lassen. Niemand konnte zwei Verschlüsse wirklich gleichzeitig öffnen, so dass das gedämpfte Geräusch von Metallischem auf Leder nur einmal zu hören war. Immer musste ein kurzer Zeitunterschied, ein Sekundenbruchteil dazwischen liegen. Wie zwei knallende Sektkorken. Oder Schüsse aus Pistolen.
„Sie gestatten doch, dass wir uns nun den Formalitäten nähern. Keine Sorge, es ist nicht viel: das Zeugnis, eine Einladung und ein Merkblatt. Möchten Sie darüber hinaus etwas über die Geschichte unseres Instituts wissen? Dazu gibt es das Merkblatt H wie Historie, ein Exemplar habe ich immer dabei!“
„Herr Bäcker, ich denke, ich habe jetzt genug gehört,“ entgegnete Frieder freundlich aber bestimmt. Obwohl die Situation jetzt wirklich groteske Formen angenommen hatte, konnte er diesen Besucher nicht kurzerhand hinauswerfen. Der Fremde war ja von seinen Freunden Jonas und Peter engagiert worden. Wenn dieser Scherz auch alles andere als gelungen war, so konnte die Inszenierung trotzdem nicht böse gemeint sein, denn er wusste, dass die beiden Freunde ihn mochten und vor allem sehr schätzten: Frieder wäge immer ab und bedenke stets alle Seiten. Und das dauerte. Vielleicht wirke er deshalb manchmal ein wenig zerstreut und unkonzentriert. Dafür sei aber seine ehrliche und unbekümmerte Art regelrecht entwaffnend. Oder war es einfach dieses unbeschwerte Lachen, jungenhafte Lachen?
Seine Mutter hielt ihn für stur. Sie wurde nicht müde mit dem für Mütter merkwürdigen, gleichermaßen ablehnenden wie anerkennenden Stolz zu erzählen, wie sich ihr Sohn schon im Kindergarten geweigert habe, auf einen anderen Namen als Frieder zu hören. Wurde der Name zu Fritz, Fred oder gar Freddie verändert, habe der Steppke seinen Teddy fester in seinen Arm genommen, gewartet und eisern geschwiegen. Seine Forderung musste so bedingungslos gewesen sein, dass seit dem niemand mehr seinen Namen verkürzt oder abgeändert hatte.
„Ich habe verstanden, der Scherz sollte jetzt allerdings ein Ende haben. Wer hat Sie zu mir geschickt, Herr Kahlenbeck, Herr Meyr oder beide?“
„Nein.“
Der Fremde schüttelte vorsichtig den Kopf, fügte dann hinzu, „Keiner.“, wobei er immer noch den Kopf hin und her bewegte.
„Nein, keiner.“
Er blickte im Wohnzimmer umher, starrte auf die Stereoanlage und die CD-Sammlung, als wolle er sich vergewissern, dass er in der richtigen Wohnung sei. Vom Regal wanderte sein Blick zu dem kleinen Tisch mit dem Fernseher und den darunter abgelegten Zeitschriften.
„Nein“, meinte er dann erneut und blickte Frieder in die Augen, „das ist kein Scherz. Auch wenn es Ihnen jetzt so vorkommen mag. Es ist keine Inszenierung, absolut nicht. Das Institut für Charakterbildung und Lebensführung ist Wirklichkeit, es ist Realität, tagtäglich. Es handelt sich nicht um einen Scherz, wirklich nicht.“
„Aber“, warf Frieder ein, doch der Fremde wischte schon den Beginn des Widerspruchs mit einer Handbewegung fort.
„Kein Aber. Es gibt kein Aber, wirklich nicht,“ Stefan Bäcker war mit einem Mal wieder so lebhaft wie zu Beginn seines Besuches, „wir sagen den Menschen einfach nur, dass ihre Bemühungen mehr oder minder erfolgreich waren, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Wir bescheinigen mit einem Zeugnis, wie gut die Bürgerin oder der Bürger ihr Leben bislang gemeistert hat. Wie gut! Beantworten Sie doch ein mal für sich selbst die Frage, ehrlich: Haben Sie sich nicht insgeheim schon immer so etwas wie unser Institut gewünscht?“
Frieder schwieg, er wusste mit einem Mal nur noch, dass er sich weder bewegen noch sprechen wollte. Er musste neu beginnen. Vielleicht konnte er durch sein bewegungsloses Sitzen und Schweigen den Institutsvertreter in die Welt seiner Träume katapultieren.
„Wir erfüllen Ihren Wunsch, Ihren Lebenstraum, wenn man so will. Wahrscheinlich sind die Menschen nirgendwo so gleich wie in diesem Punkt: Alle wollen für gut gehalten werden, jeder möchte sein Leben so gestalten, dass er als guter, moralischer Mensch angesehen wird. Oder unabhängig von jeglicher Moral gesprochen; man will seinem Leben einen Sinn geben und Zufriedenheit erreichen. Bislang gab es für Sie nur einen Haken. Niemand hat ihr Streben je honoriert. Wie gesagt, wir tun das. Und das seit genau 42 Jahren. Wir haben mittlerweile rund 30.000 Menschen beobachtet, kategorisiert und bewertet. Wir haben einigen Ausgewählten endlich sagen können, dass sein oder ihr Streben nicht umsonst war. Wer sich moralisch, wer sich einfach gut verhält, der muss auch belohnt werden. In gewisser Weise hat unser Institut eine Jahrhunderte alte Tradition. Wir sind, wenn man so will, der positive, der moderne Ablass. Von Verfehlungen konnte man sich früher freikaufen, wieder gut werden. Wir beschäftigen uns mit der anderen Seite der Medaille. Wer den Balanceakt zwischen eigenen Interessen und dem Wohle der Allgemeinheit vollziehen kann, wird mit Punkten belohnt und bekommt eine positive Bewertung. Nebenbei – es ist möglicherweise ein Weg, der Gewalt und der Kriminalität Herr zu werden. Wenn Sie sich näher mit unserem Institut beschäftigen werden, werden Sie dies nachvollziehen können. Positive Verstärkung. Wir schauen nicht auf ihre Sünden, sondern auf ihre guten Taten.“
Dieser Mann musste verrückt sein. Das hatte er nun von seiner Offenheit und seiner Leichtgläubigkeit: Er hatte einen Irren in seine Wohnung gelassen! Vorwürfe halfen jetzt nichts, das Beste war, weiter Ruhe zu bewahren. Nicht widersprechen, sondern einfach zuhören und dann - hoffentlich bald – verabschieden! Hat mich sehr gefreut.
Nichts wie weg hier!
„Würden Sie mich einen Moment entschuldigen, Herr Bäcker, ich möchte mir gerne etwas anziehen.“ Er traute seine Ohren nicht, was hatte er denn jetzt gesagt? Wie verwirrt musste er sein, dass er jetzt diesen Irren auch noch allein lassen wollte? In seinem eigenen Wohnzimmer!
„Selbstverständlich“, entgegnete der Fremde, „ich habe Zeit.“
Frieder wollte bleiben, zögerte, doch sein Gegenüber schmunzelte: „Ich habe Zeit zu haben.“
Er verließ das Wohnzimmer und hastete über den Flur in sein Schlafzimmer. Kein Scherz. Kein Traum. Ein Verrückter!? Er beeilte sich. War er selbst verrückt geworden, diesen Mann allein zu lassen? Wollte er sich bedecken, Schutz durch seine Kleidung erlangen? Ein Zeugnis über das Leben von Frieder Karthaus? Das machte doch keinen Sinn! Er hätte doch irgendwann von diesem Institut hören müssen! Er wunderte sich, dass er trotz der Gedanken- und Fragenflut in der Lage gewesen war, sich seine Blue Jeans und einen schwarz-blau gemusterten Sweater überzustreifen. Gehörte anziehen zu den menschlichen Reflexen oder Instinkten, die automatisch abliefen? Wieder hatte die Nebensächlichkeit den Kern der Sache erschlagen. Als er sein Wohnzimmer wieder betrat, saß der Besucher noch immer auf dem grünblauen Sofa, so, als sei er die vergangenen zwei Minuten dort eingefroren gewesen. So schnell würde dieser Verrückte bestimmt nicht gehen. Er musste handeln. 
„Ich habe noch nie etwas von ihrem Institut gehört, gesehen oder gelesen. Von daher halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass es das Institut überhaupt gibt. Wenn das Ganze also kein Scherz ist, was wollen Sie wirklich von mir?“
„Langsam, langsam“, beschwichtigte Stefan Bäcker höflich, „heute ist Ihr 30. Geburtstag, deshalb bin ich heute und keinen Tag früher oder später gekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeiten wir geheim, so dass sie wirklich nichts von uns wissen konnten. Es sind schon viele Untersuchungen über diesen Geburtstag angestellt worden. Es wurde immer wieder diskutiert, ob der Mensch nicht einfach länger als 30 Jahre für die Entwicklung seiner Persönlichkeit benötigt. Jene, die die Beurteilung nicht an den Geburtstag knüpfen wollten, sind jedoch letztendlich als Flexibilisten in die Geschichte eingegangen. Die Statiker, also die, die sagen, dass man irgendwann einen Summenstrich ziehen muss, haben sich zurecht mit ihrer Auffassung durchgesetzt. Das Argument der Gleichbehandlung, der Objektivität, hat hier letztendlich den Ausschlag gegeben; es hat jeder die gleiche Zeit, 30 Jahre, um etwas aus seinem Leben zu machen.“
„Deshalb sind Sie heute hier und erzählen mir von dem Institut ...“, bestätigte Frieder und versuchte erfolglos einen Schlusspunkt für die Ausführungen seines Gegenübers zu finden. Mit Zustimmung konnte er ihn vielleicht schneller bewegen, sich zu verabschieden.
„Ja. Heute. Niemand soll von der Existenz des Staatlichen Instituts für Charakterbildung und Lebensführung vor seinem 30. Geburtstag erfahren, damit seine Bewertung nicht beeinflusst wird,“ der Beamte setzte zu einem Lächeln an, das sich jedoch in einem Schnaufen verlor, vielleicht weil er begonnen hatte, Frieder genau zu beobachten, „es wird werden, das versichere ich Ihnen. Alle Verwirrung wird sich auflösen. Lassen Sie erst einmal ihr Zeugnis auf sich wirken. Warten Sie einfach ab. Wir stehen Ihnen jederzeit für Ihre Fragen zur Verfügung.“ Er unterbrach sich und fügte an, da Frieder schwieg: „Oder haben Sie jetzt eine Frage?“
Frieder verneinte, schöpfte Hoffnung, bald allein sein zu können. Stefan Bäcker rutschte auf dem Sofa nach vorn, richtete sich auf.
„Sie haben das erreicht von dem Tausende nur träumen können“, begann der Beamte und holte tief Luft, „ich habe schon erwähnt, dass Sie sehr gut bewertet worden sind. Das heißt, es ist eigentlich noch mehr. Sie sind der erste, der die 97 Prozent Marke überschritten hat. Sie sind per definitionem ein nicht nur sehr guter, sondern der erste perfekte Mensch!“
Stefan Bäcker schwieg, er hatte die letzten Worte regelrecht platziert und mit der letzten Silbe einen Schlusspunkt gesetzt. Er wollte ganz offensichtlich seine Worte wirken lassen. Nach einigen Sekunden runzelte er jedoch die Stirn, denn Frieders Reaktion war anders, als er sich das wohl ausgemalt hatte.
Dieser schwieg regungslos und starrte sein Gegenüber bloß an: War er verstorben und stand nun vor dem Jüngsten Gericht? War Stefan Bäcker ein Pseudonym für Gott oder für Petrus? Wenn ja, musste er jetzt demütig sein? Das Fragen war mit einem Mal so mühselig geworden, als würden die Worte aneinander kleben. Nur mit Gewalt konnten sie auseinandergezerrt, alle Silben mussten entkleistert und neu zusammengestellt werden.
„Lassen Sie diesen Erfolg ruhig erst mal auf sich wirken“, meinte der Institutsmitarbeiter leicht verunsichert aber freundlich. Er rutschte nach vorn zur Sofakante, griff in seinen Aktenkoffer und zog einen silbernen Bilderrahmen hervor. „Es ist nicht üblich das Zeugnis gerahmt zu überreichen, aber in Ihrem Fall eine Selbstverständlichkeit. Um es genau zu sagen, wir haben in der Abteilung gesammelt und Herrn Schmitter gewählt, den Rahmen auszusuchen und zu besorgen.“ Stefan Bäcker stockte, es schien, als wolle er noch etwas erläutern. Er räusperte sich jedoch nur, erhob sich dann, trat auf Frieder zu und sagte mit seiner sonoren und freundlichen Stimme: „Meine Gratulation!“
Dabei griff er nach Frieders Hand, drückte sie und überreichte ihm dann das Zeugnis. „Nochmals, herzlichen Glückwunsch.“ Das Zertifikat mit der Überschrift Charakter- und Lebensführungszeugnis bescheinigte Frieder Karthaus als Zahl die Bewertung 97,1 Prozent, in Worten das Urteil: Perfekt.
„Bei unserer Plauderei hätte ich fast vergessen,“ der Besucher griff erneut in seinen Aktenkoffer, „wir haben in der Abteilung auch noch für eine kleines Präsent gesammelt.“ Damit überreichte er Frieder eine Flasche Sekt.
„Danke“, entgegnete dieser reflexartig. Halt sagen, Verneinen, Wegwischen – das war ihm nicht möglich. Es war alles absolut verrückt, irreal, unglaublich ...! Raus hier!
„Ja, also. Ich habe ein letztes Schreiben für Sie. Eine Einladung zu einem weiteren Gespräch. Ihr Kommen ist für uns immens wichtig, denn  schließlich sind sie mit über 97 Prozent der absolute Spitzenreiter, das hat noch nie jemand geschafft!“
„Ja“, sagte Frieder ohne zu wissen, ob dieses simple Wort eine Zustimmung, eine Frage oder was auch immer meinen sollte. Er hätte auch Schinkenbrot sagen können, wenn dieses Wort nicht so viele Silben gegenüber dem schlichten Ja gehabt hätte.
Er nahm den Brief entgegen. Es stimmte, er hatte sich immer bemüht, ein guter, moralischer Mensch zu sein, wie wahrscheinlich jeder, vielleicht hatte er sich auch mal ein Schulterklopfen erhofft. Doch dieser Besuch!
Er sah plötzlich einen Roboter vor sich, der ihm winkte und rief: „Was wünschen Sie bitte? Es wird sofort erledigt!“
Der seelenlose Blechmann hatte sein Gesicht.
Dann sah er sich tot auf einer Bahre liegen.
„Dieser hier! Frieder Karthaus! Der hat perfekt abgeschlossen“, erklärte eine sonore Stimme aus dem Off.
Eine Frauenstimme fragte, ob perfekt denn wirklich tot bedeute?
Stefan Bäcker nutzte das Schweigen, um sich mit zuversichtlichen Worten zu verabschieden. Wie lange das gedauert hatte, konnte Frieder nicht sagen, er hörte nur, wie irgendwann die Wohnungstür ins Schloss fiel. Er setzte sich auf sein grünblaues Sofa, nahm langsam den Rahmen mit dem Zeugnis zur Hand und starrt es an. 97,1 Prozent!
Warum hatte sein vielgelobter scharfer Verstand versagt, warum war er nicht entschlossen und resolut dem Fremden gegenüber aufgetreten? Wieso hatte der Fremde ihn so überrollen können?
Es schellte. Er sprang auf und eilte zur Tür. Er hoffte augenblicklich, es würde nochmals dieser Bäcker sein, der von einem Irrtum, einem Scherz, einem Traum oder was auch immer sprach. Er musste einfach das Ende dieses Albtraums bringen.
Es war der Paketbote, der ein Päckchen zustellen wollte. Noch auf dem Flur riss Frieder es auf, obwohl er wusste, dass es keine Nachricht enthalten konnte, dass der Besucher irreal war!
Also keine Eile, ermahnte er sich, es musste ein Geburtstagsgeschenk sein!
Der Inhalt des Päckchens purzelte zu Boden. Es war kein Geschenk sondern der Gewinn in einem Preisausschreiben.
50 Kondome. An dem Preisausschreiben hatte er nie teilgenommen.
S e i t e n z a h l :  161
A u t o r I n :  zur Vita von Christian Schuh

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