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Traumreise nach Megaride
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Ida Casaburi   

E x p o s é :

bvroman
 

ACHTUNG: Dieser Titel wird veröffentlicht zum Herbst 2010, dann unter dem Titel: "Der Lockruf" ISBN 978-3-9810798-4-5

Die Ehe von Axel Menzel ist gescheitert - daran, dass er keine Kinder will und nur eine Frau lieben könnte, die keinen Deut weniger als wunderschön wäre, und Billa ist es weiß Gott nicht. Sie ist irgendwie unsichtbar.
"Traumreise nach Megaride" ist eine strange Story über einen schüchternen Buchrestaurator, der während eines geschäftlichen Aufenthaltes in Neapel endgültig den Halt verliert. Schuld daran sind das Selbstportrait einer schönen Frau und ein geheimnisvoller Zettel im Kopfteil seines Bettes. Getrieben von der Sehnsucht nach Abenteuern, bleibt Axel länger als geplant und gerät in einen Sog seltsamer Ereignisse.

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

Der Zettel

"Unsere Leidenschaften sind die Bedeutung unserer intimen Beziehungen. Ihnen entstammen die das Alltägliche übersteigenden Bilder."

Was hält mich hier fest, an diesem Ort, wo mir Nacht für Nacht ein unerklärliches Rascheln den Schlaf raubt, als würden tausend winzige Füße durch den Raum tippeln?
Tiere? Nein, die hätte ich längst entdecken müssen. Der Zustand dieses Zimmers beweist, dass ich gründlich nach ihnen gesucht habe. Und überhaupt, welche Tiere verbreiten den widerlichen Gestank von toten Fischen?
Nein, hier geht es um etwas, das genau weiß, wie und wo es sich vor mir verstecken kann und auch wann es Zeit ist, endlich still zu sein, so wie jetzt. In solchen Momente neige ich eher dazu, das Geräusch für ein Produkt meiner überreizten Nerven zu halten. Für pure Einbildung also!

Wie dem auch sei, bis heute habe ich immer nur versucht, herauszufinden, was es überhaupt ist. Inzwischen glaube ich, dass es wichtiger und hilfreicher sein kann, die Umstände festzuhalten, die zu meiner augenblicklichen Verfassung geführt haben. Eigentlich hätte ich diesen Bericht gleich schreiben oder zumindest mir Notizen machen müssen, denn selbst nach einer relativ kurzen Zeit besteht die Gefahr, dass Einzelheiten verloren gehen und durch Phantasie ersetzt werden. Ich stand aber wie unter einem Zauber, einzig daran interessiert, der Sache nachzugehen, meiner Sehnsucht zu folgen, kopflos, blindlings. Doch, der Versuch, die Zukunft in die Gegenwart zu ziehen und die Gegenwart in die Vergangenheit zu schieben, hat alles schlimmer gemacht.

Es dämmert gerade, ich sitze am Schreibtisch von Kapitän Lasalle und starre auf sein Logbuch. Seitdem ich seinen letzten Eintrag gelesen habe, quält mich eine Empfindung, die ich nicht einordnen kann, eine schmerzliche Traurigkeit unterhalb des Bewusstseins, die mich hindert, dieses Zimmer zu verlassen. Ich schlage das Buch auf und beginne dort zu schreiben, wo der Andere aufgehört hat. Sollte ich am Ende tatsächlich die Zusammenhänge erkennen, weiß ich nicht, was mit mir geschehen wird.

Meine Geschichte beginnt weit weg von hier, in Neapel, dem Geburtsort meiner Mutter. Um genauer zu sein, beginnt sie in einem Hotel auf dem Vomero. Bei meiner Ankunft dort stand das von mir reservierte Einzelzimmer nicht zur Verfügung. Aus Gründen, für die ich mich nicht weiter interessiert habe, bekam ich stattdessen die Hochzeitssuite. Ich brauche nicht zu sagen, wie erfreut ich darüber war. Mit dem, was ich als selbständiger Buchrestaurator verdiene, hätte ich mir eine solche Unterkunft niemals leisten können. Wie sollte ich auch ahnen, dass sich mein unerwartetes Glück ins genaue Gegenteil verkehren würde!

An dieser Stelle halte ich es für sinnvoll, einige Angaben über meine Person zu machen, obwohl nicht anzunehmen ist, dass andere diese Aufzeichnungen jemals lesen werden. Ein Grund mehr, mich nicht um einen Stil zu bemühen, der weniger unzeitgemäß wäre, als ich es bin.

Ich heiße Axel Gennaro Menzel. Axel, wie Axel Munthe, in dessen berühmten Garten sich meine Eltern begegnet sind, Gennaro, wie mein italienischer Urgroßvater, der einzige Verwandte, von dem meine Mutter sprach, und Menzel wie mein Vater, ein Deutscher, von dem sie sehr wenig sprach, der gleich nach meiner Geburt einen Ozean zwischen sich und uns gelegt hat. Ich scheine, wie man zu sagen pflegt, das Resultat einer Panne und des Zaubers von Anacapri zu sein.

Im letzten Herbst ist Mutter gestorben. Im letzten Herbst hat mich auch Billa, meine Frau, verlassen - glücklicherweise habe ich ihrem Drängen nach einem Kind nicht nachgegeben. Sie ist wieder in ihre Wohnung gezogen, auf der anderen Straßenseite. Von einer Scheidung will sie nichts wissen. Vor einem Jahr, als wir heirateten, dachte ich, sie würde mich ändern, nur so viel, dass ich mit meinem Dasein in den Maßen zufrieden sein könnte, die für mich möglich sind. Um die Wahrheit zu sagen, habe ich eher versucht, Billa zu verändern, was dazu geführt hat, dass wir uns getrennt haben, mehr oder weniger, denn wir sehen uns jeden Tag. Ich kann eigentlich ohne sie nicht leben, obwohl ich sie nicht liebe, denn richtig lieben könnte ich nur eine Frau, die keinen Deut weniger als wunderschön wäre, und Billa ist es weiß Gott nicht. Sie ist irgendwie unsichtbar.

Freunde habe ich auch nicht allzu viele. Ich gehe so weit zu sagen, dass ich selbst diese wenigen nicht bräuchte. Abgesehen von Billa, die Gegenwart einer anderen Person lähmt mein Denken, meine Sprache, sogar meine Bewegungen, die langsamer und irgendwie unkoordiniert werden. In dem Bewusstsein, keine gute Figur zu machen, verkrampfe ich mich umso mehr und bin kaum imstande, geistreiche Bemerkungen zu machen, geschweige, eine schöne Frau zu interessieren. Eine Einladung zu einem Abendessen oder zu einer Party versetzt mich in eine solche Unruhe, dass ich lange davor weder schlafen noch arbeiten kann.
Nach Italien reisen zu müssen, hat mich sogar in Panik versetzt. Ich kann es mir aber nicht leisten, Aufträge abzulehnen oder einen guten Kunden zu verlieren. Und so habe ich zugesagt. Ich sollte einige Bücher im Besitz eines gewissen Dr. Raven  begutachten, gegebenenfalls erwerben und später das eine oder andere restaurieren.

Billa war der Meinung, die Abwechslung würde mir gut tun - vor Abwechslungen fürchte ich mich aber, das sollte sie eigentlich wissen, und an einem fremden Ort halte ich es sowieso nicht länger als drei Tage aus. Dass ich dieses Mal die Abreise verschoben habe, ist, wie gesagt, die Folge eines unvorhergesehenen Zimmertausches und dessen, was ich darin gefunden habe. Mehr darüber später.

Am Dienstag vor drei Wochen - oder sind es schon vier, so genau weiß ich es nicht mehr - flog ich also nach Rom. Dort fuhr ich mit dem Zug weiter nach Neapel. Um Geld zu sparen nahm ich kein Taxi und schlug mich mit Bus und Bahn zum Stadtteil San Martino durch, wo sich mein Hotel befand. Eine ermüdende und langwierige Fahrt. Umso froher war ich über das unerwartet schöne Quartier. Anstatt des üblichen stiefmütterlichen Einzelzimmers mit Dusche standen mir zwei Räume und ein großes Bad zur Verfügung. Sogar eine Terrasse gehörte dazu, von der man ein einmaliges Panorama genießen konnte. In der Ferne sah ich das Meer und den Vesuv, rechts die Villa Floridiana, eine große Parkanlage. So kannte ich diese Stadt nur von Postkarten.

Als mein Urgroßvater noch lebte, verbrachten wir jedes Jahr Weihnachten bei ihm. Die wenigen Erinnerungen, die ich daran habe, als ich sieben war, verstarb er, sind die eines stillen Hauses mit einem von hohen Mauern umschlossenen Garten, den ich nie verlassen durfte. Jetzt blickte ich aber auf eine grenzenlose Weite, eingetaucht in Licht, Farben und Düfte eines verfrühten Sommers, der unter meine Kleidung kroch und mich wie ein warmer Körper berührte. Dabei schien nicht nur meine Haut zu erwachen. Zum ersten Mal seit langem spürte ich eine sehnsüchtige Freude und eine prickelnde Unruhe, die, ganz gegen meine Gewohnheit, mich auf die Straße trieben.

Normalerweise laufe ich nicht gern durch Weltstädte. Sie sind so von Geschichte, Schönheit und Eleganz erfüllt, dass ich mir meiner Mittelmäßigkeit bewusst werde. Mein Aussehen, die Kleidung, sogar meine Art zu gehen missfallen mir dann. Meine Körperlichkeit befremdet mich, wie wenn ich Fotos von mir ansehe. Umso verwunderlicher ist es, dass ich an diesem Nachmittag, bis zu meiner Verabredung, nur unterwegs gewesen bin.

Kurz vor vier, beinahe zu spät und völlig untypisch für mich, suchte ich in der Via Scarlatti die angegebene Adresse. Es war ein Palazzo von acht Stockwerken, der aussah, als wäre er nach und nach in alle Richtungen gewuchert. Ein gewissenhafter Hausmeister fragte mich, zu wem ich wollte.
"Zu Dr. Raven", sagte ich, bemüht, so akzentfrei wie möglich zu sprechen. Zwischen uns stand ein imposantes schmiedeeisernes Tor, breit und hoch genug für die Kutschen früherer Zeiten, wodurch auch ein zweistöckiger Bus bequem hätte fahren können. Erst nachdem der Mann sich telefonisch erkundigt hatte, ließ er mich herein.

Mit einem von diesen nachträglich eingebauten offenen Aufzügen, die wie prächtige Käfige aussehen, fuhr ich in den siebten Stock. In einer solchen Umgebung hätte ich mich nicht gewundert, wenn Dr. Ravens Tür von einem Butler geöffnet worden wäre. Doch er machte sie selbst auf. Im Licht einer fensterlosen Diele hielt ich ihn im ersten Moment für einen Mann in meinem Alter, um die vierzig.
"Herr Menzel?" Er streckte mir gleich die Hand entgegen. Sein Griff war, genau wie meiner, ein wenig zu weich. Als ich das erkannte, machte ich den Versuch, fester zuzudrücken. Er entzog mir aber seine Hand, mit einer unangenehm flinken Bewegung.
"Wir gehen am besten gleich in die Bibliothek", sagte er.

Erst dort sah ich, dass er älter war, vermutlich weit über sechzig, und allein durch seine schlanke Figur und das auffallend dunkle Haar jünger wirkte. Wir befanden uns in einem Raum mit Deckenmalereien, antiken Bücherregalen und einem schmalen, langen Tisch in der Mitte, auf dem die in Frage kommenden Bücher bereitlagen. Mein Blick streifte sie nur, eingefangen von einem Ölbild, das beinahe eine ganze Wand bedeckte. Ich konnte meine Augen nicht mehr von ihm lassen, zuerst wegen der Größe und des barocken Rahmens, die mich beide an Museen erinnerten, dann wegen des Inhalts. Ich habe mich mehrere Stunden in dem Zimmer aufgehalten und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch nie vorher so etwas Kraftvolles und Aufregendes gesehen habe. Inmitten von züngelnden Farbspielen liefen Hunderte von Frauen, ähnlich wie die Puppis in den Carceri von Piranesi, über eine Unzahl von Treppen und Gängen, die sich in zerbrechlicher Verstricktheit in der Höhe verloren. Der Stoff ihrer Kleider, der Mode nach aus dem achtzehnten Jahrhundert, war so perfekt ausgeführt, dass ich den Eindruck hatte, wenn ich sie berührte, würde ich unter meinen Fingern zarten Musselin, Gaze, so dünn wie Luft, schweren Samt, Atlasseide und sizilianischen Brokat spüren. Als ich einen Moment allein blieb, schaute ich mir jede einzelne Frau genauer an. Seltsamerweise wandten sie alle dem Betrachter den Rücken zu, bis auf eine.

Dr. Raven kam zurück.
"Hoffentlich bin ich mit der Kaffeemaschine zurechtgekommen. Meine Haushälterin ist nicht da. Sie schwört auf das alte Ding. Was Moderneres kommt ihr nicht ins Haus."
Ich war so in das Bild vertieft, dass ich ihm nicht gleich antwortete. "Ungewöhnlich, nicht wahr?" Er stand hinter mir und betrachtete es ebenso. Ich gab ihm Recht und fragte, von wem es sei. Er nahm einen Stock und deutete genau auf jene zentrale Gestalt im weißen Spitzenkleid mit dem einzigen sichtbaren Gesicht, kaum größer als eine Miniatur und von unbeschreiblicher Schönheit.
"Von ihr", sagte er. "Als sie es malte, sah sie noch so aus."
Neugierig fragte ich, was mit ihr geschehen sei.
"Ein Unfall hat sie beschädigt. Arme Katinka!"
Ich stammelte eine Entschuldigung, wegen meiner Taktlosigkeit, wobei mir seine Art zu sprechen, ohne besondere Anteilnahme, ohne mich anzuschauen und das Wort "beschädigt" nicht gefiel. Auch später wanderten seine Augen unstet umher. Schon nach so kurzer Zeit, wünschte ich, diesen Mann nicht näher kennen zu lernen. Er dagegen schien es nicht eilig zu haben, mich los zu werden. Anstatt mir die Bücher zu zeigen, begann er über fremde Sprachen und ferne Länder zu sprechen. Er war sehr stolz, acht Sprachen perfekt zu beherrschen und gab mir ständig Kostproben davon. Zumindest bei vieren konnte ich mithalten, was ihn überhaupt nicht beeindruckte, da es sich um die gängigsten handelte. Erst gegen Abend hörte er auf von sich zu erzählen, und ich konnte endlich sechzig Bücher aussuchen, die er mir schicken wollte. Bevor ich ging, erkundigte ich mich nach einer guten Pizzeria. Er empfahl mir ein Lokal nicht weit von meinem Hotel.

Eigentlich wollte ich bloß eine Pizza mitnehmen und sie im Park essen. Selbst für jemanden, der wie ich die Einsamkeit liebt, ist es eine traurige Angelegenheit, allein an einem Tisch zu sitzen. Der lukrative Auftrag hatte mich jedoch in gute Laune versetzt. So entschied ich mich zu einem richtigen Abendessen. Das lange Warten und die vielen Menschen taten mir natürlich nicht gut. Entgegen meinem Vorhaben bestellte ich mir Wein. Da ich nicht viel im Magen hatte, bekam er mir nicht, worauf sich meine Stimmung zunehmend verschlechterte und ich wie immer den Eindruck hatte, unangenehm aufzufallen. Ich aß viel zu hastig, völlig ohne Genuss, nur um das Lokal so schnell wie möglich zu verlassen. Wieder draußen fiel mir nichts Besseres ein, als ins Hotel zurückzukehren. Dem Mann an der Rezeption, immer noch der Gleiche, musste ich die Zimmernummer nicht nennen. Eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die einem in Erinnerung bleiben. Hier war es natürlich anders.
"Die Hochzeitssuite", sagte er gleich, behielt aber den Schlüssel in der Hand zurück, viel zu lange für meinen Geschmack.
"Möchten Sie nicht einen Blick in unsere Bar werfen?" Seine Frage war mehr als nur eine freundliche Empfehlung. Ich lehnte dankend ab und erklärte, sicher überflüssigerweise, als müsste ich mich dafür entschuldigen, ich sei sehr früh aufgestanden. Es war kurz vor acht, und er schaute mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
"Dann wünsche ich Ihnen eine lange und ruhige Nacht. Dafür haben wir wohl gesorgt." Ich wusste genau, was sein spöttisches Lächeln bedeutete.

S e i t e n z a h l :  170
A u t o r I n :  zum Profil von Ida Casaburi

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