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Die Seelengespielin
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Annelore Choudry   

E x p o s é :

bvroman 

Amelie ist Nachfahrin einer Henkersfamilie und wächst im romantisch mittelalterlichen Rothenburg von heute auf, das sie über alles liebt und ihr Seelentrösterin ist. Arno von Winterhausen, Kunstmäzen und ebenfalls Liebhaber der historischen Stadt, spielt ihr übel mit, sagt, sie besitze unheilbringende Kräfte, sei gar eine Hexe, nur weil sie ihre Herkunft nicht jeden auf die Nase bindet. Sein Schandund Schmähbrief über sie im Internet wirkt. Aber in eine andere Richtung, mit der er nicht gerechnet hatte. Plötzlich glauben einige, hinter dem alten Gemäuer gäbe es wirklich noch so etwas wie eine Hexe. Ein Relikt wie der Ort vielleicht, das seine mittelalterlichen Ansichten mit herübergerettet hat. Die Neugier an der Hexe ist geweckt, und die Fantasie in den Köpfen treibt Blüten. Schrill und voller Sensatitionsgier. Das Umfeld dazu könnte nicht besser sein. Der Ort wird zu etwas Magischem.

L e s e p r o b e : 

   

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

 

 

 

  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

 

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

     

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

    

 

  

    

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

  

Arno von Winterhausen war mit allen Wassern gewaschen. Was
er jetzt aber getan hatte, damit ging er zu weit. Er las
den Schand- und Schmähbrief, den er ins Internet gestellt
hatte, nochmals, bevor er sich der Versteigerung widmen
wollte, und lächelte dabei schadenfroh:
Sehen Sie sich ruhig das Konterfei dieser Frau genau an.
Sie werden es schön finden. Mehr noch, es wird Ihnen
schmeicheln. Doch hüten Sie sich aber vor ihr! In ihren
Adern fließt noch heute das Blut einer alten
Henkersdynastie, deren magische Kräfte über Jahrhunderte in
dieser Stadt gewirkt haben und in dieser Frau weiterwirken.
Sie glauben es nicht? Dann überzeugen Sie sich selbst.
Kommen Sie ins mittelalterliche Rothenburg. Dort werden Sie
ihr begegnen. Aber lassen Sie sich gesagt sein, dass Sie
gewarnt worden sind!
Der Freiherr von Winterhausen war für einige Tage in
London auf einer Kunstauktion. Dort wurde unter anderem ein
Gemälde versteigert, das er vorhatte zu erwerben. Er hatte
es nicht nur vor, er würde es erwerben, koste es was es
wolle. Es war nicht mal eins von einem der bekannteren
Künstler der italienischen Spätrenaissance, die er sonst
bevorzugte. Es war das Motiv, das es ihm angetan hatte:
eine klassische Hinrichtung des 16. und 17. Jahrhunderts.
Wahrscheinlich dürfte es nur wenige Liebhaber finden, wenn
man bei diesem Motiv überhaupt von Liebhaberei sprechen
konnte, dachte er bei sich. Aber was sich da der Künstler
hatte einfallen lassen, gab der Darstellung etwas
Versöhnliches. Oben rechts in die Ecke des Bildes hatte er
eine Gotteserscheinung eingefügt, die ihr Gesicht abwandt
von dem weltlichen Blutgericht dort unten, dessen Vollzug
das Bild detailliert darstellte.
Der Freiherr wusste zwar noch nicht, wo genau zu Hause
in seinem Landsitz vor den Toren Rothenburgs das Bild
seinen Platz erhalten sollte, aber er wusste, dass er
dieses Bild haben musste. Aller Wahrscheinlichkeit nach
würde er es neben dem Porträt seines Ururonkels Gustav
Wilhelm platzieren, der durch die Hand des Scharfrichters
Johann Georg Bürckh enthauptet wurde. Dem Vorfahr der von
ihm Geschmähten, namens Amelie.
Das Gemälde – Öl auf Leinwand – trug den Titel:
'Hochgericht'. Eine wahre Bündelung heftigster Affekte, die
da mit äußerster Gewalt in Szene gesetzt wurden und zu
sehen waren. Affekte wie Schmerz, Triumph, Unrecht. Das
Bild bestach durch eine sehr feine Genauigkeit bei der
Pinselführung und durch optisch gut herausgearbeitete
Einfärbungen von Licht und Schatten. Die Darstellung
selbst: Auf der Hinrichtungsstätte kniet der arme Sünder,
die Hände sind ihm auf den Rücken gebunden. Der Geistliche
hält ihm das Kreuz entgegen, und der Scharfrichter holt mit
seinem Richtschwert aus. Oben rechts der erwähnte
abgewandte Blick der himmlichen Macht. Bis in die kleinste
Nebensächlichkeit hinein war die Szene herausgearbeitet:
die Muskelanspannung des Scharfrichters an Oberarm und
Waden, die abrasierten Haare im Nacken des Opfers, die
eingravierten Worte auf dem Richtschwert. Durch die bewegte
Diagonalkomposition und eine außerhalb des Bildes liegende
Lichtquelle entstand zusätzlich eine faszinierende
Helldunkel-Inszenierung des dramatischen Geschehens.
Arno von Winterhausen hatte den Katalog der zur
Versteigerung angebotenen Objekte noch einmal
durchgeblättert gehabt. Aber bereits zuhause, als er sich
das Bild, das er heute ersteigern würde, übers Internet
angesehen hatte, hatte er sich für dieses entschieden
gehabt. Bis zur Eröffnung der Auktion, die in einer schönen
Villa viktorianischem Stils stattfand und er das begehrte
Objekt reell ansehen konnte, war noch Zeit. Er ging deshalb
noch einmal in sein Hotel zurück. Es lag nicht weit vom
Auktionshaus.
Auf seinem Zimmer schloss er seinen Laptop an und
klickte sich ins Netz ein, um seine E-Mails abzurufen. Er
sah nochmal auf die von ihm kreiierte Seite über Amelie,
die er 'Die Hexe von Rothenburg' titulierte, und war sehr
zufrieden, wie er das gemacht hatte mit dem Text und dem
Bild von ihr. Ihre roten Haare gaben dem Text
Glaubwürdigkeit. Doch auf was stieß er da plötzlich im
Netz?! Eine Gegendarstellung der Rothaarigen? Seine
selbstgefällige Miene verdüsterte sich mit einemmal.
Der Freiherr hatte nicht damit gerechnet, dass Amelie
sich auf diese Art und Weise zur Wehr setzen würde. Zumal
das, was er über sie schrieb, nicht bei den Haaren
herbeigezogen war. Ihre Vorfahren waren Henker und sie eine
Geheimnistuerin ersten Ranges. Er hatte überhaupt nicht
damit gerechnet, dass sie sich zur Wehr setzen würde,
sondern hielt sie für einfältig. Für eine, die keinen
natürlichen Stolz in sich trägt. Wen würde das auch
wundern, wenn man ihre Herkunft bedenkt, war er sich
überzeugt. Zumindest bis jetzt. Sie gab sich seinem
Geschmack nach eine Spur zu freundlich. Was an und für sich
nichts Schlechtes sein muss, wenn sich jemand freundlich
gibt. Aber nur so lange, wie es eben nicht einfältig wirkt.
Aber bei ihr war es auffällig und eindeutig eine Spur
zuviel an Freundlichkeit, deshalb wirkte es einfältig. Er
beobachtete und observierte sie inzwischen schließlich
lange genug, um das herausgefunden zu haben. Stets lächelte
sie vor sich hin und senkte ihren Kopf, wenn sie durch die
verwinkelten Gässchen ging. Und wenn ihr jemand entgegen
kam, hebte sie den Kopf an und beglückte den Vorbeigehenden
mit ihrem Lächeln. Was sie bei ihm nur ein einziges Mal
tat. Sobald sie gemerkt hatte, dass er sehr wohl um ihre
Herkunft wusste, stellte sie ihm gegenüber ihre Lächelei
ein. Ihm wunderte es nicht.
Nun aber musste Arno von Winterhausen dies lesen: „Es
zeugt von schäbigem Ansinnen, wenn Sie als Angehöriger
eines alten Adelsgeschlechts ... blah blah blah, und und
und.“
Der Freiherr kniff die Augen zusammen. Was er da las und
was sie gegen ihn vorbrachte, gefiel ihm nicht. Dann
klickte er auf den Link, den sie gesetzt hatte, und befand
sich auf ihrer Homepage, auf der Amelie Börsentipps gab.
Sofort sprang ihm ein Bildchen mit einer besenreitenden
Hexe ins Auge, die wild über das Wort 'Hexensabbat' tobte
und wirbelte. Dann las er ihre neu eingerichtete Rubrik
'Alles über den dreifachen Hexensabbat an der Börse und
mehr über Hexen'. Als er alles über Hexen und deren Unwesen
und den dreifachen Hexensabbat an der Börse gelesen hatte,
lehnte er sich in seinem Clubsessel zurück.
Arno von Winterhausen überdachte seine Einschätzung,
Amelie für einfältig zu halten, sehr, sehr gründlich. Nie
hätte er damit gerechnet, dass sie derart in die Offensive
gehen würde.
„Bitte sehr, liebe Leser“, schrieb sie weiter, „die Sie
auf 'Die Hexe von Rothenburg' gestoßen sind: Kommen Sie der
Aufforderung nach! Überzeugen Sie sich selbst, ob ich eine
Hexe bin und irgendwelche jahrhundertealte magischen Kräfte
in mir wirken. Mein Konterfei hat der 'edle' Herr, der dies
über mich sagt, praktischer Weise gleich mitgeliefert. Ich
freue mich auf Sie.“
Der Freiherr starrte böse auf den Screen seines Laptops.
'Immerhin hält sie mich für einen edlen Herrn', brabbelte
er vor sich hin. Aber das änderte nichts an der Wut, die in
ihm aufstieg. Als er eine Weile dem schamlos frech
herumhüpfenden Hexenbildchen zugesehen hatte, stand sein
Entschluss fest. Und wieder brabbelte er vor sich hin.
Diesmal allerdings trotzig und entschlossen: 'Die werd ich
mir unter vier Augen vornehmen, die rothaarige Hexe! Und
sollte ich dazu Gewalt anwenden.'
Wie es der Zufall wollte, kursierte zu der Zeit, als der
Schand- und Schmähbrief über Amelie die Runde machte, im
Altenheim eine Lebensmittelvergiftung. Vierzehn Insassen
erkrankten daran schwer, einer starb sogar. Das Wetter
schlug zur selben Zeit ebenfalls Kapriolen. Es regnete
ununterbrochen. Es blitzte und donnerte und hagelte Anfang
März. Plötzlich eskalierte der ganze Hexenwahn. Man hatte
für Tod und Wetter einen Schuldigen.
Amelie wollte es nicht glauben, aber es war so. Es gab
doch tatsächlich ein paar törichte Gemüter von gestern in
der Stadt, die allen Ernstes glaubten, Amelie hätte ihre
Hände im Spiel. Schließlich, so der O-Ton der Gestrigen,
konnte man jemanden, der sich nachts durch die Gassen
schleicht, verruchte Plätze aufsucht und Henker als
Vorfahren hat, nicht über den Weg trauen. Amelie wollte
nicht glauben, dass es ein solch antiquiertes Denken noch
gab. Es sollte noch schlimmer für sie kommen.
Als Amelie durch die Altstadtgassen lief, wird sie von
zwei Touristen, ein Mann und einer Frau mit drei Kindern im
Schlepptau, angesprochen. Anscheinend waren die Fünf auf
Hexenjagd. Sie sagten, sie hätten ihr Bild im Internet
gesehen und fragten zögerlich – vermutlich hatten sie
Zweifel, auch die Richtige vor sich zu haben -, ob sie
damit gemeint sei und ob ihre Vorfahren wirklich Henker
waren. Als sie sahen, dass Amelie eine freundliche,
gesprächsbereite junge Frau ist, die so gar nichts
Hexenhaftes an sich hatte, war es ihnen fast peinlich, sie
so dumm gefragt zu haben. Die Fünf entschuldigten sich bei
ihr.
Der Gipfel aber war, als der Freiherr von Winterhausen
die Unverfrorenheit besaß und sie als eine Art 'Attraktion
im Dienste der Stadt' gewinnen wollte, nachdem er sah, was
er da mit seinem Schand- und Schmähbrief überhaupt
ausgelöst hatte. Erst stellt er sie in aller Öffentlichkeit
als Hexe hin, und nun soll sie diese auch noch mimen.
Amelie wusste nicht mehr ein noch aus, wo ihr schon genug
Leid auferlegt war, als Findelkind und mit ihrer Herkunft. 
S e i t e n z a h l :  352 
A u t o r I n :  zur Autorin Annelore Choudry

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