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Räuber und Pistolen - eine abenteuerliche Geschichte |
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Romane & Erzählungen
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Geschrieben von Johann Lange-Brock
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E x p o s é :

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Der Arbeitstitel des Romans ist „Räuber und Pistolen – eine abenteuerliche Geschichte“. Das ist natürlich abgeleitet von dem Wort Räuberpistole, was eigentlich passt, denn im Folgenden werden vier Freunde in eine wirklich unglaubliche Geschichte verwickelt. |
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L e s e p r o b e :
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1.
Meine Augen benötigten einen Moment um sich von dem Dunkel des Treppenhauses an das Licht des neuen Tages zu gewöhnen. Die Straße war menschenleer, ich war der Erste. Die verdorrten Rasenflächen am Rande des Bürgersteiges zeugten von der Hitzewelle die Hamburg in den letzten Wochen heimgesucht hatte, kein Luftzug regte sich und das war ungewöhnlich, denn normalerweise wehte von der nahen Elbe ein stetiger Wind in die Stadt. Ich liebe die frühen Morgenstunden, die einen glauben lassen, dass die Zeit stillsteht. Weit über mir ließen zarte Wolkenschleier den Himmel pastellblau erscheinen und kündigten einen weiteren heißen Tag an.
Bis zur Bäckerei waren es nur wenige hundert Meter, das Geschäft lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Schatten einer Häuserzeile. Als ich die Tür öffnete begrüßte mich die Stimme der Bäckerin.
„Bitte machen sie die Tür zu...diese Hitze“ ich lächelte ihr freundlich zu und schloss die Ladentür hinter mir.
\"Guten Morgen\" ich sagte ihr was ich wollte, und während sie meine Brötchen zusammensuchte plauderte sie vor sich hin.
„Ist aber außergewöhnlich warm heute morgen, ich mein für den Abend haben sie ein Gewitter angesagt, aber ich weiß nicht recht...“ ich warf einen kritischen Blick aus dem Fenster.
„Die letzte Nacht hat ja nun keine Abkühlung gebracht, bei Hagenbecks Tierpark hat sich sogar einer umgebracht, ist bei den Löwen ins Außengehege rein und dann...“ ihre Hände machten eine endgültige Geste „war wohl nichts mehr zu machen, steht alles in der Zeitung“ sie fächelte sich mit ihrer Hand Luft zu.
„Diese Hitze, das macht die Menschen verrückt“ einen Moment starrte sie vor sich hin, dann verscheuchte sie die trüben Gedanken und lächelte „Das macht dann bitte drei siebzig junger Mann “
Ich legte ein paar Münzen auf die Theke und ging zurück in unsere Wohnung.
Igor saß auf unserer Dachterrasse im Schatten des großen Ahornbaumes, dessen Äste weit über das Dach reichten und trank Kaffee. Ich legte die Brötchen auf den Tisch.
\"Guten Morgen Jan, ist noch Kaffee da\" ich schenkte mir eine Tasse ein und setzte mich zu ihm.
Igor ist groß, er stammt aus Breslau, fährt Lastwagen für eine deutsch-polnische Spedition, und wiegt mindestens 300 Pfund. Vor zwei Monaten ist er bei Katja und mir eingezogen.
„Christian ist da“ brummte er, während er ein Milchbrötchen, das in seiner Hand winzig aussah, in seinen Kaffee stippte und zu dem offenen Fenster neben der Terrassentür blickte, wo sich helle Vorhänge sanft im Wind wiegten. Ich bemühte mich Igors Bemerkung zu ignorieren, tatsächlich störten mich Katjas Männergeschichten zur Zeit nicht sonderlich, gerade wenn man bedachte, dass sie in den letzten vier Monaten zwei Kerle verschlissen hatte. Ich zündete mir eine Zigarette an.
„Ich verstehe dich nicht, ihr wohnt zusammen....wie lange?“
„Fast drei Jahre“
„Drei Jahre und du magst sie und sie ..mag dich, was ist euer Problem?“
Die Frage hatte ich mir auch schon gestellt..
„Wir sind schon lange Freunde, das setzt man nicht so ohne weiteres aufs Spiel“ Igor schüttelte den Kopf. Er belegte sich noch ein Brötchen mit Salami und trank noch einen Schluck Kaffee.
„Das mit euch beiden, es ist nicht normal, und Katja weiß es. Sie wird nicht immer hier wohnen“ er stand auf „Du solltest darüber nachdenken, aber ich muss los. Fernseher nach Warschau. Ich bin am Montag zurück“
Ich sah ihm kurz hinterher. Katja hatte Igor vor zwei Monaten angeschleppt, als ich nach Hause kam saßen die beiden bei uns in der Küche. Im ersten Moment war ich sprachlos, o.k., wir suchten einen Mitbewohner, aber das. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, lehnte an der Spüle und fing an eine Orange zu schälen. Unterdessen musterte ich den großen Mann und noch während ich versuchte mir über ihn klar zu werden begann er bereits mich für sich einzunehmen. Ich meine, da saß ein fast zwei Meter großer Kerl von bestimmt 300 Pfund in unserer Küche, aber nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte fiel das gar nicht mehr so auf, klar, er war immer noch groß aber das Bild begann sich anzugleichen. Als mir bewusst wurde, dass ich ihn bereits eine Weile angestarrt hatte entblöße er eine Reihe weißer Zähne und grinste. Ich mochte Igor fast vom ersten Augenblick an.
Nachdem er sich auf den Weg nach Polen gemacht hatte stellte ich einen Liegestuhl in den Schatten des Ahorns, und versuchte mich zu entspannen. Es dauerte keine fünf Minuten und ich war eingeschlafen. Vier Stunden später weckte mich Katja.
\"Jan, hey Jan, Du verbrennst\" ich schreckte aus meinen Träumen auf. Wahrscheinlich machte ich in diesem Moment keine besonders gute Figur.
“Also ich an deiner Stelle hätte mich ja eingecremt” ich sah mich um, die Sonne war hinter dem Baum hervorgekommen und hatte mich erwischt. Ich konterte etwas lahm.
\"Na, und, gut geschlafen?\"
\"Überflüssige Frage, hat Igor Dir doch bestimmt schon beantwortet, stört doch nicht wenn Christian vielleicht öfter mal hier...\"
\"Doch, das stört\"
\"Er bekommt auch keinen Schlüssel, er ist sowieso selten in Hamburg, ich muss los meine Schicht fängt gleich an, tschüss\"
Für mich wurde es auch Zeit aus der Sonne zu verschwinden, ich verzog mich ins Badezimmer. Nach der Dusche untersuchte ich die verschiedenen Cremetöpfe und Tuben, die Katja auf einem kleine Regal im Badezimmer aufgestellt hatte. Ich las mir die Beschriftungen durch und als ich die Passende gefunden hatte rieb ich damit vorsichtig meinen Sonnenbrand ein.
Es war bereits kurz nach fünf als es an der Tür klingelte, und eigentlich hatte ich schon früher mit Jochen gerechnet, war er in der letzten Zeit doch ein noch besserer Tagedieb als ich. Ich machte auf, widmete meine Aufmerksamkeit dann aber wieder dem Kaffee. Er setzte sich nach draußen und ich konnte hören wie er sich eine Zigarette anzündete. Ich wartete am Herd und beobachtete, wie das Wasser im Topf langsam anfing zu sprudeln. Nach einiger Zeit begann ich vorsichtig das Wasser in den Filter zu gießen, der wackelig auf der Kaffeekanne stand. Während der Duft des Kaffees die Küche zusammen mit der Luft und dem Licht von draußen verzauberte, baute ich in aller Ruhe Tassen, Zucker und Milch auf einem Tablett auf. Als der Kaffee durchgelaufen war ging ich nach draußen.
Jochen war mein ältester Freund, er hatte es sich auf einen der Stühle bequem gemacht und strich sich durch seinen 7-Tage – Bart. Wie gesagt, ich kannte ihn seit einer Ewigkeit und als ich ihn da so nachdenklich sitzen sah ahnte ich bereits was kommen würde.
„Wie viel brauchst du?“ fragte ich.
„Ich hab nichts gesagt“
Ich hatte kein Problem damit ihm ab und zu was zu leihen, unten in der Werkstatt war noch einiges zu tun und Jochen stellte sich ziemlich geschickt an, wenn es darum ging an den Autos von irgendwelchen Elbvorortlerinnen rumzuschrauben.
„Zweihundert“ sagte er nach kurzem zögern. Nachdem er das Geld eingesteckt hatte musterte er mich „Du strahlst aber auch nicht gerade vor Freude“ ich schnitt eine Grimasse, und wie von selbst wanderten meine Augen zu den jetzt geschlossenen Fensterläden hinüber.
„Ist Christian da?“
„Er war da“
„Hast du dir mal überlegt, dass du die Geschichte vielleicht falsch anpackst?“
„Du weißt, wie ich darüber denke...“
„Jan ich kann das nicht mehr hören, ich meine ich bin mit Katja befreundet, ziemlich gut sogar, aber du....“ er machte eine wegwerfende Handbewegung. Mir dämmerte, dass Igor und Jochen vielleicht recht haben könnten.
Ich bin mir meiner Gefühle für Katja immer bewusst gewesen aber ich hatte mich jahrelang hinter unserer Freundschaft versteckt. Das konnte nicht ewig so weitergehen, irgendwann würde einer kommen der blieb, und daran konnte auch keine noch so großartige Freundschaft etwas ändern.
„Ich werde sie verlieren“ sagte ich düster.
„Nun sieh die Dinge nicht gleich so schwarz, du solltest vielleicht deine Taktik ändern“ während Jochen das sagte hörte ich wie sich ein Schlüssel in der Haustür drehte. Durch die Balkontür warf ich einen Blick auf die Küchenuhr. Katjas Schicht im La Lina war zu Ende. Gut gelaunt kam sie auf die Terasse.
„Na Jungs, wie geht’s“
Sie machte auf mich den Eindruck eines Engels der vom Himmel gefallen ist. Ich räusperte mich.
„Schwierigkeiten mit dem frei sprechen?“
Ein leichter Wind wehte über die Terrasse und verfing sich in ihren blonden Haaren, sie lächelte und ich fragte mich ob sie sich ihrer verheerenden Wirkung überhaupt bewusst war.
„Warst du heute schon unten?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Heute Morgen hat so eine Frau wegen ihrem Wagen angerufen, die hieß Claudia Kern oder so“
„Das Peugot-Cabrio“ sagte Jochen.
„Was hast du ihr erzählt?“ fragte ich Katja.
„Das du bis zu den Ellenbogen in ihrem Vergaser steckst“
Ich rechnete nach. Der Wagen stand seit drei Tagen in der Garage, heute war Samstag. Das Wichtigste, wenn man Autos für Frauen aus den Elbvororten repariert, ist, die Ruhe zu bewahren. Lässt man einen Wagen zu früh abholen, dann bemerkt die Besitzerin kaum, dass das Auto überhaupt in der Werkstatt war, und wenn sie einem am Telefon die Ohren voll jammert, dass die Welt untergeht, wenn der Wagen nicht zum Wochenende fertig wird, muss man immer wissen, dass sie zwei Sekunden später mit einem Achselzucken bei Sixt oder bei Europcar anruft. Mittlerweile hatte ich den Dreh raus und und mir genügten ein bis zwei Reparaturen in der Woche um über die Runden zu kommen.
„Lass uns den Peugot am Dienstag machen, dann kann sie ihn von mir aus Mittwoch abholen“
„Alles klar“ sagte Jochen und rekelte sich auf seinem Stuhl. Die Sonne brannte am frühen Abend nicht mehr vom Himmel und tauchte die Terrasse in ein orangefarbenes Licht.
„Habt ihr noch was zu trinken im Haus?“ fragte Jochen.
„Ist noch ein Bier im Kühlschrank“ antwortete Katja und während Jochen in der Küche verschwand zündete sie sich eine Zigarette an. Ich konnte nicht sagen, ob sie wusste, dass mir die Geschichte mit Christian auf die Nerven ging. Wir redeten selten über unsere Abenteuer und eigentlich konnte ich auf Einzelheiten gut verzichten, aber in diesem lichtdurchfluteten Moment, konnte ich die dunkle Wolke am Horizont deutlich erkennen.
„Du machst ein Gesicht“ sagte Katja. Ich lächelte, wie hätte ich ihr sagen können, dass sie für mich ein Wesen von einem anderen Stern war ohne noch im selben Augenblick im Erdboden zu versinken.
„Ich hab Hunger“ sagte ich anstatt dessen. „Wollen wir runter gehen?“
Der Laden in dem Katja arbeitete liegt in unserem Viertel, keine fünf Minuten um den Block. Katja stöhnte auf. „Ich hab da gerade fünf Stunden gearbeitet“
„Du sollst ja nicht arbeiten“ sagte Jochen
„und wir könnten dich einladen“
Ich fragte mich kurz, ob die Zweihundert, die ich ihm gegeben hatte ausreichen würden, wahrscheinlich nicht. Katja nippte an ihrem Bier.
„Also wenn ihr mich einladet...“ sie grinste „aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr euch benehmt“
„Du kennst mich“ sagte Jochen, als er bemerkte wie Katja Blick auf ihm verharrte hob er abwehrend die Hände.
„Hey, das war ein Scherz“. Wir teilten uns das letzte Bier, und machten uns auf den Weg. Uns gegenseitig stützend schlenderten wir die Strasse entlang, und ich kam nicht umhin unauffällig Katjas Hintern zu beobachten, was sie natürlich bemerkte und nebenbei hatte ich ehrlich gesagt noch ein paar schmutzige Gedanken, nicht unbedingt auf Katja bezogen, eher genereller Natur.
Das La Lina war rappelvoll, jeder Tisch des Biergartens war belegt. An der Bar stand Dario, der das Treiben in seinem Laden zufrieden betrachtete. Als er Katja zwischen den Tischen entdeckte strahlte er übers ganze Gesicht.
„He Katja, kommst du zu arbeiten“
„Das könnte dir so passen“ flachste sie „nachdem ich mir heute Nachmittag schon blasen gelaufen habe“
„Ja, alle wollen essen“ sagte er entschuldigend „Viele Arbeit“
„Dario, können wir uns an den Tisch für das Personal setzen“
„Katja, Tische ist für Bedienung reserviert, darum er heißt Personaltisch“
„Och Dario“ sie lächelte zuckersüß „ich gehöre zum Personal und alle anderen Tische sind belegt“
„Ich weiße das alle Tische sind belegt“
„Bitte bitte“ machte sie ihm schöne Augen.
„Ah, ihr Mädchen, ihr machte mich verrückt...“
„Du bist ein Schatz Dario“ sagte sie, und fiel dem Wirt um den Hals. Er grinste breit und zwinkerte uns über Katjas Schulter hinweg zu. Dario wusste ganz genau, wie er ab und zu auf seine Kosten kam. Über uns in den Bäumen, die den Biergarten des Italieners wie eine Kuppe überdeckten, hatte Dario kleine Lampions aufgehängt, die in verschiedenen Farbe leuchteten. Überall lachten und plauderten seine Gäste, zwischen den Tischen balancierten die Kellnerinnen ihre Tabletts mit Speisen und Getränken und und fiel es leicht in den lustigen Reigen mit einzustimmen.
Eines der Mädchen setzte sich zu uns an den Tisch. Ich kannte sie, sie hieß Nina. Sie kramte eine Zigarettenpackung aus ihrer Schürze und steckte sich eine an. Stöhnend blies sie den Rauch aus.
„Ich glaube das ist die erste seit zwei Stunden“ sie stützte den Kopf in ihre Hände.
„Ganz schön voll heute“ sagte Jochen.
„Als wenn es der erste schöne Abends des Sommers wäre“ dann zuckte sie mit den Achseln „aber egal, wenn die Leute gut drauf sind geben sie wenigstens Trinkgeld“
Ich sah mich nach einer Bedienung um, aber alle Mädchen waren beschäftigt.
Nina blickte auf die Spitze ihrer Zigarette „Ich bring euch gleich was, fünf Minuten“
„Hey, das galt nicht dir“ Sie lächelte.
„Das ist schon o.k.“ dann wand sie sich an Katja. „Wie geht es eigentlich mit deinem neuen Typen, wie heißt er noch...“
„Christian“ sagte ich, ich wechselte einen Blick mit Katja, und für einen Moment schien ihr die Situation unangenehm zu sein, aber nach zwei Sekunden hatte sie sich wieder im Griff.
„Wunderbar“
Nina sah zwischen uns beiden hin und her.
„Hab ich was verpasst“ Katja schüttelte den Kopf und hielt lächelnd ihrem Blick stand. Ich konzentrierte mich darauf mir eine Zigarette anzuzünden und Jochen machte eine Geste die alles und nichts bedeuten konnte.
„Was soll’s“ Nina drückte ihre Zigarette „geht mich ja eigentlich auch nichts an“. Sie zückte ihren Block und ihren Zettel. „Was kann ich euch denn bringen?“
Wir bestellten Pizza und Bier. Die Pizza im La Lina ist unschlagbar, keine Ahnung wie die das hinbekommen, aber ich kannte in der Stadt keinen anderen Italiener das da rankam.
Nachdem Nina mit der Bestellung abmarschiert war nagelte mich Katja mit ihrem Blick am Stuhl fest.
„Was ist eigentlich dein Problem?“ ich setzte eine Unschuldsmiene auf.
„Keine Ahnung was du meinst“ das berührte die Wahrheit natürlich nicht mal aus der Ferne. Ich wusste dass Katja zumindest ahnte was mit mir los war, aber sie konnte sich denken dass ich das Thema nicht hier und jetzt auspacken und auf der rot-weiß gestreiften Tischdecke zerpflücken würde, aber da hatte ich mich geirrt.
„Ich meine Christian“ sagte sie „es ist ja nicht so, dass ich noch nie einen Freund hatte, früher war das doch nie ein Problem“
‚Die Dinge änderten sich nun mal’. Ich starrte auf die Tischdecke. Wenn Katja dachte ich würde mich hier und jetzt auf eine ernsthafte Diskussion einlassen hatte sie sich geirrt.
„Die hatten auch keinen Schlüssel zu unserer Wohnung“ sagte ich mit einem spöttischen Grinsen
„Das ist doch Schwachsinn“ sie sah hilfesuchend zu Jochen, aber der schüttelte den Kopf. Macht das mal schön unter euch aus.
„Sonst gibst du doch auch zu jedem Scheiß deine Meinung ab“ schimpfte Katja.
„Schon, aber dein Typ wohnt schließlich nicht in meiner Wohnung“
„Christian wohnt nicht bei uns“ wie ich fand konnte man da durchaus geteilter Meinung sein und überhaupt, wenn hier jemand einen Grund hatte sich zu beschweren, dann war ich das. Ich zündete mir eine neue Zigarette an.
„So was geht schneller als man denkt“ sagte ich. Katja war kurz davor war mir an die Kehle zu springen. Das Pärchen vom Nachbartisch schielte bereits neugierig zu uns herüber.
„Ich glaube nicht, dass es Dario gefallen würde, wenn du dich mit seinen Gästen prügelst“ sagteNina, die die Getränke brachte. Sie stellte vor jedem von uns ein Bier ab.
„Ach“ schnaubte Katja „du kannst dir nicht vorstellen wie bescheuert das ist“
„Oh doch, ich war drei Jahre mit so einem zusammen“
„Selber schuld“ sie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung was in die gefahren ist“
Das Pärchen am Nachbartisch hatte seine Unterhaltung mittlerweile eingestellt um unter keinen Umständen etwas zu verpassen. Jochen trank einen Schluck von seinem Bier und blickte über den Tisch.
„Vielleicht sollten wir etwas essen bevor ihr euch die Köpfe einschlagt“
„Ich muss zumindest weitermachen“ sagte Nina, als sie ein paar Neuankömmlinge bemerkte, die sich in unsrer Nähe gesetzt hatten „wäre auf jeden Fall schade um die Pizza“
Sie umkurvte ein paar Tische um die Bestellung entgegenzunehmen. Ich sah ihr hinterher. Der Duft von Tomaten und geschmolzenem Käse hing in der Luft.
„Sie hat recht“ beschloss Katja.
„Ich hab eine mit Mozzarella, Parmaschinken und Ruccola“ sagte ich. Wir lächelten uns an.
„Meine ist mit Schrimps und Knoblauch“
Jochen schwenkte andächtig sein Bier. Fürs Erste hatte die Aussicht auf die beste Pizza der Stadt den Sieg über unseren Streit davongetragen. Eine Bedienung, die ich noch nie gesehen hatte, trug mehrere Teller an unserem Tisch vorbei.
„Da, das sind unsere“ sagte Jochen.
„Nee, vier Teller“
„Die spinnen doch“ als Nina fünf Minuten später mit den Pizzas kam strahlten unsere Augen.
„Einmal Calzone mit frischen Pilzen“ sagte sie und stellte einen der Teller vor Jochen ab.
„Dieser Duft“ sagte Jochen. Nina lachte.
„Luca hat frische Petersilie draufgetan, dann lasst es euch mal schmecken“
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. In den nächsten zehn Minuten war nicht viel von uns zu hören, und als ich mit einem Stück Weißbrot dem letzte Rest des Pizzabelages von meinem Teller wischte fragte ich mich wie ich mich wegen eines Typen wie Christian mit Katja in die Haare hatte kriegen können.
Ich lehnte mich entspannt zurück.
„Das ist geheimnisvoll, geht es euch auch so gut?“
Jochen nickte zustimmend „Keine Ahnung was die da reintun“
„Wir sollten uns nicht mehr mit leerem Bauch streiten“
„Wir sollten uns nicht mehr mit leerem Bauch unterhalten“ sagte Katja und kicherte. Ich rekelte mich wohlig auf meinem Stuhl. Das war der Anfang des Sommers, der Anfang einer phantastischen Nacht, die uns bereits mit ihrer Anmut umfing.
„Lasst uns was unternehmen, lasst uns den Verlockungen dieses Abends erliegen“ Katja legte den Kopf schief.
„Was erliegen, welche Verlockung“
„Bist du denn blind, spürst idu den Zauber nicht, der heute alles umgibt?“
Jochen warf mir einen Blick zu, der mich fragte ob ich noch alle Tassen im Schrank hatte aber Katja lächelte. Das zählte.
„Wir könnten noch in den Podel-Club gehen“
„Ich hab nach der Arbeit noch nicht mal geduscht“
„Aber es ist ein herrlicher Abend“ zwischen Katjas Augen entstand eine nachdenkliche Falte.
„Ich wäre dabei“ sagte Jochen.
„Das“ antwortete Katja „ist jetzt keine Überraschung, ich muss auf jeden Fall noch einmal nach oben“
„Wunderbar, Jochen und ich können hier warten“
„Ja“ sagte Jochen „du holst uns ab, aber Katja“
„Was“
„Bitte, keine Stunde\"
\"Mal sehen, also ich beeile mich und ihr wartet hier ... kurz\"
Sie trank ihr Bier aus und ich blickte ihr hinterher. Von Amors Pfeil getroffen sank ich zu Boden. Als ich die Augen wieder öffnete blickte in die grüne Kuppe über unseren Köpfen. Einzelne Äste wiegte sich langsam im Wind und die Lichter der Lampions reflektierten sich in ihren Blättern. Das war eigentlich nichts Neues für mich, trotzdem hätte ich beim Anblick dieser Bäume vor Freude in die Luft springen können.
„Jan, das ist erschreckend“ verwirrt sah ich zu ihm rüber.
„Was“
„Das“
„Aber so sieht es nunmal aus“
„Und was willst du jetzt machen?“
„Ich hab keine Ahnung“
„Willst du sie rausschmeißen?“
„Quatsch, also ich glaub nicht“
„De Typ bringt es fertig und sitzt morgens halbnackt in eurer Küche“
„Ich könnte ihn erschießen“
„Dann ist in vier Wochen ein Neuer da“
„Aber wenn ich sie...“
„Dann ist wahrscheinlich in zwei Wochen eine Neue da“
„Wahr, wahr“
Als Nina in der Nähe unseres Tisches aufkreuzte bestellten ich noch zwei Bier, wir redeten belangloses Zeug, bis Jochen mich auf eine Mädchen aufmerksam machte, welches an einem Tisch am anderen Ende der Terrasse saß und gelangweilt in einer Speisekarte blätterte. Jochen beugte sich zu mir vor.
„Jan, hast du so etwas schon mal gesehen? Ich muss sie ansprechen“ sagte er leise.
„Bist du irre?“
„Was kann ich schon verlieren?“
„Deine Würde“
„Quatsch“ er nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier.
„Ich werde dich dann wieder zusammenflicken“
„Alles klar“ er pustete durch wie ein Boxer vor dem Kampf und versuchte elegant um die Tische zu schlendern, grüßte hier und da ein vertrautes Gesicht und blieb an dem Tisch der Unbekannten stehen.
Ich konnte nichts verstehen, sah aber wie er versuchte alle Register zu ziehen. Das Mädchen lächelte. Jochen gab einer Kellnerin ein Zeichen und nach einer kurzen Rückfrage, die von der Unbekannten mit einem Achselzucken quittiert wurde rief er der Bedienung etwas zu. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke, ich konnte es in seine Augen aufblitzen sehen und hoffte, dass dieser Moment ewig währen möge, denn am anderen Ende der Terrasse kündigte sich bereits das Unheil an. Sie trug Leder, hatte blond gefärbte kurze Haare und dass sie lesbisch war hätte ein Blinder erkennen können. Die Typen auf der Terrasse zog ihre Köpfe ein, während Sie den Tisch ansteuerte, an dem Jochen mit der Fremden saß. Er hatte nicht bemerkt, dass sich die Atmosphäre auf der Terrasse weitergedreht hatte, dass Gespräche verstummt und das leise Klirren von Besteck zu hören war. Erst als die Blonde direkt hinter ihm stand drehte er sich irritiert zu ihr um. Für einen Moment hing eine unausgesprochene Frage in der Luft, doch anstatt etwas zu sagen begrüßte die große Blonde Jochens neue Freundin mit einem Kuss, der jedem der es sehen konnte den Atem stocken ließ. Jochen fielen die Augen aus dem Kopf, aber da war nichts zu machen, selbst Dario, der die Szene von Tresen aus beobachte schüttelte mitfühlend den Kopf.
Die Kellnerin stand etwas unsicher im Hintergrund. Sie balancierte zwei Tequilla auf ihrem Tablett und war sich nicht sicher, was sie jetzt mit den Gläsern anstellen sollte. Jochen winkte sie zu sich heran. Leise fluchend trank er die beiden Gläser aus. Ohne die beiden eines weiteren Blickes zu würdigen machte er sich auf den Rückweg.„Alles klar bei dir?“
„Was soll sein, wo bleibt denn Katja“
„Ich weiß nicht, du kennst sie doch“
„Du hättest die mal aus der Nähe sehen sollen“
„Schiefe Zähen?“
„Komplett“ ich blickte rüber zu dem Tisch, die beiden Mädchen redeten leise miteinander, auch an den anderen Tischen waren unterbrochene Unterhaltungen wieder aufgenommen worden.
Jochen zündete sich eine Zigarette an und blies nachdenklich den Rauch aus.
„Das ist die Sorte Mädchen, die ich sofort heiraten würde...vorausgesetzt sie wollte das“
„Vorausgesetzt sie würde auf Männer stehen“
„Vorausgesetzt“ er zeigte hinüber „sieh sie dir an, sie ist perfekt, wenn ich ihr nur klarmachen könnten...“ ich entdeckte Dario zwei Tische weiter.
„Können wir zahlen“
„Klar“
Jochen riss sich von dem Anblick der Schönen los.
„Ich dachte wir warten hier auf Katja“
„Ich versuch nur dich vor dir selbst zu schützen“
„Ach das“ er zeigte in die Runde „hat doch kein Mensch bemerkt. Gott, ich müsste ihr nur begreiflich machen...“
„Mein Freund, es tute mir leid“ unterbrach ihn Dario, der zum abkassieren kam.
„Diese Weiber, sie essen und trinken jeden Abend für vier“ er hob entschuldigend die Hände „was solle ich machen, eh, Zeiten sind schlechte“ er klopfte Jochen aufmunternd auf die Schulter „die beiden Tequilla gehen auf Haus“.
Ich verschluckte den Rauch meiner Zigarette und bekam einen Hustenanfall.
„Das ist aber nett Dario“ antwortete Jochen etwas gedehnt.
„Si, si, keine Problem, ahh, sehe sie dir an, es iste eine Schande, aber du haste es getragen wie eine Mann, finden Nina und Luigi auch“
„Nina und Luigi“ sagte Jochen.
„Si“
„Ist ja schön, dass die das auch mitbekommen haben“
„Es war nicht zu übersehen“ antwortetet ich an Darios stelle.
„Und die beiden, die sind öfter hier?“ fragte Jochen.
„Si“
„Dario, du hättest mich warnen müssen“
„Ah, he, was hätte iche sagen sollen, außerdem es gibt Dinge in die mischt man sich nicht ein“ Jochen schüttelte den Kopf.
„He, wie sagte man bei euch, auch andere Mütter haben schöne Töchter“. Jochen grinste.
„Ja Dario, so sagt man“
„Bene, so gefällst du mir schon besser“.
Wir bezahlten unsere Rechnung und über die Köpfe der Gäste hinweg winkte ich Nina noch mal zu. Das Lärmen von der Terrasse folgten uns auf die Strasse und verlor sich erst als wir die Haustür der WG erreichten. Im Treppenhaus brannte kein Licht, aber eine bestimmte Präsens hing in der Dunkelheit. Ich wechselte einen Blick mit Jochen.
„Sandelholz“ ein übler Verdacht regte sich in meinem Herzen.
„Wir können auch gleich los“ sagte Jochen „Du musst dir das nicht antun“
„Doch ich muss“ langsam ging ich die Treppe nach oben, und ich empfand jede Stufe wie einen Schritt zu meiner eigenen Hinrichtung. Wie ferngesteuert öffnete ich die Wohnungstür und schon im Flur konnte ich leise ihre Stimmen hören. Es war Christian. Er saß zusammen mit Katja in der Küche. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Der Abend war gelaufen, ich ging in mein Zimmer und knallte die Tür ins Schloss.
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| S e i t e n z a h l : |
292 |
| A u t o r I n : |
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