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Aus Liebe zum Tod
Science Fiction/Fantasy
Geschrieben von Stefan Gamperl   

E x p o s é :

bvscifi
 

Michael Schratter arbeitet in einem Kaufhaus, ist frustriert und hat keine Freude am Leben. Als Fary in sein Leben tritt ändert sich sein Leben allerdings vollkommen. Er verliebt sich unsterblich in diesen Wirbelwind der sein Leben durcheinander brachte. An seinem 22. Geburtstag trifft er Lawrence Roalstad zum ersten Mal. Diese Begegnung verändert sein Leben zum wiederholten Male- doch dieses treffen hat folgen die seine Vorstellungskraft sprengen…

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


Alles hat einen Anfang…

Noch vor 6 Monaten dachte ich dass so etwas wie Glück nicht existiert. Ich dachte es wäre unmöglich dass es noch mal besser wird. Ich war deprimiert, frustriert und träge. Die Welt schien mir ungerecht und nicht mehr lebenswert. Schon mit Anfang 20 im Leben so festzustecken, keine Ahnung zu haben wie man das Ruder noch herumreißen kann, machte mich fertig.
Ich hatte im Beruf keinen Erfolg, und mit meiner Familie sprach ich seit meinem 18. Geburtstag nicht mehr. Ich hatte damals meine Sachen gepackt und war ausgezogen. Das haben sie mir nie verziehen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und wollte immer in die Stadt ziehen. Was meine Eltern allerdings unterbunden haben, zumindest bis ich Volljährig wurde.

Ich heiße Michael Schratter. Ich bin knapp 1, 70 m und mit knapp unter 60 Kilo auch ein ganz schönes Leichtgewicht. So sehe ich auch aus, ziemlich dünn, aber dafür bin ich ganz schön zäh. Was mir beim Bundesheer als Ersatz für meine mangelnde Kraft diente. Ich habe hellbraune Haare, die im Kontrast zu meinen haselnussbraunen Augen noch heller wirken. Ich würde nicht so weit gehen mich einen hübschen Kerl zu nennen, aber durch die vielen kleinen Narben die allein schon mein Gesicht überziehen, wirke ich interessant. Die größte Narbe allerdings, die verstecke ich unter einem gut gepflegten Bart. Mein Kinn sähe sonst nämlich aus wie ein Schlachtfeld. Ich bin mal sehr unschön beim Fahrrad fahren über die Lenkstange abgestiegen, und mit dem Gesicht wollte ich bremsen. Nun Ja, sehr unschön jedenfalls, deswegen der Kinnbart.

Morgen feiere ich meinen 22. Geburtstag. Es ist der erste Geburtstag den ich feiere, seit ich alleine Wohne. Ich hatte nie einen Grund zum feiern, und vor allem hatte ich niemanden, mit dem ich feiern konnte. Meine Arbeitskollegen, mit denen ich im Supermarkt zusammen arbeite, mögen mich nicht besonders. Vielleicht weil ich sie auch nicht besonders leiden kann. Freunde habe ich in den 3 Jahren hier keine gefunden. Dabei bin ich sehr umgänglich.
Gut, ich weiß selbst dass ich ein wenig chaotisch, um nicht zu sagen, tollpatschig bin. Aber trotzdem! Ich fühlte ständig nur Ablehnung mir gegenüber. Ich war einfach immer allein.

Und dann kam sie. Sie stürmte wie ein Wirbelwind in mein Leben, fegte die leere hinweg und füllte meine Welt mit Güte und Liebe. Sie kam an einem Freitag ins Geschäft, 10 Minuten vor Dienstschluss. Ein Mädchen das einfach auffällt. Nur ein wenig kleiner als ich, so geschätzte 10 cm, und wunderschöne hellbraune Haare. Ihre Schritte waren so anmutig wie man es selten bis nie sieht.
Und dann ihre Augen- hellbraun, klar, und frei von jeder Angst und jedem Vorurteil.
Ich hatte endlich mal wieder samstags frei und wollte nur noch nach Hause, aber sie wollte unbedingt von mir bedient werden. Was meine Kollegen ziemlich ärgerte. Mich ehrlich gesagt auch, trotz der Tatsache das sie mir gut gefiel. Aber da ich das Geld brauchte, und sie mich doch interessierte blieb ich und beantwortete alle ihre Fragen zu den Fernsehern, die ich mir nicht mal im Traum leisten könnte.
Aber Punkt 7 Uhr verabschiedete sie sich. Sie meinte sie komme ein anderes mal wieder, weil sie mir nicht das Wochenende verderben wolle. Ich war zwar sehr überrascht, so was passiert nämlich nicht oft, schrieb ihr aber trotzdem schnell meinen Namen und meine Personalnummer auf, gab ihr den Zettel und begleitete sie zur Tür.

Während ich mich umzog, ging sie mir schon nicht mehr aus dem Kopf. Und ich bereute dass ich nicht freundlicher zu ihr war. Ich hoffte dass sie wirklich wiederkam. Ich ging gedankenverloren über den fast schon leeren Parkplatz zu meinem Wagen. Einem alten Puch G. Ich liebe dieses Fahrzeug. Es ist alt, verbraucht zwar mehr als genug, ist aber immer zuverlässig.

„Ich bin Fary Falla, falls ich das vorher nicht erwähnt haben sollte. Also eigentlich heiße ich Faraya, meinen Eltern gefällt der Name so gut, kommt aus dem Afrikanischen. Aber ich mag ihn nicht, ich nenne mich lieber Fary, klingt besser, oder?“

Das war ein Wortschwall denn ich nicht erwartetet hatte, sie stand auf einmal vor mir und strahlte mich an. Ich muss ziemlich verdattert ausgesehen haben, denn auf einmal fing sie an zu lachen, konnte sich fast nicht mehr einkriegen. Aber irgendwann habe ich dann doch noch den Mund aufbekommen und wir gingen noch was trinken. Sie erzählte mir dass ihre Eltern den Namen ausgesucht haben, weil sie die Afrikanische Kultur so lieben, und jedes Jahr in Afrika ihren Urlaub verbringen.
Ihr Name bedeutet soviel wie ‚die Erlösung’, und heute glaube ich das auf jeden Fall. Denn bei mir es so. Sie hat mich Erlöst, von meiner Einsamkeit.
Kurze Zeit später wurden wir ein Paar, von da an ging es nur bergauf. Sie zeigte mir mit ihrer unaufhaltsam fröhlichen Art ein Leben das ich nie für möglich gehalten habe.

Nun Ja, und morgen ist es soweit. Mein 22. Geburtstag. Ich bin so nervös wie ein kleiner Junge vor Weihnachten. Sie hat mir versprochen keine große Sache aus meinem Geburtstag zu machen, aber ich bin mir sicher dass sie meine Wünsche diesbezüglich ignorieren wird. Sie liebt Geburtstage. Allein in den letzten 6 Monaten hat sie innerhalb kürzester Zeit für 8 ihrer Freunde Riesen Partys organisiert. Allerdings hatten die alle einen bestehenden Freundeskreis. Ich habe nur Fary. Auch wenn sie mir, so wie ich glaube, mittlerweile die halbe Stadt vorgestellt hat. Nun Ja, man darf gespannt sein. Allerdings würde ich auch einen Staatsempfang überleben, wenn ich nur an ihrer Seite sein darf.

Lawrence’ Geschichte

„Ich komme wieder Veronica, ich verspreche es dir!“, sagte ich, doch sie hörte mir schon nicht mehr zu. Ich sah ihr noch kurz beim weinen zu, und hätte es mir noch beinahe anders überlegt. Doch nach dem so viele tapfere Männer für unsere Sache bereits ihr Leben ließen, konnte ich nicht mehr zurück. Nicht ich, der ich mich viel zu lange meiner süßen Veronica zuliebe zurückgehalten habe.
„Leb wohl!“, flüsterte ich, „ Ich schreibe dir!“, dann schwang ich mich auf mein Pferd und ritt los- dem Kampf entgegen!

Ich war für diesen Kampf geboren, über 2 Meter groß, und mit meinen breiten Schultern durchaus eine einschüchternde Erscheinung. Meine Augen allein konnten einem einen kalten Schauer über den Rücken treiben. Sie waren so Schwarz wie die Nacht. Nur meine Haare waren gelockt und sahen aus wie absichtlich ins Gesicht frisiert. Alles in allem konnte mein erscheinen jemanden jedoch wirklich angst einjagen. Ich wusste das, und ich nutzte es auch immer aus. Denn eigentlich bin ich ein eher ruhiger Mensch, habe mein Leben lang versucht jeden Konflikt, wenn es ging, gewaltfrei zu lösen. Aber in diesem Fall hatte ich keine Wahl.
Narben erzählen Geschichten, sagt man. Also muss man nur in mein Gesicht sehen um genug Stoff für ein Buch zu finden. Von den meisten weiß ich nicht mal woher ich sie habe, sie sind einfach ein Teil von mir.

Wir haben mittlerweile ende Februar im Jahr 1862, nach einigen kleineren Kämpfen bei verschiedenen Einheiten, wurde ich der Einheit von Samuel R. Curtis zugeteilt. Wir waren an der Grenze zwischen Arkansas und Missouri stationiert. Nicht weit vom Pea Ridge entfernt. Hier war das Leben bei weitem nicht mehr so aufregend und gefährlich wie zuvor. Allerdings konnte ich nicht sagen dass es mir hier nicht gefiel. Es war nicht so anstrengend wie die ständigen Märsche (mein Pferd durfte nicht mit in die Schlacht, ich bin nur einfacher Infanterist), allerdings waren die Wachen höchst unangenehm.
Man hatte die Verantwortung für die Sicherheit von allen Kameraden. Jedes mal wenn ich mich wieder einmal auf die Lauer legte, dachte ich über die Rangfolge in der Armee nach.  Ich, als einzelner, als Soldat, war im Kampf nur für mich und die Kameraden unmittelbar neben mir verantwortlich. Hier, bei der Wache schon für das gesamte Lager. Und das umfasste immerhin 11.000 Mann. Aber jemand der den Befehl über all diese Männer hat, der sie zum Ruhm, oder in den Tod, führen kann, hat diese Verantwortung ständig. Immer. Ob er wach ist oder schläft. Das wäre nichts für mich. Ich bin lieber einfacher Soldat, immer zum Kampf bereit, als General, immer bereit die Schuld zu ertragen.

Heute Nacht hatte ich wieder Wache. Von Mitternacht bis zum Morgengrauen. Diesen Teil der Wache mochte ich nicht besonders, ich war immer viel zu abgelenkt wenn die Sonne ihren sanften Schein über dieses Tal warf. Es war einfach zu schön anzusehen, und verleitete mich immer zum träumen. Von meiner Veronica zum Beispiel. Wir sind zusammen aufgewachsen, Als wir größer wurden, und feststellten dass wir zusammengehörten, bat ich ihren Vater um ihre Hand. Er hat meinem werben gerne nachgegeben.
 Er mochte mich wegen meiner entschlossen art und weise mit Problemen Fertig zu werden. Allerdings hat mich diese Eigenschaft auch in diesen Krieg getrieben. Wenn ich mich für etwas entschieden habe, von dem ich noch dazu überzeugt bin dass es richtig ist, tat ich alles um diesen Entschluss auch in die Tat umzusetzen.
Ich liebe sie mehr als mein Leben, und um sie und ihre Freiheit zu beschützen habe ich mich freiwillig gemeldet. Als ihr Vater das erfahren hat, wollte er mir jeden Kontakt zu ihr verbieten. Er war außer sich vor Zorn. Aber ich konnte ihm meine Gründe greifbar machen, und am ende hat er es doch noch verstanden. Auch wenn er es nicht billigte.
Ach, wie sehr sie mir fehlte… Ihre sanftes Schwarzes Haar, das sie gerne zu einem Zopf geflochten hatte, ihr Duft, der mich immer an eine Blumenwiese erinnerte, einfach ihr ganzes Wesen, ihre Schönheit… Sie! In solchen Momenten konnte ich sie spüren, mir war fast so, als wäre ich nicht hier, in Gefahr und einsam, sondern bei ihr, wo ich sicher war und geborgen. Ich bereute es keine Sekunde dass ich in diesem Krieg kämpfte, nur dass ich nicht bei meiner Veronica sein konnte. Mit jedem Brief den ich ihr sandte vermisste ich sie mehr. Ihre Briefe drückten wie meine nur noch Sehnsucht aus. Es war jetzt schon ein halbes Jahr her dass ich sie zuletzt gesehen habe.

Während ich so vor mich hinträumte, hörte ich auf einmal ein leises knacken. Wie vom Blitz getroffen lag ich da, bis aufs äußerste angespannt. „Was war das?“, dachte ich und lauschte angestrengt in die Dunkelheit hinaus. Da sah ich eine dunkle Gestalt geduckt zwischen den Bäumen heranschleichen. Es sah nach geübten Bewegungen aus. Das war eine Person die dass schleichen und heranpirschen beherrschte. Sie kam fast in gerader Linie auf mich zu, und eigentlich hätte sie schon längst mein Herz klopfen hören müssen. Es war so unglaublich laut in meinen Ohren, ich konnte nicht mal mehr die Schritte dieser geschmeidigen Gestalt auf dem trockenen Waldboden hören. Sie schlich vielleicht einen Meter an mir vorbei, und ich ergriff diese Chance. Fast augenblicklich und lautlos war ich auf den Beinen, richtete mein Gewehr auf die Person vor mir und zischte gut hörbar aber leise genug falls sie nicht allein sollte:
 „Halt, eine falsche Bewegung und das war’s für dich!“. Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen spannte ich zeitgleich den Hahn. Die Person blieb augenblicklich stehen, rührte sich nicht mehr. Selbst auf diese kurze Entfernung konnte ich nur schwach ausmachen, dass es sich hier um einen Mann handelte. Ich hörte ein überraschtes glucksen, und dann eine vertraute Stimme: „Lawrence, bist du das? Mann hast du mich vielleicht erschreckt!“  „Peter?“ fragte ich erleichtert,
„Kannst du dich nicht tagsüber anmelden wie jeder andere nicht lebensmüde Soldat auch?“. „Könnte ich schon, aber dann hätte ich nicht feststellen können dass du mittlerweile so gut bist dass du sogar mich abfangen kannst. Gut gemacht!“ Jetzt drehte er sich langsam um, und ich ließ die Waffe sinke. Jetzt erkannte ich ihn auch ohne seine Stimme zu hören. Ich konnte sein hämisches Lächeln selbst in dieser Dunkelheit beinahe sehen. Peter hatte sich zeitgleich mit mir freiwillig gemeldet, um, wie er sagte, diesen ’Ratten’ im Süden Respekt vor unseren Schwarzen Mitbürgern einzutrichtern.
Er war ein großer Drahtiger Mann um die 50. Seine Wettergegerbte Haut war ledern, und gelblich. Selbst seine Zähne hatten einen gelblichen Ton, der den Sternen alle Ehre machte. Er war sicher um einen Kopf kleiner als ich, und nicht so breit gebaut. Aber er hatte andere Qualitäten. Er war in der Natur aufgewachsen, hatte mit Indianern zusammengelebt, sich von der Jagd ernährt. Und für sein alter war er noch erstaunlich fit. Ich habe in meiner gesamten zeit beim Militär keinen Mann kennen gelernt der sich so geschmeidig an sein Ziel heranschleichen konnte wie er. Er hatte einfach ein Leben lang Erfahrung darin.
Er hatte mir viel darüber beigebracht, aber ihm konnte ich noch lange nicht das Wasser reichen. Aber er hörte nie auf mir dinge beizubringen, auch wenn ich mich noch so dumm anstellte. Er war fast wie ein Vater zu mir. Mit seiner arroganten Art machte er sich aber nicht nur Freunde unter unseren Kameraden.
„Was ist jetzt Lawrence, darf ich durch, oder knallst du mich dann ab wie einen Büffel der vergessen hat wie man wegrennt?“
„Ach Peter, natürlich wird’ ich dich nicht abknallen.“ Manchmal konnte er auf seine Art auch ganz schön nerven.
„Lauf schon. Aber erzähl mir später was du überhaupt da draußen getrieben hast!“ Schließlich bin ich auch neugierig.
„Aye- Aye Käptn, wird erledigt!“ Und schon war er verschwunden. So schnell wie er aufgetaucht ist, war er auch wieder weg. Gnadenlose Körperbeherrschung hat er es mal genannt.

Am nächsten Morgen saß ich gerade beim Frühstück am Lagerfeuer, als Peter sich plötzlich neben mich setzte. Er hatte sich extra Vorsichtig angeschlichen, um die Schwarte dass ich ihn gestern erwischt habe wieder auszuwetzen. Typisch Peter.
„Na Jungchen, hat dir die Wache gestern noch ein wenig Freude bereitet?“ fragte er in einem scheinbar unschuldigen Tonfall.
„Natürlich, wie könnte ich auch schlecht gelaunt sein nach dem ICH gestern DICH erwischt habe!“ antwortete ich in genau demselben Tonfall.
„Aber lassen wir das jetzt. Was war gestern los? Wo warst du?“ Die Ungeduld in meiner Stimme war wohl nicht zu überhören, denn er antwortete fast gelangweilt.
„Ich? Also, ich war nur ein wenig im Wald spazieren. Was soll ich denn sonst in von Feinden besetztem Gebiet machen?“
„Also warst du auf Erkundungstour?“
„Ja natürlich kleiner Mann!“ Er wusste, ich hasste es wenn er mich so nannte.
„Ich war ein wenig im Lager der verdammten Südstaatler unterwegs. Die sind keinen Tagesritt mehr von uns entfernt.“ Er sprach weiterhin noch gelangweilt, und ich sah im an dass er es genoss.
„So nah sind sie schon? Wissen sie denn dass wir hier sind?“ Ich war auf einmal furchtbar aufgeregt.
Er senkte seine Stimme: „Ja, und sie haben vor uns anzugreifen. Nicht mehr lange bis es soweit ist. Aber mehr kann ich dir jetzt nicht erzählen. Sei wachsam, und warte auf deine Befehle. OK?“. Er sprach selten so verschwörerisch, aber ich nickte nur: „OK!“, und ließ es damit gut sein.
Die nächsten Tage waren sehr anstrengend. Die Wachen wurden verstärkt, und jeder kam somit öfter an die Reihe. Die befehle wurden uns in kleinen Gruppen aufgetragen und genauestens erklärt. Es war eigentlich sehr einfach. Die Konföderierten wollten uns in den Rücken fallen, und wir mussten uns nur von Anfang an darauf einstellen. Was natürlich einen Riesen Vorteil für uns darstellte. Sie glaubten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, dabei hatten wir ihn. Wir wussten dass sie kamen, aber nicht wann. So waren wir natürlich die nächsten Tage noch angespannter als zuvor.
Am 7. März war es dann so weit. Im Morgengrauen zerriss unser Artilleriefeuer die Stille. Menschen schrieen, Der Geruch von Pulver und Blut lag in der Luft. Ich hörte den Kriegsschrei eines Indianerstammes, konnte ihn aber nicht zuordnen. All das spielte sich an unsere Linken flanke ab, ich konnte es nur hören, aber ich sah nichts davon. Das war schlimmer als dabei zu sein. Innerhalb von Sekunden brach die Hölle los. Cherokee- Indianer rannten an mir vorbei, jetzt da ich sie sah konnte ich sie gut erkennen. Ihnen entgegen liefen allerdings Konföderierten- Truppen, die sie aufhielten und uns auf den Hals hetzten.

„FEUER FREI! Haltet diese verdammten Rothäute fern!“, der Befehl war laut wurde augenblicklich umgesetzt. Der Lärm den unsere Gewehre verursachten war  beinahe so Ohrenbetäubend wie das Feuer aus unseren Kanonen. Wir feuerten, luden nach, feuerten und luden nach. Bereits nach kurzer Zeit mussten wir allerdings erkennen dass wir hier auf verlorenen Posten kämpften. Die überzahl war zu groß, als dass wir sie auf Distanz halten konnten. Im Gegenteil, sie durchbrachen immer wieder unsere Reihen, drängten uns zurück. Ich sah Freunde und verbündete auf der Erde liegen, die sich entweder nicht mehr rührten, oder, was sogar noch viel entsetzlicher war, ihren Schmerz laut hinausschrieen.
Die Schreie hörten immer auf als die Südstaatler über sie hinwegfegten. Es war furchtbar. Wir wussten, wenn sie uns erreichen werden sie keine Gnade zeigen. Gleichzeitig war uns bewusst, dass wir sie uns nicht ewig vom Leib halten konnten. Es war ein Kampf der verzweifelten. Und viele fielen neben mir. Und jedes Mal wenn mein Kugel ihr Ziel mit einem dumpfen Aufschlag, mal von einem lautem, mal von einem leisem überraschten Schmerzensschrei begleitet, erreichte lächelte ich grimmig in mich hinein. Wenigstens nehme ich so viele mit wie möglich.

Wir hatten uns schon soweit zurückgezogen, dass die Schlacht eigentlich schon als verloren gelten musste. Und dennoch kam auf einmal ein Reiter auf uns zugesprengt. Er schrie aus Leibeskräften: „ ZUM ANGRIFF! ZUM ANGRIFF! VORWÄRTS; TREIBT SIE ZURÜCK!“ Dann fiel er leblos vom Pferd. Ein Pfeil ragte aus seinem Hals.

Wir sahen uns nur an, glaubten nicht was wir da hörten. Das musste einfach nur ein schlechter Scherz sein. Oder der Befehl eines verrückten. Aber Peter war schon auf den Beinen und lief los, dem Feind entgegen. Das Bajonett glänzte in der Sonne. Es sah beeindruckend aus. Und wir waren so beeindruckt, das wir ebenfalls unsere Bajonette aufsetzten und Peter in den sicheren Tod folgten.

Doch zu unsere großen Überraschung trafen wir kaum auf widerstand. Nur vereinzelt wurde noch geschossen, größtenteils wurden wir mit Säbeln und Tomahawks angegriffen. Und auf einmal begriffen wir: Ihnen ging die Munition aus. Unbewusst hatten wir unseren Gegnern durch unseren weiten Rückzug die Munitionszufuhr abgeschnitten. Wir waren euphorisch. Sollten wir aus diesem Todeskessel etwa doch noch als Sieger hervorgehen? Wir metzelten sie jetzt nieder, wie sie es vorher mit unseren Kameraden taten. Wir liefen einfach über sie hinweg, gierig auf den bevorstehenden Sieg. Und dann sah ich Peter mit einem der verstreuten Indianer Kämpfen. Ich machte mir keine Sorgen um ihn. Er hatte selbst diesen Kindern des Krieges mehr entgegenzusetzen als diese abwehren konnten. Aber was war das? Ein Schatten hinter ihm. Abrupt blieb ich stehen, drehte mich um und lief so schnell ich konnte zu ihm. Ich hatte jetzt selbst keine Munition mehr, aber mein Bajonett war Scharf, und ich war schnell. Aber ich war mir nicht sicher ob ich schnell genug sein würde. Aber ich erreichte den Indianer der sich von hinten an Peter heranpirschte noch Rechtzeitig, und warf mich auf ihn.
Er war viel stärker als ich erwatet hatte. Er stolperte nur ein wenig, fing sich aber sofort wieder und griff jetzt mich an. Mit welcher Geschwindigkeit seine Hiebe jetzt auf mein Gewehr einprasselten. Ich hatte angst es würde zerbrechen und er würde mir mit seinem Tomahawk den Schädel Spalten. Ich ging rückwärts vor seinen unaufhaltsamen und immer stärker werdenden hieben in Deckung. Während ich allein von der Anstrengung der Verteidigung schon aus der Puste war, atmetet dieser Indianer noch so ruhig als würde er einen Spaziergang im Wald machen.
Plötzlich fiel mir wieder ein warum die Cherokee- Indianer so gefürchtet waren. Sie waren ausdauernde Kämpfer, hörten nur auf wenn sie siegten oder starben. Da passierte es, ich stolperte über eine Baumwurzel, und kam mit einem knackenden Geräusch auf etwas hartem auf. Ich wusste sofort dass ich mir etwas gebrochen hatte, denn ein rasender Schmerz durchzog mich vom Becken bis zum Hals. Der Indianer stand bedrohlich über mir. Bevor er jedoch den tödlich hieb ausführen konnte war Peter neben ihm, und er kämpfte nun um mein Leben. Ich war mir jedoch sicher dass er ihn nicht besiegen konnte. Ich kämpfte mich unter Schmerzen hoch, und sah mich fieberhaft um. Irgendwo musste doch noch ein Gewehr mit einer Kugel drin herumliegen.

Endlich fand ich ein geladenes Gewehr, richtete mich auf, und versuchte auf diesen verdammten Indianer zu zielen. Ich sah weder ihn, noch Peter. Ich sah nur einen Tomahawk. Geschmeidig zerschnitt er die Luft, surrte lautlos auf mich zu. Ich spürte wie mein Schädel barst, Blut das mir ins Gesicht lief. Hörte den Tomahawk mit einem lauten Krachen in den Baum hinter mir einschlagen. Ich wusste dass ich jetzt sterben werde. Ich sank auf die Knie. Dieser Indianer hat mich getötet. Das heißt, auch Peter war tot, sonst hätte er mich nicht angreifen können. Ich bedauerte dass ich Peter nicht retten konnte. Mehr als meinen eigenen kurz bevorstehenden tot. Was ich am meisten bedauerte, war dass ich mein versprechen gegenüber Veronika nicht halten konnte. Ich werde nicht zurückkommen. Bei diesem Gedanken wurde ich fast wahnsinnig. Mir wurde klar, dass ich sie nie wieder sehen werde. Sie nie mehr berühren, riechen, spüren werde. Und es erfüllte mein Herz mit einer Trauer die den Tod noch um ein vielfaches schlimmer machte.
Ich roch den feuchten Waldboden, das grün des Waldes… Dann sah ich ihr Gesicht vor mir, so klar dass ich meine Hand ausstreckte um sie zu berühren. In diesem Moment hatte ich keine Schmerzen mehr. So ist es also zu sterben? Der einzige Schmerz den ich verspürte, war der in meinem Herzen. Meine Veronica, was wird nur aus ihr? Wer wird ihr die traurige Nachricht überbringen? Wie wird sie es aufnehmen?
Ich nahm einen letzten Atemzug, fiel vornüber, und mir wurde endgültig Schwarz vor Augen. Es war vorbei…




Mein letzter Geburtstag

Ein Blick auf die Uhr sagte mir dass ich mich beeilen musste. Ich war noch nicht fertig, und in 20 Minuten kommt Fary. „Verdammt!“ murmelte ich, das Blut tropfte aus dem Schnitt den ich mir gerade selbst zugefügt habe. Jahrelange Erfahrung, und ich konnte mich noch immer nicht richtig rasieren. Ob ich es wohl je schaffen würde? Ich rasierte mich fertig, stutze meinen Bart noch mal zurecht, und wusch mir das Blut aus dem Gesicht. Dann zog ich meinen neuen Anzug an, legt die Lila Krawatte um die mir Fary geschenkt hatte, und kam mir so richtig lächerlich vor. Es sah einfach zu gut aus, das war ich nicht gewohnt. Ich sah einen richtig eleganten Mann im Spiegel. „Wow!“ dachte ich, „Ich bin gespannt was Fary dazu sagen wird!“, und grinste. Mir verging das Grinsen als mich umdrehte, und meinen Blick durch die zwei Zimmer schweifen ließ die sich meine Wohnung schimpften. Das kleine Bad, kaum genug Platz um sich umzudrehen, eine traurige Erscheinung alles in allem. Ich konnte mir nicht erklären wie Fary es schaffte meine Wohnung als etwas zu sehen, was sonst niemand sehen konnte. Einen Platz zu schlafen- nicht mehr. Nicht die Traurigkeit die sich hier in die Tapeten gefressen zu haben scheint zu spüren. Es einfach zu übersehen das ich mich dafür schämte. Sie ist einfach einzigartig.

Das schrillen der Türglocke riss mich aus meinen trüben Gedanken, ich wurde augenblicklich fröhlicher. Fary ist da! Die zwei Schritte bis zur Tür nahm ich auf einmal, öffnete sie, und war überwältigt. Sie sah atemberaubend aus. Ihre Haare hatte sie zu einem eleganten Knoten im Nacken zusammengebunden, und ihr fließendes Weinrotes Kleid betonte ihre Kurven in einer Weise die einem Mann den verstand Rauben konnte.
„Wow!“, mehr brachte ich nicht raus. Sie lächelte schüchtern, drehte sich einmal im Kreis, was mich noch mehr verwirrte. Das Kleid ging bis zum Boden, wo es fließend auseinander fiel. Den Rücken ließ es frei, fast bis zu ihrem süßen Po. Ich habe noch nie ein hübscheres Mädchen gesehen.
„Ich gefalle dir also, hm?“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung. „Du siehst aber auch fabelhaft aus. Die Krawatte steht dir gut!“
„Du erst, du siehst wunderschön aus!“ Das war die Wahrheit, mehr musste ich nicht sagen. Sie kam auf mich zu, und küsste mich ganz leicht, ich nahm sie in den Arm, und zog sie fest an mich.
„Wie habe ich nur so eine Traumfrau verdient?“ fragte ich.
„Denk nicht immer so viel nach, lass uns lieber gehen. Ich hab eine Überraschung für dich!“ Sie grinste, wand sich aus meinem Arm und zog mich an der Hand aus der Tür. Als wir auf der Strasse waren fragte ich: „Wo gehen wir eigentlich hin?“.
„Lass dich doch einfach überraschen, es wird dir sicher gefallen.“.
Misstrauisch sah ich sie an, ließ es aber auf sich beruhen. Sie würde sowieso nichts verraten. Wir schlenderten Hand in Hand durch die Strassen. Es war ein lauer Sommerabend, zwar ein wenig bewölkt, doch angenehm warm. Wir waren noch nicht mal 10 Minuten unterwegs, da hielt sie an, drehte sich zu mir um und sagte: „So, mach die Augen zu mein Schatz!“. Ich lachte. „Ja, dann sehe ich doch nicht mehr wo wir hin gehen! Und dann falle ich sicher hin.“. Sie überdrehte die Augen. „Erstens ist es Sinn der Sache dass du nichts siehst, und zweitens wirst du nicht fallen.“. Ach ja, und warum bist du dir da so sicher?“. „Ganz einfach, weil uns hier gleich jemand abholen wird.“. Noch während sie das sagte sah ich am ende der Strasse ein paar Scheinwerfen auf uns zukommen. „Du hast das wirklich perfekt geplant, hm?“ Sie nickte und lachte. „Ja aber natürlich. Du bist nämlich ganz schön schwer zu überraschen, da musste ich mir ja mühe geben!“
Jetzt hielt der Wagen direkt vor uns. Es war ein altes Ford Mustang Cabrio, am Steuer saß ihr Bruder Philipp. Ich mochte ihn, er hatte eine irrsinnige Leidenschaft für diese alten Schlitten. Als gelernter Mechaniker war es ihm ein leichtes sie selbst zu restaurieren. Und er machte seine Sache wirklich gut. Allein im letzten halben Jahr hat er 3 fast Schrottreife Wagen gekauft. Nach dem er fertig war sahen sie alle aus als wären sie gerade in der Fabrik vom Band gefahren.
„Hi Philipp. Der Mustang ist ja schon fertig. Sieht spitze aus.“.
„Danke Michael. Hat auch ne’ schöne Stange Geld gekostet die ganzen Originalteile zu besorgen.“. Auch wenn sie immer versuchten es mich nicht spüren zu lassen, wusste ich auch ohne das er es sagte das die beiden über ein ganz schönes Vermögen verfügte. Ihre Eltern sind beide Ärzte, noch dazu ganz schön erfolgreiche.
„Hey Schwesterherz, bin ich pünktlich?“.
„Ja bist du, tu nicht so als ob du das nicht wüsstest! Aber egal, Michael, rein ins Auto, jetzt geht’s Los. Und Augen zu! Aber da ich weiß dass du schummeln wirst, habe ich noch etwas besorgt.“. Sie verband mir die Augen so sorgfältig, dass ich wirklich nichts mehr sehen konnte.
„Sehr wohl Madame!“ Sie setzte sich neben mir auf die Rückbank, und Philipp gab gas. Da ich meine Augen geschlossen hatte sah ich aber nicht wo es hin ging, was mich außerordentlich nervös machte. Ich spürte wie der Wagen sich geschmeidig durch die Strassen bewegte, wir bogen mehrmals ab, dann hielten wir an, Wir waren kaum 20 Minuten gefahren.
„Darf ich die Augenbinde jetzt abnehmen?“. Ich fragte obwohl ich die Antwort schon wusste.
„Nein, aber nicht mehr lange. Nur noch ein paar Minuten.“ Sie nahm mich bei der Hand und bugsierte mich aus dem Auto, während ich immer unruhiger wurde.
Während ich noch über die bevorstehende Überraschung nachdachte wurde es plötzlich wärmer. Bestimmt sind wir gerade in ein Haus gegangen. Wir fuhren mit einem Lift ziemlich weit nach oben, gingen noch ein paar Stufen weiter nach oben.
„Augen zu lassen!“, sagte sie, und zog mir gleichzeitig die Augenbinde ab.
„Wann darf ich endlich gucken?“, meine Stimme war ungeduldiger als ich wollte, was mit einem zufriedenem glucksen von meiner Rechten honoriert wurde. Von meiner Linken hörte ich Philipp: „Also doch neugierig, hm?“, Er lachte.
„So, Augen auf!“, es war Fary’s Stimme. Was ich dann sah, überraschte mich wirklich.

Wir standen auf dem Dach eines Hochhauses, am Rand waren rundherum Girlanden und Laternen aufgehängt. Von hier oben konnte man sogar die Sterne funkeln sehen, die ich unten auf der Strasse noch vermisst hatte. Es sah wunderschön aus. In der Mitte stand Fary neben einem wunderbar romantisch gedeckten Tisch. Kerzen, Rosen, das ganze Paket. Ein wenig abseits stand ein Grill, auf den sich jetzt Philipp stürzte. Er band sich eine Schürze um, und grinste mich an.
„Was sagst du? Gefällt es dir?“. Fary sah mich strahlend an.
„Ich bin überwältigt!“. Sie kam zu mir, küsste mich. Ich nahm sie in den Arm. „Danke!“ Sie nahm meine Hand, zog mich zum Tisch, und wir setzten uns gegenüber. Eine Flasche Rotwein stand da, und Philipp warf 2 Steaks auf den Grill. Das Fleisch brutzelte vor sich hin, es roch himmlisch. Wir aßen was uns Philipp kredenzte, er machte seine Sache so gut dass ich mir sicher war Fary hatte ihm genau gesagt was er tun sollte. Der Wein passte ausgezeichnet zum Fleisch, es war einfach perfekt. Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Ich achtete nicht mehr auf Philipp, der geschäftig umher rannte. Fary rutschte jetzt etwas nervös auf ihrem Sitz hin und her.
„Was hast du denn? Du wirkst etwas angespannt?“, fragte ich, und ich merkte wie ihr noch unbehaglicher zumute wurde.
„Ähm, ich weiß ja, du wolltest nicht das ich eine große Sache aus deinem Geburtstag mache…“. Jetzt wurde ICH unruhig. „Ja, ich erinnere mich daran so etwas gesagt zu haben!“
„Nun, ich fürchte ich muss dich jetzt etwas enttäuschen. Ich hab noch ein paar Leute eingeladen, die ersten sollten in etwa 10 Minuten kommen.“
Gut, ich hatte damit gerechnet. Dass sie mir diese Schonfrist mit diesem wundervollen Essen nur mit ihr gewährte, besänftigte mich allerdings.
Ich lächelte sie an. „Ist schon in Ordnung, das ist mit Abstand der schönste Geburtstag denn ich je hatte. Da können ruhig noch ein paar Leute kommen. Danke meine süße!“ Jetzt lächelte sie wieder, strahlte förmlich.
„Also hab ich dir deinen Geburtstag nicht vermiest?“ Sie klang trotzdem noch ein wenig misstrauisch.
„Nein, du hast mir einen unvergesslichen Geburtstag geschenkt. Ich Liebe dich!“ Erschocken sah ich auf. Es war die Wahrheit, aber bis jetzt haben wir es noch nicht gesagt. Aber sie sah nicht erschrocken aus. Im Gegenteil, sie stand auf, kam zu mir und setzte sich auf meinen Schoß. Sah mich mit ihren großen Augen an, strahlte dass es die Sonne in den Schatten stellen würde und sagte: „Ich liebe dich auch!“. Dann küsste sie mich. Es war ein langer, zärtlicher Kuss. Mir wurde ganz warm. Als sie sich wieder von mir löste, strahlte sie immer noch, nur ihre Wangen hatten eine ganz zarte röte. Ich war mir sicher dass es mir genauso ging. Es war der Perfekte Augenblick.
Langsam kamen die ersten Gäste. Es waren alles Freunde von Fary. Ich fand es eigentlich ganz nett dass sie alle kamen um meine Geburtstag zu feiern, auch wenn ich Partys eigentlich nicht so mochte. Ich schüttelte Hände, sah viele freundliche Gesichter, und war einfach glücklich. Keine Ahnung ob sie alle wegen mir kamen oder wegen der hübschen, beliebten  Gastgeberein, aber ich merkte dass sie mich akzeptierten. Sie waren nett zu mir, und wir hatten zusammen Spaß. Hätte nie gedacht dass ich so viel Spaß haben könnte. Ich sah mich um, es war ein richtiger Menschenauflauf geworden. Sozusagen ein rauschendes Fest, Fary hat es wirklich drauf ein Fest zu organisieren.
Mir fiel auf dass ich Fary schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte, und beschloss sie zu suchen. Weit kam ich allerdings nicht. Es waren einfach zu viele Gäste hier, die mich alle für ein paar Minuten in Anspruch nahmen. So viel Aufmerksamkeit war ich zwar nicht gewohnt, aber es gefiel mir. Endlich konnte ich mich ein wenig zurückziehen um meinen Schatz zu suchen. Aber ich hatte sie unterschätzt, denn plötzlich gingen alle Lichter aus. Bis auf einen Scheinwerfer der mich direkt anstrahlte, und somit in den Mittelpunkt stellte. Ich spürte wie ich rot wurde. „Rede, rede, rede!“. Diese rufe gefielen im Gegensatz zum bisherigen Abend ganz und gar nicht. Ich war zwar wortgewandt, doch die meisten anwesenden kannte ich nur beim Vornamen. Und ich war in diesem Moment so nervös das ich wahrscheinlich nur ein paar Worte stammeln und mich somit völlig blamieren würde.
Doch plötzlich ging etwa 5 Meter entfernt noch ein Scheinwerfer an. Genau wie alle anderen war auch ich sprachlos bei dem Anblick. Den das helle Licht schien nicht von dem Scheinwerfer zu kommen der Fary anstrahlte, sondern Umgekehrt. Es schien als würde sie die Umgebung erhellen.
Vor stand ein kleiner Rollwagen, darauf, wie konnte es anders sein, ein Torte. Schokolade mit Rumkugeln als Verzierung. Sie wusste wirklich was ich mochte. So gut kannte sie mich inzwischen. Auch ohne nachzuzählen wusste ich dass es genau 23 Kerzen waren. 22 für die Jahreszahl, und eine Lebens- Kerze. So gut kannte ich sie.
Sie kam auf mich zu, ein strahlendes Lächeln im Gesicht.
„Hallo Freunde, danke dass ihr alle gekommen seid um Michael’s Geburtstag zu feiern. Und jetzt bitte ich um vollen Einsatz!“.
„Happy Birthday to you…!”, und alle stimmten ein.
Während sie sangen schob sie den Wagen langsam auf mich zu. Als sie fertig waren applaudierten alle. Fary küsste mich auf die Wange, und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag mein Schatz, blas deine Kerzen aus, du darfst dir was wünschen!“
Ich sah sie an, glücklich wie nie in meinem Leben, dann sah ich auf. „Danke dass ihr alle gekommen seid. Einige von euch kenne ich inzwischen ziemlich gut, und an alle anderen, ich hoffe wir lernen uns noch besser kennen. Allerdings muss ich euch enttäuschen. Ich werde die Kerzen zwar ausblasen, aber wünschen werde ich mir nichts.“. Ich legte einen Arm um sie. „Denn unsere Bezaubernde Fary hier, hat mir bereits alles geschenkt was ich mir nur wünschen konnte. Ich danke dir für diese wunderbare Party.“. Bei meinen Worten wurde sie wieder rot. Dann blies ich die Kerzen aus, was wieder von stürmischem Applaus begleitet wurde.

Wir standen zusammen bei der Stiege und verabschiedeten unsere Gäste. Vielen merkte man ab dass sei ein wenig zu tief ins Glas gesehen haben, was die Sache viel lauter und lustiger machte. Einige Gäste werden für den Rückweg wohl länger brauchen als andere. Bei diesem Gedanken musste ich Grinsen. Als alle gegangen waren machten auch wir uns auf den Heimweg.
„Wo ist den Philipp abgeblieben? Sollte er uns nicht auch heimbringen?“. Mir war erst jetzt aufgefallen dass selbst er nicht mehr da war.
„Weißt du, wir sind nur ein paar Mal im Kreis gefahren. Ich hab dich reingelegt, wir sind in 20 Minuten zu fuß bei dir.“. Das sah ihr ähnlich. Sie bereitet fast bei mir zuhause eine Party vor, und ich bekomme davon nichts mit. Unglaublich wie gut sie war. Wir fuhren im Lift hinunter und machten uns auf den Weg. Jetzt sah ich auch wo wir genau waren, es würde nicht mal 20 Minuten dauern bis ich zuhause wäre. Allerdings fing es jetzt leicht zu regnen an, und entfernt am Horizont tauchte eine Gewitterwolke auf, die sich mit einem unheilvollen Donner ankündigte.
„Weißt du was mein Schatz, nimm dir doch ein Taxi, dann wirst du nicht nass. Ich glaube es wird sich nicht ganz ausgehen dass wir vor dem Regen daheim wären.“
Sie sah mich an, neigte den Kopf und grinste. Ich beugte mich zu ihr hin, nahm ihr Gesicht in meine Hände und küsste sie. Wie weich und warm ihre Lippen doch waren, ich könnte sie ewig und noch länger spüren. Als ich mich von ihr löste sah ich ein Taxi um die Ecke biegen. Ich stellte mich an den Straßenrand und winkte es her.
„Noch einmal danke mein Schatz, das war wirklich der beste Geburtstag den ich je hatte.“, sagte ich als sie ins Taxi stieg. „Gute Nacht. Ich liebe dich!“.
„Freut mich wenn es dir gefallen hat, vielleicht träumst ja heute davon.“, sie grinste, „Ich liebe dich auch!“. Noch ein flüchtiger Kuss, dann schloss ich ihr die Tür. Das Taxi entfernte sich schnell. Ich sah ihm noch nach bis es an der nächsten Ecke abgebogen war. Dann machte auch ich mich auf den Weg. Ich ging ein wenig schneller als ich den Donner näher kommen hörte. Aber zum Glück kannte ich eine Abkürzung. Ich schwang mich über einen niedrigen Zaun, und lief auf einen kleinen Park zu. Er war ganz in der nähe meiner Wohnung, ich habe darin schon so manchen freien Tag verbracht. Es war ein schönes Fleckchen erde mitten in der Stadt. Alte Eichen die Schatten spendeten, Parkbänke die einen zur sanften Rast einluden, und ein Krater, denn man zur Sandkiste für die kleinsten umfunktioniert hatte.
Ich hatte den Park fast zur hälfte durchquert, als ein Geräusch mich zusammenzucken ließ. Es war erstaunlich, denn im selben Moment ließ ein gewaltiger Donnerschlag den Boden unter meinen Füßen erzittern. Und trotzdem erregte rechts neben mir, wenn auch ein wenig entfernt, etwas meine Aufmerksamkeit. Augenblicklich spürte ich Furcht in mir aufsteigen. Ein Gefühl der Panik durchzuckte mich, aber ich konnte mir nicht erklären warum. Wie angewurzelt stand ich da, das Herz schlug mir bis zum Hals.
Es war eine völlig irrationale Angst die mich durchströmte, wie die Angst vor Spinnen. Es war absolut unsinnig. Ich kämpfte das Gefühl runter, und beschloss der Sache auf den Grund zu gehen. Allerdings war das leichter gesagt als getan, denn meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Ich stand da wie ein Kaninchen vor der Schlange, nur dass ich alleine war. Endlich hatte ich mich wieder im Griff, und ging in Richtung dieses geheimnisvollen Geräusches. Ich war jetzt ganz in der nähe meiner Lieblingseiche, die neben dem Sandkisten- Krater war. Ich mochte diesen Baum, da sein Stamm ein einladender Sitz war, bequemer als all die Bänke hier. Viele Bücher hatte ich in ihrem Schatten schon gelesen. Ich lehnte mich an den Stamm der Eiche, blinzelte an ihr vorbei, und plötzlich brach die Hölle los.

Am Rande des kleinen Kraters sah ich 2 Männer miteinander Kämpfen. Aber es war kein gewöhnlicher Kampf, das sah sogar ich auf den ersten Blick. Die beiden Gestalten steckten Schläge ein, die einem Menschen normalerweise den Schädel spalten würden. Und sie bewegten sich auch schneller. Sie schienen schier unglaubliche Kraft- und Ausdauerreserven zu haben. Jetzt ging das Gewitter so richtig los. Von einer Sekunde auf die andere goss es wie aus Eimern, und ein Blitz nach dem anderen erhellte den Himmel. Jetzt konnte ich die Beiden auch genauer erkennen.
Der eine war ein schwarzer, breitschultriger Mann, sicher an die 2 Meter groß. Lockige schwarze Haare fielen ihm fast spielerisch ins Gesicht. Einmal konnte ich ihn von vorne sehen, was ich sofort bereute. Seine Augen waren tiefschwarz. Er bleckte die Zähne, und sein wütender Gesichtsausdruck machte ihn nicht unbedingt sympathischer. Sein Gesicht war von Narben geradezu übersäet. Es war eine gleichzeitig beeindruckende wie beängstigende Erscheinung.
Glaubte man jedoch dass dieser schwarze Riese der Favorit war, so wurde man sofort eines besseren belehrt wenn man seinen Gegner sah. Er war mindestens einen Kopf größer als der Narbenmann (so hatte ich ihn geistig getauft), und viel besser ausgerüstet. Auch wenn er nicht ganz so breite Schultern hatte, war er mit seinen Fäusten, die so groß waren wie Schaufeln, eindeutig im Vorteil. Sein Kurzgeschorenes Haar hatte etwas streng Militärisches an sich. Während mir das durch den Kopf ging, fiel mir auf, dass er tatsächlich Ähnlichkeiten mit einem Soldaten der Sarazenen hatte, die hab ich oft genug in Fernseh- Dokumentationen gesehen. Merkwürdig.
Während ich meine Beobachtungen anstellte tobte der Kampf in unveränderter härte weiter. Trotz der körperlichen Überlegenheit des Sarazenen war der Kampf erstaunlich ausgeglichen. Narbenmann konnte Treffer um Treffer verbuchen, doch er steckte auch eben so viele Schläge ein. Seltsamerweise sah ich bei keinem der beiden Kämpfenden ein Anzeichen davon dass sie auch nur einmal getroffen worden wären. Kein Blut, kein blaues Auge, nichts. Der Sarazene traf Narbenmann direkt unter dem Kinn, er segelte in einem weiten Bogen nach hinten, direkt in den Krater hinein. Der Sarazene sprang ihm ohne zu zögern nach. Ich schlich mich vorsichtig an den Rand des Kraters, und sah zu meinem erstaunen das Narbenmann auf dem Sarazenen hockte und wie wild auf ihn einprügelte. Ein tritt in den Bauch von dem Sarazenen und er segelte quer durch den Krater. Es war unglaublich wie schnell sich diese Szene abgespielt hat. Innerhalb von Minuten hatte dieser Kampf mehr Wendungen als man es sich ausdenken konnte. Das würde mir niemand glauben wenn ich es erzählen würde. Mir fiel noch eine Merkwürdigkeit auf. Das Geräusch das mich anlockte war ein Körper der auf dem Boden aufschlug. Es konnte nicht anders sein, denn die beiden Kämpfenden gaben keinen Laut von sich. Obwohl jeder Schlag, egal ob ausgeteilt oder eingesteckt, muss fürchterliche Schmerzen auslösen. Doch sie verzogen keine Miene.
Wieder schlug Narbenmann auf dem Bauch auf. Doch was war das? Ein Blitzen hinter dem Rücken des Sarazenen. Ich sah genauer hin, und erschrak. Es war ein ausgeglichener Kampf, und der Sarazene, suchte nach einem Vorteil um zu gewinnen. Und er fand sein Heil in einem Messer. Er holte aus zum tödlichen hieb. Vor lauter schreck vergaß ich das ich mich jetzt schnellsten aus dem Staub machen sollte, und schrie laut: „Pass auf, er hat ein Messer!“. Bei diesen Worten streckte ich die Hand nach vorn, und bekam übergewicht. Ich kugelte den Hang hinunter, und blieb nicht ganz 5 Meter von den beiden entfernt zum liegen. Ich setzte mich benommen auf und starrte die beiden genauso verblüfft an wie sie mich. Sie haben sich nicht mal bewegt. Dann sah ich in ihre Gesichter. Das des Sarazenen war vor Wut verzerrt, das des Narbenmannes schien mir besorgt.
Dann geschah alles ganz schnell. Narbenmann trat den Sarazenen von sich weg, sodass er im hohen Bogen wegsegelte. Noch während der Sarazene in der Luft war stand Narbenmann neben mir, und zog mich in einer schwungvollen Bewegung in die Höhe.
„Du hast jetzt ein Problem mein Freund, und das bin nicht ich. Du musst zusehen das du aus diesem Park kommst, verstehst du mich?“. Er zog mich mit Leichtigkeit den Abhang hinauf.
„Ich verstehe kein Wort. Warum kämpft ihr überhaupt?“. Stolpernd ging ich hinter ihm her.
„Ich hoffe dass ich dir das nie erklären muss, um deiner Willen, nun verschwinde, so schnell du kannst!“. Wir hatten den Krater bereits verlassen, er schubste mich weg so dass ich fast das Gleichgewicht verlor, drehte sich ohne weiter Erklärung um und verschwand beinahe Lautlos in der Dunkelheit. Ich stand ziemlich benommen da. Was war da gerade passiert? Ich freute mich zwar das ich verhindern konnte das Narbenmann getötet wird, aber ich konnte mir das wütende Gesicht des Sarazenen genauso wenig erklären, wie die Tatsache dass Narbenmann nicht besonders Dankbar war.
Dann fiel mir ein dass Narbenmann zu mir gesagt hatte ich sollte so schnell wie möglich verschwinden. Bei dem Gedanken daran wie lang ich hier schon schutzlos herumstand, zuckte ich zusammen. Ein leichtes ziel für jeden der ein Messer hatte! Ich wirbelte herum und rannte los, doch weit kam ich nicht. Der Sarazene stand auf einmal vor mir, grinste mich an, und bevor ich reagieren konnte sah ich sein Faust auf mich zukommen. Ich spürte wie meine Nase brach, hatte allerdings keine Chance auf den Schmerz einzugehen, denn er wurde gleich darauf von dem Schmerz übertroffen den ein ziemlich harter Baum in meinem Rücken verursachte. Ich krachte mit voller Wucht auf, und stürzte zu Boden. Mir war nicht mal bemerkt dass ich den Boden unter den Füssen verloren hatte.
Mit dem Gesicht zur Erde lag ich da. Trotz des Schmerzes in meinem Gesicht, der Aufschlag auf dem Baum hatte mir den Atem geraubt. Der Sarazene zog mich in die Höhe, hob mich auf seine Augenhöhe, was für mich bedeutete dass ich nicht mal mehr mit meinen Zehenspitzen den Boden berühren konnte. Wir sahen uns in die Augen, meine voller Angst, seine voll Überlegenheit. Ein Kopfstoß ließ mich wieder durch die Luft segeln. Diesmal bekam ich den Aufprall nicht bewusst mit. Sterne blitzten vor meinen Augen. Als ich wieder zu mir kam stand der Sarazene über mir, das Messer blitzte bedrohlich in seiner Hand.
Warum wusste ich nicht, doch ich wusste dass der Sarazene mich jetzt töten wird. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit durchströmte mich. Ich dachte an Fary, und daran dass ich sie nie wieder in den Arm nehmen konnte. Bei dem Gedanken zog ich die Beine zum Körper, und trat ihm mit aller Kraft in den Bauch. Eine tat der Verzweiflung. Er taumelte vielleicht einen halben Meter zurück, dann blickte er wieder hasserfüllt auf mich herunter. Und mit zwei kräftigen Stößen in die Oberschenkel machte er mich endgültig Kampf- und Fluchtunfähig. Dieser Schmerz war grausamer als alles was ich bis dorthin erlebt habe. Wellenförmig schwappte abwechselnd der Schmerz, und dann wieder tiefe schwärze über mich hinweg. Ich überlegt wie ich in diese Situation gekommen war. Hilfsbereitschaft, weil ich Narbenmann das leben gerettet hatte? Nein, meine Neugier kam mir noch in den Sinn. Ich bin selber Schuld daran dass ich jetzt sterben werde. Hätte ich dieses Geräusch in der Dunkelheit ignoriert, wäre ich schon längst zuhause in meinem Bett, würde Schlafen und von meiner süßen Fary träumen. Mein Herz schien zu verbrennen als ich an sie dachte. Es war vorbei mit mir, ich werde sie nie mehr sehen, küssen, oder ihr meine Liebe zeigen können. Eine weitere Leiche im Park, nicht mehr. Der Sarazene sah mich an, drehte sich um, und ging. Ich verstand es erst nicht, doch dann sah ich es. Mein Blut schoss in hohem Bogen aus meinem Oberschenkel. Er hatte die Hauptschlagader getroffen. Und nun ging er um mich verbluten zu lassen. Er hatte nicht mal den Anstand mich richtig zu töten. Ich spürte wie ich schwächer wurde, aber ich verspürte keinen Schmerz mehr. Ich dachte an Fary, und lächelte. „Ich Liebe dich!“, flüsterte ich leise in die Nacht. Dann wurde mir Schwarz vor Augen.


Lawrence’ Stunde der Angst

Schmerzen. Angst. Wut. Verzweiflung. Hass. So viele Gefühle die mich überrannten. Was war bloß mit mir los? Ich war tot. Ich wusste dass ich tot war, denn ich konnte mich an den Tomahawk erinnern. Und an den Indianer. Doch ich roch den feuchten Waldboden. Den Pulverrauch der die Luft schwängerte. Und das Blut, das meinen Kopf hinab rann. Meine Augen waren schwer. Der Kopf tat mir weh. Doch, was war das? Ich holte tief Luft. War dass das Paradies? War das der Himmel. Halb erwartete ich Wolken zu sehen wenn ich die Augen öffnete, halb den Wald in dem ich starb. Als Geist, an die Erde gebunden weil ich nicht bereit war zu sterben. Was würde ich sehen? Angst durchflutete mich. Jeden Muskel spannte ich an, darauf vorbereitet nichts zu spüren. Alles zu spüren. Ich spürte alles. Ich zwang mich die Augen zu öffnen. Und sah… Nichts! Doch, etwas Braunes, Feuchtes. Es war nur sehr dunkel. Ich fühlte dass ich auf dem Bauch lag. War ich nicht auf dem Bauch gestorben? Ich schloss die Augen wieder. Mit einem Ruck drehte ich mich auf den Rücken. Mein Herz pochte wie wild. Adrenalin schoss durch meine Adern. Angst. Warum spürte ich das alles? Darf es denn überhaupt so echt sein im Himmel? Müsste ich nicht wenn es schon so ist auch meine Flügel spüren? Meine Lider waren auf einmal sehr schwer. Sollte ich meine Augen wirklich öffnen? Ich tat es. Und was sah ich? Das Dunkel der Nacht. Die Wipfel der Bäume. Die Sterne dazwischen. Das durfte alles nicht wahr sein, ich sah den Wald in dem ich starb! Meine Seele war an die Welt gebunden. Tränen traten mir in die Augen und ich schloss sie wieder. Tot. Ich war tot und allein. Aber seit wann konnten Geister atmen? Oder ihren Körper spüren? Ich zwang mich meine Augen wieder zu öffnen. Alles sah gleich aus wie ich es als lebender gesehen hatte. Kein Unterschied. Ich setzte mich auf und sah mich um. Es war der Wald. Der gleiche Wald. Genau die stelle an der ich aufhörte zu leben.
Dann sah ich ihn. Der Indianer! Der Indianer der den Tomahawk warf. Zumindest was meinen Verdacht anging. Er musste es sein, denn gegen ihn kämpfte ich um Peter’s Leben. Doch er war tot. Zumindest toter als ich. Er lag auf der Seite, die Augen offen, er war tot. Als ich umsah, sah ich noch mehr tote. Kameraden, Feinde, alle durcheinander. So hatte ich mir die Szene nach dem Kampf vorgestellt. Genau so. Es war schrecklich an zu sehen. Ich stützte mich am Boden ab, und spürte das Gewehr mit dem ich auf den Indianer zielte.
Ich legte mir eine auf die Stirn und erschrak. Eigentlich war diese Bewegung eine Geste der Verzweiflung. Doch ich fühlte eine Narbe, die vorher nicht da war. Sie fühlte sich neu an, rau. Verlief direkt von der Nase die Stirn entlang, und verlor sich im Haaransatz. Erstaunlicherweise war sie breit genug um von einem Tomahawk zu stammen. Vor Angst fing ich an zu zittern.
„Du bist tot! Ich sah dich sterben!!“. Es war ein Schrei, doch Angst schwang in der Stimme mit, in einer Stimme in der ich nie Angst hörte. Peter’s Stimme!
Ich wand mich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und erstarrte. Peter, ein Gewehr auf mich angelegt, Panik in seinem Gesicht waren alles was ich sah. Ein erschreckendes Bild für jemanden der den gütigen Blick sah den er sonst sein eigen nannte. Sein Gesicht war eine verzerrte Fratze. Verzerrt vor Angst und Panik.
„Peter, was ist passiert?“. Selbst ich hörte die Panik in meiner Stimme.
„Teufel noch eins, du bist gestorben! Stirb!“. Ich sah wie sich ein Finger um den Abzug krümmte, und reagierte ohne zu denken. Das nächste was ich sah war Peter, er fiel rücklings zu Boden. Mein Gewehr fiel zu Boden als ich aufsprang. Krachend löste sich ein Schuss und schlug krachend in einem Baum ein. Erschreckend. Das Gewehr lag neben mir, sich sah wie Peter auf mich anlegte, und ich tötete ihn zuerst? Wie konnte das passieren? Wie konnte ich das bewerkstelligen? Ohne zu denken hatte ich Peter getötet. Jetzt war ich mir sicher dass ich in der Hölle war. Meine Persönliche Hölle, in der ich Freunde töten musste. Ich lief zu Peter, kniete nieder, legte seinen Kopf auf meine Knie.
„Peter, Peter, es tut mir leid!“ Tränen traten mir in die Augen.
Als er mich ansah, spürte ich die Angst. Sein Blut floss mir über die Arme. Seine Augen brachen, entschwanden ins nichts. Er war tot. So tot, wie ich es sein sollte. Mit einer wütenden Geste schlug ich mir gegen die Stirn, und schrie meinen Schmerz in die anbrechende Nacht hinaus. Und merkte dass die Narbe, die ich vorher so deutlich gespürt hatte, nicht mehr rau war. Sie war glatt. Verheilt. Eine Narbe von vielen. Peter war tot. Und ich? Nicht? In einem Anfall von Wahnsinn sprang ich auf und lief weg. Weit weg von der Szenerie die sich mir bot. Was war das alles? Was passierte mit mir? Ich wollte nur mehr sterben. Die Augen schließen und RICHTIG sterben. Ich rannte. Ich rannte weiter. Und ich rannte noch weiter. Ich rannte so lange bis meine Füße bluteten. Bis meine Beine mir den Dienst versagten. In dieser Zeit sah ich die Sonne aufgehen, und untergehen. Ohne dass ich müde wurde. Nur der Schmerz gebot mir Einhalt. Meine wunden heilten. Meine Beine wurden kräftiger. Ich rannte weiter. Weiter. Und noch weiter. Meine wunden rissen auf, meine Beine wurden wieder müde. Dann blieb ich stehen, stellte fest dass ich seit dem Tag nicht mehr geschlafen hatte, und erschrak. Es war nicht nur Tage her. Es waren Wochen. Ohne dass ich müde wurde. Wieder spürte ich Angst. Auch wenn sie mich nicht mehr durchfuhr. Sie war nur mehr… Eine Begleiterscheinung. Die einzige Angst die ich noch hatte war dass ich nicht mehr so fühlen könnte wie in meinem vorherigen Leben. Als mir das klar wurde, dachte ich an Veronica. Wieder traf mich der Wahnsinn. Veronica! Meine Veronica! Die Liebe meines Lebens. Mein ein und alles. Mein Leben, vorbei!
Wo war ich? Weit weg dem Land, auf dem sie lebte. Und ich wusste dass ich nicht zu ihr zurückkehren konnte. Was würde sie denn von mir denken? War ich am Leben? Nein! War ich tot? Nein! Was war ich? Ich wusste es nicht. Woher also sollte es meine Veronica wissen? Es blieb mir also nichts anderes übrig. Ich musste es einfach geschehen lassen. Sie würde die Nachricht bekommen dass meine Einheit angegriffen wurde und ich im Kugelhagel starb. Danke Miss. Ihr Verlobter starb für sein Land. Er starb den Heldentod.
Das war immer noch besser als dass was ich ihr bieten konnte. Hallo süße, ich bin tot. Oder doch nicht?
Das konnte ich ihr nicht antun. Wieder traten mir tränen in die Augen. Nur dass ich diesmal nicht aufhören konnte zu weinen. Ich schrie meinen Schmerz gen’ Himmel. Laut. Lauter. Bis meine Stimme brach und ich die Wahrheit erkannte… War dies die Wahrheit? Oder erfand mein Hirn nur eine Wahrheit die ich verkraften konnte? Stundenlang, Tagelang überlegte ich.

Am Ende wusste ich dass dies alles echt war. Ich war tot. Ich war am Leben. Ich war alles, und ich war nichts. Ein teil des großen ganzen… Nur, warum?

Der arme Lawrence

„Lawrence!“. Den schrei, der sich meiner Kehle entrang, hörte nicht mal ich selbst. Es war ein erstickter Laut. Ich sah den Tomahawk auf Lawrence zufliegen, und konnte es nicht verhindern. Der Kampf den ich gegen den Indianer führte war weder verloren, noch gewonnen. Doch er sah die Bewegung vor mir. Ein Schatten der sich aufbäumte um mich zu retten. Ein Schatten, der mit einem Krachen wieder zu Boden ging als der Tomahawk ihn traf. Lawrence! Der sich trotz der Wunden die ihm zugefügt wurden noch immer Sorgen um mich machte. Er war mein Lehrling. Alles was ich wusste habe ich ihm beigebracht, und es sollte nichts geholfen haben? Trauer. Schmerz. Mein armer Junge. Ich spürte beinahe das Beil in MEINEM Kopf. Meine Reaktion? Ich sah das Gewehr. Ich sah den Indianer. Kurz gezielt, abgedrückt, und der Indianer fiel zu Boden. Doch um sicher zu gehen dass er nicht nur versuchte mich in einen Hinterhalt zu locken sprang ich sofort auf, riss das Bajonett von meinem Gewehr und trennte ihm mit einem Hieb beinahe den gesamten Kopf ab. Mit dem zweiten durchtrennte ich auch die letzten Sehnen und Muskeln. Stach noch 10 Mal, 20 Mal auf den bereits toten Körper des Mörders ein, war im Blutrausch. Als ich mich soweit beruhigt hatte, schleppte ich mich zu Lawrence’ totem Körper hin. Nahm in den Arm. Lawrence. Du armer. Du mutiger. Danke…
Ich trauerte. Einen Tag und eine Nacht. Ich weinte, wie ich noch nie geweint hatte. Aber ich war Soldat, ich musste zurück zu meiner Truppe, musste wissen ob wir den Sieg noch erringen konnten, oder ob ich Gefangene befreien musste. 2 Meter von Lawrence Leiche entfernt sammelte ich mein Gewehr auf, lud nach, und richtete mich unter Tränen auf. Ein Geräusch ließ mich zusammen zucken.
Lawrence! Er saß! Wie konnte das sein? Ich sah ihn sterben! Sein Körper war leblos, er atmete nicht, er war tot! Und doch saß er dort drüben! Vor Schreck riss ich mein Gewehr nach oben.
„Du bist tot! Ich sah dich sterben!!“. Überraschung. Panik. Wie konnte das sein?
„Peter, was ist passiert?“. Angst in der Stimme des toten Freundes. Er war tot, doch er sprach mit mir. Nein! Das war das Werk des Satans!
„Teufel noch eins, du bist gestorben! Stirb!“. Ich hörte die Worte die meinen Mund verließen. Und ich hörte den Schuss, keine Sekunde nach meinen Worten. Doch nicht ich war derjenige der schoss. Denn ich spürte die Kugel in meine Brust eintreten. Und aus meinem Rücken austreten. Ich fiel zu Boden. Mein letzter Gedanke war genauso überrascht wie der Gedanke davor. Er war tot…

Argun’s weg

‚So ein Idiot!’ dachte ich. ‚Er hätte sich nicht einmischen dürfen, Argun kann mittlerweile überall sein. Verdammt!’. Ich streifte auf meiner Suche durch den Park. ‚Dieser Türke hätte mich nie töten können, aber das konnte der Junge ja nicht wissen’. Ich hatte keine Ahnung warum er sich überhaupt eingemischt hatte. Geschweige denn wie er uns finden konnte. Wir sind leise und stumme Kämpfer, und trotzdem hat er uns gefunden. Noch dazu bei diesem Gewitter. Hoffentlich geht es im wenigstens gut. Ich verfolgte Argun jetzt schon seit 4 Jahren, seit er meinen Marcus getötet hatte. Jetzt hatte ich ihn endlich für einen kurzen Moment, doch er ist wieder verschwunden. Nirgendwo eine Spur von ihm, es war als hätte er sich in Luft aufgelöst. Er war schon immer ein gefährlicher Mann, aber bei weitem nicht so gut wie er glaubte. Ein Riese der sich auf seine überlegene Körpergröße verließ, aber seine Kampftechnik war unterentwickelt, nur rohe Kraft. Doch das war jetzt egal, dass einzig wichtige war ihn jetzt wieder aufzuspüren. Warum ist dieser verdammte Park nur so groß? Es dauert ewig die Spur zu finden auf der er den Park verlassen hatte. Argun hatte viel mehr Erfahrung als ich, warum er nicht mich suchte war mir ein Rätsel. Er glaubte wohl ich sei keine Gefahr für ihn. Grimmig blickte ich zu Boden. Hatte der eine Ahnung, ich werde ihn töten wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Beim nächsten Mal würde er mir garantiert nicht Entkommen.
Ich weiß noch genau wie wir uns damals zum ersten Mal begegnet sind. Es war 17 Jahre nach dem der Tomahawk meinen Schädel traf. Er war der erste der mir erklärte was mit mir passiert ist, denn ihm passierte dasselbe, nur einige Jahrhunderte früher. Doch auch er hatte nur eine schwache Ahnung davon was genau es war. Er erzählte mir eigentlich nur was er bis jetzt herausgefunden hatte. Es hängt mit der Art des Todes zusammen, den man sterben sollte. Wenn man selber die Schuld an den Umständen des Todes trägt, während man auch noch seine Liebe im Stich lässt ist es eine Art Bestrafung des Schicksals.
Im Moment des eigentlichen Todes, wenn das Herz für Sekunden zu schlagen aufhörte, wirkt der uralte Zauber, der einfach existiert. Das Herz beginnt wieder zu schlagen, doch man ist nicht wirklich am Leben. Es machte mir Angst, von Anfang an, denn vieles hat sich seit dem verändert. Der Körper arbeitet zwar wieder wie zuvor, doch scheinen einige Naturgesetzte außer Kraft gesetzt zu sein. Man altert nicht mehr, trotzdem ist man verwundbar. Man kann getötet werden, ersticken, sich das Genick brechen, als wäre alles ganz normal. Nur braucht man keine Nahrung, kein Wasser. Nur Sauerstoff ist unerlässlich. Mir fiel das alles erst nach tagen der Ungewissheit und Angst auf. Doch erst durch Argun kam wirklich Licht in die Angelegenheit. Er ‚starb’ in den Kämpfen um das heilige Land Jerusalem. Genau wie ich hatte er sich freiwillig gemeldet um für seinen Glauben zu kämpfen. Er flüchtete aus seiner Heimat und entdeckte viele die so waren wie wir. Im laufe der Jahre kam er nach und nach hinter unser Geheimnis. Als wir uns das erste Mal begegneten, war er zwar nicht unbedingt freundlich, aber dennoch zogen wir ein paar Jahre gemeinsam durch die Welt.
Aber mit jedem Jahr wurde er verbitterter und wütender. Manchmal wenn wir jemanden von unserer Art trafen rastete er aus, und jagte ihn bis er mindestens 2 Staaten durchquert hatte. Denn Müde wurden wir auch nie. Wir konnten zwar schlafen, aber Argun hielt es für Zeitverschwendung. Ich hingegen legte mich gerne zum träumen hin, es war immer wieder ein willkommener Ausgleich zur ewigen Suche. Irgendwann drehte er vollkommen durch. Wir trafen an der Küste vor Neuseeland auf Kerstin. Sie war eine merkwürdige kleine Person, kurze blonde Haare, grüne wässrige Augen, aber ein unwahrscheinlich hübsches Ding. Als Argun sie sah, wurde er sehr ruhig. Richtig nachdenklich. Wir saßen gemeinsam um ein kleines Feuer das wir für die Nacht entzündeten, und lernten uns erst mal kennen.
Es war schon weit nach Mitternacht als wir uns zu ruhe legten. Ich schlief fast sofort ein. Wenn man wieder mal 2 Jahre nicht geschlafen hatte war man schon sehr müde. Ich hatte gefühlte 2 Stunden geschlafen, als mich ein unterdrückter Schrei weckte. Sofort war ich auf den Beinen, und sah wie Argun auf Kerstin’s Brust saß, und versuchte sie zu erwürgen. Sie wehrte sich zwar verbissen, hatte aber gegen seine Körperkraft nichts entgegen zu setzen. Ich sah eigentlich weniger ihren Kampf, als die letzten Zuckungen die ihren Körper durchfuhren. Mit 2 Schritten war ich bei ihnen und riss Argun von ihr weg, legte meinen Hand auf ihre Brust um zu sehen ob sie noch Atmete. Doch es war zu spät, er hatte sie getötet.
Er stand mit bebendem Körper auf, sah mich hasserfüllt an und verschwand in der Nacht. Ich begrub Kerstin, die wohl genauso wenig wusste warum sie sterben musste wie ich. Danach habe ich ihn fast 20 Jahre nicht mehr gesehen. Wir liefen uns in San Francisco über den weg, als er ein Erdbeben ausnutzte um ein Wenig Geld zu aus einer Bank zu stehlen. Ich sah ich von der anderen Straßenseite zu wie er die Bank verließ, und folgte ihm. Sein Blick hatte an Hass und Wut zugenommen, er fauchte mich an als er mich sah. Er sagte, ich solle verschwinden wenn ich nicht wie Kerstin enden wolle. Ich folgte seinem Rat, denn ich traute ihm zu dass er das dünne Band das uns mal verbunden hatte zerreißen würde. Allerdings ging ich nicht weit weg. Ich beschloss ihn zu verfolgen, um gegebenenfalls einzugreifen wenn ihn die Mordlust überkam. Denn ich war mir sicher dass er auch vor normalen Menschen nicht halt machen würde. Doch genau das machte er. Es gab keine gewaltsamen Todesfälle oder vermisste in den Gegenden in denen er sich aufhielt. Aber ich fand immer wieder ‚Menschen’ unserer Art. Ich brauchte lange um herauszufinden warum er es tat.
Es war ein regnerischer Tag. Ich hatte mit Marcus, einem neu gewonnenem Freund, Unterschlupf unter einer Brücke gesucht. Er war ein guter Junge, noch nicht lange, und vor allem sehr Jung zu einem von uns geworden. Zu Jung. Beneidenswert in diesem Alter schon so zu lieben. Doch sich mit 17 Jahren freiwillig in einem Krieg zu melden, dass war absolut unverantwortlich. Doch er war ja erst 17, gerade Mal so, da kann man ja nicht viel erwarten. Er fiel im 2. Weltkrieg einem Scharfschützen zum Opfer. Auch ich kämpfte in diesem Krieg. War zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde eingezogen. Marcus war in meiner Einheit, wir landeten beide am D- Day in der Normandie, und er hatte Glück dass ich in seiner nähe war. Für sein alter war er ein unglaublicher Schütze, und überlebte die ersten Tage nur durch sein Talent mit dem Gewehr. Er rettete mir und vielen anderen das Leben, und ich hatte ihn ziemlich schnell lieb gewonnen. Doch als wir weiter vorrückten traf man ihn aus dem Hinterhalt. Überflüssig zu erwähnen dass ich den Todesschützen auslöschte. Als ich zurück kam um seine Marke zu holen machte er die Augen auf, und ich sah sofort dass es nicht nur ein letztes Aufflackern war. Nein, es war das erste eines Lebens das man nicht wollte.
Ich half ihm es zu verstehen, und lehrte ihn worauf er achten musste um nicht erkannt zu werden. Wie er überleben würde. Umsonst.
Ich mochte ihn, wir liefen Jahrelang Seite an Seite. Bis zu jenem Tag unter der Brücke. Wir unterhielten uns gerade über unsere Pläne für die nächsten Tage, als Argun auftauchte. Ich fürchtete schon das schlimmste, doch er war freundlich, gelassen, ein Freund. Fast freute ich mich ihn wieder zu sehen. Bis zu dem Moment an dem er sein Messer zog und Marcus mit einem lächeln den Hals aufschlitzte. Er grinste mich an, unheilvoll, wahnsinnig. Vor Überraschung war ich wie gelähmt. Er kam auf mich zu, hob sein Messer, bereit zum Stoß. In diesem Moment fing mein Hirn wieder zu arbeiten. Marcus tot, einfach so. Argun über mir. Gefahr! Ohne zu wissen was ich tat sprang ich auf und trat ihm so fest ich konnte in den Magen. Er war so überrascht dass ich flüchten konnte, auch wenn ich ihn dicht hinter mir spürte. Aber ich entkam ihm, wie weiß ich bis heute nicht.
Seit dem ist viel Zeit vergangen. Ich habe Jahre damit zugebracht dass Kämpfen zu erlernen. Verschiedene Techniken, und ich war in allen Perfekt, ein Meister. Nach dem ich das kämpfen gelernt hatte, verbrachte ich meine Zeit bei verschiedenen Indianerstämmen. Oder sagen wir bei den letzten Söhnen der Natur die noch die alten Traditionen ehrten. Bat ihre Söhne und Töchter, mir das Spurenlesen zu lehren. Mich trieb nur noch der Gedanke an Rache für den armen Jungen voran. Es dauerte viele Jahre bis ich soweit war, dann begann ich ihn zu suchen.
Er sollte büssen für diesen ungerechtfertigten Mord. Und für Kerstin, egal was sie auch gesagt haben mochte. Lange Zeit fand ich nicht mal den hauch den einer Spur. Dann einige Tote unserer Art. Dann mehr tote. Und dann ihn. Nach über 20 Jahren suche. Was passiert? Irgend so ein hilfsbereiter Idiot muss sich einmischen, und Argun kann entkommen. Aber weit kann er ja nicht sein. Irgendwo muss er ja mal den Fuß auf den Boden setzte, und dann habe ich ihn. Nur dass er mir nächstes Mal nicht entkommen wird.
Beim nächsten Mal werde ich ihn töten.

Michael’s Stunde der Angst

Entsetzen. Wie lange dauert es denn noch? Es sollte doch schon längst alles vorbei sein, die Qual, der Schmerz, die Angst. Mein Atem ging flach, meine Beine schmerzten. Es war kühl geworden. Warum konnte ich es überhaupt fühlen? Ich war tot. Ich wusste es, denn der Sarazene hat mir schließlich beinahe die Beine abgetrennt. Ohne die Augen zu öffnen legte ich meine Hand auf die Stelle wo er mir das Messer ins Bein gerammt hatte. Ich riss die Augen auf und setzte mich abrupt auf. Eine Narbe? Wo war die Wunde? Meine Hose war zerrissen, das Blut darauf verkrustet. Doch die Wunde war geschlossen. Als ich mich umblickte, stellte ich fest dass ich noch immer im Park war. An derselben Stelle. Mein Herz musste gleich zerspringen, so fest und schnell wie es klopfte. Es hüpfte mir beinahe aus der Brust. Ich hatte unglaublich Angst. Mir war kotzübel, konnte kaum atmen.
Die Wunden waren zu tief, sie konnten sich nicht einfach so geschlossen haben. Ich untersuchte meinen Körper, aber alle Schmerzen hatten sich verzogen. Keine offenen Wunden. Nichts. Außer einer. Fary! Der gesamte Schmerz konzentrierte sich nun auf mein Herz.
‚FARY!’ – Der Name hallte in meinem Geist wider. Oh meine Fary! Wieder traten mir Tränen in die Augen, sie bahnten sich ihren Weg über mein verschmutztes Gesicht, als mir eines klar wurde. Meine Wunden waren geschlossen. Ich konnte den Park sehen. Also war ich tot und ein Geist, das war die einzig mögliche Schlussfolgerung. Oder ein Zombie. Irgendwas in der Art. Auf jeden Fall war es nichts gutes was da mit mir passierte. Die Angst in meiner Brust wuchs zur Panik heran. Fary, ich musste zu ihr. Nein. Das durfte ich nicht. Nicht solange ich nicht wusste was mit mir los war. Eine Polizeisirene ließ mich zusammenzucken. Die durfte mich jetzt nicht sehen, was würden die denn von mir denken? Also sprang ich kurzerhand auf, erstaunt dass mir nichts wehtat, und lief los. Ich lief durch die Strassen, kreuz und quer durch die Stadt. Versteckte mich immer wieder vor der Polizei. Es waren Stunden vergangen als mir etwas einfiel. ‚Ich Idiot’, dachte ich, und lief los. Als ich meine Wohnungstür schloss fühlte ich mich etwas sicherer. Ich duschte mich, zog mir frische Kleider an und suchte mein gesamtes Bargeld zusammen. Es war nicht viel, aber für ein paar Tage würde es reichen. Denn ich hatte eine Idee. Aber die konnte ich nicht hier umsetzten, dafür musste ich die Stadt verlassen. Ich musste in die Kirche.
Ein plötzlicher Anfall von Hoffnung ließ mich erschauern. Für was war ich Jahrelang in den Gottesdienst gegangen? Da musste man mir helfen. Das war ihre heilige Pflicht.
Nach dem ich fertig war machte ich mich auf den Weg. Ich verließ die Stadt auf dem kürzesten Weg. Fuhr einfach nur in die nächste Ortschaft, dort kannte mich schließlich der Pfarrer nicht. Doch ich fand die Kirche nicht gleich. Fast zwei Stunden fuhr ich Kreuz und Quer durch die Gegend. Als ich sie endlich fand, war ich sehr überrascht. Es war mehr ein Kapelle, doch auf ihre eigene Art Majestätisch. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend lief ich die Treppe zum Eingang hinauf.
Vor der Tür blieb ich stehen. Was würde passieren wenn ich die Tür aufmachte? Würde mich ein Blitz treffen, um mich davon abzuhalten die Kirche zu betreten? Oder würde ein Sturm losbrechen? Ich war wirklich besorgt. Vielleicht sollte ich eher einen Satanisten aufsuchen.
Mit einem Ruck riss ich die Tür auf, bereit zur Flucht. Hoffentlich sah mir niemand zu. Ich trat ein. Außer Atmen und doch ganz ruhig ging zwischen den Bänken in Richtung Altar. Eine wirklich schöne Kirche. Buntglas, und das Bild auf der Rückseite zeugten von Geschmack. Keine altmodische Kirche, keine moderne. Wenn meine Kirche so ausgestattet wäre, wäre ich vielleicht auch öfter beten gegangen. Vor dem Altar kniete ich nieder, senkte den Kopf zum stillen Gebet. Wozu einen die Angst treiben konnte…
Total in Gedanken verloren merkte ich den Pfarrer nicht, der sich mir näherte.
„Na mein Junge, alles in Ordnung?“. Die Sorge in seiner Stimme war echt, seine Stimme klang warm und ernsthaft. Ich sah ihn an, merkte wie er zusammenzuckte als wir uns in die Augen sahen.
 „Vater, haben sie Zeit für meine Beichte?“. Ich ging nicht auf seine Frage ein, die würde sich sowieso gleich beantworten. Er antwortete nur, „Natürlich, komm mein Junge.“.
Als wir im Beichtstuhl saßen wusste ich nicht wie ich anfangen sollte. Natürlich nicht. Ich wusste im Moment ja gar nichts!
„Vater, ich weiß nicht warum, aber ich glaube ich sollte tot sein.“.
„Junge, egal was für Probleme du hast, aber der Freitod ist nie eine Lösung.“. Jetzt klang er nicht besorgt, sondern Ängstlich.
„Nein, sie haben mich falsch verstanden. Ich habe nicht das Bedürfnis zu sterben. Es ist schwer zu erklären…!“.
„Hast du etwa ein verbrechen begangen?“.
„Nein, ich glaube… Ich bin einem Verbrechen zum Opfer gefallen… Ich denke, ich denke ich bin ermordet worden!“.
Nichts verriet seine Gedanken. Auch seine Worte ließen keine Vermutungen zu. Es war als wäre er auf einmal in Stein gemeißelt.
„Ich denke du solltest jetzt gehen.“. Seine Stimme war eiskalt.
„Aber…“.
„VERSCHWINDE!“. Er schrie dieses Wort voller Hass. Einem Hass den ich selbst nie verspürt hatte. „Ich weiß nicht was du bist, aber du solltest gehen. Fahr zurück in die Hölle aus der du gekommen bist…“. Jetzt brach seine Stimme. Er stürmte aus dem Beichtstuhl. Ich war wie erstarrt. Er wusste doch was mit mir los war, aber ich hatte zu viel Angst um ihn noch einmal aufzusuchen und zu fragen. Weinend lief ich aus der Kirche. Jetzt wusste ich dass ich nicht einfach nach Hause konnte. Wenn sogar ein Pfarrer Angst vor mir hatte, konnte ich auf keinen Fall einfach zu Fary gehen. Ich musste sie verlassen. Bei dem Gedanken zersprang mir die Brust. Meine große Liebe, für immer von ihr getrennt… Nein! Ich werde herausfinden was da mit mir passiert ist, und dann zu ihr zurückkehren. Und wenn es das letzte ist was ich tue! Ich lief an meinem Wagen vorbei in die Nacht…


Auf der Suche

Unruhig streifte ich durch die Strassen. Er hatte es geschafft, er ist mir wieder entkommen. Mit Sicherheit lauerte er mir irgendwo auf. Zuzuschlagen ohne dass sein Gegner überhaupt eine Ahnung davon hatte, das war genau sein Stil. Oder hatte er begriffen dass ich ihn vernichten konnte und hat das weite gesucht? Oh, wie ich ihn verabscheute, diesen Hinterhältigen Mörder. Argun! Allein wenn ich an seinen Namen dachte, spürte ich wie meine Gedanken in einer Hasserfüllten Welle untergingen. Ohne aufzufallen lief ich zwischen den Menschenmengen durch. Wo war ich hier eigentlich? Gedankenverloren wie ich war hatte ich nicht mehr darauf geachtet wo ich eigentlich hinlief. Ich war in einer überfüllten Einkaufsstrasse gelandet. Als ich mich umsah, die Menschen dabei beobachtet wie sie geschäftig umherliefen, durchzuckte mich ein besorgniserregender Gedanke. Jeder hier war ein mögliches Opfer für Argun. Wie viele hier waren wohl so wie wir? Es konnte schließlich jeden treffen. Inzwischen hatte ich herausgefunden warum er Menschen unserer Art tötete. Im Park hatte ich seinen Notizblock gefunden, den er bei unserem Kampf verloren hatte. Auch wenn seine Schrift eher einem Kleinkind glich, als einem Jahrhunderte altem Mörder, konnte ich sie entziffern. War wirklich Schwerstarbeit. Dafür war das Ergebnis umso verblüffender. Er hatte jedes Treffen mit einem unserer Art dokumentiert. Ihr Alter, ihre Lebensweise, einfach alles. Und bei einigen hatte er ihren Todestag mit seiner Unterschrift eingetragen. Genau wie bei Kerstin oder Marcus. Mir war sofort klar dass das die waren die er getötet hatte. Es waren unglaublich viele.
Doch was interessanter war, es gab auch sehr viele bei denen er nur den Todestag hinzugefügt hatte. Mit ihrem neuen Alter. Das bedeutete dass einige es geschafft hatten wieder zu Altern, und eines natürlichen Todes zu sterben. Aus seinen Notizen ging hervor dass er selbst auch lange gebraucht hatte um herauszufinden wie ihnen das gelang. Doch er hat es herausgefunden. Sie haben sich verliebt. Sie haben allesamt ihre Angst vor nähe überwunden, ihre große Liebe mit der Zeit nicht vergessen, aber sich von ihnen gelöst.
Das war einfach … Unglaublich! Und er? Er verbrachte jetzt seine Zeit damit unsere Leidensgenossen zu töten. Nur um seine Chancen zu vergrößern sich selbst zu verlieben. Doch er hatte die Schwachstelle in seinem Plan übersehen. Er war nie lange genug an einem Ort um wirklich ein Mädchen zu finden. Und ich konnte nicht lange genug bleiben, da ich ihn suchen musste. Es standen schließlich Leben auf dem Spiel. Weil ich der einzige war der davon wusste, konnte ich mich nicht einfach zurücklehnen. Ich musste tun was in meiner Macht stand, um ihn aufzuhalten. Jetzt erst recht. Nicht mehr nur um Marcus zu rächen, sondern um alle anderen zu beschützen. Eine undankbare Aufgabe…
Auf einer kleinen Steinbank ließ ich mich erschöpft nieder. Nicht mein Körper war erschöpft, das war ja nicht möglich. Nein, mein Geist war ausgelaugt. Diese Neuigkeiten waren einfach zuviel für mich, so unglaublich. Endlich ein Ausweg, nach all den Jahren der Angst, der Verzweiflung. Und dann konnte ich nicht mal anfangen nach der Erlösung zu suchen, sondern musste erst noch mein Überleben sichern. Ich rieb mir den Nasenrücken, mir war zum Weinen zumute, doch noch musste ich mich zusammenreißen. Die Leute sahen es nicht gern wenn man auf der Strasse weinte, und ich durfte nicht auffallen. Oft genug starrten mich Augenpaare an, voll Abscheu. Dann fiel mir auf dass ich ja sagenhaft verschmutzt war. Der Kampf im Park! Mann, wie blöd könnte ein einzelner Mann nur sein? Schließlich lag ich nicht nur einmal am Boden! Ich sah aus wie der Obdachlose, der ich ja eigentlich auch war. Wenigstens war ich gut rasiert. Kunststück, schließlich wächst mein Bart ja seit 1862 nicht mehr. Eigentlich konnte es mir egal sein. Oder sogar recht. Denn die Menschen ignorierten Obdachlose, heute mehr denn je. Sie waren ihnen unangenehm. So gesehen hatte der Junge von gestern eigentlich meinen Respekt verdient. Ein Kampf David gegen einen Goliath und er hilft dem David. Eine Geste die in diesen modernen Zeiten nicht mehr selbstverständlich ist. Ein guter Junge, hoffentlich ist er Argun nicht mehr begegnet.
Ich stand langsam auf, schlenderte an den ahnungslosen und ignoranten Menschen vorbei. Sah in die teils traurigen, großteils desinteressierten, wenigen fröhlichen Gesichter. Wie seltsam die Welt doch in den letzten Jahren geworden ist. Erschreckend wie einsam die Menschen sind, obwohl es so viele gibt. Bei diesem Gedanken wurde ich wieder von meiner eigenen, harten Einsamkeit ergriffen. 
S e i t e n z a h l :  -
A u t o r I n :  zum Profil des Autors Stefan Gamperl

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