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Der Bestatter
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Andreas T.   

E x p o s é :

bvroman
 

Der Protagonist/Antagonist dieser Erzählung sind Václav, ein äußerst gefährlicher Psychopath und Czerny, ein frustrierter Kommissar, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Im Laufe der Geschichte nähern sich beide Charaktere immer stärker an, trotz ihrer stark polarisierenden Wesenszüge und Charaktereigenschaften. Nur auf Grund dieses Annäherungsprozesses gelingt es Czerny schließlich, seinen Kontrahenten zu verstehen ... Ein sehr spannender Thriller, der sich auch stark mit dem psychologischen Hintergrund der Charaktere auseinandersetzt - der manchmal fast schon an „Psycho“ erinnert und in einer Gegend spielt, die manchmal fast schon „kafkaesk“ erscheint. Ein ähnlicher Fall hat sich in den 30er Jahren, in Florida, wirklich ereignet!

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 

Václav.

Václav Hrba war immer schon ein einfacher, pragmatischer aber auch ein sehr ängstlicher Mensch gewesen. Seit er sich erinnern konnte, mühte er sich verzweifelt darum, ein wenig Zuneigung und Anerkennung – sei es auch nur als eine kleine, freundliche Geste – von seinen Mitmenschen zu erfahren. Leider gelang es ihm viel zu selten, dieses in ihm so tief verwurzelte Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Wärme befriedigen zu können. Und das machte sein Leben so kompliziert und perspektivlos. Oft fühlte er sich wie innerlich ausgebrannt, leer und hilflos – aber auch sehr einsam. Dann sehnte er sich immer nach einem vertrauten Wesen, das ihn verstand, ihm zuhören würde – und ihn vielleicht auch ein klein wenig mögen würde. Aber er hatte ein schier unüberwindbares persönliches Problem: Václav war es nahezu unmöglich, mit seinen Mitmenschen soziale Beziehungen eingehen zu können – es war diese diffuse, unerklärbare Angst, die ihn immer dann befiel, wenn er es mit lebendigen, menschlichen Wesen zu tun hatte. Václav war ein sehr einsamer, aber auch ein sehr verzweifelter und unglücklicher Einzelgänger. „Wer will mit so Einem wie mir schon etwas zu tun haben“, dachte er sich, wenn er sich gelegentlich dazu überwinden konnte, sein verhasstes Konterfei im stumpfen und fleckigen Badezimmerspiegel zu betrachten. Es war ihm bisher noch niemals gelungen Jemandem zu begegnen, der bereit gewesen wäre, mit ihm eine tiefere Beziehung eingehen zu wollen – wie es im Allgemeinen Freunde zu tun pflegen – und er befand sich bereits in seinem 41sten Lebensjahr!
Er lebte in einer düsteren Industriestadt, die etwa 30 Kilometer westlich von Prag ent-fernt liegt. In dieser Stadt hat man schon Morgens das Gefühl, dass einem die Luft zum Atmen fehlt – als ob die Kehle zugeschnürt ist. Sie liegt wahrscheinlich in einer der düs-tersten Gegenden Tschechiens – vergleichbar mit den übelsten „Ecken“ des Ruhrgebiets. Riesige Schornsteine, die fast schon an die Skyline von Manhattan erinnern, prägen die bi-zarre Silhouette. Eine trübe, stinkende und sich ständig über der Stadt befindliche Dunst-wolke zeugt auch heute noch allgegenwärtig von dem Eindruck und dem Missbehagen, das Václav immer dann befiel, wenn er manchmal tags, besonders aber nachts, „seine kleinen Exkursionen“ unternahm, dabei immer die berüchtigsten Viertel aufsuchte und unruhig die dunklen Straßen entlanglief, als ob ihn JEMAND verfolgen würde – als ob er auf der Suche nach ETWAS sei.
Es ist eine Stadt, die schon seit Jahrhunderten vom Kohle-Bergbau lebt. Die ganze Ge-gend ist wie von einem schwarzen, schmierigen Film überzogen, und Besucher und Gäste ge-winnen manchmal den Eindruck, dass dieser Ort keine Farben zulassen will.
Aber die vielen Menschen, die an diesem düsteren Ort leben müssen, scheinen das nicht zu bemerken – auch verhalten sie sich ganz anders, wie die Menschen im „Rest der Welt“. Selten ist Václav hier jemandem begegnet, der einen fröhlichen, unbeschwerten und zufriedenen Eindruck auf ihn machte. Auch das laute und bunte Treiben, wie man es sonst aus anderen, größeren Städten kennt, scheint es hier nicht zu geben – eine bedrückende, seltsame Atmosphäre lag immer schon über dieser Stadt!
Václav lebte immer noch bei seiner Mutter und betrieb mit ihr ein kleines Bestat-tungsunternehmen. Eigentlich lief das Geschäft recht ordentlich, denn in dieser Stadt liegt die Sterblichkeitsrate deutlich höher als in anderen Gegenden dieses Landes.
Václav liebte seinen Beruf – manchmal gewann er fast den Eindruck, ein bedeutender Arzt zu sein – besonders, wenn er sich liebevoll und mit voller Hingabe seinen stummen und hilflosen „Patienten“ widmete. Dann streichelte er behutsam ihr Haar, redete sanft und beruhigend auf sie ein – manchmal fasste er sie auch an die Stirn, als ob er sich vergewissern wollte, dass das schlimme Fieber endlich gesunken ist – was eigentlich immer der Fall war, denn seine „Patienten“ fühlten sich stets kalt und trocken an. Dann begann er mit seiner Arbeit! Václav liebte diese Arbeit, er lächelte dabei immer etwas verschmitzt und war mit sich und der Welt zufrieden – seiner kleinen, sehr persönlichen aber auch sehr geheimnisvollen Welt.
Václavs Mutter war bereits 80 Jahre alt. Sie hatte ihm gegenüber bereits mehrfach er-wähnt, dass sie sich in Zukunft nicht mehr um das Geschäft kümmern wollte, er müsse es in Zukunft weiterführen – aber allein schon diese Vorstellung bereitete ihm größte Angst.
Václav ist immer schon ein recht sonderbarer Mensch gewesen – in seiner Kindheit be-schäftigte er sich gerne damit, Insekten und andere Kleinlebewesen zu sezieren und sie ge-nauestens zu studieren. Es bereitete ihm großes Vergnügen, Fliegen, Schmetterlingen und ähnlichem Getier die Flügel auszureißen, um sie schließlich ihrem Schicksal zu überlassen. Nachts dachte er darüber nach, was mit seinen „Opfern“ geschah, hatte er sie doch ihrer perfekt entwickelten Fortbewegungsorgane beraubt – Organe, für die die Evolution mehrere hundert Millionen Jahre Zeit beansprucht hatte. Dann lächelte er etwas verschmitzt und schlief beruhigt ein. Aber ihn plagten sehr oft Albträume. Einer war besonders beängstigend. Er träumte, dass er sich in einem dunklen Raum befand, und dieser Raum war riesig – fast unendlich. Er fühlte sich sehr alleine und verlassen. Doch plötzlich vernahm er Schritte, er hörte, wie sie auf ihn zukamen – erst leise, dann immer lauter wurden. Und er verspürte dabei immer eine große Furcht – dass dieses WESEN, das sich ihm näherte, ihn auch „erwischen“ würde. Als dies im Traum tatsächlich geschah, wachte er immer an seinem eigenen Schrei auf und rannte zu seiner Mutter – sie ihn sogleich grob wegstieß und anschrie: „Lass mich in Ruhe, ich habe Morgen einen anstrengenden Arbeitstag!“ Dann schlich er bedrückt, am ganzen Körper zitternd, in sein kleines Kinderzimmer, verkroch sich im Schrank und schlief darin schließlich ein.
In seiner späteren Jugend und Pubertät verspürte Václav oft den Drang sich verkriechen zu müssen. Er hatte sich im Keller einen Verschlag gebaut, den er ganz nach seinen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen einrichten konnte. Seine Mutter war auch froh gewesen, dass er endlich eine sinnvolle Aufgabe gefunden hatte und er ihr nicht, wie es meist der Fall war, ständig nur im Weg stand.
Dieser Zufluchtsort hatte für ihn eine große Bedeutung, denn er verspürte dort eine große innere Sicherheit und Gelassenheit. Der Raum besaß für ihn aber auch etwas Magisches – denn keinem Dämon würde es jemals gelingen, ihn betreten zu können. Er begann damit, diesen Raum auf eine besondere Weise auszuschmücken. Er benutzte dazu viele Kerzen – im Laufe der Jahre wuchs ihre Anzahl auf mehrere hundert Stück an. Er empfand es fast schon wie ein Zeremoniell, wenn er die zahlreichen Kerzen entzündete und den würzigen Duft von verbrannten Dochten und Paraffin genoss. Wenn ihm dabei manchmal etwas Kerzenwachs auf seine Finger tropfte, lächelte er und begann daraus eine kleine Kugel zu formen, die er den ganzen Tag über unruhig zwischen seinen Fingern bewegte. Wenn sie ihm manchmal entglitt und zu Boden fiel, suchte er so lange nach ihr, bis er sie schließlich entdeckt hatte – dann lächelte er wieder verschmitzt und begann erneut damit, sie zu einer perfekten runden Form zu kneten. Dabei bemerkte er, dass das Paraffin eine besondere Eigenschaft besaß: seine Finger waren, auch noch nach Stunden, wie mit einem Wasser abweisenden Film überzogen. Besonders in den späteren Jahren fiel ihm das auf, denn er musste sich tagsüber sehr oft seine Hände waschen, denn das erforderte allein schon sein Beruf.
Václav sehnte sich nach einem intakten und glücklichen Familienleben, aber so etwas hatte er bisher noch nicht kennen gelernt! Seinen Vater hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Und seine Mutter war eine sehr strenge, herrische und eigenartige Frau, von der er so etwas wie Wärme oder Zuneigung noch nie erfahren hatte. Oder doch? Er sehnte sich nach Geborgenheit, Vertrauen und Liebe, wie sie – nach seinem Vorstellungsbild – nur in einer intakten Familie existieren konnten. Immer, wenn dieser Wunsch nach Geborgenheit und menschlicher Wärme besonders stark war, ging er nach unten in den Keller, betrat seinen „Zufluchtsort“ und begann wieder damit die unzähligen Kerzen anzuzünden. Sogleich ver-spürte er die besondere Atmosphäre, die diesen geheimnisvollen Ort wie eine Aura zu um-hüllen schien. Dann setzte er sich in seinen Schaukelstuhl, sog den würzigen Duft von ver-brannten Dochten und Paraffin tief mit seiner Nase ein und fing wieder damit an, eine kleine Kugel aus Kerzenwachs zu formen – dann begann er zu träumen. In seinen Augen lag ein geheimnisvolles Funkeln und Leuchten – und das kam nicht nur von den unzähligen Lichtern, die sich in ihnen spiegelten.
Dabei träumte er oft von einer liebenden Frau, die ihn so akzeptieren würde, wie es nun einmal seine Art war. Auch von einem gemeinsamen Kind mit dieser Frau träumte er, und in seinen Augen lag wieder dieses eigenartige Leuchten. Doch plötzlich verfinsterte sich sein Blick und er unterbrach abrupt seine gleichmäßigen, monotonen Schaukelbewegungen. Seine Mutter würde das niemals zulassen! Er wusste, wie sie über Frauen dachte, besonders über die Jüngeren. „Diese Huren wollen nur mein Geld! Wage es nicht, mit einer von ihnen jemals mein Haus zu betreten!“ waren meist ihre Worte, wenn sie über dieses Thema sprachen. Das geschah zwar äußerst selten – er glaubte sich zu erinnern, dass es schon etliche Jahre zurücklag, als sie dieses Thema zuletzt angesprochen hatten. Damals musste er erschrocken feststellen, wie schaumiger Speichel aus ihren verkniffenen, verzerrten Mundwinkeln her-vortrat.
Heute hatte sich eine „Patientin“ angekündigt. Er entnahm ihren Unterlagen, dass ihr Name Helena S. war, sie gerade mal 25 Jahre alt war und an einer „lebensbedrohlichen Krankheit“ litt. Er freute sich darauf, sich mit ihr etwas näher beschäftigen zu können – ihr vielleicht auch helfen zu können – und er konnte es kaum erwarten, sie endlich kennen zu lernen. Seine Mutter hatte davon erfahren und sie bemerkte boshaft: „Wieder eine von Dei-nen Huren! Beeil Dich mit ihr, ich will sie schnell aus meinem Haus haben! Und hinterlasse nicht wieder diese Sauerei wie beim letzten Mal!“
Als sie am späten Nachmittag endlich auf seinem Behandlungstisch lag, konnte er es kaum fassen. Sie war eine wunderschöne Frau – fast schon eine Traumfrau! Sie lächelte, es war ein bezauberndes Lächeln – und er spürte, wie ihm plötzlich heiß wurde – und er lächelte etwas verlegen zurück. „Guten Abend, Václav Hrba“, begrüßte er sie, aber sie sah ihn hilflos an – dann versuchte sie ihm durch ihre „Blicke“ verständlich zu machen, dass sie leider stumm war. Als er endlich kapiert hatte – was war er doch nur für ein Stoffel – musste er verwirrt feststellen, wie Schamesröte seine Wangen zum Glühen brachte.
Ihre „Sprachlosigkeit“ störte ihn keineswegs, ganz im Gegenteil! Endlich war es ihm gelungen jemanden zu finden, der ihn in diesen vielen einsamen Stunden begleiten würde! In diesen vielen verlorenen Nächten, die nicht enden wollten! Václav hatte viel zu erzählen – von Dingen, die ihn sehr belasteten, verwirrten und ihm große Angst machten! Václav Hrba war schon lange auf der Suche nach einem verständnisvollen und toleranten Wesen, das ihm einfach nur zuhören wollte – ihn so akzeptieren würde, wie es nun einmal seine Art war!
Plötzlich durchfuhr ihn eine starke Emotion, er empfand es fast wie einen elektrischen Schlag! Er war völlig verwirrt und fühlte sich sehr verunsichert!
Václav hatte sich in diesem Augenblick in diese Frau verliebt, die stumm und reglos vor ihm lag. Er betrachtete etwas irritiert ihren zarten, weißen Alabasterkörper und er spürte deutlich, wie sein Glied hart wurde. Er lächelte – es war wieder dieses verschmitzte, sonderbare Lächeln, das in seinem fleischigen, etwas aufgedunsenen Gesicht lag – und er dachte über seine Zukunft nach. Sie schien ihm zu gefallen.

Czerny.

Pavel Czerny saß an seinem Schreibtisch und starrte dumpf vor sich hin. Heute war wieder einer dieser speziellen Tage, an denen er seinen Beruf besonders hasste – er griff zu seinem Asthma-Spray und entnahm daraus eine kräftige Dosis. Dann bekam er einen Hus-tenanfall, aber das Cortison besserte sogleich seine akute Atemnot – und er griff instinktiv nach seiner Zigarettenpackung. Eigentlich wollte er sich beruflich nicht mehr so stark en-gagieren, doch heute hatte ihm sein Vorgesetzter, der Hauptkommissar, diesen Vorsatz gründlich versaut.
In knapp einem Jahr wollte Czerny in Rente. „Was soll das eigentlich noch bringen“, dachte er ärgerlich und beschäftigte sich wieder mit dem Protokoll, das ihm sein Chef vor etwa einer halben Stunde mit den Worten: „Kümmern Sie sich darum“, auf seinen Tisch geknallt hatte: Czerny war bereits seit über 20 Jahren Kriminalkommissar und er hatte im Laufe seiner Berufsjahre in dieser Stadt schon Vieles erlebt, sich aber leider auch Schreck-liches ansehen müssen. Aber das, womit er sich gerade beschäftigte, schien etwas völlig anderes zu sein! Der dritte Prostituiertenmord innerhalb der vergangenen sechs Monaten. Er hatte dabei den Eindruck, dass es sich bei diesen Gräueltaten auch um Ritualmorde handeln könnte und es schien fast so, als ob es sich bei dem Täter um einen besonders psychisch gestörten Menschen handeln musste. Die Ermordeten waren durchweg alte, verbrauchte und völlig heruntergekommene Huren, die sich in den schlimmsten Vierteln der Stadt herumgetrieben hatten. Deren Freier meist einsame, sehr kranke Menschen waren – viele Penner und Alkoholiker befanden sich unter ihnen, aber auch gefährliche Kriminelle, die aus wirklich bedenklichen Randgruppen kamen und die sich in dieser Stadt besonders heimisch fühlten. „Diese armen Nutten“, dachte er sich, denn er wusste genau, warum diese bedauernswerten Geschöpfe, trotz ihres hohen Alters, immer noch dieser Profession nachgegangen waren.
„Warum kümmern sich diese dummen Weiber nicht einfach nur um ihre vielen Enkel-kinder oder um ihre vielen Gebrechen – oder um den lieben Gott“, fiel ihm ein und er musste unvermittelt an seine eigene Mutter denken, die vor zwei Jahren, fast 80-jährig, verstorben war. Czerny schüttelte sich und griff erneut nach der Zigarettenpackung. Er entnahm daraus eine Zigarette, zündete sie an, er spürte, wie seine Hand zitterte und inhalierte den gefährlichen Rauch mit einem tiefen Lungenzug – er bekam sogleich wieder einen Hustenanfall. Er warf einen letzten, flüchtigen Blick auf die grauenvollen Fotos, die noch auf seinem Schreibtisch lagen und er musste sich erneut schütteln, dann ging er zum Aktenschrank, in dem er seine „Becherovka“ deponiert hatte und entnahm aus ihr einen langen, kräftigen Schluck, direkt aus der Flasche. Danach fühlte er sich etwas besser!

Václav Hrba war mit seiner Arbeit sehr unzufrieden! Seine „Patientin“ schien viel an-fälliger und kränker zu sein, als er das zu Beginn vermutet hatte! Ihr äußerlicher Zustand veränderte sich dramatisch, ihre zuvor alabasterartige Haut wurde von Tag zu Tag unan-sehnlicher – zunächst bemerkte er die roten Flecken, dann bildeten sich Quaddeln und Blasen, die schließlich aufplatzten und daraus ein übel riechendes Sekret austrat. Oder deutete ihr sonderbarer, allgegenwärtiger Zustand etwa auf eine Art Metamorphose hin, in deren Verlauf sie sich – nach der Verpuppungsphase – schließlich doch noch in ein „perfektes“ Wesen verwandeln würde? Er stellte fest, dass sich in den vergangenen Tagen sehr viele Fliegen in seinem „Zimmer“ eingenistet hatten. Ständig versuchte er sie zu verscheuchen, doch es schien, dass es immer mehr wurden. Er war völlig konfus und war sich auch darüber im Klaren, welche Absicht diese vielen Biester verfolgten. Wahrscheinlich waren sie es die dafür sorgten, dass es in seinem Zimmer gerade so fürchterlich stank.
Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass er heute noch das Schlachthaus aufsuchen musste, um sich Schweineknochen und Fleischabfälle zu besorgen. Mit menschlichen und tierischen Körpern kannte sich Václav eigentlich recht gut aus! Während der letzten Jahre, in denen er sich mit ihnen beschäftigte, hatte er viel dazulernen – ihm fielen die vielen Katastrophen wieder ein, die er mit diesen Körpern zu Beginn erlebt hatte. Doch diesmal wollte er anders vorgehen! Václav litt!
Er konnte ihren vorwurfsvollen, gebrochenen Blick kaum noch ertragen – und er wurde von Tag zu Tag unruhiger. Nachts konnte er nicht schlafen, denn er grübelte ständig darüber nach, was an seiner „Behandlungsmethode“ falsch war? Bis er schließlich, eines Nachts, eine Idee hatte! Das konnte kein Zufall sein, es musste sich um eine höhere Macht handeln, die ihm zu diesem genialen Einfall verhalf – er erhob sich abrupt, griff nach seinem Morgenmantel, schlich sich vorsichtig am Schlafzimmer seiner Mutter vorbei, vernahm aber beruhigt ihr lautes Geschnarche und ging schnell nach unten in den Keller. Endlich wurde ihm auch klar, warum es ihm bisher noch nicht gelungen war, „seiner Patientin“ wirklich helfen zu können. Er hatte in diesem Augenblick fast den Eindruck, ein bedeutender Arzt zu sein! Ein „Albert Schweitzer“ – oder vielleicht doch ein „Viktor Frankenstein“?

Pavel Czerny brauchte jetzt erst einmal etwas Deftiges – und da es gerade um die Mit-tagszeit war, verließ er sein Büro, setzte sich in seinen alten, klapprigen Volvo und fuhr in die Altstadt, dort, wo sich auch sein Lieblingslokal befand. Er fuhr die „Dlouhá-Ulice“ entlang, bog schließlich in die „Máchova“ ein und er spürte auch körperlich, wie das Jahrhunderte alte, von zahlreichen Schlaglöchern übersäte Kopfsteinpflaster seinen alten Volvo bis an die Grenzen seiner ehemals so robusten Konstruktion brachte. Bis zu seiner Rente musste der Wagen noch seinen kläglichen Dienst verrichten, danach wollte er sich einen billigen Kleinwagen besorgen, vielleicht einen Japaner – oder doch besser einen Russen? – und er hielt vor seinem Stammlokal an. Da es aber in diesem Stadtteil fast nie freie Parkplätze gab, stellte er den Wagen direkt davor auf dem Gehsteig ab, heftete die Sondergenehmigung an die Scheibe – er sollte sie eigentlich nur bei wichtigen Einsätzen benutzen – und betrat das Lokal. Sofort spürte er die besondere Atmosphäre, die hier herrschte; er roch den betörenden aber auch herben Duft von gebratenem Fleisch, abgestandenem Bier, altem Holzmobiliar und uraltem Gemäuer – fast wie in einem alten Burgverlies, fiel ihm gelegentlich ein, aber er fühlte sich gleich viel besser. Die Wirtin erschien und er bestellte ein „Plzenskí“ und eine „pecená Veprová“.
Nach dem Essen dachte er darüber nach, wie er jetzt weiter vorgehen wollte. Er bestellte ein weiteres Bier, griff nach seiner fast leeren Zigarettenpackung, doch es gelang ihm nicht die bisherigen Ereignisse und Fakten logisch und analytisch einander zuzuordnen, sie zumindest grob einschätzen zu können – um vielleicht aus ihnen irgendwelche weiteren Schlüsse folgern zu können.
Vielleicht lag es doch nur an dem deftigen und viel zu üppigen Essen, dass er gerade das Gefühl hatte, als ob sich seine Hirnleistung auf einem absoluten Tiefststand befand. Czerny ging es plötzlich miserabel, er suchte nach seinem Asthmaspray, doch er hatte es im Büro vergessen – dann spürte er, wie aggressive Magensäure langsam seine Speiseröhre hoch kroch und hinter seinem Brustbein ein Höllenfeuer zu entfachen versuchte. Die Wirtin bemerkte seine große Not und trat mit einem Glas Wasser an seinen Tisch, in dem sie zuvor das Bullrichsalz aufgelöst hatte: „Trink das, danach wird es Dir gleich besser gehen!“ Dann ging sie zurück zur Theke, entnahm aus dem Regal eine Flasche Becherovka und setzte sich zu ihm an den Tisch. Nachdem sie gemeinsam die Flasche fast geleert hatten, fühlte er sich etwas zuversichtlicher und optimistischer – zumindest was diesen, seinen letzten Fall betraf. Die Wirtin riet ihm noch, Zoran, den Zigeuner aufzusuchen – denn der wüsste über alle Vorgänge in dieser Stadt genauestens Bescheid, besonders, was die speziellen Vorkommnisse betraf, die in diesem Stadtteil – mit einer nahezu mathematischen Wahrscheinlichkeit – immer mit einem lebensverachtenden, zerstörerischen Gewaltakt endeten. Czerny nickte, denn er wusste selbst am Besten, was sich in dieser Gegend tagtäglich abspielte. Er notierte die Adresse von Zoran, dem Zigeuner, verabschiedete sich herzlich von Manja, der Wirtin, dann verließ er das Lokal. Er fühlte sich etwas benommen, aber das lag wohl an dem guten und viel zu deftigen Essen – oder lag es doch an der Becherovka, seiner bevorzugten Kräutermedizin? Er ließ sich müde und schwer in den herunter gesessenen, völlig abgewetzten Sitz seines Volvo fallen und fuhr los. Das wollte er gleich erledigen – mit dem Zigeuner sprechen – vielleicht könnte er von Zoran einige Hinweise erhalten, auch wenn sie noch so vage wären. Manja hatte ihm gesagt, dass er mit seinen ständig wechselnden Kumpanen auf einem völlig heruntergekommenen, leer stehenden Industrie-Areal leben würde, einer ehemaligen Brauerei, nur wenige Kilometer von hier entfernt. Dort würden etliche Campingwagen herumstehen – in welchem von ihnen er hausen würde, das wüsste sie selbst nicht so genau. Aber Zoran würde nur mit seinem Wissen rausrücken, wenn er dafür auch einen „satten Obolus“ erhielte. „Mal mehr, mal weniger, das weiß man bei ihm nie so genau“, erwähnte sie noch, „das hängt ganz von seiner Laune und seiner augenblicklichen Finanzlage ab“. Czerny hatte ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend, als er sich dem Gelände näherte.

Václav hatte endlich verstanden – er wusste nun, was an seiner „Behandlungsmethode“ falsch war. Er musste es seiner Patientin sogleich mitteilen, aber er wollte sie auch schnell loswerden, so schwer ihm dieser letzte Schritt auch fiel. Er klopfte etwas zaghaft an die Tür des „Behandlungszimmers“, dann erinnerte er sich wieder daran, dass sie ja stumm war und er trat vorsichtig ein. Sogleich schlug ihm dieser widerliche, süßliche Gestank entgegen und er musste kurz die Luft anhalten – dann stand er vor ihr. Ihr Zustand hatte sich während der letzten Stunden verschlechtert und er musste sich überwinden, sie freundlich aber auch zuversichtlich anzublicken. Diese Selbstdisziplin fiel ihm in diesem Augenblick nicht leicht, obwohl er sie doch in den letzten Jahren gut eingeübt hatte. Er ergriff ihre Hand, räusperte sich etwas, dann erklärte er ihr behutsam, dass er nichts mehr für sie tun könne. „Leider ist das so bei uns menschlichen Wesen, jeder von uns muss irgendwann einmal seinen eigenen, persönlichen und schweren Weg alleine gehen!“ Aber er würde sein Möglichstes tun, um ihr diesen „Abschied“ so leicht wie möglich zu machen. Er blickte in ihre traurigen, gebrochenen Augen und er verspürte wieder diese tiefe Zuneigung, wie er sie schon zu Beginn ihrer viel zu kurzen, heftigen „Beziehung“ empfunden hatte. In der folgenden Stunde stand er ihr liebevoll zur Seite. Als sie endlich „losgelassen“ hatte, lag ein stummes Lächeln auf ihren aufgeplatzten Lippen, auf denen sich zwei fette Maden herumtrieben. Wie es schien, waren sie gerade aus ihrem penetrant lächelnden Mund herausgekrochen – aus dem kleinen Spalt, der sich in den vergangenen zwei Tagen zwischen ihren verkrusteten und blutleeren Lippen gebildet hatte.
Diese schmale Öffnung schien wie das Tor in eine andere, wundersame Welt zu sein: in der sich Mikro-Organismen, Bakterien und gefährliche Pilze herumtrieben; aber auch fette, widerwärtige Maden, Würmer, Tausendfüßler und winzige, krebsartige Lebewesen befanden sich darunter, die sich alle gierig und mit einem scheinbar unersättlichen Appetit daran machten, wirklich alles – auch noch so Wertlose – verwerten zu wollen. Ein finales und fulminantes Festgelage im endlosen Kreislauf des Lebens, zu dem sie ein sich selbst verdauendes, biologisches System geradezu ermunterte: heute Nacht, ein allerletztes Mal, an dieser überaus üppig angerichteten und reichlich gedeckten Tafel teilzunehmen.
Václav erwiderte ihr stummes Lächeln etwas verschmitzt, so wie er es immer schon tat, wenn er gerade einen besonders guten Einfall hatte und er wischte etwas ärgerlich, mit einer schnellen, unwirschen Handbewegung das Ungeziefer aus ihrem – zumindest für sein Empfinden – immer noch wunderschönen Antlitz. Er gewann gerade den Eindruck, als ob sie ihm zum Abschied noch etwas Wichtiges mitteilen wollte, denn er konnte deutlich erkennen, wie sie ihren Mund hin und her – und auf und ab bewegte. Aber er wusste auch, dass sie leider stumm war. Dass sich aber in ihrer verfaulenden Mundhöhle gerade Hunderte von fetten Maden breit machten, schien ihm nicht wirklich bewusst zu sein – oder wollte er diese brutale Wirklichkeit im Augenblick nur nicht wahrhaben?
Dann begann er Helena in einen Leinensack zu verfrachten, schleppte sie, nachdem es ihm endlich gelungen war sie einigermaßen zu verstauen, in die benachbarte Garage, in der sich auch der Leichenwagen befand, und er dachte sich, während er sich mit ihr abmühte: „was doch so eine zierliche Person für ein Gewicht haben kann“, dann wuchtete er sie auf die Pritsche des alten Moskowitsch. Er fuhr mit ihr zu einem etwas weiter gelegenen Kre-matorium, das etwa 40 Kilometer entfernt lag. Zu diesem entlegenen Ort brachte er immer seine Problempatienten. Er war für ihn ein bevorzugter Ort, denn Václav war mit dem äußerst diskreten, nahezu unbürokratischen Service dieser Einrichtung überaus zufrieden. Er kannte die anderen, penetranten Bürokraten nur allzu gut, mit denen er sich tagaus und tagein herum ärgern musste und die ihm das Leben oft „mehr als genug“ zur Hölle machten.
Immer, wenn er diesen entlegenen Ort aufsuchte, gewann er auch den Eindruck, dass ihm seine Ängste und seine Selbstzweifel weitaus weniger bedrohlich erschienen – zumindest für eine kurze Zeit. Allein schon aus diesem Grund nahm Václav diese etwas längere Anfahrt immer wieder gerne in Kauf.
Petr, der „Heizer“, war fast schon wie ein alter Freund, oder war er doch nur ein alter Weggefährte. Auch er hatte eine besondere Vorliebe und Leidenschaft und gelegentlich unterstützten und versorgten sie sich gegenseitig mit passendem „Material“. Václav bog in den dunklen Seitenweg ein und nach etwa vier Kilometern Fahrt, die ihn durch ein dunkles Waldstück und über eine holprige, unbefestigte Straße führte, erreichte er schließlich sein Ziel. Er stellte beruhigt fest, als er zu dem Schornstein blickte, dass Petr den Ofen bereits in Betrieb genommen hatte.
Václav stieg aus dem Leichenwagen und ging etwas zögerlich auf das alte Ziegel-steingebäude zu – dann betätigte er die altertümliche Klingel, die gut drei Meter von dem schweren, verrosteten Eingangstor entfernt lag. Kurze Zeit später versuchte Petr die beiden Flügeltüren von innen zu öffnen, doch sie gaben nur ein lautes, unangenehmes und quiet-schendes Geräusch von sich und es gelang ihm zunächst nicht das Tor öffnen zu können – es hatte sich wohl etwas verkeilt – schließlich schaffte er es doch, wenigstens eines der beiden eisernen Torflügel aufzuwuchten. Er atmete schwer und als er schließlich vor Václav stand, lag ein viel sagendes aber auch abstoßendes Grinsen in seinem hässlichen, verkommenen Gesicht.
„Lass mal sehen was Du heute mitgebracht hast“, waren seine Begrüßungsworte. Václav erwiderte: „Sie ist etwas Besonderes, bitte geh sorgsam und pietätvoll mit ihr um, ich habe es ihr versprochen!“ Petr grinste wieder, doch diesmal lag ein wirklich böser Ausdruck in seinen lüsternen Augen und er leckte sich dabei genüsslich seinen verkniffenen Mund ab. Václav schauderte, denn manchmal wirkte sein Weggefährte auf ihn doch recht seltsam – und er stank fürchterlich! Unwillkürlich fiel ihm der bestialische Gestank ein, der schon seit Tagen in seinem „Zimmer“ herrschte. Petr bemerkte grinsend: „Überlass sie mir für eine halbe Stunde, ich revanchier mich auch für diese kleine Gefälligkeit“, und er züngelte vielsagend mit seiner unappetitlichen Zunge, auf der ein dicker, grüngelber Belag haftete. Václav hatte gerade den Eindruck, einem boshaften Satyr gegenüberzustehen. „Mal langsam, beim nächsten Mal können wir ja darüber reden, aber heute läuft es so, wie ich das will“, antwortete er. Mit einem schnalzenden und schmatzenden Geräusch beförderte Petr sein widerliches Sprechorgan wieder in seine stinkende, faulige Mundhöhle zurück – dabei zuckte er mit seinen breiten Schultern – die Enttäuschung war ihm deutlich anzumerken. Er ging auf Václav zu, der vor dem Leichenwagen bereits auf ihn wartete. „Pack mit an, sie ist recht schwer“, und sie schleppten gemeinsam Helena S. ins Haus – zunächst hinunter in den Heizraum, dann zum Verbrennungsofen! Petr öffnete die schwere, gusseiserne Öffnungsklappe und Václav blickte fasziniert in die lodernden Flammen. Dann zogen sie Helena aus ihrem stinkenden Leinensack und legten ihren nackten, ziemlich lädierten und von zahlreichem Ungeziefer übersäten Körper auf das Rollgestell. Sie lächelte immer noch und verzog dabei auch etwas ihre verkrusteten, blutleeren Lippen – Petr leckte sich genüsslich seinen grinsenden Mund ab. „Beeil dich“ sagte Václav ungeduldig – Petr bleckte sein gelbes, kariöses Gebiss – dann schob er Helena vorsichtig in den Glutofen. Václav blickte noch ein letztes Mal in das gleißende Licht des Feuers, dabei bemerkte er, wie sie ihre Arme empor streckte und mit ihren Beinen zu zappeln begann. Aber dieser erschreckende Anblick überraschte ihn keineswegs – es waren die große Hitze und die Restfeuchte, die ihren bedauernswerten Körper gerade dazu veranlasst hatten, diese letzte bizarre Tanzeinlage vorzuführen! Er bezeichnete dieses hektische, etwas unkoordinierte Gezappel immer als den „letzten Tango“. Doch es schien sich dabei eher um einen Totentanz zu handeln!
Petr warf mit einer energischen Handbewegung die schwere gusseiserne Öffnungsklappe ins Schloss und das laute Geräusch ließ Václav zusammenzucken – dann wandte er sich abrupt ab und verließ schnell den Raum. Er hatte Tränen in den Augen.

Czerny stellte den Volvo etwas abseits der zahlreichen Campingwagen ab. Er schätzte, dass es mindestens 25 Stück waren – und die Formation in der sie aufgereiht waren, erinnerte ihn mehr an eine Wagenburg, wie er sie noch aus alten Western-Filmen kannte. Von Weitem konnte er schon das keifige Gezeter, laute Lachen und die swingenden Gitarrenklänge vernehmen, die ihn sofort an die Musik von Django Reinhardt erinnerten; er nahm den beißenden, beizigen Geruch von verbranntem Holz wahr und er roch den herben, würzigen Duft von gebratenem aber auch etwas verbranntem Fleisch – er bekam wieder Hunger. Dann blickte er zu den zahlreichen Fahrzeugen, die einfach nur in der Gegend abgestellt waren – so etwas wie eine Parkordnung schien es hier nicht zu geben – und es handelte sich dabei fast ausschließlich um große Mercedes-Limousinen. Manche schienen etwas betagter zu sein, doch sie befanden sich alle in einem wirklich guten Zustand. Czerny dachte sich, während er sie abschätzend taxierte: „diese verdammten Ganoven“ und er blickte frustriert zu seinem alten, vergammelten Volvo. Schließlich entdeckte er einen größeren Zwischenraum im weitläufigen Rondell der abgestellten Wohnwagen – es schien sich dabei wohl um den Eingangsbereich zu handeln, und er betrat das Innere der „Wagenburg“. Eine größere Menschengruppe befand sich in der Mitte des großen Platzes, die meisten von ihnen hatten sich um ein großes Lagerfeuer geschart.
Einige Hunde – es handelte sich wohl durchweg um aggressive Kampfhunde – stürzten sofort laut bellend auf ihn zu. Czerny blieb erschrocken stehen und hob ängstlich seine Arme. Bis endlich ein lauter, schriller Pfiff die Meute stoppen konnte – und ein abenteuerlich gekleideter Mann sich aus der Sitzgruppe löste und langsam, fast schon bedächtig auf Czerny zuschritt.
Er hatte ein buntes Kopftuch umgebunden, in der Art wie es Piraten früher trugen – und mit seinem schwarzen, breitkrempigen Hut, den schweren goldenen Ohrringen und seinem perfekt gestutzten, pechschwarzen Menjou-Bärtchen wirkte er fast schon etwas klischeehaft. So hatte sich Czerny immer schon einen Zigeuner vorgestellt.
In seiner rechten Hand hielt er ein riesiges Messer und in der linken eine große Schweinskeule. „Was willst Du hier“, blaffte er Czerny an. „Ich suche Zoran, der soll hier leben“, erwiderte er etwas zögerlich. „Was willst Du von ihm!“ – „Ich muss mit ihm re-den.“ – „Worüber?“ – „Das sage ich ihm besser persönlich.“ Die Augen des Zigeuners blitzten gefährlich auf, doch dann entspannte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck und er antwortete, in einem fast schon milden, jovialen Tonfall: „Ich bin Zoran. Also lass hören – was willst Du von mir.“ Dabei schnitt er mit dem riesigen Messer ein großes Stück Fleisch aus der Keule und beförderte es, unter Zuhilfenahme seines äußerst bedenklichen Ess-bestecks, in seinen etwas verächtlich und spöttisch verzogenen Mund. „Ich komme gerade von Manja, sie hat in der Altstadt das Lokal „U Manje“, und sie erwähnte, dass Du mir vielleicht weiterhelfen könntest.“ Der Gesichtausdruck von Zoran wirkte gleich etwas ent-spannter und freundlicher – dann forderte er Czerny auf: „Komm, setz Dich mit mir ans Feuer, und Du erzählst mir alles.“ Zoran legte, fast schon freundschaftlich, seinen musku-lösen und tätowierten Arm um Czernis Schulter und bugsierte ihn, mit etwas Gewalt, in Richtung des Lagerfeuers. Czerny dachte sich: „Hoffentlich wird das alles gut ausgehen.“
Zoran ging mit ihm wieder zu der Stelle zurück, an der er kurz zuvor noch gesessen hatte und die anderen zwielichtigen Gestalten machten ihm sofort respektvoll Platz. Czerny griff nach seinem Ausweis und hielt ihn Zoran vors Gesicht: „Czerny, – ich bin Kriminal-kommissar und mir wurde vor kurzem ein Fall übertragen bei dem ich nicht weiterkomme. Vielleicht kannst Du mir dabei helfen“. „Worum gehtŽs“, erwiderte Zoran, etwas ungehalten. Czerny griff in seine Jackentasche und kramte die Fotos hervor: „Darum gehtŽs!“ Trotz seiner scheinbar großen Abgebrühtheit verzog Zoran sofort angewidert seinen kurz zuvor noch spöttisch grinsenden Mund – mitsamt seines pechschwarzen, perfekt zurecht gestutzten Menjou-Bärtchens. Auf den Fotos waren fürchterlich verstümmelte Frauenleichen zu sehen – die kein Gesicht mehr hatten, denn an derer Stelle erblickte er nur eine blutige und diffuse Masse. Auf einem der Fotos konnte er so etwas ähnliches wie Augen und Zähne noch entdecken, doch die anderen Bilder enthielten nichts mehr, das ihn noch an ein menschliches Wesen erinnern konnte – außer ihren nackten, unansehnlichen und offensichtlich uralten Frauenkörpern. Zoran ließ sein Messer und seine Schweinskeule zu Boden fallen und schrie – nein, er brüllte einige fremd klingenden Worte über den Platz. Kurz darauf trat ein anderer, ebenfalls verwegen gekleideter Zigeuner zu ihnen und reichte Zoran eine dickbäuchige gewölbte Flasche, „vermutlich eine Slivovca aus der Slowakei“, dachte sich Czerny. Dabei dachte er auch an seine geliebte Kräutermedizin, die Becherovka.
Zoran nahm einen langen Schluck aus der Flasche, dann reichte er sie Czerny. „Ich habe davon gehört – diese alten Nutten! Aber ich weiß auch nichts Genaues. Aber wenn ich dieses Schwein erwische, dann reiß ich ihm seine verdammten Eier ab und steck sie ihm in sein verdammtes Maul.“ Er entriss Czerny die Flasche und nahm aus ihr erneut einen langen, kräftigen Schluck. Dann fügte er hinzu: „Aber ich werde mich mal etwas umhören.“ Plötzlich blitzten seine lauernden, unruhig flackernden Augen wild auf. „Warte, ich glaube ich habe da eine gute Idee.“ Czerny sah ihn erwartungsvoll an. „Ich kenne Jemanden aus unserer Gemeinschaft, der uns vielleicht weiterhelfen könnte.“ „Ja?“, erwiderte Czerny und ein Hoffnungsschimmer lag in seinem Blick. „Eine alte Roma, eine fast 100-jährige Frau! Es ist eine Seherin, sie besitzt das Zweite Gesicht!“ Czerny war die Enttäuschung deutlich anzumerken. „Ich glaube, dass das keine so gute Idee ist, ich benötige Fakten – keine Hirn-gespinste“, erwiderte er frustriert. Zoran zuckte zusammen und sein Gesicht nahm einen versteinerten, fast schon bedrohlichen Ausdruck an, dabei zischte er: „Ihr habt doch keine Ahnung von diesen Dingen – ihr denkt immer, dass ihr etwas Besseres seid, dabei dreht ihr euch immer nur im Kreis, wie der Derwisch.“ Czerny hielt es für besser hier zu verschwin-den – er bedankte sich bei ihm für seine freundliche Unterstützung und wollte ihm noch seine Visitenkarte überreichen, doch Zoran spuckte dabei verächtlich und warf sie ins Feuer. Wieder benutzte er einige dieser fremdartig klingenden Worte – dabei formte er seine Finger zu einer Art Zeichen – handelte es sich dabei etwa um eine Unheil bringende Geste oder gar um einen Fluch? Czerny fror plötzlich und verließ etwas überstürzt diesen sonderbaren und unheimlichen Ort – „bevor die Situation noch weiter eskaliert“… – dachte er sich und eilte zu seinem Wagen. Er ließ sich in den herunter gesessenen Sitz seines alten Volvo fallen und fuhr schnell los. Er fühlte sich gleich etwas besser – schließlich erreichte er die „Dlouhá-Ulice“, fuhr die endlos lange Ringstraße entlang, bis er endlich die „Máchova“ erreichte, dort einbog und in der Ferne schließlich seinen Zufluchtsort erblicken konnte. Er atmete beruhigt auf und stellte den Wagen auf dem Gehsteig ab, doch dieses Mal heftete er seine Sondergenehmigung nicht an die Windschutzscheibe – so, wie er es sonst immer tat, wenn er hier gelegentlich vorfuhr – sondern er stieg gleich aus und betrat das Lokal. Manja sah ihn zunächst etwas erstaunt an: „Ich dachte nicht, dass Du Dich so schnell wieder blicken lassen würdest, es sind doch höchstens drei oder vier Stunden vergangen, seit wir zuletzt hier zusammen gesessen haben“, begrüßte sie ihn etwas spöttisch. Czerny grinste verlegen. Er hatte gerade das Gefühl wieder Zuhause zu sein: „Bring mir schnell eine Becherovka – nein, bring mir am Besten gleich die ganze Flasche. Und dann bringst Du mir das Gleiche wie heute Mittag. Ich war gerade bei Zoran und habe mit ihm gesprochen!“ Manjas Gesichtsausdruck wirkte schlagartig etwas ernster und nachdenklicher, sie nickte ihm kurz zu, dann trat sie an die Bar, entnahm die Becherovka und setzte sich zu ihm an den Tisch.

Der Mord.

Václav ging es seit Tagen nicht besonders gut. Er verspürte wieder eine große innere Unruhe und nachts konnte er kaum noch schlafen. Es war ihm bewusst, was der Grund für diese große Anspannung war und er war sich auch darüber im Klaren, was er tun musste, damit es ihm wieder etwas besser ging – doch er verspürte wieder eine große Angst, wie er sie immer schon empfunden hatte, wenn er sich mit diesen „Dingen“ beschäftigte. Er wusste auch, was an seiner „Behandlungsmethode“ falsch gewesen war und warum er seine „Patientin“ kürzlich zu diesem entlegenen Ort bringen musste. Nachts, damit ihn keiner sah – heimlich, wie ein Dieb. Aber er besaß im Augenblick nicht die Kraft, um all das zu tun, was getan werden musste.
Nach seiner Tagesarbeit verzog er sich meistens in sein „Zimmer“, entzündete die vielen Kerzen, dann setzte er sich in den Schaukelstuhl und grübelte darüber nach, wie er jetzt weiter vorgehen wollte. Dabei knetete er unruhig etwas Kerzenwachs zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger, bis es ihm schließlich gelang, daraus eine perfekte, runde Kugel zu formen. Dann zerdrückte er sie wieder und begann erneut damit das Wachs zu kneten.
Seine Mutter bereitete ihm große Sorgen – sie hatte seit mehreren Tagen ihr Bett nicht mehr verlassen, dauernd schrie sie nach ihm und er musste ihr ständig zu Diensten sein. Manchmal dachte er sich: „Was wird sein, wenn sie eines Morgens stumm und kalt in ihrem Bett liegt? Was wird dann aus mir?“ Die Angst, die ihn bei dieser Vorstellung schlagartig überfiel, wich sogleich einem ungeheueren Hassgefühl. Er dachte sich: „Du wirst schon sehen, was Du davon hast! So leicht schleichst Du Dich nicht davon!“ Ihm fielen die vielen Ereignisse und Erlebnisse wieder ein, wie sie ihm seine Mutter in der Vergangenheit oft genug „beschert“ hatte. Er erinnerte sich wieder an die vielen „besonderen Anlässe und Gelegenheiten“, die seine Mutter gerne dazu benutzt hatte, um ihm seine Jugendzeit, seine Gegenwart und wohl auch seine Zukunft zu vergiften – die Erinnerung an diese äußerst un-angenehmen aber auch sehr belastenden Situationen löste in ihm schlagartig ein schmerzli-ches, körperliches Unbehagen und große Angstgefühle aus! Doch plötzlich erhob sich Václav unvermittelt – ein eigenartiges Leuchten lag in seinen Augen – dann ging er, verschmitzt lächelnd, in die nahe gelegene Garage! Aus dem Wandregal entnahm er den Hammer, so einen wie ihn auch Zimmerleute bei ihrer handwerklichen Tätigkeit oft einsetzen. Letztes Mal hatte er vergessen ihn mitzunehmen und er war mit dem Ergebnis seiner „Arbeit“ damals wirklich sehr unzufrieden gewesen. Dann setzte er sich in den schwarzen Moskowitsch und fuhr los. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine alte Poljot-Armbanduhr – es war gerade erst kurz nach Mitternacht – er konnte sich noch etwas Zeit lassen. Er schaltete das Radio ein und suchte nach seinem bevorzugten Musiksender. Václav liebte klassische Musik! Als er ihn endlich entdeckt hatte, strahlte er – denn er vernahm eines seiner Lieblingsstücke: „Die Moldau“ von Smetana. Er summte dabei fröhlich und in bester Laune die etwas schwermütige und dramatisch klingende Melodie mit. Es schien fast, als ob sich Václav auf die bevorstehenden Stunden freuen würde.

Markerschütternde, gellende Schmerzensschreie durchbrachen urplötzlich die nächtliche Stille. Die Bewohner dieses zurecht als berüchtigt geltenden Stadtviertels waren zwar laute, nächtliche Schreie gewohnt, auch wenn sie in den frühen Morgenstunden noch zu vernehmen waren – doch dieses Mal klangen die Schreie anders. Sie erinnerten fast schon an die beängstigende Tonfrequenz eines Sirenengeheuls, wie es den zumeist älteren Anwohnern dieses Stadtteils noch aus den vergangenen Kriegstagen in guter Erinnerung war.
Zahlreiche Lichter gingen an, Fenster wurden aufgerissen, Menschen stürzten aus ihren Häusern und liefen laut schreiend, aufgeregt und wild gestikulierend durch die Gegend. Eine dunkle Gestalt rannte schnell und in geduckter Haltung die Häuserzeile entlang und verschwand schließlich in einer der zahlreichen Seitengassen, die in eines der dunklen Hinterhöfe führte. Wie es schien, kannte sich diese Person in diesem Stadtviertel recht gut aus.
Ein schriller, spitzer Schrei ließ die verstört umherirrenden Menschen in ihrer beinahe schon lethargisch anmutenden Bewegungsmotorik verharren. „Da liegt Jemand“, schrie eine hysterisch klingende Frauenstimme. In der Zwischenzeit war die Menschengruppe deutlich angewachsen und alle bewegten sich, ähnlich wie Zombies, in Richtung der schreienden Frau, zu deren Füßen ein seltsam verdrehter Körper lag – sie schritten langsam, fast schon bedächtig auf sie zu, um sich gleich das leibhaftige Grauen aus nächster Nähe ansehen zu müssen! „Seht nur, wie sie zugerichtet ist! Sie hat kein Gesicht mehr! Kennt sie jemand! Wie schrecklich! Eine alte Frau!“, ertönte es aus der Menge. Eine größere Menschengruppe scharte sich um den am Boden liegenden, skurril verdrehten und nahezu nackten Frauenkörper – eine gespenstische Stille lag über diesem grauenhaften Geschehen – bis eine Frau schließlich laut aufschluchzte und dann hysterisch zu kreischen begann. Auch die anderen Menschen fingen sogleich laut zu schreien, zu schluchzen und zu weinen an. Ein großer Lärm und Tumult brach plötzlich aus und man konnte fast den Eindruck gewinnen, gerade einem sommerlichen Straßenspektakel beizuwohnen.
Czerny wurde auf eine äußerst brutale Weise aus dem Schlaf gerissen, das Telefon neben seinem Bett läutete schrill und viel zu laut. Er verspürte ein schmerzhaftes Pochen in seiner linken Schläfe und ihm fiel der gestrige Abend wieder ein. „Wer um alles in der Welt will zu dieser frühen Stunde etwas von mir?“ Er blickte verärgert zum Wecker, es war gerade erst kurz nach 4 Uhr Morgens. Er griff benommen zum Hörer: „Ja, Czerny“, brummte er etwas ungehalten. Ein paar Sekunden später richtete er sich abrupt in seinem Bett auf – er war schlagartig hellwach. Sein Gesichtsausdruck wirkte wie versteinert. „Ich bin in zwanzig Minuten da“, stammelte er, schmiss den Hörer auf die Gabel und stürzte aus seinem Bett. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und er musste sich am Bettrand festhalten, dann atmete er einige Mal kurz und heftig ein und eilte ins Bad. Nur fünf Minuten später startete er den Motor seines Volvo, doch der Anlasser gab nur ein jämmerlich jaulendes Geräusch von sich – Czerny schrie: „verdammte Scheißkarre“ – schließlich, nach einer ihm schier endlos erscheinenden Zeit, sprang der Motor doch noch an und er fuhr viel zu schnell aus der viel zu engen Parkbucht – dass er dabei den anderen, vor ihm stehenden Wagen schrammte, schien er nicht zu bemerken.
Nach etwa 45 Minuten kam Czerny endlich am Tatort an und er wusste, was ihn hier gleich erwarten würde. Er bahnte sich energisch einen Weg durch die Menge und erreichte schließlich die Absperrung, die bereits um den Tatort errichtet worden war. Einige Kollegen von der Spurensicherung knieten vor der Leiche, gleißende Lichtblitze erhellten dieses grauenvollen Geschehen – es war der Fotograf aus der gleichen Abteilung, der gerade seine „Erinnerungsfotos“ machte – und jedes, auch noch so winzige Detail war überdeutlich zu erkennen. Czerny wandte sich entsetzt ab. Dann vernahm er rechts neben sich die ironisch klingende Stimme seines Vorgesetzten, dem Hauptkommissar. „Schön, dass Sie sich hier auch mal blicken lassen.“ Czerny spürte, wie ihm gerade die Luft wegblieb, er griff in die rechte Seitentasche seiner wohl ehemals schwarzen Lederjacke und suchte nach dem Asthmaspray. Doch er konnte nichts entdecken – außer, dass diese Tasche ein großes Loch hatte. Er griff hinein und seine Hand steckte tief im Inneren seines abgetragenen und unan-sehnlichen Kleidungsstücks – er fühlte die vielen verloren geglaubten Gegenstände: Münzen, Feuerzeuge, Schlüssel – auch einen kleinen Schraubendreher konnte er ertasten. All dieser Krimskrams hatte sich im Laufe der Zeit in den „tieferen Regionen“ seines verlotterten Jackenfutters angesammelt. Dennoch gelang ihm zunächst nicht, die kleine Spraydose aus die-sem Depot wieder nach außen zu befördern.
„Wieder eine von diesen alten Frauen?“, fragte er schließlich etwas zaghaft seinen Vorgesetzten. „So ist es“, antwortete dieser schroff und fügte hinzu: „Wir müssen bei die-sem Fall schnell vorankommen, die Öffentlichkeit, besonders aber die Presse, machen uns schon seit Wochen die Hölle heiß! Konnten Sie etwas in Erfahrung bringen?“ „Nein“, ant-wortete Czerny und musste schlucken. „Punkt 8 Uhr findet eine Sondersitzung im Polizei-präsidium statt, der Oberstaatsanwalt und auch die Presse werden anwesend sein – lassen Sie sich bis dahin etwas einfallen!“ Dann ließ er Czerny stehen und wandte sich wieder einem der Männer von der Spurensicherung zu. Czerny musste erneut trocken schlucken – bis zu diesem Zeitpunkt waren es gerade noch drei Stunden. Sein Schädel pochte und aggressive Magensäure entfachte wieder ein Höllenfeuer hinter seinem Brustbein – er dachte an Manja – aber wenigstens war es ihm gelungen, den Asthmaspray aus den Tiefen seiner löchrigen Jackentasche herauszufischen. Er entnahm dem Inhalator sogleich mehrere kräftige Stöße. Dann wandte er sich an einen der Männer aus der forensischen Abteilung: „Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte?“ „Ja“, antwortete er, „diesmal hatten wir wirklich Glück – wir haben die Tatwaffe gefunden, einen Hammer. Er ist bereits auf dem Weg ins Labor, vielleicht finden wir Fingerabdrücke, vielleicht sogar DNA-Spuren.“ Czerny ging es gleich etwas besser. „Es ist ein spezieller Hammer“, fügte er noch hinzu, „einer, wie ihn oft auch Zimmerleute verwenden. Wir werden herausfinden müssen woher er stammt. Aber das wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir alle Ergebnisse ausgewertet haben.“ Czerny nickte kurz und antwortete: „Ich bin, wie Sie ja wissen, damit beauftragt diesen Fall aufzuklären. Rufen Sie mich bitte sofort an, wenn Sie etwas herausgefunden haben.“ Dann wandte er sich den zahlreichen umherstehenden Passanten zu. „Hat irgend Jemand etwas gesehen: eine Person, ein Fahrzeug oder irgendwelche Auffälligkeiten?“ Ein älterer Mann aus der Menge trat einen Schritt hervor. „Ja, da ist Jemand weggelaufen und in der Seitengasse dort hinten verschwunden.“ Dabei deutete er mit seiner Hand in Richtung des linken, hinteren Straßenverlaufs. „Konnten Sie etwas erkennen – an seiner Kleidung, seinem Aussehen, irgendwelche besonderen Details?“, fragte ihn Czerny, sichtlich nervös. Der Mann schüttelte nur den Kopf. „Es ist viel zu dunkel, sehen Sie doch selbst“, Czerny blickte ins dunkle Zwielicht der dort mündenden Häuserzeile und nickte etwas verärgert, die Enttäuschung war ihm deutlich anzumerken. Doch dann meldete sich eine eher zaghafte, etwas brüchig klingende Frauenstimme – es war eine von diesen alten heruntergekommenen Huren: „Ich wohne in der „Stará-Ulice“, nicht weit von hier – als ich gerade unterwegs war, sah ich ein großes schwarzes Auto wegfahren, ich glaube, dass es so etwas wie ein Lieferwagen war.“ Czerny hörte plötzlich „alle Glocken läuten“ – er ging auf die alte Frau zu, ergriff ihren Arm und bugsierte sie zu einer etwas ruhiger gelegenen Stelle. „Was war das für ein Auto, beschreib es mir genau, konntest Du auch das Kennzeichen erkennen?“ Czerny hatte endlich wieder „Blut geleckt“, und er hatte gerade das Gefühl, dass ihm sein verhasster Beruf wieder etwas Vergnügen zu bereiteten schien. So wie damals, vor fast 20 Jahren – eine Zeit, die ihm fast wie eine Ewigkeit erschien und an die er sich kaum noch erinnern konnte! „Nein, das Kennzeichen konnte ich nicht sehen, aber ich glaube, dass auf der Rückseite des Autos irgendwelche Zeichen aufgemalt waren – oder war es eine Schrift? Ich glaube, dass sie eine weiße Farbe hatten. Kann mich aber nicht mehr genau daran erinnern – ich bin schon recht alt und nachts kann ich kaum noch was erkennen“, antwortete sie. Ein viel sagender und frivoler Ausdruck lag in ihrem morbiden Grinsen. Czerny blickte irritiert in ihr grell geschminktes, vergreistes Gesicht und er konnte deutlich erkennen, dass sich hinter ihren zerfurchten, eingefallenen und grellrot bemalten Lippen kaum noch Zähne befanden. Er hatte gerade den Eindruck, dem Tod in sein hässliches, grinsendes Antlitz zu blicken und er fühlte, wie ihn ein eiskalter Schauer überkam. „Deine Adresse und Deinen Namen brauche ich noch“, er griff in seine linke Jackentasche und kramte den kleinen Notizblock hervor, der sich glücklicherweise in der anderen, nahezu unversehrten Tasche befand.
Die angekündigte Sondersitzung um 8 Uhr verlief so, wie Czerny bereits befürchtet hatte. Der Oberstaatsanwalt war äußerst ungehalten, der Hauptkommissar wirkte sehr angespannt und versuchte ständig, sich durch lapidare, plausible Erklärungen und Rechtfertigungen aus der Affäre herauszuwinden, dabei blickte er immer wieder verärgert zu Czerny – und die zahlreichen Pressevertreter argumentierten wirklich gnadenlos. Ständig stellten sie bissige, boshafte und äußerst unangenehme Fragen und einer von ihnen warf der Ermittlungsbehörde gar völlige Inkompetenz vor – schließlich war es bereits der vierte Mord innerhalb nur weniger Wochen, die offensichtlich alle dem gleichen Täter zuzuschreiben waren. „Wann werden sie endlich etwas unternehmen, damit dieses grauenhafte Morden ein Ende hat“ schrie der sichtlich erregte Pressemann die verunsicherten Beamten an – zahlreiche Blitzlichter begleiteten seine hitzige Wortattacke und eine dramatische Stille lag plötzlich in dem großen Saal. Der Oberstaatsanwalt blickte ärgerlich zum Hauptkommissar und dieser wieder ärgerlich zu Czerny. Instinktiv griff er in seine linke Jackentasche.
Das Ergebnis dieser lang andauernden, äußerst emotional aufgeladenen Sitzung war schließlich, dass der Oberstaatsanwalt den Vorschlag unterbreitete, einen Spezialagenten aus Prag hinzuziehen zu wollen, der ihnen bei den Ermittlungsarbeiten und bei der Aufklärung des Falls beratend zur Seite stehen sollte. Dieser wohl eher strategisch gemeinte und etwas ungewöhnliche Vorschlag fand sofort eine breite Zustimmung unter den anwesenden Personen und Czerny wurde plötzlich bewusst, was in der nächsten Zeit auf ihn noch alles zukommen würde. Er gewann auch den Eindruck, dass der Oberstaatsanwalt nicht besonders glücklich über seine momentane Lage war, denn sein zuvor großspurig verkündeter Vorschlag, noch eine weitere, externe Person in die aktuellen Ermittlungsvorgänge mit einbeziehen zu wollen, war wohl eher etwas unbedacht und viel zu überstürzt erfolgt. Er machte ein ziemlich betroffenes und bekümmertes Gesicht, als er am Ende der Sitzung den Hauptkommissar und Czerny zur Seite nahm, sie bedeutungsvoll anblickte und ihnen mit einer belegten, etwas krächzenden Stimme verkündete: „Wir dürfen uns keine weiteren Fehler und Nachlässigkeiten mehr erlauben. Dieser Fall muss in absehbarer Zeit aufgeklärt werden. Ich erwarte von Ihnen jetzt vollstes Engagement, absolute Stringenz bei der Beweisführung und eine uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft.“ Zu Czerny gewandt sagte er: „Sie bekommen einen Assistenten an Ihre Seite, der Sie bei der Tagesarbeit unterstützen wird.“
Beim Hinausgehen hörte man ihn noch murmeln: „Meine Herren, Sie wissen genau, was alles auf dem Spiel steht, bitte enttäuschen sie mich nicht.“ Dabei dachte er in diesem Augenblick wohl mehr an seine eigene berufliche Zukunft. Czerny dachte sich: „Du Arschloch!“

Václav war völlig konfus und panisch. Er fuhr mit seinem alten Moskowitsch wie ein Wahnsinniger quer durch die Stadt, ignorierte Stoppschilder und überquerte gefährliche Straßenkreuzungen – ohne zu schauen, ob Verkehr war oder nicht – dabei stöhnte und jammerte er unentwegt. Mit fahrigen, zittrigen Handbewegungen wischte er sich ständig seine brennenden und tränenden Augen ab und über seine schweißnasse Stirn, dabei geriet der schwere Wagen immer wieder ins Schleudern – Václav heulte jedes Mal wie ein wildes, waidwundes Tier auf. Er hatte schreckliche Angst! Schließlich erreichte er im Morgengrauen doch noch sein Zuhause. Er fuhr mit dem großen Wagen viel zu schnell in die enge Einfahrt – sah sich noch einmal gehetzt um, als er das schwere Garagentor ächzend zuwarf, dann eilte er in sein Zimmer. Sogleich begann er damit die vielen Kerzen anzuzünden. Seinen verkrampften und schmerzenden Bronchien entströmte ein rasselndes, pfeifendes Atemgeräusch und er versuchte vergeblich tief Luft zu holen – dann ließ er sich völlig erschöpft in den weichen Sitz seines geliebten Schaukelstuhls fallen. Er warf einen Blick auf seine alte Poljot-Uhr – es war kurz nach 5 Uhr Morgens. Endlich gelang es ihm wieder zu denken – nachzudenken.
Dieses Mal hatte er völlig versagt, alles war schief gelaufen. Seine Mutter hatte voll-kommen recht – er war ein elender Versager, ein Nichtsnutz, ein gefräßiger, nutzloser Parasit, der aufgrund seiner äußerst zweifelhaften und fragwürdigen Existenz permanent seiner Umwelt zur Last fiel. Václav versuchte vergeblich die emporschießenden Tränen zu unterdrücken, doch diesmal gelang es ihm nicht. Er fing hemmungslos zu weinen an. Schließlich konnte er sich wieder etwas beruhigen – endlich schaffte er es auch etwas tiefer durchzuatmen und er überdachte seine, ihm gerade noch so ausweglos erschienene Situation. Doch plötzlich fühlte sich Václav sehr ruhig und entspannt. Er fasste in diesem Moment einen wichtigen Entschluss – eigentlich war es ein Lebensplan. Es musste ihm endlich gelingen, seine persönlichen Angelegenheiten in den Griff zu bekommen – sich endlich auch um eine eigene „Familie“ kümmern – in der es harmonisch, friedlich aber auch tolerant zugehen sollte. In der er von verständnisvollen Wesen umgeben war, die ihn schätzten, achteten – aber auch lieben würden.
Wieder fiel ihm seine Mutter ein, die wohl schon seit Stunden in ihrem alten, schweren Eichenbett lag und ungeduldig auf sein Erscheinen wartete. Er ahnte bereits was ihm be-vorstand, kaum dass er die Tür zu ihrem Schlafzimmer geöffnet hatte. Er dachte sich, während er langsam die vielen Stufen emporstieg: „Vielleicht ist sie stumm und kalt!“ Und er lächelte verschmitzt – doch, als er schließlich vor ihrer Zimmertür angelangt war, verfinsterte sich sein Blick und er verspürte eine große Beklemmung – sollte er diese Tür wirklich öffnen? Langsam drückte er die Klinke nach unten, die Scharniere gaben ein lautes, quietschendes Geräusch von sich. „Mutter“, fragte er ängstlich, als er vorsichtig den dunklen, miefig riechenden Raum betrat. Sie saß nahezu unbekleidet in ihrem alten Eichenbett, war grell geschminkt, Schmuckbehangen und grinste diabolisch – sie streckte ihm ihre schwabbeligen, von zahlreichen Ödemen verunstalteten Arme entgegen. Es schien, als ob sie ihn umarmen wollte. Václav blieb entsetzt stehen, denn er erkannte sogleich den wahren Grund, der sie zu diesem obskuren Auftritt bewogen hatte! All die beängstigenden und bedrückenden Bilder, Erinnerungen und schrecklichen Albträume kamen ihm schlagartig ins Bewusstsein – als ob er gerade in das magische Auge einer „Camera obscura“ blicken würde. Mit einem Aufschrei stürzte er nach draußen, rannte die Treppe hinunter, stürmte in die Garage, ließ sich in den Sitz des alten Moskowitsch fallen – dann versuchte er hektisch den Wagen zu starten. „Scheißkarre“, winselte er – der Motor heulte laut auf und das Getriebe gab ein metallisches, kreischendes Geräusch von sich, als er gerade vergeblich versuchte den Rückwärtsgang einzulegen. Dann fuhr er viel zu schnell aus der zu engen Einfahrt heraus. Dass der Wagen den hinteren Torpfosten schrammte und tiefe Kratzer in der linken Flanke seines Moskowitsch hinterließ, schien ihm nicht bewusst zu sein. Immer wieder stieß er animalisch klingende Laute aus, die fast schon an ein wildes Tier erinnerten. Er fuhr die lange Ringstraße, die „Dlouhá-Ulice“ entlang, bog nach etlichen Kilometern nach rechts auf die Autobahn ab – und fuhr schließlich in Richtung Prag.

Czerny saß angespannt in seinem Bürostuhl und wartete auf das bevorstehende aber auch unvermeidliche Ereignis. Gegen 10 Uhr erschien endlich sein Chef, nur wenige Minuten später auch sein „oberster Dienstherr“ – in Begleitung eines jungen Burschen. Czerny schätzte, dass er höchstens 20 Jahre alt sein konnte – ein Milchgesicht – handelte es sich dabei wohlmöglich um seinen neuen Assistenten? Er musste grinsen. Der Oberstaatsanwalt räusperte sich etwas verlegen, blickte zu dem blonden Jüngling an seiner Seite und sagte zu ihm: „Komm, setz Dich.“ Czerny ahnte bereits, was da gerade auf ihn zukommen würde – „darf ich hier rauchen, Onkel Jan“ – er prustete und konnte einen Lachanfall kaum noch unterdrücken und dieses Mal konnten auch die vorwurfsvollen und strengen Blicke der beiden Vorgesetzten seinen emotionalen Ausbruch nicht verhindern. „Bitte etwas mehr Contenance“, ermahnte ihn sein Chef und sah ihn verärgert an. Der Oberstaatsanwalt blickte verlegen zu seinem unverschämt grinsenden Enkel, der offensichtlich an diesem, etwas unkonventionell verlaufenden Meeting großes Vergnügen fand. Czerny bot ihm eine Zigarette an, immer noch prustend vor Lachen. Wie es schien, war er dem postpubertierenden jungen Mann durchaus sympathisch, denn dieser griff, immer noch unverschämt grinsend, sogleich nach der ihm angebotenen Zigarettenpackung. „Das kann ja heiter werden“, dachte sich Czerny und blickte, wieder etwas gefasster aber immer noch recht amüsiert, zu der kleinen Tischrunde. Seine beiden Vorgesetzten sahen sich irritiert an und ihr Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass es wohl keine so gute Idee war, diese beiden Chaoten an einen gemeinsamen Tisch zu setzen.

Václav hatte sich für den heutigen Tag viel vorgenommen. Zunächst fuhr er in die In-nenstadt – dann suchte er die Staatsbibliothek auf. Nachdem er dort mehrere Stunden ver-bracht hatte, einige hochinteressante Werke entdecken konnte, begab er sich schließlich mit dem beachtlich angewachsenen Bücherstapel – indem er ihn vorsichtig balancierte – in den großen Lesesaal. Er begann sogleich damit, sich mit den vielen Büchern intensiv zu be-schäftigen, dabei nickte er immer wieder zustimmend, gelegentlich grunzte und kicherte er laut. Sein Tischnachbar sah ihn verärgert an – ermahnte ihn immer wieder, sich doch etwas an die Hausordnung zu halten, dabei deutete er mit seiner Hand in Richtung der großen Tafel, die sich über dem Eingangsbereich befand: „Bitte absolute Ruhe“, stand darauf. Václav blickte ihn mit hochrotem Kopf verwirrt an, dann beschäftigte er sich wieder mit seinen vielen Büchern – doch nach kurzer Zeit fing er erneut damit an, die Grabesstille des Lesesaals empfindlich zu stören. Schließlich erschien eine Angestellte und forderte ihn energisch auf, entweder seine permanenten und penetranten Störgeräusche zu unterlassen oder den Raum zu verlassen. Václav hatte seine Wahl längst getroffen, er griff nach einigen der Bücher – dann verließ er, beinahe schon überstürzt, den großen Lesesaal. Wie so oft lächelte er etwas ver-schmitzt.
Danach machte er sich auf die Suche nach einem Baumarkt. Das war nicht einfach, denn er musste die Innenstadt wieder verlassen und fuhr zu einem etwas entfernt gelegenen Industriepark. Als er ihn endlich entdeckt hatte, steuerte er gleich zielstrebig auf die Abteilung für Bauartikel zu – P-6, hatte ihm die freundlich lächelnde Angestellte am Info-Stand mitgeteilt. Dort besorgte er sich zunächst eine Edelstahlwanne, dann zwei leistungsstarke Heizstrahler und zwei ebenso leistungsstarke Bautrockner. In der Abteilung P-13 besorgte er sich Drähte, Schrauben und einen speziellen Hammer, und in P-16 schließlich silikonhaltige Füllstoffe, mehrere Dosen Kunstharz und diverses Kleinmaterial. Danach suchte er eine Firma für chemische Erzeugnisse auf, sie befand sich bedauerlicherweise am anderen Ende der Stadt. Dort wollte er sich mehrere Kanister mit Formaldehyd besorgen. Der Mitarbeiter der Firma blickte ihn überrascht an und fragte ihn, wofür er dieses hochgiftige Konservierungsmittel, in solch einer großen Menge, benötigen würde. Václav erklärte ihm etwas gereizt, dass er Tierpräparator sei – und nachdem er ein Formular unterzeichnen musste, bekam er schließlich einen Kanister ausgehändigt. Václav grunzte verärgert, vermied es aber mit dem Verkäufer einen Streit anzufangen. Er dachte sich: „Es gibt schließlich noch andere Geschäfte in dieser Gegend, wo ich mir dieses verdammte Zeug beschaffen kann.“ Erst am Abend machte er sich wieder auf den Heimweg. Auf der Rückfahrt fiel ihm ein, dass er das Flüssigwachs vergessen hatte. Václav stieß sonderbare, animalisch klingende Laute aus und wischte sich mit fahrigen, etwas unkontrollierten Handbewegungen über seine schweißnasse und heiße Stirn. Er spürte deutlich, wie stark seine rechte Hand zitterte. Plötzlich fiel ihm seine Mutter wieder ein und er fühlte eine große Beklemmung, eine unerträgliche Angst in sich aufsteigen – im gleichen Augenblick hatte er aber auch einen grandiosen und wirklich einzigartigen Einfall! Es war ihm in diesem Moment aber auch bewusst, dass ihm nicht viel Zeit blieb, um all diese Dinge zu erledigen, die sich gerade in seinem wirren, heißen Kopf abspielten. Václav hatte den Eindruck Fieber zu haben. Als er schließlich zu Hause angekommen war, stürmte er sogleich die Treppen hoch – denn das musste er gleich erledigen! In seinem gehetzten Blick lag ein grimmiger Ausdruck von wilder Entschlossenheit – als er die Tür aufriss und in das dunkle, muffig riechende Schlafzimmer seiner Mutter hineinstürzte.

Es kam genau so, wie Czerny es bereits befürchtet hatte. Bei dem postpubertierenden blonden Jüngling handelte es sich tatsächlich um seinen neuen Assistenten, der ihm zukünftig dabei behilflich sein sollte, diesen äußerst komplizierten Fall aufzuklären. Czerny schüttelte den Kopf und dachte an Manja – auch an seine bevorstehende Rente. Die beiden Vorgesetzten verließen etwas übereilt sein Büro – sein „oberster Dienstherr“ verharrte noch einen Augenblick an der Türschwelle, drehte sich dann plötzlich um, räusperte sich ein letztes Mal und erklärte ihm mit einer tragenden und ziemlich dramatisch klingenden Stimme: „Sie wissen, was alles auf dem Spiel steht, bitte enttäuschen Sie mich nicht. Und kümmern Sie sich um meinen Enkel.“ Czerny dachte sich: „Du Arschloch.“
Er blickte frustriert zu seinem neuen Mitarbeiter, der immer noch auf seinem Stuhl her-umlümmelte und dämlich vor sich hingrinste. Zunächst würde er ihm einige wichtige Grundregeln beibringen müssen, dachte er sich und kramte eine zerdrückte, fast leere Ziga-rettenpackung aus seiner löchrigen Jackentasche hervor. Nachdem er sich eine ziemlich krumme und ramponierte Zigarette angezündet hatte, stöberte er etwas umständlich in dem dicken, schwarzen Aktenordner, suchte nach den hellblauen Klarsichthüllen und entnahm ihnen schließlich die zahlreichen grauenvollen Fotos. „Schau Dir das mal etwas genauer an.“ Er freute sich bereits auf seine Reaktion. Als der strohblonde Frischling die Bilder erblickte, war sogleich auch das dämliche Grinsen aus seinem Gesicht schlagartig verschwunden. „Das erwartet Dich, vielleicht noch weit Schlimmeres“, fügte er süffisant hinzu. „Ich wusste ja was auf mich zukommt, aber so etwas Schreckliches hatte ich nicht vermutet“, stammelte sein junger, bedauernswerter Mitarbeiter. Czerny empfand plötzlich Mitgefühl mit ihm, denn er erinnerte sich gerade an seine eigene Jugendzeit. „Ich denke, es ist besser für Dich, wenn Du Dir das alles mal etwas genauer ansiehst, bevor es Morgen richtig zur Sache geht“ – er reichte ihm seine Hand mit den Worten: „Pavel – willkommen im Reich der Toten.“ „Jozef – oder besser Joe“, stammelte der etwas verwirrte Jüngling und ergriff dankbar seine Hand. „Nach Dienstschluss gibt es noch ein kleines Arbeitsessen“, Czerny lächelte jovial und freute sich bereits auf sein Feierabendbier und auf die „pecená Veprová“ bei Manja – diese kleine Belohnung hatte er sich nach diesem überaus anstrengenden Arbeitstag mehr als verdient – und er war sich ziemlich sicher, dass es auch in Zukunft noch weitere Arbeitsessen geben würde – und dass sein Chef immer pünktlich seine Spesenabrechnungen quittieren würde, ohne dass er mit ihm ständig diese zermürbenden Diskussionen über dieses leidige Thema führen müsste. Sein junger Assistent wurde ihm von Stunde zu Stunde sympathischer. Czerny dachte sich: „Dieses eine Jahr werde ich auf einer „Arschbacke“ absitzen und Du wirst mir dabei helfen.“ Fast schon etwas verträumt sah er aus dem Fenster – er blickte zu den zahlreichen, ständig qualmenden und viel zu hohen Schornsteinen. Doch Czerny irrte sich!
Nach einem deftigen Essen und etlichen Bieren lehnte sich Czerny entspannt in seinen Stuhl zurück, kramte nach seiner zerbeulten Zigarettenschachtel und bot seinem Assistenten eine der verbogenen Zigaretten an. Manja erschien mit der Becherovka, lächelte viel sagend und stellte die Flasche auf den Tisch. „Hast Du irgendeine Idee“, fragte Czerny schließlich und musste dabei sauer aufstoßen. „Nein“, antwortete sein Assistent vorsichtig, „ich kenne auch die genauen Details der bisherigen Ermittlungs-Ergebnisse noch nicht.“
„Die kann ich Dir sagen! Der vierte Prostituiertenmord innerhalb von acht Monaten. Alles alte Nutten! Der Täter hat ihnen wahrscheinlich mit einem stumpfen Gegenstand das Gesicht zertrümmert, wahrscheinlich mit einem Zimmermannshammer, denn diesen konnten wir am Tatort entdecken – es befanden sich Blutspuren und Gewebereste vom jüngsten Opfer darauf. Alle Morde ereigneten sich in einem Umkreis von etwa 400 Metern, in einem berüchtigten Viertel in der Altstadt – nicht weit von hier – eine ganz üble Gegend, auch als der Oma-Strich bekannt! Es soll kurz nach der Tat ein schwarzer Lieferwagen gesehen worden sein, das wird noch überprüft! Keine Fingerabdrücke – wahrscheinlich trug der Täter Handschuhe – aber verschiedene DNA-Spuren konnten wir entdecken. Ob sie auch vom Täter oder nur von den Opfern stammen, das wird gerade noch abgeklärt. Da kommt unter Umständen noch eine aufwändige Rasterfahndung auf uns zu.“
Sein Assistent blickte ihn zunächst etwas hilflos an, dann antwortete er vorsichtig: „Dieser schwarze Lieferwagen – die meisten sind doch weiß, oder nicht? Und die von UPS sind alle braun und fahren doch nur tagsüber. Lässt sich das nicht etwas eingrenzen.“ Czerny blickte ihn überrascht an, dann sagte er zu ihm: „Hast Du was dagegen, wenn ich Dich „Watson“ nenne – Du kennst doch den Dr. Watson aus den Sherlock Holmes Romanen.“ Jozef blickte etwas überrascht: „Ich habe damit kein Problem.“
„Genau damit beschäftige ich mich momentan, das Schwierige dabei ist, dass es wahr-scheinlich mehr als Hundert schwarze Lieferwagen in dieser Stadt gibt – in Prag bestimmt über Tausend. Und wenn man das ganze Umland nach ihnen absucht, sind es wohl noch viele mehr. Das ist aber gerade die wichtigste Spur, denn der Hammer ist ein Massenartikel, wie er in fast allen Baumärkten tausendfach verkauft wird. Er kommt aus China – eine Scheißqualität, wie ich mir sagen ließ. Aus dieser Richtung wird wohl nicht mehr viel zu erwarten sein, aber wer weiß.“ Jozef entgegnete: „Da gibt es für mich einiges zu tun. Ich geh morgen zur zuständigen Behörde und überprüfe alle in Frage kommenden Zulassungen.“ Czerny war erstaunt, wie gelehrig sein Schüler war. Vielleicht hatte er sich doch geirrt. „Watson“ fiel ihm wieder ein und er musste etwas grinsen. Dann füllte er die Gläser erneut mit der Becherovka und lud Manja ein, sich zu ihnen an den Tisch zu setzen.
Gleich am nächsten Morgen suchte Jozef, alias „Watson“, die zuständige Steuerbehörde auf. Dort wollte er sich die Zulassungsdaten aller registrierten Kleintransportern aus diesem Bezirk besorgen. Die Mitarbeiterin teilte ihm zu seinem großem Bedauern mit, dass sie ihm nur die Daten aus den vergangenen fünf Jahren zur Verfügung stellen könnte. Alle davor zugelassenen Fahrzeuge und deren Halter wären noch nicht vollständig in der Datenbank erfasst. Es hätte da bei der EDV-Umstellung verschiedene Softwareprobleme gegeben – in den nächsten Monaten wären aber die Daten nach und nach verfügbar, erwähnte sie trocken. Er blickte sie enttäuscht an: „Also, dann eben nur die Unterlagen aller zugelassen Lieferwagen und Kleintransporter aus diesem Zeitraum. Wann kann ich sie haben?“ „Im Laufe der nächsten Woche“, antwortete die Angestellte recht schnippisch. Zum ersten Mal in seinem gerade erst beginnenden Berufsleben wurde ihm bewusst, wie zermürbend und frustrierend diese Tätigkeit sein konnte. Und mit welchen Schwierigkeiten er ständig rechnen musste. Im Büro empfing ihn Czerny mit den Worten: „Heute Nachmittag bekommen wir hohen Besuch, ich glaube der Herr nennt sich „James Bond“ – er will uns beibringen, wie man einen Fall professionell aufklärt. Also spitz Deine Ohren! Vielleicht kannst Du etwas von ihm lernen.“ Czerny grinste ironisch, aber auch ziemlich boshaft und machte sich auf die Suche nach dem Asthmaspray, das wieder irgendwo in den „tieferen Regionen“ seiner verlotterten Lederjacke steckte.
Um 15 Uhr erschien sein Vorgesetzter in Begleitung eines arrogant blickenden End-vierzigers. Den Oberstaatsanwalt, der ihm das alles eingebrockt hatte, konnte er nicht ent-decken. Er hatte eine dunkelblaue Fliege umgebunden – in seiner gemusterten Glencheck-Jacke, seinem, wie mit einem Lineal gezogenen Mittelscheitel und seinem perfekt gestutzten Oberlippenbart erinnerte er mehr an eine Karikatur: Hercule Poirot – war das etwa be-absichtigt? Czerny konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. James Bond war ihm doch ganz anders in Erinnerung gewesen; er blickte amüsiert zu seinem jungen Assistenten, der gerade in Ehrfurcht erstarrt war und mit offenem Mund den „Spezialisten“ aus Prag angaffte. „Miroslav Fialka“, fauchte er und blickte dabei verächtlich zu Czerny. Schlagartig fiel ihm der verhasste Feldwebel aus seiner mehr als ruhmlos verlaufenen Militärzeit wieder ein und er spürte, wie ihm gerade die Luft wegblieb.
Czernys Einsamkeit.

Der „Spezialist“ trat ans Fenster und blickte angewidert zu den vielen qualmenden Schorn-steinen, dann steckte er sich einen fast schon wie in Phosphor getauchten, giftgrün schim-mernden Bonbon in seinen giftig verzogenen Mund: „Fisherman-Special“, dachte sich Czerny – plötzlich durchfuhr Fialka ein seltsames, fast schon krampfartiges Zucken und er stieß gepresst hervor: „Die Fakten bitte – keine Eigeninterpretationen oder irgendwelche vagen Vermutungen, die interessieren mich nicht, sondern nur die relevanten Eckdaten: Und diese bitte äußerst knapp und präzise! Geht das?“ Czernys ursprünglicher Eindruck manifestierte sich. „Watson“ konnte seinen Mund kaum mehr schließen und sein Vorge-setzter blickte etwas irritiert zu den anderen anwesenden Personen. Dieser Raum schien ge-rade zu vibrieren. Czerny wurde plötzlich schwindlig und er bekam einen Asthmaanfall. Fialka blickte spöttisch und verächtlich zu ihm hinunter. Nachdem er sich wieder etwas be-ruhigen konnte, versuchte er mit stockender Stimme, immer noch schwer nach Atem ringend, den Fall einigermaßen sachlich zu schildern. So kurz und so knapp wie er das eben vermochte. Es lag aber in Czernys Naturell, dass er gelegentlich in seinen Gedanken etwas abschweifte. Sofort unterbrach ihn Fialka gereizt: „Ich hatte es doch eingangs deutlich gesagt, dass mich nur die relevanten Fakten interessieren, kriegen Sie das denn nicht hin?“ Dass diese Begegnung einen solch schlimmen Verlauf nehmen würde, hatte Czerny nicht vermutet. Sein Assistent sah ihn mitleidvoll an. Er fühlte sich plötzlich sehr einsam und verloren, so wie er es damals in seiner verhassten Schulzeit immer schon empfunden hatte – als er starr und zitternd vor Angst vor der großen Schultafel stand, der Lehrer süffisant lächelte und spöttisch zu ihm sagte: „Czerny, du wirst es nie zu etwas bringen.“ Er fühlte sich in diesem Augenblick sehr unbedeutend, aber auch sehr erniedrigt! Warum er in solchen Situationen immer an seine verhasste Schulzeit zurückdenken musste und dabei immer dieses entsetzliche, lähmende Gefühl von Hilflosigkeit und Schwäche empfand, das hatte auch etwas mit seinem Unterbewussten zu tun. Czerny litt.
Sein Vortrag wurde zum Desaster. Fialka behandelte ihn wie einen dummen Schulbuben und als er am späten Nachmittag endlich sein Büro verließ, sagte er zu ihm in einem verächtlichen Tonfall und mit einem spöttischem Blick: „Sie bekommen in den nächsten Tagen einen Arbeitskatalog zugestellt – diesen werden Sie nach einem genau festgelegten Zeitfenster in den kommenden Wochen kontinuierlich abarbeiten. Achten Sie dabei beson-ders auf das Timing. Jeden Montag Nachmittag findet hier ein Meeting statt, an dem Sie mir über die laufenden Ergebnisse berichten werden – gegebenenfalls auch Rechenschaft ablegen werden. Wenn Sie sich nicht exakt an meine Anordnungen halten, wird das erhebliche Konsequenzen für Sie haben!“ Er zuckte wieder und diesmal entfuhr ihm ein seltsamer schnarrender Laut – dann verließ er grußlos den Raum. Er hinterließ eine bedrückende Stille und eine aufs äußerste angespannte Atmosphäre. Alle noch anwesenden Personen sahen sich betroffen an. Sein Vorgesetzter, der ziemlich eingeschüchtert schien, sagte sogleich zu Czerny: „Das werden wir gemeinsam schon hinkriegen. Bedenken Sie aber die große Chance, die sich uns bietet – vielleicht wird es uns endlich auch gelingen, dieser Bestie ihr übles Handwerk zu legen.“ Czerny blickte ihn wie geistesabwesend an – er wollte im Augenblick nur noch schnellstens hier verschwinden. Manja, an sie musste er gerade denken – und sie wollte er gleich aufsuchen.
Als Czerny das Lokal betrat und Manja erschrocken sein aschfahles und eingefallenes Gesicht erblickte, wusste sie gleich, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Sie lief auf ihn zu, nahm ihn in ihre etwas fleischigen Arme und drückte ihn fest an ihren etwas zu großen Busen: „Alles wird wieder gut.“ Czerny schluchzte laut auf. Dann führte sie ihn behutsam ins Hinterzimmer: „Komm setz Dich und ruh Dich erstmal ein wenig aus.“ Sie ging zurück ins Lokal, nahm die Becherovka aus dem Regal und sagte zu ihrer jungen, wirklich sehr attraktiven Aushilfskraft: „Ich will in den nächsten zwei Stunden nicht gestört werden.“ Dann verschwand sie hinter der Tür, die ins kleine Nebenzimmer führte. Czerny saß wie ein Häufchen Elend am Beistelltisch – schluchzte und flennte wie ein hilfloses und verzweifeltes Kind. „Erzähl mir erstmal alles.“ Und Czerny erzählte ihr mit stockender Stimme, immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt, von seiner großen Verletztheit, aber auch von seinen großen Nöten. Immer wieder stieß sie entrüstet und sichtlich erregt ihren großen Unmut hervor: „dieses verdammte Schwein“ – „von dem wirst du Dich doch nicht verbiegen lassen“ – „das hast Du nach all den vielen Jahren nicht verdient.“ Dann füllte sie erneut sein „Stamperl“ mit der Becherovka und ermunterte ihn: „Nimm doch erst mal einen kleinen Schluck.“ Czerny blickte sie mit seinen triefenden, blutunterlaufenen Augen dankbar an – ein Blick, der fast schon an den eines alten englischen „Bassets“ erinnerte.
Nachdem Czerny seine schlimmsten Wunden ausgiebig geleckt hatte und Manja ihr Möglichstes versuchte, um sie einigermaßen zu versorgen, machte er sich schließlich wieder auf den Heimweg. In dieser Nacht konnte er kaum schlafen; in Schweiß gebadet wälzte er sich unruhig in seinem Bett umher. Er stand schließlich gegen 5 Uhr Morgens auf, zündete sich eine Zigarette an und ging ins Bad. Er sah in den Badezimmerspiegel und erblickte ein fahles, eingefallenes und verbrauchtes Gesicht; er sah erschrocken in seine müden, stumpfen und voller Selbstmitleid triefenden Augen. Dabei dachte er sich: „Wie kann es diesem Menschen jemals gelingen, mit all den vielen Schwierigkeiten fertig zu werden.“ Czerny fühlte sich völlig kraftlos und ausgebrannt.
Doch plötzlich geschah mit ihm etwas Seltsames. Er gewann gerade den Eindruck, als ob sich sein Spiegelbild verändern würde – er blickte überrascht in jenes Gesicht, wie es ihm noch aus seiner Jugendzeit vertraut war, das sich aber im Laufe der vielen Jahre immer diffuser vor seinem inneren Auge abzeichnete. Seine Augen strahlten wieder diesen son-derbaren Glanz aus und er entdeckte in ihnen wieder dieses eigenartige Leuchten – auch seine Gesichtszüge schienen viel straffer und jugendlicher zu wirken – er blickte grimmig, herausfordernd und Wut entbrannt in sein „alter Ego“. Czerny fasste in diesem Augenblick einen für ihn bislang völlig abwegigen Entschluss – einen Plan, den er noch vor wenigen Minuten als völlig absurd und grotesk erachtet hatte: Er entschloss sich in diesem Augenblick zu kämpfen! Er wollte es allen noch ein letztes Mal beweisen! Und er wollte diesen Kampf unbedingt gewinnen! Er spürte wieder diese befreiende Wut in sich und er fühlte deutlich, wie das emporschießende Adrenalin seine Herzfrequenz in äußerst bedenkliche Höhen trieb. Czerny fühlte sich in diesem Moment ausgesprochen euphorisch.
Er warf mit einer energischen Handbewegung die zur Hälfte abgebrannte Zigarette in die gut einen Meter entfernt liegende Toilettenschüssel und ging unter die Dusche – und dieses Mal drehte er den Mischerhebel, der sich sonst immer in der Mitte der Skala befand, bis zur blauen Markierung, ganz nach links bis zum Anschlag.
Anschließend fuhr er in sein Büro. Es war gerade erst kurz nach 6 Uhr und nur wenige Mitarbeiter aus seiner Abteilung befanden sich zu dieser frühen Morgenstunde bereits an ihrem Arbeitsplatz. Czerny ließ sich in seinen Bürostuhl fallen und blickte etwas in Gedanken verloren aus dem Fenster: zu den zahlreichen und ständig qualmenden Schornsteinen. Die Sonne war bereits im Osten aufgegangen – aber sie hatte wohl kaum eine Chance, diese trübe, sich ständig über der Stadt befindliche Dunstwolke jemals durchdringen zu können, geschweige, sie irgendwann einmal im Laufe dieses Tages aufzulösen. An die wirklich klaren und sonnigen Tage konnte sich Czerny nur noch verschwommen erinnern – Tage, wie er sie noch aus seiner Kindheit kannte – an die späten Nachmittage im August, am Ende der Sommerferien; wie sie ihre langen, skurrilen Schatten vor sich her trieben und seine heile Welt in ein warmes und geheimnisvolles Licht tauchten. Doch jetzt erschien ihm alles wie künstlich beleuchtet – 5000 Kelvin Grad – Neonlicht, wie es in nahezu allen modernen Supermärkten installiert ist. Nur die seichte Hintergrundmusik fehlte, um diesen Eindruck perfekt abzurunden.
Während dieser stillen aber auch sehr persönlichen Momente überlegte sich Czerny, wie er jetzt weiter vorgehen wollte. Sein Assistent würde in einer halben Stunde erscheinen. Mit ihm wollte er alle Details besprechen. „Wie wird er wohl reagieren?“ Czerny war sich nicht sicher, ob sein Plan tatsächlich aufgehen würde. Denn er beabsichtigte zweigleisig vorzugehen: Zunächst müsste er seine anstrengende Tagesarbeit verrichten, um sich im Anschluss daran seinen „rein privaten“ Recherchen und Ermittlungsarbeiten zuwenden zu können. Und bei dieser außertariflichen Tätigkeit sollte ihm sein junger Assistent hilfreich und loyal zur Seite stehen. Dass dieser knüppelharte Job oft in einem 14 bis 16 Stunden Arbeitstag enden würde, auch darüber schien er sich bewusst zu sein.

S e i t e n z a h l :  250 
A u t o r I n :  zum Profil von Andreas T.  

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