Tag 1. 26.12.2006
Nach einem wenig besinnlichen Weihnachtsfest, starten wir am 2. Weihnachtstag zu unserem Flug ins Familienleben.
Um 3:00 Uhr hieß es aufstehen und endlich los zum Flughafen.
Air Astana Frankfurt – Almaty (Alma-Ata) über Astana. Es gab schon beim Check In Verwirrung, da wir ausdrücklich vom Adoptionsvermittler davor gewarnt wurden beim Zwischenstopp in Astana den Transitbereich zu verlassen und durch den Zoll zu gehen, da damit die Einreise erfolgt und unsere Visa in Kraft treten. Dies kann zu Problemen am Zielflughafen führen. Genau das wurde uns nun angekündigt, da der Flug heute ausnahmsweise in Astana enden würde und wir umsteigen müssten. Wie auch immer, es ging jetzt los und wir hatten keine Wahl, da unser Voucher für den Hinflug, beim Check-In abgetrennt wurde und wir jetzt nur ein Ticket nach Astana in Händen hielten. Ich dachte so bei mir, die letzten 900 KM werden wir mit einer subtilen Durchhaltetaktik am Schalter in Astana auch noch eingelöst bekommen. Es hat halt manchmal nicht nur Nachteile eine Sprache nicht zu sprechen und sie nicht mal richtig lesen zu können. Wie auch immer, jetzt kam es im Flieger zum ersten richtigen Kontakt mit den ausschließlich anwesenden Kasachen, denn bei Borat haben wir ja nur Rumänen zu sehen bekommen. Wir hatten gute Plätze am Notausgang und als sich hinter mir ein gähnender Kasache morgens um 6:30 Uhr in den Lederimitatsessel plumpsen lies, erreichte mich sein Atem des Todes und ich dachte mir nur hoffentlich interpretiert der Bordcomputer diese Ausdünstung als Druckabfall in der Kabine und lässt die Sauerstoffmasken aus der Decke fallen. Er tat es nicht.
Lektion 1 gelernt, wenn man mehrere Tüten mit Kosmetika und Parfüm im Handgepäck trägt, bedeutet das nicht, dass man mit der Funktion einer Zahnbürste vertraut ist.
Die Kasachen sind ein buntes Volk. Alle Ethnien sind in fast allen Nuancen irgendwie vertreten. Hauptsächlich asiatisch und mongolischer Einschlag, Eurasier, aber auch Araber und Muselmanen sind in den Gesichtern zu erahnen. Solch ein Völkergemisch hab ich zuvor noch nie erlebt. Irgendwie schön, aber auch irgendwie fremd und ungewohnt. Auf jeden Fall aber interessant. Interessant auch, dass es trotz diesen vielen Menschenrassen auch große Gemeinsamkeiten gibt. Zum Einen, die Liebe zu Bratwurst oder Gulasch mit hochprozentigen Erfrischungsgetränken morgens um 7:15 Uhr und zweitens den Körpergeruch. Unglaublich, dass eine Menschenmenge so riechen kann, ohne die Schuhe ausziehen zu müssen. Bei den kasachischen Gastarbeitern scheint Mittwoch Waschtag zu sein. Leider war heute Dienstag und es roch im Flieger, als wären viele überfällig. Aber der Kasache stellt sich wichtigeren Aufgaben des Lebens mit stoischer Ruhe. Gefühle zeigen hier nur die Frauen. Aber was soll’s, die hier anwesenden Männer lachen nicht und ertragen Ihre Ausdünstungen mit unverzerrtem Gesichtsausdruck, dass es schon fast an Anmut grenzt.
Lea hat das Problem des Vielvölkergeruchs zeitweise, ganz ladylike, mit einem Fächer gelindert. Wie auch immer wir landen nach 5,5 Stunden in Astana und müssen aussteigen.
Wie geben auf der Immigration Card an, dass wir Touristen sind und denken damit am Besten durch die Grenzabfertigung zu kommen. Die erst Zöllnerin fragt uns umgehend, wo wir wohnen und ob wir zur Adoption in Kasachstan sind. Es muss wohl doch im Visum gestanden haben… Es hat halt manchmal doch auch Vorteile, wenn man eine Sprache versteht und lesen kann… Wir antworten ausweichend und unwissend und sind auch schon an ihr vorbei. Jetzt steht uns nur noch der Zoll bevor. Wir haben die Taschen voll mit Geschenken und allerlei seltsamem Plunder, den ich ehrlich gesagt keinem Zöllner erklären möchte. Vor Allem haben wir aber 15.000€ in bar über vier Geldtaschen am Körper verteilt bei uns. Hier wimmelt es nur so von irgendwelchen uniformierten Würdenträgern. Die Einen grün, die Anderen blau und dann gibt es auch noch welche in grau. Alle lungern irgendwie in Zweiergrüppchen rum und sind mit Ihren goldenen Knöpfen und bunten Bändchen, Wimpeln und Aufnähern so farbenfroh dekoriert wie bei uns Grippenspiel und Tannenbaum zur Weihnachtszeit. Niemand behelligt uns und so nehmen wir unser Gepäck und begeben uns auf die Suche nach dem Schalter zum erneuten Check In. Der schicke neue Flughafen macht einen vertrauenerweckenden Eindruck und die Wegweiser und Anzeigentafel sind teilweise sogar in Englisch. Wir haben Glück, die junge Frau am Schalter ist die Einzige der fünf anwesenden Damen die keine Ahnung hat was wir von ihr wollen und die offensichtlich auch eher nach Gründen sucht uns abzuweisen, denn uns nach Almaty zu befördern. Mir schwant schon fürchterliches, denn der Anschlussflug ist bereits aufgerufen und es bleiben uns nur noch wenige Minuten Zeit. Da wäre auch noch unser etwas pummeliges Gepäck. Unsere beiden Kindersarg-großen Koffer dürfen zusammen 40Kg auf die Waage bringen. Solange die kompetente Fachkraft versucht zu verstehen, dass wir nur noch Voucher für den Rückflug haben und heute aber unser Hinflug stattfindet, ruht unser Gepäck mit deutlich sichtbarer Anzeige von über 50 Kg auf der Waage und das für lange Zeit. Sie scheint es aber nicht zu bemerken und flucht sichtlich genervt von uns in Ihren Monitor hinein. Geschafft! Wir dürfen einsteigen. Welch eine Wiedersehensfreude. Gleiches Gate, gleicher Flieger und gleiche Crew. Der Ausflug hat sich gelohnt!
Die letzten 1,5 Stunden Flug nach Almaty sind von weiteren eindrucksvollen Duftbildern geprägt, nur dass wir jetzt nicht mehr so separiert sitzen.
Leas Stimmung ist schon den ganzen Tag ziemlich wankelmütig. Ich hatte mich in der Vorbereitung der Reise häufig gewundert, wie gut sie alles wegsteckt und wie scheinbar ungerührt sie sich dieser emotionalen Achterbahnfahrt nähert. Scheinbar… Doch seit wir im Flieger sitzen ist sie sehr nah am Wasser gebaut und ich glaube die sanfte Annäherung an die kasachische Nation hat es ihr auch nicht leichter gemacht. Sie leidet unter den Umständen, den Emotionen, den Eindrücken und nicht zuletzt, der trockenen Luft im Flieger. Doch es wird noch besser, denn wir sind ja noch nicht da.
Unser Gepäck läuft heute schon zum vierten Mahl durch das Röntgengerät und die Zöllnerin in Almaty zeigt auf einen Monitor mit den durchleuchteten Taschen auf dem ein Koffer mit einer deutlich sichtbaren Bratpfanne zu sehen ist. Sie fragt mich, ob das unser Gepäck ist und ob wir etwas zu deklarieren hätten. Die abgebildete Pfanne ist mir gänzlich unbekannt, doch wir übergehen dieses Detail, nicken und zählen unser mitgebrachtes elektronisches Sammelsurium auf und unterschlagen dabei zwei mit blinkenden LEDs versehene Kugelschreiber aus Fernost und fast ein Dutzend Taschenlampen und anderen elektronischen Nippes, der uns als Gastgeschenk nahegelegt wurde. Die Dame nickt ebenfalls wissend und wir werten Ihre Geste als Auforderung uns aus dem Staub zu machen. Ich freue mich gerade noch so darüber, dass ich endlich mal nicht meine Schuhe bei der Personen- und Gepäckkontrolle ausziehen musste, da erreichen wir den Ausgang am Gate und es wird uns von überall ein „Taxi-Taxi“ zugeraunt, wie sonst nur „Hasch-Hasch“ in Frankfurt auf der Konstabler Wache. Wie auch immer, wir schlagen die freundlichen Angebote aus und suchen nach unserem Empfangskomitee mit dem Schild „FRANK“ in der Hand. Leider Fehlanzeige. Aber nach kurzem Warten, spricht uns eine junge durchgestylte Frau an, die immerhin unseren Namen kennt. Sie holt noch rasch Ihre Mutter und dann sind wir vollzählig. Die junge modebewusste Kasachin Inna, die sich als die Tochter unserer Koordinatorin Irina herausstellt. Jene Irina sieht aus wie eine in die Jahre gekommene Etablissementbetreiberin und die Dritte im Bunde ist eine telefonierende Asiatin mit greller Schminke und butterweichem Händedruck, die uns als Chefin einer Kinderhilfsorganisation in Kasachstan vorgestellt wird und im gleichen Augenblick auch schon wieder verschwunden ist. Wenn Irina gesagt hätte es sei eine ihrer Schützlinge im Etablissement, ich hätte es ihr auch geglaubt. Was soll’s, unsere Koordinatorin und ihr Designer-Nachwuchs bringen uns zum Auto und irgendwie hat dann heute doch alles noch funktioniert.
Doch jetzt wird es erst so richtig nach meinem Geschmack. Wir werden auf die Rückbank eines schusssicheren, tiefergelegten schwarzen S-Klasse-Mercedes verfrachtet und durch das abendliche Almaty chauffiert. Wir wundern uns nur, während Irina direkt auf den Punkt kommt und uns fragt, ob wir über die Ländergebühr informiert sind und uns anschließend instruiert, mit niemandem im Adoptionsverfahren über Geld zu sprechen, nur mit ihr. Seltsam eigentlich… Uns ist schnell klar, wenn die anderen involvierten Personen mehr Fragen stellen würden, wären die Begehrlichkeiten schnell geweckt und Daimler könnte noch mehr gepanzerte Limousinen an glückliche kasachische Käufer ausliefern. Die Ländergebühr ist vergleichbar mit der Schutzgebühr wenn man sich einen Hund anschafft. Sie ist nur zum Wohl des Kindes/Hundes und deckt zum Einen die Kosten des Kinderheims/Züchters und zum Anderen wird damit natürlich auch dafür gesorgt, dass man ernsthafte Absichten hegt, denn der kasachische Staat/Züchterverband will ja, wie die Kinderhilfsorganisation, nur das Beste fürs Kind/Hund. Es werden damit ansonsten Verwaltungsgebühren, finanzielle Förderungen, Übersetzungen, Abwicklungskosten und allerlei andere Kosten, bis hin zu Irinas Einparkhilfe am deutschen Qualitätsprodukt finanziert. Wir werden zu unserem Appartement gebracht. Irgendwo in Almaty. Das Appartementhaus sieht mehr nach „Neue Heimat“ aus und schon der Hausgang riecht wie ein Katzenklo. Doch wir sind ja noch nicht drin und dort drängt sich der Eindruck eines verrauchten Hundezwingers auf. Wir bejahen die Frage ob es uns gefällt und ziehen brav die schneeverdreckten Stiefel aus – das gehört sich so in Kasachstan. Danach geh es noch schell zum Geldtauschen und Getränke kaufen. Die dauergewellte Bankkauffrau hinter dem Tresen moniert unsere erste 50€-Note als Fälschung und gibt sich dann aber mit der zweiten zufrieden. Schnell noch zwei Flaschen Wasser besorgt und wieder in die heimelige Atmosphäre der nach WC-Steinen duftenden S-Klasse. Wir verabreden uns mit unserer sympathischen Koordinatorin für den nächsten Tag und sind endlich mit uns und den Geräuschen und Gerüchen der Nacht alleine.
Russische Heizungen funktionieren nach einem sehr eigenen Prinzip. Es sind gewundene Stahlrohre an der Wand, die keinen Regler haben. Man heizt hier ordentlich und wenn die Temperatur dann den Wohlfühlbereich überstiegen hat, macht man das Fenster auf.
Wie auch immer, wir können erst nicht schlafen und sind durch Vorfreude, Geräuschkulisse, Zeitverschiebung (+5h) und allerlei andere Eindrücke sehr abgelenkt. Irgendwann klappt es dann doch und ich habe mich mit dem stechenden Gefühl der Sprungfedern in meinem Körper arrangiert. Der erste Schritt ist gemacht, von jetzt an wird alles gut – ALLES!
……
Tag 4 29.12.2006
Heute ist der lange erwartete und auch irgendwie gefürchtete Tag. Es soll ins Kinderheim gehen und wir sollen unsere zukünftige Tochter besuchen. Wie das klingt, …unsere zukünftige Tochter… wer kann so etwas sonst sagen, wenn er nicht gerade ein Ultraschallbild betrachtet?
Wie auch immer, wir haben endlich gut geschlafen und die Stimmung ist hier in Uralsk deutlich besser. Wir fühlen uns jetzt wirklich wohl. Es ist eben doch eine emotionale Achterbahnfahrt deren Aufs und Abs von vielen Randparametern beeinflusst werden. Das ist rational nicht wirklich zu begreifen. Wir sind immer noch sehr relaxt. Ich habe so langsam Zweifel, ob sich das heute noch ändert wird.
Doch erst geht’s zum Frühstück. Danach werden wir abgeholt und ins Amt für Bildung gebracht. Dort angekommen, treten wir zum ersten Mal in Kontakt mit den lokalen Behörden. Der Tag dämmert zu dieser Zeit des Jahres erst gegen 9:00 Uhr morgens und noch ist es recht finster. Wir werden in einem reichlich altmodischen Gebäude in ein Büro mit zwei kasachischen Beamten geführt, die auf mich wirken wie einem James Bond-Streifen aus den 70er-Jahren entsprungen. Der Leiter der Familienbehörde und die Verantwortliche für Adoptionen erinnern aber auch wirklich an die düsteren, strengen Vertreter aus dem Osten mit veralteter Technik und überholten Ideologien. Besser hätte man solche eine Szene nicht nachstellen können. Wir werden zu unseren persönlichen Angaben und unserem Adoptionsantrag befragt. Wir sind erfreut festzustellen, dass man sich hier redlich um die Belange der Kinder kümmert. Unsere diesbezüglichen Sorgen waren unbegründet. Nach zehn Minuten sind wir wieder vor der Tür und haben die Freigabe zum Besuch im „Babyhouse No1“. Leider geht es für 2 Stunden zurück ins Hotel, bevor wir wieder abgeholt werden. In der Zwischenzeit versuchen wir den Zettel in kyrillischer Schrift zu verstehen, der uns die Einrichtung eines angeblich kostenlosen Internetzugangs erläutern soll. Leider weiß hier keiner wie es wirklich funktioniert. Ich nehme es vorweg, ich schaffe es ohne fremde Hilfe auch nicht. Wir überlegen uns Fragen fürs Kinderheim und gegen 11:00 Uhr. geht es los. Wir holen unterwegs noch irgendeine Sozialarbeiterin ab, natürlich ist auch sie Chef von irgendwas oder irgendwem. Ich habe das Gefühl jeder ist hier Chef, zumindest habe ich noch von niemand gehört, der nichts zu sagen hat. Die Frau ist Anfang fünfzig und hat die Hälfte der Goldreserven von Fort Knox zwischen Ober und Unterkiefer. Ein bezauberndes Lächeln, irgendwie strahlend! Da wären wir wieder bei 007 und dem Beißer…Es könnten Geschwister sein. Wir sammeln sie irgendwo ein, fahren sie nach irgendwo und warten irgendwie ewig auf sie. Aber egal, wir nutzen die Zeit und ich frage Tatjana -unsere Übersetzerin vor Ort- ein Loch in den Bauch. Ich sammle Informationen über Kasachstan, die Menschen, die Gesellschaft und die Ökonomie. Tatjana antwortet geduldig und sie beginnt selbst Fragen zu stellen. Leider kann Michail –unser Fahrer und Koordinator hier in Uralsk- nur wenig Englisch und wir noch ebenso wenig Russisch, so dass Tatjana immer zwischen uns übersetzen muss. Ich bin der Meinung es entsteht ein Dialog. Lea bremst mich später aus, ich solle Tatjana nicht mit Fragen nerven. Aber wer nicht fragt der kann auch später nicht über Kasachstan berichten und ich muss zugeben die beiden Koordinatoren sind wirklich sympathisch. Endlich im Kinderheim, werden wir vom „Funkelmariechen“ und der gesprächigen und sehr geschäftigen Heimleiterin noch etwas befragt. Wir geben vor, noch keinen Kindervorschlag zu haben und hoffen Adina sehen zu dürfen, ohne vorher Schicksal spielen zu müssen - und sie aus einer dargebotenen Auswahl von Kindern auszuwählen.
Pech gehabt! Um 12:30 Uhr ist es dann soweit, wir werden in den Gymnastikraum geführt, der große Ähnlichkeiten mit dem „Kinderparadies“ bei IKEA hat, und sollen warten. Man will uns zwei Mädchen zeigen und wir sollen eines auswählen. Die Heimleiterin weiß von dem Kindervorschlag und das ganze Theater wird nur für die Dame mit dem wertvollen Lächeln abgehalten. Das Kinderheim ist ein mehrfach angestückeltes Gebäude im Rohbau in einer der weniger repräsentativen Randlagen von Uralsk. Das ganze Areal hat Hinterhofcharakter, doch es ist innen sauber und die Einrichtung macht einen ernsthaften Eindruck. Wir sind jetzt mit Tatjana alleine und endlich kommen zwei ältere Damen mit zwei Kindern mit mongolischem Einschlag. Lea nimmt Adina entgegen und ich lasse mir das zweite Kind - dass übrigens geradlinig mit einem Fußball verwandt sein muss- geben. Mir schießen 10.000 Gedanken durch den Kopf, doch am meisten plagt mich mein Gewissen gegenüber dem kleinen Mondgesicht, dem ich leider eine sanfte Abfuhr erteilen muss. Das klingt leichter als es ist. Ich hoffe sie ist nicht das „Vorzeigekind“ und musste das vorher schon häufiger über sich ergehen lassen. Ich wünsche ihr, dass sie beim nächsten Anlauf das Objekt der Verzückung ist. Hoffentlich! Doch jetzt zu Adina. Ihr Zweitname bedeutet „weiß“ und noch etwas, das Lea aber leider wieder vergessen hat. Sie ist ruhig und die befürchtete Schreiattacke beim Anblick von uns Langnasen bleibt aus. Wir waren im ersten Augenblick etwas irritiert, da ihr die schöne schwarze Tolle abrasiert wurde. Schade eigentlich, aber vermutlich gibt es Läuse im Heim. Sie hat auch einige Pusteln am Kopf. Uns wird erklärt, dass sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht viele Männer gesehen hat und sie deshalb vielleicht verunsichert auf mich reagieren könnte, Kein Problem für mich. Ich weiß um meine Wirkung auf Frauen und bin zurückhaltend wie immer! Lea behält sie auf dem Arm und ringt mit den Tränen. Ich spiele etwas mit einer Fingerpuppe und bediene die Backround-Rassel. Ansonsten unterhalte ich mich mit Tatjana über mehr oder minder belangloses Zeug. Nun ja, jeder hat so seine Art mit Nervosität umzugehen und es scheint so, dass Adina auf Stimmen und Geräuschkulisse beruhigt reagiert. Einmal wird es länger still und sie fängt zu weinen an. Lea tröstet sie, Tatjana spricht auf Russisch auf sie ein und ich bitte sie anschließend diese erfolgreiche Ansprache für uns in Lautschrift niederzuschreiben, um den Erfolg später zu multiplizieren. Sie verneint lachend. Wir haben ca. 30 Minuten zusammen. Lea spielt mit großen Plastikkugeln mit ihr und die Motorik schein ok zu sein. Einzig Ihre „Beinarbeit“ lässt etwas zu wünschen übrig. Die speckigen Schenkel könnten kräftiger sein, doch sie zeigt Reaktionen und wir glauben/wollen glauben, was Tatjana über die körperliche Entwicklung von Heimkindern sagte. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie vor Männern Angst hat, warum sollte sie auch, sie kennt sie ja nur noch nicht. Tatjana erklärt uns, dass sich das in den nächsten 14 Tagen so stark ändern wird, dass wir am Ende unserer Besuche im Kinderheim von Adina regelrecht erwartet werden. Wir wollen es glauben!
An dieser Stelle will ich nicht 45 Minuten über 30 Minuten Besuchszeit schreiben und verweise auf die späteren Berichte der kommenden Tage. Man kann zusammenfassend sagen, dass es viel schlimmer hätte kommen können und dass wir zufrieden und sehr glücklich sind.
Doch eine Frage bleibt. Wo ist die Nervosität? Sie stellt sich nicht ein. Wir kommen überein, dass das ein schleichender Gewöhnungsprozess sein wird und wir am Tag des Abschiedes aus dem Kinderheim, also am Tag der Übernahme aller Rechte und Pflichten und natürlich der vollen Verantwortung, anders reagieren werden. Ich glaube dann werden wir den emotionalen Schleudergang durchlaufen. Hoffentlich wird es nur Wollwäsche! Doch egal, es kommt wie es kommen muss und wir freuen uns darauf. Doch noch bin ich froh über die 14 Tage Schonfrist.
Michail musste zwischenzeitlich weg und so fahren wir mit dem Taxi zum Einkaufszentrum. Die Kasachen schmücken zu Sylvester wie wir – oder besser die Amerikaner – zu Weihnachten, grell bunt! Man kann selbst Weihnachtsbäume und Glaskugeln plus Lametta kaufen. Das war uns auch schon in Almaty aufgefallen, wo Kassiererinnen blinkende, rote Weihnachtsmann-Mützen trugen. Wir kaufen Grundverpflegung für unsere praktische Miniküche ein und fahren per Taxi zum Hotel zurück. Es folgt ein weiterer Versuch uns in die digitale Welt einzuwählen und wieder müssen wir kapitulieren. Der avisierte Elektriker kommt auch nicht und lässt dann ausrichten, dass er auch keine Ahnung hat, wie es funktioniert. Mittlerweile ist es sonnig und wir beschließen zu Fuß die Stadt kennenzulernen. Dummerweise habe ich Handschuhe und Mütze in Michails Auto liegen lassen und Lea verzichtet aus Solidarität und wir stellen umgehend fest, dass der Wind schneidend ist und die Sonne kaum Kraft hat. Doch die ständige Bewegung gleicht das aus. Wir bewegen uns leicht schlurfend auf den eisbedeckten Gehsteigen vorwärts und bewundern die Kasachinnen die selbst hier nicht auf Stilettos und modisches Schuhwerk versichten. Unglaublich wie sicher die sich auf den Beinen halten können. Ich glaube die haben Saugnäpfe unter den Fußballen, oder einfach nur viel Übung. Vielleicht sind das auch gar keine Pfennigabsätze sondern Eispickel, wer weiß. Im Einkaufscenter gibt es eigentlich alles zu kaufen und dazu mindestens 10 Schuhgeschäfte. Wir kommen irgendwann auf der Flaniermeile am Markt vorbei. Er findet jeden Tag statt und ist gigantisch groß. Es gibt regelrechte Straßen für Kleidung, Lebensmittel, Kosmetika, etc.
Meine Interessen haben sich neuerdings gewandelt und ich betreibe Benchmarking für Windelnund Kinderausstattung. Es gibt auch hier eine Straße mit Fachgeschäften. Doch kein Marktbesuch mit einer Frau ohne Einkauf einer Kleinigkeit und so erstehen wir die, lt. Aussage von Lea, fehlenden 2 Tassen für unsere Küche. Wirklich sehr hübsch für 200 Tenge, ca. 1,25€. Wir hätten sie uns auch im Hotel leihen können, oder einfach mal gründlich suchen, denn nach unserer Rückkehr hatten wir dann schon 4 Tassen. Anschließend sind wir noch mal in den Supermarkt und haben uns für zusammen 11€ die etwas teureren Lebensmittel gekauft, auf die wir zuvor in der Anwesenheit von Tatjana verzichtet haben. Man muss wissen, dass der Durchschnitts-Kasache nur ca. 200US$ im Monat verdient.
Auf dem Heimweg konnte ich an einem kleinen Wohnzimmerfenster meinen Gelüsten nach kasachischem Fastfood nicht widerstehen und habe mir ein Omelett mit Spinat-/Fleischfüllung und eine Art Hotdog für 35Cent gekauft. Lecker! Wieder zu Hause hat ein von irgendwo herbeigeholter Chief-Network-Administrator (wer auch sonst) den Fehler des Onlinezugangs behoben. In Kasachstan gibt es Internet-national und Internet-international. Das war mir neu. Egal, es funktioniert und wir konnten ein erstes Lebenszeichen nach Deutschland senden. Wir sind jetzt irgendwie wieder dabei…also nicht mehr so weit weg…fast schon zu Hause…
Wir haben an die Familie und einige Freunde auch unserer Telefonnummer gemailt. Es hat ungefähr 10 Minuten gedauert, da haben die Damen bereits die Neuigkeiten ausgetauscht.
Wie gesagt…wir sind jetzt irgendwie wieder dabei…fast schon zu Hause…
Danach gab es Pizza, Bier und Nachrichten auf CNN. Das musste sein.
….
Tag 6 31.12.2006
Heute Nacht feiern auch die Kasachen das neue Jahr. Man muss wissen, dass die Kasachen mit europäischem Einschlag russisch orthodoxen Glaubens sind und die mongolischstämmigen Kasachen an Mohammed und seine Lehren glauben. Das bedeutet, das uns aus der Heimat bekannte Christentum stellt hier eine Minderheit dar. Daher gibt es auch kein, wie bei uns übliches, Weihnachtsfest mit Geschenken und all den anderen Ritualen wie Familienfeier, geschmückten Bäumen, Lichterketten und Geschenken. Ich habe zuvor aber bereits beschrieben, dass man eben doch geschmückte Bäume, Lichterketten an vom Wind geschundenen Kiefernzweigen und all den anderen Plunder sieht. Die Kasachen haben in Ermangelung der kausalen Geburt unseres Chef-Grippenspielers einfach ihren „boxing day“ auf Neujahr verlegt. Sie kaufen Feuerwerk, dekorieren hektische und in spektralen Farben blickende Illumination, beschenken sich und zünden Feuerwerk vom Ausmaß einer SS20-Mittelstreckenrakete. Kurz gesagt, sie sorgen dafür, dass wir auf nichts verzichten müssen und zweimal Weihnachten innerhalb einer Woche erleben dürfen. Das Neujahrsfest ist allerdings eher ein Familienfest und man geht nur zum Böllern nach draußen. Seit Tagen erleben wir schon die Firmenneujahrsfeiern mit Feuerwerk und Musik bis 5:00 Uhr morgens. Es geht zu wie bei einer zünftigen Weihnachtsfeier, nur ist die Stimmung ausgelassener. Überhaupt sind die Menschen in der Öffentlichkeit eher reserviert und wirken distanziert. Wenn sie dann aber unter sich sind, oder etwas auftauen, sind sie herzlich, offen und gesellig.
Morgen und übermorgen ist Feiertag, heute wird aber auch nicht so richtig gearbeitet. Es haben hier im Hotel fast alle Mitarbeiter frei. So auch die Heizung. Es wird langsam wirklich frisch (innen). Draußen ist wieder ein herrlicher Wintertag mit entsprechend knackigem Frost. Diese besinnliche Stimmung breitet sich allmählich auch im Zimmer aus. Und es könnte sein, dass wir uns heute noch über den Hotelföhn und den elektrischen Handtuchwärmer freuen. Die Rezeption hat wie immer Abhilfe in 10 Minuten versprochen. Ich denke das funktioniert hier so, man wartet bis zur dritten Reklamation. Wenn die ausbleibt, war es nicht so tragisch. Wenn die initiale 3. Beschwerde erfolgt, vertröstet man und überlegt sich wen man Fragen könnte, der vielleicht jemanden kennt der wissen müsste wie man das Problem angeht. Die Lösungsansätze sind hier teilweise sehr rudimentär. Heiz ich heut’ nicht, heiz’ ich morgen. Und solange wird gefeiert – Na zdarówje!
Wir sollen ab 10:30 Uhr im Babyhouse sein und Michail lässt sich heute von einem Taxifahrer vertreten. Ich vermute seine Abwesenheit begründet sich auf den Folgen seiner gestrigen Firmenneujahrsfeier. Zumindest transportiert uns der Aushilfs-Fuhrmann mit seinem Dacia mit Mach-2 zu den Windelträgern und ich freue mich umso mehr auf ein weiteres Wiedersehen bei körperlicher Unversehrtheit. Wieder ist alles Friede Freude Eierkuchen, einfach unglaublich! Da Adina wieder so still und brav ist, frage ich unsere Koordinatorin, ob sie dem Kind einen Tranquilizer geben. Na ja, wenn man bedenkt, dass ihr Name frei übersetzt „weißes Glück“ bedeutet, kann man meine Intension vielleicht besser verstehen. Tatjana erklärt uns, dass viele Kinder im Heim so sind und dass sie nur laut werden, wenn sie wirklich Schmerzen haben.
Bitte liebe Eltern die ihr diese Zeilen lest, ich weiß es klingt verlockend, aber gebt eure Kinder demnächst nicht 4 Wochen ins Heim und holt sie nach den Ferien erst wieder ab!
Wir rechnen aber damit, dass unsere Aufmerksamkeit dazu führen wird, dass sich Adinas Verhalten bald ändert. Wahrscheinlich am Tag nach der Gerichtsverhandlung!
Man sagte uns, Heimkinder wüssten, dass „nein“ auch wirklich „nein“ bedeutet.
Sehr löblich, das werden wir versuchen auch weiterhin so zu handhaben!
Wir hatten auf Nachfrage die Gelegenheit mit der Kinderärztin zu sprechen. Sie erklärte uns, dass sie Adina seit ihrem 2. Lebensmonat betreut und an ihr alle Untersuchungen und Behandlungen vorgenommen hat. Bis zum 5. Monat war Ihre motorische Schwäche nicht aufgefallen. Dann bekam sie drei Therapien und die Muskulatur ihrer Arme ist mittlerweile fast normal entwickelt. Die Hüfte und das Becken wurden geröntg, doch es gab keine Auffälligkeiten. Adina hat von Geburt an ungleich lange Beine. Die neurologischen Defizite prognostiziert sie als gelöst, sobald Adina in einer Familie umsorgt ist. Die Ärztin sagt, organisch sei sie gesund und auch ihre geistigen Fähigkeiten seien dem Alter entsprechend. Sie erläutert, dass Kinder aus ungewollten Schwangerschaften, die in der Schwangerschaft Stress ausgesetzt waren und im Kinderheim aufwachsen, einfach Zeit und Fürsorge brauchen – das wurde uns schon in der Vorbereitungsphase eingebläut. Ansonsten hat sie Adina auf alle möglichen Krankheiten und Infektionen wie Hepatitis, HIV, usw. untersucht und alle üblichen Impfungen vorgenommen. Sie bestätigt unsere Vermutung von der allergischen Reaktion ihrer Haut, die heute übrigens fast verschwunden ist. Wir vergaßen allerdings einige Dinge zu fragen und so werden wir sie erneut konsultieren um dann hoffentlich alle Arztberichte und Röntgenbilder entgegenzunehmen. Adina litt bis zu ihrem 6. Lebensmonat anscheinend chronisch unter Bronchitis. Die Ärztin meint, dass die Muskulatur im Bein trainiert werden muss und dass das kürzere Bein evtl. operativ angepasst werden könnte. Aber sie rät uns vorerst zum Abwarten und Beobachten der weiteren Entwicklung. Momentan ist das eine Bein überentwickelt und das andere wird geschont. Klingt irgendwie nach Popey-Gehwerkzeugen.
Wir erhalten die Erklärung für den modischen Kurzhaarschnitt wie er bei Jugendlichen der rechten Szene sehr beliebt ist. Aus rituellen Gründen werden in islamischen Familien, Kinder erst nach 40 Tagen mit einer Feier in der Familie begrüßt und dazu werden die Haare rasiert. Diese Rasur wird mit ca. einem Jahr wiederholt.
Tatjana wird uns in den nächsten Wochen bei allen Besuchen im Babyheim als Koordinatorin und Übersetzerin begleiten. Sie sagt wir dürften auch bald fotografieren und jedem Fragen stellen. Ich hoffe es klappt, denn bisher konnte ich im Heim kaum Bilder machen, und unterwegs möchte ich nicht aus dem fahrenden Auto heraus die teilweise trostlose Realität fotografieren, das könnte unsere Begleiter beleidigen.
Allerdings habe ich mich vorhin kurz mit der Kamera davongeschlichen und heimlich einige Bilder gemacht. Dabei habe ich ein pädagogisch sehr wertvolles Wandgemälde entdeckt. Es zeigt einen offensichtlich angetrunkenen Drachen mit zwei überlaufenden Bierkrügen in den Händen und einem deutlich verstrahlten Lächeln im Gesicht. Vor ihm droht ein Jüngling mit einem riesengroßen Schwert. Das unterstützt die Nachwuchsarbeit ungemein.
Der Heimflug erfolgt erneut mit einem osteuropäischen Luxusschlitten. Wir werden in einem vor der Oktoberrevolution produzierten Lada, von einem älteren Kasachen mongolischer Abstammung pilotiert, der eine unbehagliche Gleichgültigkeit in seinen Fahrstil legt und das neue Jahr offensichtlich nicht erleben will. Man kann sagen, er ist kein Multitasker. Er kann sich nur auf die Straße konzentrieren, wenn gerade sonst nichts seine Aufmerksamkeit bannt. Kritisch wird es, als er sein altersschwaches, Kofferradio-großes Funkgerät sucht und anfängt hineinzunuscheln und dabei seinen Blick für einige Minuten von der Straße abwendet. Wir krallen uns alle in die komfortablen Gartenmöbel, lassen einen letzten Angstschrei los und verstummen dann für den Rest des Husarenritts. Die beiden Jugendlichen die beim Überqueren der Straße dem Leibhaftigen am Steuer seines durch Höllenfeuer angetriebenen Ladas ins Angesicht blicken durften, verdanken Ihr Leben der Gnade dieses großen und furchtlosen Lenkers.
Ich habe wieder etwas auf kasachisch gelernt. Zhol Ayak. Das bedeutet „wollen wir gut nach Hause kommen“. Man wünscht sich das normalerweise zum Abschied nach einem Fest. Ich werde es mir auf den Arm tätowieren und jedem Fahrer unaufgefordert vor Fahrtantritt zeigen, damit ich mein nächstes Fest noch erleben darf.
Nach dem Kinderheim war wieder Lesen, Schreiben und Sudoku im Hotel angesagt.
Wir freuen uns schon auf unseren heutigen zweiten Besuch im Kinderheim. Es wird einem bei dem Gedanken daran richtig warm ums Herz.
Gnade, schon wieder ein eine Mietdroschke! Aber diesmal ist zu meiner Beruhigung nur die kasachische Volksmusik etwas überlaut aufgedreht. Überhaupt hören die Kasachen eine Mischung aus asiatischer Dudelmusik mit volkstümlichen Akzenten, bodenständigen Rhythmen und auch arabischen Klängen. Das Liedgut wird häufig mehrstimmig vorgetragen. Man kann es hören, muss aber nicht. Es würde bei uns auf den vierten Programmen der öffentlich rechtlichen Sender in der Endlosschleife laufen.
Im Kinderheim angekommen riecht es stark nach Essen und ich sehe in der heute zum Schlachtraum umfunktionierten Küche, zwei aus dem Fell geschlagene Hammel auf dem Gabentisch liegen. Ob die wohl von einem älteren Ladafahrer erlegt und geliefert wurden…? Wie auch immer, es stellt sich mir die Frage, was essen Kinder im Alter bis zu drei oder vier Jahren wirklich auf ihr Abendbrot. Lea hatte mir vorgelesen, dass Hammel- und Pferdefleisch hier sehr beliebt ist und die Tiere wirklich restlos verarbeitet werden. Ich weiß auch, dass man in Kasachstan das „mürbe-reitende Einsalzen“ zur Haltbarmachung des Fleisches seit Jahrtausenden praktiziert. Das Fleisch wird dazu in Streifen unter den Pferdesattel gelegt und „weich geritten“. Durch das Salz des Pferdeschweißes wird es konserviert. In Anbetracht dieses Wissens und des Anblicks der beiden toten Kameraden, bin ich irgendwie froh, dass Adina mit ihren zwei winzigen Zähnchen für Fleischgerichte noch zu jung ist und ich überlege, ob man heutzutage in Ermangelung von Pferd und Reiter die Fleischlappen in Rücksitzen von Ladas durch das nervöse Hin- und Herrutschen von Touristen in Todesangst mit deren Angstschweiß konserviert ?
Auf der Gymnastikmatratze angekommen erleben wir endlich mal ein Kind, dem irgendetwas nicht passt. Vielleicht hat sie etwas zu essen bekommen, das ihr Verdauungsprobleme macht, vielleicht sitzt ihr auch nur eine Verdauungsausdünstung im Abgasstrang quer, zumindest ist Liegen heute nicht ihr Ding und sie will zum ersten Mal wirklich beschäftigt werden. Sie quengelt zwar etwas, aber es gibt keinerlei Schreierei. Sie fühlt sich offensichtlich einfach nicht wohl. Doch ihre Liebe zu Bällen und dem Festhalten daran, macht es uns leicht, die junge Dame bei Stimmung zu halten. Der Ballpool ist für sie ein Quell unermesslicher Glückseligkeit.
Wir erfahren, dass wir am 2. Januar sowohl morgens, als auch nachmittags zu Besuch kommen dürfen. Morgen (Neujahr) ist Besuchspause, schade. Irgendwann ist auch Michail aufgetaucht. Er zeigt uns auf der Digitalkamera Bilder von der gestrigen Feier und seiner Familie und ist bester Laune. Man kostümiert sich hier offenbar zu Sylvester.
Die Zeit ist um und wir lassen uns bis zum Einkaufscenter mitnehmen um für die Feiertage einzukaufen. Wir kaufen moldawischen Rotwein, der wie eine grauenvolle Mischung aus Likör und Kirschsaft schmeckt – sonderbare Kreation. Dann geht es wie immer mit schlurfenden Schritten 25 Minuten zu Fuß über eine unendliche Eisbahn zum Hotel zurück. Unterwegs machen wir an dem mittlerweile liebgewonnenen Wohnzimmerfenster des alten Mütterchens halt um noch einen 18Cent-Snack zu uns zu nehmen. Doch heute gibt es nur noch süße Snacks und so schlurfen wir weiter, denn lange kann man bei diesen Temperaturen nicht verweilen.
Der Rest ist Routine, Lesen, Schreiben... nein, kein Sudoku, heute ist Fernsehen angesagt.
Es gibt einheimische Sender, sowie CNN und RTL. Letzteres allerdings nur noch heute, da die Ausstrahlung ab morgen von diesem Satelliten abgeschaltet wird. Nach 2 Stunden Fernsehkonsum, kann ich den Sendeschluss nur unterstützen. Jetzt machen wir uns einen Piccolo auf, schauen die große Sylvestergala mit dem kasachischen Florian Silbereisen und schunkeln ins neue Jahr. Vielleicht können wir morgen endlich mal einige Bilder von Stadt, Landschaft und den Menschen machen um unsere Eindrücke besser für den Nachwuchs zu dokumentieren.
In diesem Sinne, habt alle ein tolles und gesundes neues Jahr!
Unser neues Jahr ist auf jeden Fall 4 Stunden länger.
….
Tag 21 15.01.2007
Höllenfeuer, liebes Tagebuch!
Die Nacht war grauenhaft. Irgendwie bin ich abends stets müde und ab Mitternacht hellwach. Wir haben beide kaum zur Ruhe gefunden und langsam stört es, dass wir seit unserer Ankunft in Kasachstan kaum noch erholsam schlafen können. Ich war schon vor dem Handy-Wecker wach und wurde mir meiner Gefühle über den bevorstehenden Tag nicht gewahr. Heute ist der erste Tag des Gerichtsverfahrens. Mir ist tendenziell bewusst, dass alles schon irgendwie klappen wird und wir als stolze Eigentümer eines fast zehn Monate alten Kindes das Gericht verlassen werden, weil hoffentlich von uns unbekannten Mächten dafür gesorgt wird. Jedoch weiß ich nur von einer guten Flasche Wein für den Richter und ich kenne seine Präsentmaßstäbe nicht. Mein unterbewusstes Bild der Gerichte in Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist fundiertes Fachwissen aus Unmengen schlechter Filme und einiger Zeitungsartikel. Die Erfahrungsberichte die wir bisher gelesen haben stützen meine mediale Vorbildung und ich male mir in meiner blühenden Phantasie ein düsteres gammliges Gebäude mit einem erhöhten Richterpult, einem strengen altbackenen Richter, finsteren Beisitzern, diversen Devotionalien an die proklamierte Demokratie und die Lichtgestalt des Chef Demokraten, sowie uns beide auf Kinderstühlen, konfrontiert mit Fragen, deren Hintergrund wir nicht nachvollziehen können und die schlecht übersetzt, den Hobby-Belzebub auf der Kanzel zum Leibhaftigen werden lassen. Ich beschließe Zähne putzen zu gehen.
Im Frühstücksraum belauschen wir zwei Schotten und stellen fest, dass sie noch unverständlicher Englisch sprechen, als die Kasachen. Dann geht es zum Schnuckelchen, die heute nur vormittags belustigt wird. Madame scheint noch nicht ganz aufgewacht zu sein und schaut uns aus verquollenen Augen einfach nur regungslos an. Ich bin erschrocken, da ich hoffte meine Tochter würde sich wenigstens im Kleinkindesalter bedingt über meine Anwesenheit freuen. Doch das scheint unbegründet. Wir spielen - wie sonst jeden Tag zweimal - mit Ball und Ringen. Sie kaut, wir werfen. Langsam wird es fade und ich kann nicht nachvollziehen wie sie so viel Geduld mit uns aufbringen kann. Sie muss hier wirklich raus wollen. Wenn das so weiter geht, bekomme ich den Schreianfall und zeige Auffälligkeiten.
Wir trainieren etwas ihr Bein, animieren sie zum Robben, üben Ringe aufspießen, bringen ihr Unsinn bei, machen ihr Töne vor, kuscheln ein wenig und irgendwann kommt der Ruf der Schiedsrichterin „time“. Wir haben schon viel über Adoptivkinder, ihre Bedürfnisse und Ihren Wunsch nach Kontinuität gehört, aber bald nage ich selbst die Ringe ab. Ich würde so gerne mal die Besuchsstunde außerhalb diese Zimmers verbringen. Es ist wie in der geschlossenen Abteilung der Nervenheilanstalt. Oberlichter in 2,5 Meter Höhe, hellblaue Wände, ein Regal dessen Türen zugeschraubt sind, ein Heizkörper der für eine Stabile Oberhitze im Raum sorgt und eine Schwelle die man nicht übertreten sollte. Ein Quell der Kreativitätsförderung auf 4,5qm. Doch nicht mehr lang - hoffentlich. Adina neigt immer noch dazu sich wild durch den Raum zu rollen und haut dabei manchmal etwas unkontrolliert auf den Milbenfänger-Teppich. Die Verletzungsgefahr auf der Gymnastikmatratze war deutlich geringer. Wir versuchen zu schützen wo es geht, aber natürlich stößt sie sich gelegentlich. So auch heute, nur dass sie dabei lautstark auf den Holzboden aufschlug. Zum ersten Mal verzog sie dabei das Gesicht. Eigentlich nichts dramatisches, da Teppich und Decke dazwischen waren und es auch nicht so schlimm aussah. Wir warten also erstmal ab, ob sie wirklich weint, oder sich doch ablenken lässt. Doch bevor sie einen Ton rausbekommt, steht die wachsame Tatjana mit strafendem Blick in der Tür. Der Blick sollte uns zweierlei sagen. 1. Könnt ihr nicht besser auf das euch anvertraute Kind aufpassen? 2. Ihr solltet im Kinderheim vorsichtiger sein, denn schließlich muss die Heimleitung Euren Antrag auf Adoption unterstützen. Der Blick von Adina auf meinem Arm sagte mir nur: Geschafft! Ich bin auf dem Arm, jetzt wird’s lustig!
Wir schmusen noch ein wenig und dann müssen wir auch schon zum Abschied winken.
Vor dem Babyhouse wartend fragen wir Tatjana beiläufig, wer eigentlich das Kinderheim vor Gericht repräsentiert. Tatjana erschrickt, rennt rein und hatte wohl vergessen der Heimleitung zu sagen, dass wir heute unseren ersten Termin bei Gericht haben. Drei Minuten später kommt sie mit einem entspannten Lächeln zurück und wir fahren in Richtung Hotel. Dort angekommen verabreden wir uns für 13:30 Uhr in edlem Zwirn und gehen aufs Zimmer. Wir sind beide etwas nervös und ich bin gespannt, wie wir die nächsten 1,5 stunden verbringen werden. Speziell interessiert mich Leas Umgang mit der Situation. Ich lese kurz und stelle dann fest, sie macht ein Schläfchen. Gut so, dann stelle ich mal besser den Wecker und lege mich dazu. Zum verabredeten Zeitpunkt sitzen wir in der Lobby und warten. Lea hat einen gut sitzenden Hosenanzug, eine weiße hochgeschlossene Bluse und Pumps an. Insgesamt sehr konservativ, das könnte dem Vollstrecker meiner frühmorgendlichen Schäume gefallen. Ich trage einen alten ausrangierten Anzug, der mir zu groß geworden ist und ein Hemd, welches das gleiche Schicksal teilt. Dazu Schuhe die schon eine Weile ihren Weg in den Altschuhcontainer finden sollten. Es ist Einwegkleidung. Nach der Gerichtsverhandlung bringe ich Sie in den bereits georteten 2nd-Hand-Laden und tausche sie gegen eine Pelzkappe oder einen Lada-Schlüsselanhänger - mal sehen.
Gericht No2 von Uralsk liegt unweit unseres Hotels und ist ein spätsozialistischer Plattenbau der praktischen Gesichtspunkten genügt. Es sitzen ein uniformierter Wachtmeister und ein Soldat in Camouflage-Optik in einem Vorraum. Neben einigen hochgeklappten Sitzen und zwei Schreibpulten, ist der Raum unmöbliert. Der Wachtmeister hat ein schwarzes Telefon zu bedienen, das gelegentlich klingelt. Der Nahkämpfer hat ein blaues ohne Tasten. Es klingelt auch nicht. Es erinnert mich an das berühmte rote Telefon. Ich stelle heute zum zweiten Mal fest, ich sollte weniger Filme schauen… Wahrscheinlich ist es nur das Bürgertelefon von Uralsk. Wer sich beschweren möchte geht ins Gericht und kann von diesem Apparat aus eine anonyme Beschwerde adressieren. Der freundliche Tschetschenien-Veteran ist bestimmt den Bürgern nur beim Wählen behilflich… Wir warten eine Weile und Irina hält freundliche Konversation mit uns, als eine Frau ihr zuerst Zeichen gibt und dann an sie herantritt und ihr eine Codeformel ins Ohr murmelt wie „In Kaliningrad regnet es Trüffel bei abnehmendem Mond (oder so ähnlich)“, zumindest ziehen die beiden sich in eine verschwiegenere Ecke des Raums zurück und sprechen leise miteinander. In meiner augenblicklich erwachten Phantasie ist das die Kontaktperson zum Satan auf dem Richterstuhl und es werden jetzt die Bedingungen für den Pakt mit dem Teufel verhandelt. Wie auch immer, es treffen die dampfwalzengleiche Heimleiterin und die Sozialarbeiterin der Stadt Uralsk in Form der Schwester des Beißers aus Flemmings 007-Moonraker ein. Wir trotten hinter der Menschenansammlung in den 3 Stock und die geheimnisvolle dritte Frau schließt sich unserer Prozession an. Dort warten wir wieder. Ich muss gestehen, es ist heller und freundlicher, als ich es mir vorgestellt habe. Irgendwann kommt ein schütteres Männlein, grüßt nur Tatjana, verschwindet in einem Raum und wir erfahren, dass das die Reinkarnation des Bösen ist. Gut, zugegeben, er muss wirklich hoch sitzen, damit meine Phantasien maßstabsgetreu eintreten können. Wir dürfen eintreten und jetzt wird’s spannend. Der Raum ist relativ groß, hat einen Konferenztisch an dem Irina, die Sozialarbeiterin und die Heimleiterin, sowie die Unbekannte Platz nehmen. Ich hatte vorher gefragt, wer sie ist, doch Tatjana wusste es nicht und sagte es handelt sich um eine Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aha! Wir bekommen zwei Stühle angeboten und ich hab’s doch gewusst, es sind Bürostühle auf der unterwürfigen niedrigsten Sitzhöhe. Tatjana setzt sich neben uns und so warten die drei ABC-Schützen in der Mitte des Raums, dass der Höllenwächter und sein abweisendes Schreiberlein mit ihrem perfiden Spiel beginnen. Das Bühnenbild entspricht in weiten Zügen meinen klischeefreien Phantasien.
Hinter dem Richter eine bemalte Holzschnitzerei mit den Schwingen des Steppenadlers der Sonne und den Girlanden der infantil wirkenden Flagge Kasachstans. Dieser dekorative Wandschmuck ist in gold und hellblau gehalten und wirkt wie eine amerikanische Polizeimarke gigantischen Ausmaßes. Neben dem Arbeitsplatz des Höllenwächters steht eine große Kasachische Flagge an einem überdimensionalen Wimpelhalter. Rechts an der Wand ein weichgezeichnetes Porträt des Häuptlings der Kasachen. Natürlich in gold gefasst. Der Schreibtisch ist groß, aber nicht so hoch wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Es beschleicht mich ein beklemmendes Gefühl. Da sitzen wir beiden nun, fern der Heimat, mitten im nirgendwo, verstehen kein Wort, der Vorsitzende sieht nicht wie ein Menschenfreund aus und wir wissen nicht mal worüber hier eigentlich entschieden wird. In jedem Agententhriller würden wir nach der Verhandlung nach Sibirien verschleppt und würden unser Dasein im Gulag fristen. Doch in Sibirien sind wir ja fast und unter dem Porträt des Oberdemokraten fasse ich Mut und suche meinen Weg zurück zur Realität. Zu Beginn wird festgestellt, dass es um Lea und meinen Adoptionsantrag geht und gefragt, ob noch jemand weitere Dokumente dem Gericht vorlegen will. Wir müssen unsere Pässe vorlegen, die er genau studiert und die Heimleiterin übergibt ein Protokoll unserer Plauderstunde. Dann kann es losgehen. Der Richter stellt Einwortfragen und Tatjana bildet für uns Sätze daraus. Die beiden kennen sich schon einige Jahre und manchmal sagt er wohl “ sie wissen schon was ich wissen will, fragen sie die halt…“ er will Dinge zu unserer Person, unserer Jobs –Lea ist offiziell Hausfrau – und unserer Ehe wissen. Er fragt seit wann wir Adina besuchen, ob wir über ihren Gesundheitszustand informiert sind und ob wir sie immer noch adoptieren wollen. Das war’s dann auch schon und er verkündet noch schnell den Termin zur Hauptverhandlung, Mittwoch 17.01.2007 14:00Uhr – showdown! Wir verlassen den Raum und ich frage mich wie er wissen will wer da gerade im Raum saß, dessen Pässe er kontrolliert hat, den er aber nicht mit einem Blick gewürdigt hat. Dafür hat er häufiger seine Schreibunterlage angehoben und darunter gesehen, vielleicht lag da ein Scheck, oder wenigstens ein Foto der Weinflasche die ihm in Aussicht gestellt wurde.
Michail fährt uns zum Hotel zurück und wir wundern uns über die Kürze der Veranstaltung. Wir überlegen wie mit dem angefangenen Nachmittag zu verfahren ist und beginnen Merkzettel zu schreiben und für die nächsten Tage ein wenig zu planen. Wenn am Mittwoch alles glatt geht, brauchen wir noch Babynahrung und so schreiben wir auch einen Einkaufszettel. Als uns nichts mehr Wichtiges einfällt, beschließen wir uns mit der deutschen Botschaft in Almaty in Verbindung zu setzen, um die Voraussetzungen der Visumsvergabe für Adina zu erfahren und irgendwann erreichen wir auch eine zuständige Dame. Mit deutscher Zuverlässigkeit erklärt sie, dass sie uns nicht versprechen kann das Visum binnen eines Tages ausstellen zu können. Wir hoffen am 27.Januar ausreisen zu können und ärgern uns ein wenig, dass wir trotz Nachfrage nicht die nette Dame an den Apparat bekommen haben, von der wir aus Berichten wissen, dass sie die Visumsformalitäten binnen 24 Stunden erledigt. Jetzt wird Geld gezählt und wir kalkulieren wie viel Geld wir in der noch verbleibenden Zeit hier in Kasachstan für Flüge, Formalitäten und sonstiges wohl noch brauchen, um morgen unsere ganzen 5,- und 10,-€-Noten umzutauschen. Da wird sich die Wechselstube aber freuen! Ebenfalls morgen sollen wir bereits die Tickets für unseren Flug nach Almaty kaufen. Wir hatten gehofft, dass könnten wir nach dem Urteil erledigen. Doch Irina tritt aufs Gas und wir wollen sie nicht bremsen.
Der Rest des Tages ist immer gleich. Kochen, Lea liest, ich schreibe und dann lernen wir fürs weitere Familienleben.
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Tag 32 26.01.2007
Alles dreht sich ums Teilen, liebes Tagebuch!
Ein Monat ist vorbei und wir haben einiges erlebt und gelernt.
Wir besuchen ein Land, das die meisten Deutschen kaum kennen. Ein Land dass für Raumfahrt, Rohstoffreichtum und seinen angeblichen TV-Moderator Borat steht.
Wir wurden freundlich aufgenommen, wenn es auch der Mentalität der Kasachen nicht entspricht überschwänglich zu sein, man begegnet sich hier mit Zurückhaltung. Diese Reserviertheit verliert sich erst sobald man sich besser kennt. Der Mann, im untergehenden Patriarchat, zeigt in der Öffentlichkeit keine Emotionen und folgt eher klassischen Verhaltensmustern. Die Frau ist aufgeschlossener und gibt sich offener.
Wir haben ein in vielerlei Hinsicht geteiltes Kasachstan kennengelernt.
Auf der einen Seite das urbane Almaty, eine weltoffene Millionenstadt mit allen positiven, wie negativen Eindrücken, die eine Metropolen ausmachen. Auf der anderen Seite, den Rest des provinziellen, rückständigen, weiten Landes, mit seinen 15 Mio. Einwohnern.
Der größte Teil Kasachstans besteht aus Wüsten und Halbwüsten. Daneben gibt es Gebirge von 5000 Metern Höhe, 2700 Gletscher, 8500 Flüsse und mehr als 48000 Seen.
Die Ausdehnung des Landes ist gewaltig und so liegt der Norden auf der Höhe Moskaus und der Süden auf dem Breitengrad Madrids. Die Ost-West-Ausdehnung ist noch eindrucksvoller.
Die Bevölkerung teilt sich zunehmend in arm und reich. Noch gibt es eine Mittelschicht. Die Zukunft wird zeigen, wie sich der schnell wachsende Reichtum der Einen und die Armut der Anderen, in einem stabilen gesellschaftlichen System vereinen lassen.
Die Lebensumstände sind unvorstellbar unterschiedlich. Auf der einen Seite das mondäne Stadtleben mit allen denkbaren Aktivitäten und Überfluss. Auf der anderen Seite ein Volk, das teilweise noch aus Nomaden besteht, die in Ihren Zelten (Jurten) von Selbstversorgung und Handel leben. Dazwischen die Landbevölkerung, die ein sehr traditionelles, abgeschiedenes und einfaches Leben führt. Sie hat an der ökonomischen Entwicklung der jungen Republik bisher wenig Anteil.
Eine Bevölkerung die sich in dutzende Volksstämme aufteilt. Mehrheitlich jedoch, zu etwa gleichen Teilen, in christlich orthodoxe Russen und sunnitische Moslems, die mongolisch-stämmigen Kasachen.
Geteilt in zwei Sprachen, die Landessprache Kasachisch und die Umgangssprache Russisch. Die meisten Einwohner sprechen entweder nur Russisch, oder nur Kasachisch.
Die geteilten politischen Tendenzen der (offiziell) demokratischen Präsidialrepublik.
Das ungleiche Verhältnis aus Reichtum an Bodenschätzen und unübersehbaren Missständen.
Wir sind gekommen, weil wir teilen wollen!
Freude, Leid, Emotionen, Erfahrungen, Liebe und was auch sonst alles auf unserem Weg liegen wird. Es scheint, wir haben ein passendes Ziel gewählt…
Am 32. Tag unserer Reise sind wir gestern Abend um kurz nach zehn Uhr, glücklich und wohlbehalten mit unserem tapferen, übernächtigten Sonnenschein in Frankfurt gelandet.
Es ist Zeit Abschied zu nehmen, liebes Tagebuch. Ein neuer Abschnitt hat begonnen…
Vsèwo chøroschèwo malischka! Pøka, liebes Tagebuch!