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Romane & Erzählungen
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E x p o s é :

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Unter diesem Titel vereinigt der Autor mehrere Erzählungen über Musiker unterschiedlicher Charaktere und Stilrichtungen. Es geht in diesem Werk nicht nur um Musik, sondern um die Auseinandersetzung mit ihr. Über Höhen und Tiefen, Erfolg und Misserfolg, über Selbstzweifel und Verzweiflung. Dabei werden auch die Mechanismen der Musikindustrie schonungslos aufgedeckt.
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L e s e p r o b e :
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Good by Wolfgang
Wolfgang sah die imposante Fassade von Sony BMG. Sein Puls beschleunigte sich. Während des obligatorischen Staus vor Frankfurt hatte er die gebrannte CD mindestens zwanzig Mal angehört, doch hundertprozentig zufrieden war er mit der Abmischung immer noch nicht, obwohl er als Perfektionist galt und der Song aus seiner Feder stammte. Aber länger konnte er sich das Tonstudio nicht mehr leisten. Der Termin bei Henry Stöberle stand seit sechs Monaten fest.
Henry Stöberle war A&R - Manager (Artists and Repertoire) bei Sony und hatte sich in der Szene bereits einen Namen gemacht.
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Wolfgang stand in der großen Lobby und schaute sich die vielen Gold- und Platin CDs an. Er war sich sicher, dass eines Tages auch eine von ihm an der Wand hängen würde. Wenn nicht bei Sony, dann eben bei einem anderen Label.
Die Empfangsdame überreichte ihm ein Namensschild und Wolfgang fuhr mit dem Fahrstuhl in die „Höhle des Löwen“. Ein schier endlos langer Gang lag vor ihm und er suchte Zimmer 312 im dritten Stock. Endlich ! Er klopfte an und ein unscheinbarer, leicht untersetzter Mittdreißiger rief ihn hinein: „Hi Wolfgang, hab nicht viel Zeit, also legen wir gleich los“. Nach Zehn Minuten verließ Wolfgang das etwa zwölf Quadratmeter kleine Kabuff. Nach einem Monolog über den Musikmarkt, einem Kopfschütteln und einer bedauernden Geste, entließ er Wolfgang wieder in den Haifischmarkt. Das Wort gefiel Henry Stöberle anscheinend, denn er hatte es x Mal benutzt. Der hatte die CD nicht einmal angehört und sie auf einen mindestens anderthalb Meter hohen Stapel wahrscheinlich nie angehörter CDs geworfen. „Dafür bin ich von Baden - Baden nach Frankfurt gefahren, war stundenlang im Stau gestanden und musste mir noch die Kohle für´ s Benzin ausleihen“, dachte Wolfgang laut und verließ die „Traumfabrik“. Sie kam ihm jetzt eher wie eine „Alptraumfabrik“ vor. So hatte er sich den Termin nicht vorgestellt, zumal er ein viertel Jahr auf diesen Termin hingearbeitet hatte. Wolfgang war sauer, enttäuscht und frustriert..
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Nach einer halbstündigen Autosuche im Parkhaus war er froh, Frankfurt hinter sich zu lassen. Natürlich war wieder Rushhour am Frankfurter Kreuz und es wurde Nacht als er Baden-Baden erreichte.
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Lisa, Wolfgangs Freundin, hatte ihn schon sehnsüchtig erwartet und eine Flasche Prosecco (von Aldi) kaltgestellt; “Warum er nicht angerufen hätte“, fragte sie vorwurfsvoll. „Akku is leer, bei mir und vom Handy“, erwiderte er mürrisch und ließ sich in einen der beiden Sessel fallen. Er war fertig mit der Welt.
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Wolfgang schlief bis zwölf Uhr und beim Aufwachen kam sofort der Frust in ihm hoch. Es war zum Kotzen. Keine Gigs in Aussicht, Schulden beim Studio und dann noch die bevorstehende Beichte bei seinen Freunden. Dabei war er bis gestern noch überzeugt gewesen, dass die CD ein Erfolg würde. Leider nur er.
In Wolfgang gärte es. Er hatte sich noch nicht von der Enttäuschung erholt, setzte sich frustriert ans Klavier und hämmerte einen Rock `n Roll auf die Tasten; „Ich bin gut, meine Texte stimmig und meine Stimme überzeugt“. Was wollte ihm dieser blöde Henry Stöberle eigentlich sagen? Dass das Musikbusiness hart ist, erlebte er jeden Tag. Dass es Musiker wie Sand am Meer gibt, war ihm auch nix neues. Wieso sitzt der Arsch eigentlich an so einer Schaltstelle? Sieht Scheiße aus, hat Mundgeruch und spielt sich auf wie King. Nee, so nicht. Nicht mit ihm.
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Er wollte seinen Kumpel anrufen, aber irgendwie, war es ihm peinlich, über seine Abfuhr zu sprechen und so legte er den Hörer wieder auf. Lisa war in der Schule, sie war Lehrerin. Wolfgang schaute sich das Bild auf seinem Klavier an. Lisa und er in Nizza. Hübsch war sie, hatte langes blondes Haar und ein süßes rundliches Gesicht. Die Figur entsprach nicht so ganz seinen Vorstellungen, die Brüste hätten ein bisschen größer ausfallen dürfen und ein paar Kilos mehr, wären auch nicht schlecht. Aber nett war sie und lieben tat sie ihn auch. Wolfgang schaute verträumt aus dem Fenster ihrer kleinen Baden - Badener Wohnung. Seine Blicke streiften über die Lichtentaler Allee, hinüber zum Theater und weiter zum Casino. Er bemerkte, wie ständig Personen im Casino verschwanden und andere aus dem Casino auftauchten. Wolfgang versuchte die Situation so zu interpretieren:. „Du kommst mit Schotter rein und gehst platt raus. Wie im richtigen Leben“. Jetzt wollte er es wissen.
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Wolfgang zog sich heute etwas seriöser an als sonst, rasierte seinen Dreitagesbart und benutzte Cool Water. Nachdem er sich für ansehnlich befunden hatte, verließ er das Haus. Mit Krawatte. Er machte einen Zwischenstopp im Capri, bestellte einen Cappuccino und inhalierte den Rauch seiner Zigarette tief ein. Wolfgang war nervös. Er ahnte, dass er einen Schritt in die falsche Richtung ging. Aber der Frust vom Vortag steckte ihm noch in den Knochen.
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Wolfgang saß vor dem Einarmigen Bandit, der armamputiert war, weil es sich per Knopfdruck schneller spielen ließ. Der Aschenbecher war übervoll, die Geräuschkulisse nervig. Er schwitzte und sein Tunnelblick konzentrierte sich auf Pflaumen, Zitronen und Gurken. Sein Konto stand bei zweihundertfünfzig Euro. Fünfhundert Euro waren sein Einsatz. Wolfgang wollte schon seit zwei Stunden aufhören, aber da wäre er die Hälfte losgeworden und das war für ihn inakzeptabel.
Sieben Stunden zockte er nun schon im Keller des Spielcasinos, dort wo ausschließlich Spielautomaten aufgestellt waren. Lisa wollte heute sein Lieblingsgericht kochen. Tafelspitz mit Sahnemeerrettich und Roter Beete. Das sollte seine Enttäuschung mildern. Der aber wuchs mit steigendem Einsatz und verspielten Gewinnen. Wolfgang dachte weder an Henry Stöberle, noch an seine CD. Er dachte daran, dass er das Geld aus der Tee Dose von Lisa genommen hatte. Genau fünfhundert Euro.! Für Notfälle. Der Aschenbecher wurde schon das zweite Mal geleert, Wolfgang schwitzte und bestellte sich noch ein Bier. Sein Konto war auf fünfzehnhundert Euro angewachsen. Im Geiste drittelte er schon. Fünfhundert zurück in die Tee Dose, fünfhundert für das Studio und fünfhundert für ihn. Er spielte weiter.
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Wolfgang fand das Schlüsselloch erst nach ein paar Anläufen und taumelte betrunken ins Wohnzimmer. Die kleine Tischlampe brannte und der Fernseher lief. Auf dem Tisch stand die leere Tee Dose, darunter ein kleines Blatt Papier.
Good by Wolfgang.
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November Blues
Es war ein grauer, regnerischer Novembertag. Armin hasste diesen Monat. Kein Vogel zwitscherte, obwohl es schon hell wurde. Er spazierte durch die Lichtentaler Allee, dem grünen Prunkstück Baden Badens. Es roch nach feuchtem Laub und der Geruch erinnerte ihn an Friedhof. Unwillkürlich musste er an seinen Vater denken, der mit dreiundsechzig gestorben war. Armin war achtundfünfzig und rechnete hoch, dass er, wenn er sein Vater wäre, noch fünf Jahre zu leben hätte. Das machte ihm Angst. Denn mit sechzig hörte Vater auf zu arbeiten und übergab das Unternehmen Rolf, Armins Bruder. Er wollte Musiker werden.
Vater beabsichtigte, den Lebensabend in seinem Haus in Italien zu verbringen. Also nur noch drei Jahre. Aber er wusste es ja nicht. „Gut so“, dachte Armin, „es ist gut, wenn man nicht weiß, wann und wie man stirbt“. Armin war Musiker, spielte Klavier und Gitarre und lebte recht und schlecht von Klavierunterricht geben und kleinen GEMA-Ausschüttungen. Jetzt wollte er etwas Luft schnappen, da er die ganze Nacht an einer Melodie gefeilt hatte, das Ergebnis jedoch unbefriedigend war.
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Armin studierte in Freiburg bei Professor Sternow Klavier und Komposition und hauste in einem kleinen Zimmer in der Lorettostraße. Er spielte in einer Band Keyboard und trat hin und wieder im Unikeller, Roten Punkt oder anderen Szenekneipen auf. Armin war zwanzig Jahre alt, ein Meter neunzig groß, wog dabei nur zweiundsiebzig Kilo und ähnelte sprichwörtlich einer Bohnenstange. Dabei sah er recht gut aus und war bei seinen Kommilitonen sehr beliebt. Auch konnte er sich über die zahlreichen Blicke der Mädchen, besonders dann, wenn er auf der Bühne stand, nicht beschweren. Deshalb freute er sich auch über jeden Auftritt, denn er war im Moment solo. Es war gerade mal fünf Uhr und es begann Dunkel zu werden. Es war November 1970.
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Armin verließ die Lichtentaler Allee, bog in die Schillerstraße ein und schlenderte
am Brenner´s Parkhotel vorbei. In der hell erleuchteten Lobby des fünf Sterne Hotels herrschte schon reges Leben. Er war dort einige Male als Pianist engagiert worden, aber es war ein Scheiß Job. Schlecht bezahlt und keiner hörte wirklich zu. Man war nur Garnitur.
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Hinter ihm hörte er plötzlich seinen Namen rufen. „Armin, altes Haus ! Was machst du um diese Zeit hier im Brenner´s“? Armin erinnerte sich an diese Stimme sofort wieder. Es war die von Walter Richter, einem ehemaligen Mitschüler. „Ich habe dich an deiner Haltung gleich wieder erkannt. Armin die Bohnenstange. Ha..ha..“! Armin antwortete ebenso überrascht; „ Mensch, das gibt´s doch nicht. Hallo Walter! Ich geh nur ein bisschen Luft schnappen, außerdem wohne ich in Baden - Baden, aber nicht im Brenner´s. Walter war zwischenzeitlich wie ein kleiner Hefekloß aufgegangen, hatte ein knallrotes Gesicht und trug Glatze. Er war immer ein feiner Kerl, erinnerte sich Armin. „Komm, wir frühstücken zusammen“, Walter Richter klopfte ihm dabei auf die Schulter und schon standen die Beiden in der Lobby des berühmten Parkhotels.
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Armin zog die Parka an und verließ seine Studentenbude. Er hatte Hunger, aber nichts mehr zum Essen im Kühlschrank. Er trat auf die Straße und ging in Richtung Wiehre, einem „besseren“ Stadtteil von Freiburg. Es war kalt und regnerisch. Kurz vor der Straßenbahnhaltestelle „Lorettostraße“ bog er in eine kleine Gasse ein und stand vor dem Gasthof „Zum Schwanen“. Es war eine typisch Freiburger Studentenkneipe. Karg eingerichtet, verraucht, laut und billig. Berühmt waren die riesigen Schnitzel, die kosteten eine Mark achtzig und ein Bier fünfundfünfzig Pfennig. Es roch nach Rothändle, Gauloises und Fritteuse. Armin setzte sich an seinen Stammplatz und bestellte Schnitzel mit Brot und ein Glas Ganther Bier. Er kannte jedes Gesicht hier, und die seines. Er fühlte sich besser, er war unter Leuten.
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Walter Richter bestellte sich zu seinem Kaffe noch einen Cognac und packte sich
den Teller randvoll mit den reichhaltigen Angeboten des Frühstücksbuffets. Armin hatte keinen Appetit, aber freute sich auf den Kaffee. „Mensch Junge, wann haben wir uns das letzte Mal gesehen? ist bestimmt schon zwanzig Jahre her. Was machste denn so? Wie geht’s Dir? Siehst nicht gerade überglücklich aus. Also schieß los.“ Armin hob die schmalen Schultern, ließ sie wieder fallen und sagte blutleer „ eigentlich beschissen und das liegt nicht an der Jahreszeit, sondern an mir. Ich bin irgendwie ausgebrannt, habe keine Ideen mehr und es ist, als ob ich ne innere Blockade habe“. Er wusste, dass er mit Walter über solche Dinge sprechen konnte, denn hinter der Rheinländischen Frohnatur, steckte ein intelligenter und sozial eingestellter Mensch. Das war ihm schon früher aufgefallen und er hatte Walter nicht selten bewundert, wenn er sich als Klassensprecher für manch Einen eingesetzt hatte und das meist sehr erfolgreich. Walter hatte Charisma.
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Im Schwanen ging es drunter und drüber. Alle redeten von der Demo am Vormittag. Die Straßenbahnpreise sollten um zehn Pfennige erhöht werden. Das wollten die Studenten verhindern. Also gab es mal wieder einen Grund für eine Demo. Die Situation aber eskalierte und die Polizei setzte Wasserwerfer und Hundestaffeln ein. Was friedlich begann, endete mit unzähligen Verletzten auf beiden Seiten und viele wurden von der Polizei abgeführt. Einige unter ihnen waren hier in der Kneipe, denn es wurden meist nur die Personalien aufgenommen und sie dann wieder freigelassen. Der Hass gegen das Establishment wurde nach einigen Glas Bier noch emotionaler und der Lärmpegel erhöhte sich mit der Promilleanzahl. Armin sah das mit den zehn Pfennigen etwas differenzierter, aber wurde von den anderen mundtot gemacht, denn Rationalität war heute nicht angesagt.
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„Also mit der Blockade meine ich, dass es mir unendlich schwer fällt, meine Gefühle musikalisch auszudrücken. Es gibt für meine Stimmung vielleicht nicht die richtigen
Noten“. Armin lächelte unbeholfen, jetzt fehlten ihm auch noch die Worte.
Walter erwiderte; „ ja, verstehe, obwohl ich mit Musik ja nicht so viel am Hut habe, kann mir aber nicht vorstellen, dass es nicht genug Noten gibt. Mozart, Beethoven, Mahler, oder wie sie alle heißen, mussten doch auch mit dem auskommen, was dir zur Verfügung steht. Es gibt zwar wenig Noten, aber unendlich viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Es gibt ja auch nur zehn Zahlen. Aber was kann man damit alles berechnen? Aber wie gesagt, da kenn ich mich halt nicht so gut aus“. Armin war total überrascht, wie präzise und auf den kleinsten Nenner bringend, Walter ihm erklären wollte, dass es nicht an den Noten lag, sondern an ihm.“ Was machst du eigentlich beruflich, Walter? „Ich bin Unternehmensberater und lebe von den Fehlern und der Unfähigkeit anderer, strukturiert zu denken, oder noch besser, ich lebe von Menschen wie Dir. Nur, kannst Du mich nicht bezahlen“. Er lachte lauthals und klopfte sich dabei auf seine dicken Schenkel. Walter war einer der bestbezahlten Unternehmensberater Deutschlands. „Mensch Armin, dass was Du kannst, dass kann ich nicht, aber was ich kann, das könntest du auch. So einfach ist das. Du musst nur besser strukturiert sein als die anderen. Denn klare Strukturen sind in dieser hektischen Turbo-Welt unverzichtbar. Aber das kann man trainieren, auch ohne Noten. Ich müsste erst Noten lernen, um das auszuüben, was du machst.“ Armin sah Walter bewundernd an.
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Armin hatte keinen Bock mehr auf die nie enden wollenden Diskussionen und ging noch ins Le Caveau, einem Szenekeller in Freiburg. Da gab´ s die besten Mädels und er kannte den Besitzer.
Jean Claude war Elsässer und freute sich immer wenn er Armin sah. Er schenkte ihm ein Bier ein. „Geht auf misch“. Armin nickte dankend und begrüßte einige Gäste. „ He spiel uns nachher noch `n Blues. Das gestern Abend war klasse, wie hieß denn das letzte Stück“? „ War was von mir, hab noch keinen Titel dafür“. „ Nee, war echt super “.
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Armin hatte sich mit Walter für diesen Abend verabredet, da Walter den ganzen Tag Termine wahrnehmen musste, sich aber gerne noch einmal mit ihm treffen wollte. Armin verließ das Brenner´s in weit besserer Laune, als er es betreten hatte.
Walter war trotz doppeltem Gewicht immer noch der Alte geblieben. Humorvoll und brillant in seiner Auffassungsgabe. Armin freute sich schon auf den Abend.
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Jean Claude stellte Armin noch einen Gin Fizz aufs Klavier und schloss den Deckel auf. Der nahm einen tiefen Schluck und legte los. Sein Klavierspiel war nahezu perfekt, aber die Stimme raubte dem Publikum den Atem. Sie war Natur pur. Mal rauchig heißer, mal weich und romantisch. Er hatte es drauf. Die Zuhörer waren begeistert und er schmiss den Abend mit Bravour. Christine saß an der Bar, ihre Augen waren auf Armin fixiert.
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Armin sah man seine achtundfünfzig nicht an. Er hätte als Endvierziger durchgehen können. Aber das lag wohl an seiner schlaksigen Figur, seinem halblangem Haar und seiner lässigen Kleidung. Als er gegen 19.00 Uhr das Brenner´s betrat, wurde er vom Empfangschef herzlich begrüßt, denn er war kein Unbekannter hier. Aber diesmal war er Gast und nicht Garnitur. Er genoss seinen Status und ließ sich an den reservierten Tisch führen. Walter war noch nicht da und so bestellte er sich einen Gin Fizz. „ Mein Gott, wie viel Gin Fizz habe ich in meinem Leben schon getrunken“ ? Plötzlich kam ihm die Erinnerung an seine Studentenzeit in Freiburg, genauer, an die Abende im Le Caveau, da hatte er das erste Mal Gin Fizz getrunken und dort wurde es auch sein Standardgetränk. Bier war nicht mehr so sein Ding, dann eher einen guten Bordeux.
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Armin ging zur Theke, er hatte mindestens eine Stunde am Klavier verbracht, dabei
alle Viertelstunde einen Gin Fizz von Jean Claude serviert bekommen, und von den Gästen kam auch hin und wieder ein Gläschen bei ihm an. Er war gut drauf und in diesem Zustand locker, kommunikativ und charmant. Christine war das nicht entgangen.
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Armin wartete schon fast eine Stunde auf Walter, hatte den zweiten Gin Fizz intus,
bestellte noch ein Mineralwasser und wollte höchstens noch eine Viertelstunde bleiben. Da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Die Hand gehörte nicht etwa Walter, sondern einer atemberaubend schönen Frau. Sie beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte leise: „ spielst du mir das Lied, das du immer ganz zum Schluss gespielt hast“? Armin stutzte: „Woher kannte sie dieses Lied? Warum duzte sie ihn“? Er schaute sie sprachlos an und irgendwie erinnerte sie ihn an Jemanden, aber er konnte sie im Moment Niemanden zuordnen.
Ja, er hatte da ein kleines Stückchen komponiert, das ihn an eine ganz besondere Frau erinnerte. Aber woher wusste die das? Als er sie fragen wollte, deutete sie ihm mit dem Finger auf dem Mund ein P…ssst an.
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Christine erhob sich von ihrem Tisch und setzte sich neben Armin an die Bar. Der unterhielt sich angeregt mit einem Bekannten. Er schien sie nicht zu registrieren.
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Armin zögerte eine Weile. Es war ihm peinlich, hier im Brenner´s, auch noch als Gast, am Flügel zu sitzen und kostenlos zu musizieren. Aber die bildhübsche Fremde nahm seine Hand und zog ihn sanft aber bestimmend vom Sessel zum Flügel, der zwischen Lobby und Restaurant stand. Sie schien nicht nur außergewöhnlich hübsch, sondern auch sehr selbstbewusst zu sein. Armin setzte sich auf den Klavierhocker, seine Wangen glühten und er musste überlegen, in welcher Tonart er dieses Stück immer gespielt hatte. Er war nervös.
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Christine bestellte für sich eine Cola und für Armin ein Mineralwasser. „Ich bin Christine,“ stellte sie sich ihm vor. „Ich heiße Armin und danke für das Wasser, hab nämlich jetzt schon nen ganz schönen Brand“. „ Kann ich mir vorstellen, bei der Menge Gin. Hast aber klasse gespielt, echt gut“. „ Naja, es ging so. Hab Dich hier noch nie gesehen.“ „Kannste ja auch nicht, weil ich heute das erste Mal hier bin
und erst seit Semesterbeginn in Freiburg wohne“. Was studierst Du“? „Germanistik und Geschichte, aber hab noch keine Ahnung, weil bin ja erst seit acht Tagen hier.
Also denn man Prösterchen.“ „ Willkommen im Club.“ Es sollte noch eine lange Nacht werden.
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Walter erschien mit hochrotem Kopf, wurde an seinen Tisch geführt, bestellte umgehend einen Calvados und lauschte Armins Klavierspiel. Er war zwar nicht musikalisch, aber er liebte Musik und achtete jeden, der in der Lage war, Musik zu machen. Er ging gerne zu Klassischen Konzerten, war aber auch ein begeisterter Blues Fan. Er besaß eine Plattensammlung, um die ihn viele beneideten.
Walter entspannte sich und war Stolz, dass er diesen Abend mit Armin verbringen durfte. Musik ist eben keine Frage des Geldes, dachte er.
Als Armin das Stück beendete, stand dieses bildhübsche Weib immer noch am Flügel und deutete ein Klatschen an. Die Gäste waren da schon lauter, aber am lautesten klatschte Walter. Die Unbekannte bedankte sich mit einem umwerfenden Lächeln und fragte ihn ganz direkt, ob man sich später noch unten in der Bar treffen würde. Armin erwiderte etwas schüchtern, dass er mit einem Freund hier sei. „No Problem, ich erwarte euch Beide“. Was für eine Frau ! Und woher kannte sie dieses Lied?
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Armin war schon ganz schön bedudelt, aber auch Christine wurde immer gesprächiger. Als das Le Caveau dicht machte, saßen sie noch mit Jean Claude am Tresen. Es war 3.00 Uhr morgens.
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Walter entschuldigte sich für die Verspätung, klopfte Armin auf die Schulter: „Großartig, ganz großartig, Bohnenstange, äh Armin. Ein wunderschöner Song und du behauptest, es gäbe nicht genug Noten“. „Naja, Walter, die Melodie ist eigentlich schon uralt, habe sie eine Ewigkeit nicht mehr gespielt“. Er musste an Christine denken und um seine Augen wehte ein Hauch von Traurigkeit. „Alter Junge, jetzt werde ja nicht melancholisch, bestell dir was Ordentliches und lass uns den Abend genießen. Wer weiß, ob wir uns jemals wieder sehen“? „Na, so alt sind wir jetzt auch
noch nicht“, erwiderte Armin. Sie gaben ihre Bestellungen auf. Walter schaute kurz ein wenig Ernst drein.
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Das Essen war wirklich exzellent, der Service nicht zu übertreffen und es war für Armin erfrischend, sich mit Walter zu unterhalten. Sie sprachen nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch über aktuelle Themen. Walters Gesicht leuchtete wie eine rote Ampel und er nahm seine Tabletten gegen Hochdruck, Harnsäure und wer weiß noch was, zu einem Calvados passt. Er fühlte sich in Armins Gesellschaft sichtlich wohl. Anschließend gingen sie noch in die Orleander Bar, im Untergeschoss des Hotels.
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Christine saß auf dem Sofa in Armins kleiner, aber gemütlichen Studentenbude und erzählte von sich. Sie kam aus Frankfurt, ihr Vater war Bänker und ihre Mutter hatte sich vor einem Jahr von ihm getrennt und war mit einem zehn Jahre jüngeren Mann nach Südfrankreich gezogen. Sie hatte zu ihr kein besonderes Verhältnis, während sie sich mit ihrem Vater blendend verstand. „Sie ist wirklich hübsch und auch noch gescheit“, dachte Armin und schenkte den billigen Rotwein nach.
Nachdem sie das Wichtigste über sich erzählt hatte, stand Armin auf, holte Papierblättchen und Gras aus einer Blechbüchse und begann einen Joint zu drehen.
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Marianne saß auf dem Barhocker und unterhielt sich mit dem Barkeeper. Es war noch früh und die Bar war leer. Die Pianistin mühte sich mit Klavier und Rythmusgerät ab. Marianne lächelte als sie Armin und Walter eintreten sah und musste willkürlich an Don Quichotte und Sancho Pansa denken.
Beide setzten sich an den vom Piano am weitest entfernten Tisch und Walter bestellte eine Flasche Moet. Marianne löste sich von der Bar und setzte sich mit einem umwerfenden Lächeln zu ihnen. Walter war von Marianne begeistert und
Armin konnte sie immer noch nicht zuordnen. Aber er hatte das Gefühl, dass er sie schon eine Ewigkeit kannte.
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Marianne kam aus Frankfurt und leitete eine Modellagentur. Sie selbst hatte jahrelang gemodelt und übernahm die Agentur vor zwei Jahren. Sie sah immer noch blendend aus, aber mit fünfunddreißig hatte sie keine Lust mehr, aus dem Koffer zu
leben. Ihr Vater besaß ein Hotel in Südafrika, ihre Mutter lebte in Südfrankreich mit einem Weingutbesitzer zusammen. Sie erzählte dies mit einer Leichtigkeit, dass man Südafrika und Südfrankreich gleichermaßen atmen konnte.
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Armin nahm einen tiefen Zug und reichte Christine den Joint, die aber lehnte lächelnd ab. “ Nee danke, habe schon zu viel getrunken, aber rauch Du nur. Ist das Gras gut“ ? „ Nix besonderes, aber im Moment gibt’s fast nur Shit, da steh ich nicht so drauf, ich nehm was es gerade gibt “. „ Armin, du warst vorhin bei Deinen Eltern stehen geblieben“ ? „ Ach so ja, die leben in Mannheim. Mein Vater hat´ n Vertrieb für Feuerzeuge und Taschenlampen, die man wieder aufladen kann. Meine Mutter macht nix, nur Haushalt und mein Bruder iss ´n Bänker. Sind ganz ok, halt ziemlich spießig, wie Eltern so sind. War hier in Freiburg schon im Internat, ganz in der Nähe von meiner Bude, in der Mercistraße. Das war ne Scheiß Zeit sag ich dir. Bin dann aber rausgeflogen.
Haste was dagegen, wenn wir uns ein bisschen hinlegen“? Fragte Armin darauf hin etwas holprig. Er war high.
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Die Stimmung stieg mit der Anzahl der Moetflaschen und Walter´ s Gesicht glühte. „Mensch Armin spiel uns doch noch mal das Stück von vorhin. Die Melodie geht mir nicht mehr aus dem Kopf“. „Nee Walter, bin schon zu besoffen. Aber weißt du was, das Lied hab ich als Student geschrieben. Habe es einer Freundin gewidmet, die hieß Christine und war ne tolle Frau. Naja, lang ist´ s her“. „Prost Marianne, Prost Armin, ich fühl mich sauwohl mit euch.“ Walter meinte es ehrlich, hatte aber schon leichte Artikulationsprobleme. Marianne sah Armin von der Seite an: „Wie Sie ihn mir geschildert hat“, dachte sie und lächelte dabei hintergründig.
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Christine streichelte Armins Hand, gab ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn, erhob
sich und sagte entschlossen: „es ist spät, wir haben schon ganz schön viel gepichelt. Habe morgen ne wichtige Vorlesung, die ich nicht verpassen darf“. Sie zog ihre Jacke an und verließ die Studentenbude. Armin war zwar überrascht, aber der Joint tat seine Wirkung. Er schlief im Sessel ein.
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Der Abend endete mit einer weiteren Verabredung für den nächsten Tag, denn Walter wollte noch einen Klienten besuchen und so verlängerte seinen Aufenthalt im Brenner´s um eine Nacht. Man wollte ins Casino gehen und anschließend ins Equipage, eine Diskothek im Keller des Spiel-Casinos. Armin war für November selten gut gelaunt.
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Armin wachte mit dröhnendem Kopf auf, schluckte eine Aspirin und brühte sich einen extra starken Kaffe auf. Er versuchte sich zu erinnern, aber hatte ein Black out. An den zwei benutzten Weingläsern konnte er feststellen, dass er nicht alleine gewesen war. „Oh Gott, was war denn das wieder für eine Nacht“ fragte er sich laut und hoffte dabei, dass er alles richtig gemacht hätte. Um elf Uhr begann eine Vorlesung in Kompositionslehre, jetzt war es zehn Uhr. Armin legte sich wieder aufs Ohr und schlief bis zum späten Nachmittag.
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Armin saß in seinem Lieblingssessel vor dem großen Panoramafenster seiner Baden- Badener Wohnung und musste an Christine denken. Sie war seine erste große Liebe, vielleicht sogar die einzige. Er erinnerte sich an die vergeblichen Versuche, sie kurz nach dem Kennenlernen im Le Caveau ins Bett zu kriegen. Sie wusste immer geschickt auszuweichen, ohne ihn dabei vor den Kopf zu stoßen. Christine wollte sich Zeit lassen, was Armin umso mehr reizte. Sie wurde dadurch für ihn immer begehrenswerter und er sehnte sich nach ihr, wenn sie nicht bei ihm war.. Er konnte sich mit ihr über Dinge unterhalten, die er bisher nur für sich behielt. Christine forderte ihn auch auf, sich mehr dem Studium, als dem Protestieren zu widmen. Es begann eine seiner (un)glücklichsten Zeiten. Armin schlief mit einem längst vergessenen Gefühl ein.
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Walter ging es nicht gut. Er hatte wieder diese ziehenden Schmerzen, die von der Schulter bis in seinen linken Arm zogen. Die Wirkung des Alkohols ließ nach und die ständig wiederkehrenden düsteren Gedanken kreisten in seinem Kopf. Er holte sich noch einen Whisky aus der Minibar, legte sich aufs Bett und starrte die Decke an. Walter fühlte sich einsam. „Wie kann ich andere beraten, wenn ich nicht einmal mit mir selbst klar komme? Merken die denn nicht, dass ihre Probleme mich von meinen ablenken. Betreibe ich Unternehmensberatung oder Psychotherapie? Ist Armin nicht doch der Glücklichere, obwohl es ihm finanziell bestimmt viel schlechter geht“? Er rief die Rezeption an und bestellte diskret ein Callgirl aus der Villa Ascona, die keine hundert Meter neben Brenner´s Parkhotel gelegen war. Sie hieß Katja und kam aus Polen……………..
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