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Undines Wiederkehr
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Verena Flick   

E x p o s é :

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Das Kernstück des Romans „Undines Wiederkehr“ knüpft thematisch an die alte Undine-Geschichte Fouqués an. Sie bildet das Grundmuster für die Geschichte, die aus der Perspektive der unglücklichen Rivalin Undines erzählt wird. Zugleich aber geht es noch um das Auftauchen und Versinken der Bilderwelt der siebziger Jahre. Ich habe dies zugleich verdeutlicht und verfremdet, indem ich die Studenten-Interieurs der siebziger Jahre nach außen erweiterte: schon entstand da eine imaginäre Stadt ganz von selbst.
Das Ganze hat eine Rahmenhandlung, in der es um das flüchtige Aufblitzen der Erinnerung geht, die festgehalten werden will und sich doch immer wieder entzieht. Bei der Lektüre von Zeitschriften, auf Kunstausstellungen, Verlagsempfängen, Performances begegnen der Ich-Erzählerin Fragmente des Vergangenen. Das gilt sowohl für die Bilderwelt der siebziger Jahre als auch für die des ehemaligen Ostblocks.

L e s e p r o b e : 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

   

   

   

   

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

 

 

 

  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

 

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

     

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

    

 

  

    

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

  

 1.Kapitel : Das schwarze Loch
Mit einer Fernsehzeitschrift fing alles an. Fünfzig Jahre Tagesschau erschienen im Spiegel von fünfzig Jahren deutscher Familie, und natürlich sah man da, wie sich auch die Wohnungen gewandelt hatten. Das Ganze regte mich so auf, daß ich darüber schreiben und daher etwas tun mußte, was ich sonst bewußt vermeide: mein Alter nennen.
Ja, in den fünfziger Jahren war ich nicht etwa noch nicht geboren, sondern klein, daß läßt sich nicht anders sagen. So erkannte ich auch all die Farben der Familie Lehmann zur Zeit ihres ersten Fernsehers wieder. Und da fiel mir ein, daß ich als Kind in den Vokalen Farben sah, ganz wie die großen Dichter. Das heißt: nicht ganz so. „A schwarz, E weiß, I rot, U grün, O blau: Vokale“ - so hieß es bei Rimbaud, doch bei mir leider nicht. Er lebte ja in einer Zeit, die man noch heute die Belle Epoque nennt. Was aber war das für eine Epoche, in der ich klein war? A - das war aschgrau mit einem leichten Blaustich, E war zwar weiß und damit die einzige Farbe, bei der selbst ich Rimbauds Meinung teilte, doch so sauber wie bei ihm war sie bei mir noch lange nicht, I changierte zwischen einem starken, doch schmutzigen Orange und Schwefelgelb, O war die Kohlenkellerfarbe, vibrierend zwischen Anthrazit und Schwarz, und U ein kräftiges Rotbraun. Das reine Rot, das klare Blau, das volle Grün, das leuchtende Gelb – so etwas kam bei mir niemals vor, und auch die Umlaute boten da keinen Ausweg, selbst Ü war nur Rotbraun, wenn auch heller und mit etwas mehr Rot als das U, aus Wollweiß, Grau und Lila entstand das Ä, und das Ö kam heraus, wenn man Altrosa, Kalkweiß und Schiefergrau mischte. Darin war es dem Eu verwandt, bei dem man nur das Altrosa durch Lachsrosa ersetzen mußte. Das Traurigste von allem aber war das Au, ein Graubraun ohne jeden Schimmer von etwas Anderem, bei dem man jede Hoffnung fahren lassen mußte. Selbst Wörter wie „Blau“ oder „Pflaume“ setzten der Farbe zwar einen flüchtigen Glanz auf, der aber angesichts der toten Schwere, die sie ausstrahlte, nicht mehr als vorübergehend sein konnte. Und Grün – das gab es bei diesen Vokalen überhaupt nicht, selbst an zermatschten Wirsing erinnerte keiner von ihnen.
Ja, das waren wirklich keine schönen Farben, und doch wurde man von ihnen regelrecht umzingelt, daß man sogar in ihnen träumte. Selbst bei uns, in einem politisch so bewußten Hause, wo alles heller und klarer war, konnte an sich ihnen nicht entziehen, wenn es auch nicht solche Blümchentapeten wie bei der Familie Lehmann gab.
Blümchentapete? Auf diesen Pflänzchen wuchs doch keine einzige Blüte, und farblich war das Ganze eindeutig Au. Eine Verstaubte – Zimmerpflanzen -Tapete – so könnte man sie bestenfalls nennen. Dadurch paßte sie so gut in das Zimmer der anderen Kinder, besonders derjenigen, mit denen ich im Grunde nicht spielen durfte, weil sie etwas Anrüchiges hatten. Das lag daran, daß die Verstaubte – Zimmerpflanzen – Tapete in einem alles beherrschenden Braun so auf und unterging wie ein Tropfen im Meer. Nichts blieb unbeschmutzt von dieser Farbe, ob sie nun als zarter Hauch auf dem Tapetenhintergrund, dem Nierentisch und der dreigeteilten, asymmetrischen Lampe oder mit voller Wucht auf dem Perserteppich und dem Fernsehunterschrank erschien.
Was war nun anrüchig an diesem Braun? Bei uns zu Hause wurde zwar viel über Politik gesprochen, doch genau das war der Grund, daß ich als Kind darüber nicht nachdenken wollte. Die anderen Kinder lebten doch auch ohne jede Politik, und mußten nicht ständig Angst vor neuen Kriegen haben, und konnten furchtlos auf die höchsten Bäume klettern und fühlten sich überhaupt viel besser als ich. Darum kam ich auch nicht einmal auf den Gedanken, daß diese Bräune ein Zeichen dafür gewesen sein könnte, daß man nach allem, was man hinter sich hatte, trotz allem Aufschwung das Leben reichlich beschissen fand. Doch wenn ich das metaphorisch wie buchstäblich Anrüchige auch nicht zu denken wagte – spüren konnte ich es schon, und das machte diese Wohnungen so richtig interessant, wie auch der Matsch, in dem man panschen konnte, interessant war.
Aber gab es bei den anderen Kindern wirklich solche Nierentische und solche Lampen, deren schräge Form an Jazz erinnern sollte? In ihren Häusern sah ich etwas ganz anderes, immer die gleichen Möbel, in denen sich das Braun noch dunkler zusammenballte als in dem Fernsehunterschrank der Lehmanns, und deshalb wirkten sie so übermächtig, obwohl zumindest die Schränke noch kleiner waren als bei uns zu Hause. Da half es auch nicht, daß die meisten dieser Schränke gelbe Scheiben hatten, die mit schmalen Messingbändern geschmückt waren. Beides zusammen sollte wohl irgendwie an Gold erinnern, doch wenn Gelb und Gold so eng zusammenkleben, vernichten sie sich gegenseitig, und es kommt nur Dreck heraus. Kein Wunder, wenn man so tief in diesem steckte, daß man sich nicht aus ihm herauswagen konnte. Das aber war es gerade, was die Nierentische in unserem Kaff zu so einer Seltenheit machten. Die Leute, die sie sich zulegten, waren so hyperdynamisch, daß sie es sich sogar zutrauten konnten, diesem Dreck zu entrinnen. Deshalb waren auch die Nierentische samt den dazugehörigen Sesseln viel bunter als bei den Lehmanns, freilich nur so bunt, wie es die fünfziger Jahre erlaubten. Auch das Rot des schrägsten Sessels war nur ein gesteigertes Ü, es übertönte zwar die übrigen Farben wie eine höchst aufdringliche Trompete, doch diese Trompete klang reichlich gequetscht, und das I der Lampenschirme oder Sofakissen war auch nicht viel klarer. Aber wenigstens wollten die Farben heraus aus dem Mief, wenn sie es auch nicht so richtig konnten.
Nur die Lehmanns kamen nicht aus ihrem Au heraus, wenn man von einem Sessel absieht, der ein müdes Ü ausstieß, und das auch erst seit 1956. So gingen auch die Sechziger bei diesen Leuten recht spurlos vorbei. Gewiß, jene äußerst aufdringliche Farbe, die aus Grün, Blau und noch etwas Undefinierbarem gemischt ist und sich aus undefinierbaren Gründen „Petrol“ nennt, gab es, wie auf vielen Sofas der Sechziger, so auch auf dem der Lehmanns. Doch war sie mit so viel Au vermischt, daß sie perfekt zu jenen Tapeten paßte, die zwar recht breite, doch für die Sechziger wohl zu dezente Streifen hatten.
Was hat Herr Sauerbaum, der die Lehmanns ausstatten durfte, sich bei alledem nur gedacht? Hat er vergessen, wie damals in den sechziger Jahren die Farben gleich Häftlingen aus ihrem Knast ausbrachen, jede auf eigene Faust, doch alle mit der gleichen Brutalität? Seinen biederen Lehmanns traute er keine knallroten Sessel auf knallblauem Teppichboden zu – hatte er vergessen, daß zu jener Zeit gerade die Biedermänner dergleichen besonders mochten?
Freilich bekamen sie bald einen Schreck, und so begann schon bald für sie die Teakholzära, wo sie, wo sie beruhigt in ihren braunen Humus zurücksinken konnten. Da waren endlich auch einmal die Lehmanns auf der Höhe ihrer Zeit. Das genossen sie so gründlich, daß sie die ganzen Siebziger darin verweilten. Und hier hört der Spaß für mich auf. Herr Sauerbaum, Sie haben wohl vergessen, daß Herr Lehmann Bankfilialenleiter war. Der mußte doch repräsentieren! Mit nichts als einer orangen Tapete, die dazu noch etwas angebräunt war, und zwei ebenfalls orangen Lampen, von denen die eine psychedelisch sein sollte, dem Zeitgeist Reverenz erweisen – das machte in den Siebzigern doch kein Mann in gehobener Position? Doch unsere Erinnerung will es so, und was ist die Wirklichkeit gegen sie?
Die Wirklichkeit der Siebziger – gab es sie überhaupt? Objektiv wohl schon, weil es im Leben von uns allen nicht mehr ganz so Jungen Eckdaten gibt, die ohne diese Wirklichkeit nicht zustande gekommen wären. Doch was heißt das: objektiv? Ein kluger Mann, der seinerzeit höchst aktiv in einer der K-Gruppen war, hat von dem schwarzen Loch gesprochen, in das er in den Siebzigern gefallen sei. Woher hatte aber der kluge Mann nur dieses Loch – Gefühl? Hat er sich bei jedem noch so vagen Gedanken an die Siebziger so heftig gewünscht, in die Erde zu sinken, daß er schließlich Wunsch und Wirklichkeit verwechselte? Was aber hatte er so Blamables getan? Gut, er war in einer der K –Gruppen reichlich aktiv, und das ist heute nicht mehr so ganz verständlich, zumal in diesen Kreisen ein paar Leute mit dem Terror spielten. Das war im schlimmsten Falle moralisch verwerflich, aber war es deshalb schon eine Schande? An was für Räume denn erinnerte sich der kluge Mann? Im Grunde an nichts anderes als an das Interieur des einen linken Studentenheims mit einer nackten Birne anstatt der Lampe und einem Mobiliar, das dem entsprach. So ein Minimalismus ist doch noch heute ästhetisch vertretbar! Und wenn sich der Hang zum Minimalismus noch mit einer leichten Neigung zum Terrorismus verbindet: was kann erotischer sein?
Das erklärt auch, warum das schwarze Loch für jenen klugen Mann so schwarz nun doch nicht war, sonst hätte es ihm ganz und gar die Sprache verschlagen. Nicht, daß man mich mißverstehe: daß er der erste war, der jenes Wort von schwarzen Loch ganz offen aussprach, verdient die höchste Anerkennung. Daß das Loch jedoch noch viel, viel schwärzer war, bezeugen nur jene, die nicht von ihm reden. Warum aber reden gerade jene Leute nicht von ihm, bei denen etwas ganz besonders Buntes vom Loch verschlungen wurde? Hatten sie denn ganz und gar vergessen, wie sie in jener Zeit die Tische, Stühle, Zimmer – und Häuserwände mit all den Farben bemalten, die sich nach ihrer langen Gefangenschaft in den Nachkriegsjahren endlich befreien konnten? Wenn man heute durch die Straßen einer unbekannten Kleinstadt fährt und sieht dann plötzlich Häuser in Ochsenblutrot oder Dunkeltürkis mit blauen Fensterrahmen, fühlt man sich so irritiert, als hätten irgendwelche Aliens ihre Spuren hinterlassen. Und dabei gibt es bei den meisten von uns Älteren eine kleine Stelle im Hinterkopf, die nicht vergessen kann, daß wir auf dem Heimatplaneten der Aliens irgendwann in einer fernen Vorzeit selbst einmal waren. Doch diese Stelle kann sich gegen die Übermacht der anderen grauen Zellen beim besten Willen nicht behaupten. Denn alles, was mit diesen Aliens zu tun hatte, die wir selbst einmal waren, mußte ins Loch, zusammen mit den verschnörkelten Gründerzeitmöbeln, dem dunkel glühenden Patchwork und den verwilderten Gärten, die die ersten Biotope bildeten. Warum aber hatten sich die vielen Zellen gegen die wenigen Zellen in diesem Ausmaß verbündet? Weil die Lust am Bunt – Verschnörkelten eine Schuld ist, die die Schuld der Lust am Terrorismus auf irgendeine Weise übertrifft?
Und deshalb stopft man dieses Loch in der Erinnerung mit all dem Braunen der Familie Lehmann zu, wie man auch Bombenkrater mit brauner Erde zudeckt. Doch die leuchtenden Farben unter der Erde – war das nicht auch unser Leben? Oder doch nicht? Habe ich vielleicht die Patchworkdecken und Gärten und Gründerzeitmöbel ganz einfach geträumt, was davon zeugen würde, daß ich die Siebziger ganz einfach verschlafen hätte? Dabei weiß ich nur allzu gut, wie sehr ich mich an das alles erinnern kann. Doch was hilft mir das, wenn diese Art Erinnerung bei den anderen wohl ganz und gar zu fehlen scheint? Ach, Erinnerung ist nicht das, was man hat, sondern das, was die anderen als solche anerkennen. Und anerkannt wird eben nicht die Erinnerung von mir, sondern nur die von Lehmanns.
Das muß ich nun einmal leiden und kann mich nicht wehren, denn kein Gesetz der Welt verbietet, die Erinnerungen anderer Leute nicht anzuerkennen. Doch zum Glück verbietet mir auch kein Gesetz, auf diese Erinnerungsräuber von ganzem Herzen recht wütend zu sein. Warum zum Teufel erinnern sich denn diese Sauerbäume nur an Lehmanns und Konsorten? Weil das die Welt ihrer Alten war, von der man sich in jener Zeit so lustvoll und ohne Risiko abstoßen konnte. Doch ihre eigene Welt? Sie muß verleugnet werden, damit ihr bitterstes Geheimnis nicht ans Tageslicht gelangt: jene Zimmer, die in den Siebzigern verwilderten Irrgärten glichen, gehörten ihnen. Und wenn ich über all das denke, überkommt mich die Lust, so viele Bilder wie möglich aus jenen labyrinthischen Räumen zu sammeln und sie all diesen Typen vor den Latz zu knallen: Sehen Sie hin, Herr Art Direktor, das waren die Gründerzeit-Möbel, die man damals auf dem Sperrmüll finden konnte und die so gut in Ihr Zimmerchen paßten, ja, Frau Top-Galeristin, das war die Küchenbank, die Sie mit dieser schönen blauen Farbe angestrichen haben, und der mexikanische Leuchter, Herr Feuilletonchef, war doch damals Ihr Lieblingsstück, oder? Und das uralte Nähmaschinengestell mit der Marmorplatte – wissen Sie noch Herr Starregisseur, wie Sie dort seinerzeit mit Ihrer Freundin gefrühstückt hatten?
Und Sie, Herr Sauerbaum, wo waren Sie damals? Haben Sie keine Angst, denn Ihnen werde ich so manches verzeihn. Sie haben schließlich Andrea Lehmann, die Tochter der Familie, mit ins Spiel gebracht, und das wiegt manches auf. Denn das Outfit dieser Person ist eines der wenigen Indizien dafür, daß selbst meine Erinnerung so falsch doch nicht war. Ja, solche langen Haare, solche Röcke im Stil der Folklore von Utopia gab es seinerzeit wirklich, wenn auch die Stirnbänder mit dem Kreuz an der Front nur von den ganz besonders echten Hippies getragen wurden. Kein Wunder, daß sie es in ihrem braunen Elternhaus nicht mehr aushielt! Wo aber zog sie nach dem tränenreichen Abschied von ihrer Mutter hin? Darüber schweigt Herr Sauerbaum, und das ist auch gut so. Denn jetzt muß jeder Leser selbst darüber grübeln, wo es für eine junge Frau mit solchen Röcken in jenen Jahren angemessene Wohngemeinschaften gab. Vielleicht zog sie nach Mathildenburg? Sagt meinen Lesern dieser Name noch etwas, der Name jener Stadt, in der in den Siebzigern sich auch das Äußere nach dem Inneren richtete? Wo lag sie? Im Süden, in der Mitte, an den letzten Gebirgsausläufern des Nordens? Oder über den Wolken, damit alle gleichermaßen zu ihr aufsehen konnten? Ja, wo?
Das frage ich vor allem euch Ältere, die ihr zumindest in euren Träumen schon einmal in Mathildenburg wart und dann nach ein paar Jahren genau so zerknirscht wie jene Andrea zurückgekehrt seid. Ach, was hatte dieses Mädchen von ihrem großen Aufbruch? Ein Kind ohne Vater, und das heißt auch noch heute, daß die Oma einspringen muß. Und also wurde dieser Wonneproppen zurück ins typisch Lehmannsche Braun geschickt, das sich im ominösen 1984 in Kleidung und Tapetenmustern längsgestreift gab. Ja, noch viel anderes Lebendiges sank seinerzeit zurück ins Braun, und nur die feinen Leute erhoben sich angewidert aus dieser Grube. Natürlich in der Farbe, die einzig und allein diesen Ekel ausdrücken konnte: dem Schwarz. Jetzt muß ich an jene Modemacher denken, die in den frühen Achtzigern noch ihren Kundinnen von Zeit zu Zeit ein wenig Buntes bieten mußten, doch bei den Modeschauen demonstrativ in Schwarz erschienen, um zu zeigen, was sie von jenen Neureichen hielten, denen sie das Geld nun einmal aus der Tasche ziehen mußten, um nach oben zu kommen. Da war es, das schwarze Loch! Nur wer mit seinem ganzen Körper da hineingesprungen war und das auch noch durch seinen Outfit bezeugte, hatte fortan das Sagen.
Doch die Art und Weise, wie man dieses Schwarz trug, schuf wieder neue Hierarchien. Und da muß ich an jenes Foto denken, das die Familie Lehmann zeigt, wie sie nach der Beerdigung von Herrn Lehmanns Mutter 1994 in der mittlerweile in zarten Terrakottatönen gehaltenen Wohnung noch auf ein Gläschen Cognac zusammenkommen. Ja der Tod, der alle gleich macht, verwandelt auch die mehr oder weniger spießigen Mitglieder dieser Familien ohne Unterschied in Schwarzgekleidete. Und alle, selbst der kleine Benny, scheinen sie zu wissen, daß bei aller Trauer dieser Outfit auch die Chance bietet, etwas attraktiver als sonst zu wirken. Aber unter ihnen sitzt eine, die noch ein wenig gleicher als die anderen ist. Und das ist niemand anderes als Andrea Lehmann, das Hippie – Mädchen von einst. Mit Lederjacke, Minirock und High Heels präsentiert sie sich, die langen, blonden Haare sind kürzer und rot, und während alle anderen vor lauter Trauer die Cognacgläser stehen lassen, hält sie das ihre in der Hand und lächelt versonnen!
Wie sie so dasitzt, liefert sie vielleicht Stoff für einen dicken Roman. Ach, leider kann ich ihn nicht schreiben, bei mir klingt auch das Reale so irreal, daß niemand glauben würde, wie wichtig diese Geschichte ist. Und ob der Realismus jemals wieder aktuell werden wird, ist die Frage. Aber dennoch: in diesem Falle würde ich mir einen richtig harten Realisten wünschen, der das Schicksal der Andrea Lehmann genau so schildert, wie es wirklich war. Denn damit würde jene Allerweltsaussage widerlegt, die Nachkriegsgeneration hätte in all den Friedensjahren nichts Schlimmes erlebt. Nichts Schlimmes! Erst eine Kindheit zwischen ä und ü und au, dann das Wuchern der Rüschenrock – Träume, dann ein Kind ohne Vater, und dann der Zwang, selbst zum Begräbnis der eigenen Oma in Lederjacke, Supermini und High Heels zu erscheinen! Und dazwischen das schwarze Loch! Ist das nichts?
Ob mein erträumter Realist sein Handwerk versteht, wird sich vor allem daran zeigen, wie er die Pose von Andreas rechter Hand beim Cognac nach dem Begräbnis beschreibt. Wie wichtig diese Pose für Andrea war, zeigt sich schon daran, daß sie ihr Schnapsglas in die linke Hand nimmt, obwohl das reichlich unbequem ist. Doch die rechte Hand muß so hingestreckt werden, daß alle an ihr den Ehering sehen. Wie anders sollen sie auch merken, daß Andreas Ehe noch nicht am Ende ist, wenn doch der Ehemann sich nie bei Lehmanns blicken läßt. Ja, die nette Schwarze, die der Sohn geheiratet hatte, zeigte sich stets von neuem im Familienbild, sie wurde mehr und mehr zur Stütze der Schwiegermutter. Doch der Schwiegersohn? Der Leser dieser Zeitschrift hat keine Ahnung, wie er aussieht, denn er läßt sich konsequent nicht blicken. Er ist das schwarze Loch dieser Bildergeschichte, selbst im Hochzeitskleid ist Andrea allein, zum letzten Mal mit einem der weiten Röcke, wenn auch ganz in Weiß, zum letzten Mal mit ihren langen blonden Haaren.
Doch das Opfer von Kleidern und Haaren geht sicher auf das Konto des rätselhaften Bräutigams. War er nicht der Priester eines unbekannten Kults, von dem die biederen Lehmanns wahrscheinlich keine Ahnung hatten? Und diese Ahnungslosigkeit bestand nicht einfach darin, daß sich die Familie der Farbe Schwarz widersetzte. Dann hätte sie der Schwiegersohn in die Rubrik der schrägen Vögel eingeordnet und vielleicht ein wenig respektiert. Doch das Schlimme, das unverzeihlich Spießige an diesen Lehmanns war ja gerade, daß sie das Schwarz in kleinen Dosen in ihr Wohnzimmer ließen, wodurch der Schleier von Aschgrau entstand, der ihrem Haushalt über alle Wandlungen hinweg seine unvergleichliche Aura verlieh. Damit zeigten sie den sicheren Instinkt der Subalternen, die seit Jahrtausenden gut wußten, daß man den Oberen Tribut zahlen mußte.
Und war nicht in diesem Jahrhundert das Schwarz die Farbe der Oberen, was nicht nur meine schon erwähnten Modemacher bezeugen, die durch ihren schwarzen Look demonstrieren, wie sehr sie auf ihre Kundinnen von oben hinabschauen? Ja, und war nicht Andrea gerade darum aus der elterlichen Wohnung ausgezogen, weil sie von unten gegen die da oben protestieren wollte? Von unten – wann habe ich diese Wendung zum letzten Mal gehört? War das nicht auch schon ein paar tausend Jahre her? Würde sie einer heute gebrauchen, klänge sie unerträglich trist, denn heute ist im Gegensatz zu damals das Unten wirklich unten. Aber damals, damals lag in diesen beiden Wörtchen der ganze Glanz der Farben, die sich jahrzehntelang in zähem Kampf aus all dem Grau heraufgearbeitet hatten und nun so schimmerten wie nie zuvor. Wie leuchteten die goldnen Lilien, mit denen Andreas Rucksack überstickt war, als sie von ihrer Mutter Abschied nahm!
Doch die gleichen Farben, die sich mit solcher Kraft aus der Umklammerung des Alltagsgraus befreien konnten, prallten genau so hilflos wie Andrea zurück, als mit den Punks die Farbe Schwarz mit aller Kraft sich ihnen gegenüberstellte. Was waren sie denn vor ihr wert? Sie wollten ja nur leben, nichts als leben, doch das Schwarz war so stark und sagte zu allem Lebenden Nein. Wenn sich die Farben aber dagegen wehrten, zeigten sie nur, daß sie wirklich von unten kamen, und so konnte das Schwarz sie von oben herab behandeln. Denn was ist Herrschaft anderes als die Macht des Neins über das Ja? Deswegen mußten früher alle Herrscher zugleich auch Krieger sein und zeigen, daß sie das eigene Leben wie auch das der anderen geringschätzen konnten, und das Volk war deshalb niedrig, weil es sich um Ernten und Kinder kümmern mußte und also für das Leben sorgte.
Deswegen träumen auch die Erzkonservativen gern von den alten Zeiten, als das Leben noch bunter war. Doch damals fiel das Schwarz nicht so auf, weil es nur wenige gab, die herrschen durften, und diese wenigen es auch noch liebten, ihr finsteres Gewerbe mit Glanz und Pracht zu verhüllen. Als aber auch die Vielen sich das Recht auf Herrschaft erkämpften, trat das Schwarz als Herrschaftsfarbe ganz hervor, offenbarte sich in Fräcken und Talaren und machte im Zerfließen den Alltag grau. Und je mehr die Leute unten aufsteigen konnten, desto weniger Farben, desto weniger Ornamente, Träume und Sehnsüchte gab es in unserem Leben, erst gingen die Bauern in die Fabriken und zogen ihre Trachten aus, und dann gingen auch die Frauen zur Arbeit und verdienten sich so das Recht auf Schwarz und Grau. Deswegen wird die Demokratie zwar notgedrungen respektiert, doch wenig geliebt, und zwar nur deshalb, weil in ihr so viel wie möglich Leute herrschen mußten und daher der ohnehin schon graue Alltag immer grauer wurde.
Doch als Andrea Lehmann auszog, ging es ihr gerade nicht um eine Rückkehr zu den alten Zeiten, sondern um noch mehr Demokratie! Doch das war, wie gesagt, die Demokratie von unten, wo niemand herrschte und sich daher alle ungehindert an Farben, Formen und Ornamenten erfreuen durften. Das wäre vielleicht sogar gut gegangen, wenn die Hippies nicht eines vergessen hätten: wenn man tief unten ist, dann schämt man sich im allgemeinen. Und wenn man keine Hoffnung hat, aus diesem Unten wieder aufzusteigen, weil man das nicht mehr wollen darf, dann schämt man sich noch mehr. Nahm man deshalb in jenen Jahren so viel Drogen, um die Scham damit zu betäuben? Auch die Tochter der biederen Lehmanns hat zumindest manchmal gekifft, das sieht man ihr doch an!
Und später, als mit dem Ehemann der Aufstieg kam – hat sie dann wie er gekokst? Auch das ist nicht gerade unwahrscheinlich, denn viele Leute, die in den Siebzigern zu viel Haschisch und LSD zu sich genommen hatten und so in einem Abgrund von Sanftheit zu versanden und zu versacken drohten, brauchten ganz einfach ein Gegengift. Und das Kokain, das ihnen all den Überschuß an Sanftheit wieder nahm und neue Lust an harten Kämpfen gab – bot es sich nicht als so ein Gegengift geradezu an? Doch andrerseits glaube ich wieder, daß Andrea und ihr Gatte es mit der Kokserei nicht allzu weit getrieben haben; der Gatte leitete wahrscheinlich genau so eine Bankfiliale wie der alte Lehmann, und da durfte man nicht zu sehr übertreiben.
Das ist freilich das Einzige, was einen Bankfilialleiter von heute mit einem von damals verbindet. Kaum ein Beruf hat an Prestige so gewonnen wie dieser, das sieht man schon am Bücherregal, das sich die alten Lehmanns zum ersten Mal nach so vielen Jahren zugelegt hatten, nachdem sie all die Nachkriegsjahrzehnte im Zustand des zumindest halben Analphabetismus verbrachten. Man stelle sich das heute nur vor: ein Bankfilialleiter ohne Bücherregal! Doch nun schafften sich auch die Lehmanns es sich zu, bestimmt nicht, um all die Bücher zu lesen, auch nicht aus Karrieregründen, da Herr Lehmann, gut zusatzversorgt, seine Rente rechtzeitig antrat. Doch die Hoffnung, daß der Schwiegersohn, der so Vermißte, sich zumindest einmal blicken lassen könnte, hat die Familie wohl zu dieser Anfassung bewogen. Alles umsonst! So ein Banker wie der Schwiegersohn, der ganz und gar kein Interesse hatte, ständig seine Filiale zu leiten, sondern der mit aller Macht in die Chefetage strebte, mußte sich im Gegensatz zu Rentnern, Lehrern den letzten Hausfrauen, die es noch gibt, am Rand des Abgrunds bewegen, vor allem nach der Pleite der New Economy. Doch war dieser Abgrund nicht zugleich das schwarze Loch, das das Gestern von dem Morgen trennte? Ist nicht darum das Schwarz die Farbe der Herrschenden, der Wächter an der Grenze zum Abgrund, die dafür sorgen, daß niemand durch irgendeinen Sprung auf die andere Seite des Abgrunds gelangt?
Ach, sie haben so gute Arbeit geleistet, daß sogar bestimmte Farben wieder möglich sind (das sieht man selbst an Lehmanns neuen Sofakissen), wenn man sie nur genug von oben herab betrachtet, so wie die Leute aus den Chefetagen manchmal gern ins Musical gehen. Vor allem den Armen wirft man wieder ein paar Farben wie Almosen zu. Das sieht man in jenen Doku-Soaps, in denen füllige Blondinen diesen Armen mit einer ganzen Wohnungseinrichtung beglücken, vorausgesetzt natürlich, daß diese nicht so unbescheiden sind, so etwas wie eigene Wünsche zu haben. Denn was schön und häßlich ist, darüber entscheidet die füllige Blondine, und alle Armen unterwerfen sich und schreien „A!“ und“O!“, wenn immer wieder das Gleiche herauskommt: brave Bauhausformen, kombiniert mit quietschbunten Farben. Und die Blondine ist genau so quietschbunt angezogen, und das weist darauf hin, daß sie sich im Geist nicht von den Armen unterscheidet, was sich auch daran zeigt, daß es in ihren geschenkten Wohnungen kaum Platz für Bücher und Bilder gibt.
So werden die bei der Stange gehalten, für die das Ideal der Schwärze zu hoch ist, und das zeugt ganz besonders davon, daß die Siebziger für immer im schwarzen Loch versunken sind. Was kann aus ihnen auch geworden sein, wenn nicht einmal ich mehr von der Rüschenrock –und Sperrmüllzeit träume, geschweige denn von Mathildenburg. Und gerade darum träume ich auch nicht mehr von Prag. Doch eine kleine Ausnahme gibt es, einen winzigen, brüchigen Faden, der von der Landschaft meines Schlafs noch heute nach Mathildenburg führt: immer wieder stirbt mir der Liebste im Traum. Immer wieder der gleiche Schrecken, und doch, und doch: wenn ich dann am Morgen erwache, fühle ich mich eine Spur vollständiger als früher, als seien mir ein paar neue Wurzeln gewachsen. Natürlich ist diese Erinnerung kein bißchen weniger trist als die der Fernsehzeitschriftsleute. Hier wie dort sind alle Farben geschrumpft gleich getrockneten Blättern. Und dennoch gab mir dieser Traum stets von neuem das Gefühl zurück, daß vor jener Erosion des Bodens, die das schwarze Loch aufklaffen ließ, noch ein Leben existierte.
S e i t e n z a h l :  157 
A u t o r I n :  zum Profil von Verena Flick

 

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