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Allein in einem Fremden Land oder Frau schafft das schon
Biografien & Erinnerungen
Geschrieben von Bettina Gerharz   

E x p o s é :

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Im Sommer 1999 kommt die deutsche Familie aus beruflichen Gründen des Ehemannes nach USA. In Troy, nördlich von Detroit, in Michigan, in USA, finden sie ein neues Zuhause.
Das Internet ist noch in den Anfängen, von Facebook und WKW redet noch keiner, Auslandsgespräche sind teuer und im US Fernsehen gibts kein deutsches Programm.
Die Kinder besuchen Public Schools (öffentliche Schulen) und werden täglich mit neuen Dingen konfrontiert. Mit ihrer aufgeschlossenen Art wird die Familie recht schnell heimisch. Doch das Leben in der neuen Heimat ist nicht immer einfach.
Besonders aufregend wird es als der Ehemann bereits nach wenigen Wochen USA-Aufenthalt auf eine längere Geschäftsreise geschickt wird und Bettina nun ganz auf sich gestellt ist.
Aber „Frau schafft das schon“ und zeigt uns in einem zweiwöchigen Auszug aus ihrem humorvollen Tagebuch, mit interessanten Hinweisen zu kulturellen Unterschieden, wie sie diese Zeit „Allein in diesem Fremden Land“  meistert .

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


Freitag, 17. September 1999
Heute ist es soweit – mein Göttergatte geht auf Businesstrip.Sogar für zwei Wochen am Stück und dann auch noch weit weg, nämlich nach Deutschland und nach England. Ich bleibe alleine mit den Kindern in USA. Klingt dramatisch - ist es irgendwo aber auch! Dramatisch, weil wir erst seit wenigen Wochen in diesem Land leben und ich mich noch kein bisschen zu Hause fühle.

In den vergangenen Jahren war es nie ein Thema, wenn ich mit den Kindern mal einige Tage allein war. Diesmal ist alles ganz anders. Ich darf gar nicht daran denken, was bei uns in den letzten Wochen los war und wie viele neue Dinge wir lernen mussten um hier klar zu kommen. Aber das ist sicher ganz normal, wenn man erst vor wenigen Wochen nach USA umgezogen ist und sich neu orientieren muss.

Ganz heftig wurde es vor einigen Tagen mit dem Schulbeginn. Täglich kommen Patrick und Alina und sogar Jill mit Papierbergen nach Hause. Jeden Tag müssen irgendwelche Formulare ausgefüllt werden, sind Auskünfte zu geben und vor allem Klassen-Regeln zu akzeptieren. Ja, da sind die Amis auf der Hut! Jeder Lehrer sichert sich ab, legt seine Regeln und Bewertungen schriftlich fest und lässt sich alles von Schülern und Eltern unterschreiben. Somit kann nie jemand sagen, dass er hiervon und davon nichts wusste. Ich brauche wohl gar nicht erwähnen wie viele verschiedene Zettel dies bei drei Kindern in drei verschiedenen Schulen sind.

Wenn das mit diesen Papierbergen nicht bald ein Ende findet oder es gar in den folgenden zwei Wochen so weiter geht, dann werde ich ganz schön ins Schwitzen kommen. Schließlich kenne ich mich da nicht aus und bin mit diesem ganzen Schulkram kein bisschen vertraut. Außerdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ich der englischen Sprache auch nur bedingt mächtig bin. Ja, das ist so, Englisch ist schließlich meine second language und außerdem ist es schon eine ganze Weile her seit ich die Sprache in der Schule gelernt habe. Ach ja, und dann sind da auch noch die täglichen Hausaufgaben, die unsere Dritt- und Fünftklässler ohne tatkräftige Unterstützung nicht auf die Reihe kriegen. Kann echt lustig werden in den nächsten zwei Wochen.

Nun ja... da hilft kein Jammern.... es ist wie es ist. Rainer fliegt heute am Spätnachmittag von Detroit nach Frankfurt und wird auch erst zwei Wochen später wieder nach hause kommen. Seit Tagen fühle ich mich hundeelend, sicherlich alles nur Anzeichen meiner Angst. Logisch, ich bin so angespannt, dass sich alles verkrampft und in Nullkommanix sind dann die Schmerzen in Schulter- und Nackenbereich wieder da. So’ne Hacke aber auch, hier kenne ich weder einen gescheiten Arzt geschweige denn einen Chiropraktiker, der mich mal schnell einrenken und auf Vordermann bringen könnte. Vielleicht sollte ich ganz einfach einen im Telefonbuch suchen! Nein, lieber nicht, wer weiß bei wem ich dann lande. Also halte ich mal lieber noch ein bisschen durch. Wenn es dann gar nicht mehr geht, ist noch genug Zeit sich so einem wildfremden Arzt anvertrauen.

Zu dumm, dass wir hier noch Niemanden so richtig kennengelernt haben. Es wird wirklich Zeit, dass wir ein bisschen Kontaktpflege betreiben. Ich meine, wir müssen mal unsere Nachbarn oder auch andere Eltern in der Schule näher kennenlernen, sonst vereinsamen wir hier noch total. Außerdem könnte man sicher von denen auch den ein oder anderen Hinweis bekommen. Aber leider sind hier alle immer busy....in den meisten Familien sind beide Eltern berufstätig und somit den ganzen Tag nicht zu Hause. Und wenn die dann abends heimkommen, naja dann will ich auch nicht gleich auf der Matte stehen. Die haben hier sowieso alle so was ‚Geheimnisvolles’. Ja wirklich,  man sieht die Eltern in ihren Autos nach Hause kommen, dann wird der elektrische Garagentoröffner gedrückt und schwups sind sie in ihren vier Wänden verschwunden und man hört und sieht nichts mehr von ihnen. Na ja, mal sehen wie wir das in den Griff kriegen.

In den letzten Tagen habe ich alles für Rainers Trip vorbereitet und wie wild all meine Briefchen getippt. Briefchen, vielleicht sollte ich lieber Briefe sagen, denn ich habe insgesamt 21 Seiten Briefpost verfasst. Warum muss ich eigentlich immer so viel erzählen. Na ja, es gibt halt viel zu berichten, schließlich sind wir erst seit Juni hier in USA und auch erst seit ein paar Wochen in unserem neuen Heim und daheim, in Ingelheim, möchten doch gerne alle wissen wie es uns so geht. Damit die Post ein bisschen schneller nach Deutschland kommt, kriegt Rainer diese heute alle in den Koffer gepackt.

Wir könnten natürlich auch telefonieren und denen zu Hause berichten wie es uns geht, aber im Moment würde uns die Telefonrechnung killen. Eines haben wir nämlich schon gelernt. Es reicht nicht aus einen Telefonanschluss zu haben, nein, man braucht auch noch einen Vertrag mit dem richtigen Provider. Ohne den kann es ganz schön teuer werden und wir mit unseren Deutschlandgesprächen wären sicher bald ruiniert.  Also habe ich auch unsere Kinder neulich animiert kleine Briefe an ihre Freunde zu schreiben und dem Papa mitzugeben. Sie haben es auch gern gemacht, nur wie immer in solchen Fällen, haben sie damit bis zum letzten Tag gewartet, Dann wurde es schon wieder stressig.

Ich selbst bin ja ein Organisierfreak und arbeite schon seit Tagen an seiner Abreise. Seit bekannt war, dass er nach Deutschland fliegt, habe ich Geschenke und Mitbringsel besorgt und kleine Notizen geschrieben. Nun muss ich die alle nur noch verpacken und außen beschriften. Ohne Aufkleber bringt er alles durcheinander und weiß nicht mehr wer was bekommt.

Na Klasse, mitten in meinem Chaos kommt nun auch noch der Mann von der Cable-Company. Er will diese spezielle Box anschließen, damit wir endlich ein gescheites Fernseh-Programm empfangen können. Würde mich mal interessieren, ob ich für ihn gut genug aussehe! Aber ich frage besser nicht nach, sonst denkt er noch ich will was von ihm. Bei der Terminvereinbarung wurde uns nämlich gesagt, dass ein Erwachsener anwesend sein muss wenn der Cable-Mann kommt, und dass man ihn in „proper outfit“ zu empfangen habe.  Proper Outfit! Was denken die eigentlich, dass ich im Nachthemd auftrete? Na ja, wer weiß was für Erfahrungen diese Leute schon gemacht haben.

So, nun ist er da und es geht eigentlich ganz fix. Ruck zuck hat der nette junge Mann sich solche Plastikschuhe übergestülpt und betritt unser Haus. Er installiert diese Super-Box, macht ein paar Tests, lässt sich seine Papiere unterschreiben und weg ist er auch schon wieder. Ich muss gestehen, ich bin beeindruckt. Diese Plastiküberzieher erinnerten irgendwie an einen Operationsraum, aber ich finde das schon aufmerksam, dass er nicht einfach mit seinen Straßenschuhen herein marschiert ist.

Jill ist happy, denn um meine Verpackungsarbeiten zu beenden, erlaube ich ihr nun ein bisschen Kinderprogramm im Fernsehen zu gucken. Sie versteht zwar so gut wie kein Englisch, aber die Zeichentrickfilme mag sie trotzdem anschauen. Die Zeit vergeht wie im Flug und mit Schrecken stelle ich fest, dass es schon gleich Mittagszeit ist. Nun aber Tempo, denn um 12 Uhr beginnt Jill\'s Pre-School.

Pre-School ist eigentlich das Gleiche wie ein deutscher Kindergarten. Hier sind die Kinder allerdings in Altersgruppen eingeteilt und dürfen auch nur 2 oder 3 Mal pro Woche kommen. Jill ist in der Gruppe der 4-5 jährigen und darf an drei Nachmittagen zur Pre-School gehen. Die Klasse hat 25 Kinder, zwei Lehrerinnen und eine Helferin. Unsere Pre-School ist in der Grundschule untergebracht, die gleich um die Ecke und zu Fuß erreichbar ist.

Also los gehts! Gegessen hat die kleine Maus ja schon, nun kommt der Anziehstress. Ausgerechnet heute, wo wir eh spät dran sind, macht sie mal wieder einen Affenaufstand. Sie will partout heute keine langen Hosen anziehen, sondern Shorts. Aber heute ist es kühl und husten tut sie auch schon! Also Plärrerei hin, Plärrerei her. Ich gewinne und hab’ dafür ein tränenverschmiertes Kind, dass nun überhaupt nicht mehr zur Pre-School will.

Wie immer in solchen Momenten ruft mein lieber Ehemann an und braucht irgend etwas von mir. Heute ist es eine Telefonnummer, die ich raus suchen soll. Witzbold, die Telefonbücher sind so unübersichtlich. Wir besitzen gleich mehrere und ich habe bisher noch nicht herausgefunden nach welchen Kriterien  die aufgebaut sind. Aber, ich mache das schon und nach ein bisschen Sucherei kann ich mit der gewünschten Telefonnummer dienen.

Trotz allem schaffen wir es in die Gänge zu kommen, machen uns auf den kleinen Fußweg zur Schule, wo wir sogar noch ganz pünktlich eintreffen. Mein Motzkind hat sich auch wieder beruhigt, vor allem als sie feststellt, dass die anderen Kinder auch lange Hosen tragen. Puh...dem Herrn sei’s getrommelt und gepfiffen.... denn Stress habe ich nun erst mal überstanden.

Im Eilschritt zurück zum Haus und dann schnell ins Auto um noch ein paar Besorgungen zu machen. Mein reizender Ehemann hat mir nämlich gerade noch verkündet, dass er unbedingt noch einige Packungen Aspirin nach Deutschland mitnehmen muss.  Freunde und frühere Kollegen wollen die Pillen haben. Die sollen in USA so viel billiger sein als in Deutschland. Um den besten Deal zu machen, klappere ich deshalb auch gleich die nächstgelegenen Apotheken ab. Na ja, Apotheke ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, eher Drogeriemarkt.. Hier gibt es neben der rezeptpflichtigen Medizin am Apotheken-Schalter noch viel mehr zu kaufen. Von den rezeptfreien Medikamenten über Lebensmittel, Süßigkeiten und Putzmittel, bis hin zu Wein und Zigaretten gibt es hier so ziemlich alles.

Der erste Markt gleich um die Ecke, Rite Aid, hat heute keine guten Angebote., Ich probiere mein Glück im nächsten Markt, bei Walgreen. Aber da ist es heute auch nicht besser. Letzter Versuch gilt dem CVS und da werde ich auch gleich findig. Die Auswahl ist groß und das Angebot super. Ganze 200 Pillen für läppische 2 US Dollar... wer kann da schon nein sagen?! Zu dumm, dass ich die Dinger nicht schlucke... bei dem Angebot. Ich räume dann auch gleich das halbe Regal leer. Und schnappe noch ein paar Packungen, der in Deutschland bekannten Marke. Dann mache ich wenigstens nichts falsch. Mein Einkaufskörbchen ist beladen und ich fühle mich wie ein Drogendealer. Meine Güte... was machen die Leute nur mit all diesen Pillen? Ob man von Aspirin auch abhängig werden kann? An den Packungen hier in meinem Einkaufskorb könnte ich locker unsere Kopfschmerzen in den nächsten 10 Jahren behandeln.

Nun aber ab zur Kasse. Wie schön.... nur eine Kasse besetzt und drei Leute vor mir. Jeder hat nur eine Kleinigkeit in der Hand, das müsste eigentlich sehr schnell gehen. Denkste, doch nicht in USA! Die Leute hier haben die Ruhe weg. Die Kassiererin sprüht die üblichen Floskeln von „how are you.“..über „how is your day“  bis zu hast Du gefunden was Du gesucht hast. Dann noch eine Preisdifferenz und der Manager muss kommen um im Kassenregister einen Code einzugeben. Was er natürlich mit einem kleinen netten Schwätzchen mit der Kundin verbindet. Mensch, mach’ voran, ich muss nach Hause. Ich hüpfe bereits von einem Bein aufs Andere... aber das stört keinen. Endlich bin ich an der Reihe... hoppla.. nun hat sie sich vertippt und es muss erst noch eine Stornoquittung ausgedruckt werden. Mein Blutdruck muss schon ganz schön hoch sein, mir ist glühend heiß im Gesicht. Als dann dieser Apparat meine Kreditkarte nicht akzeptieren will, flippe ich fast aus. Tief durchatmen! Ist das ein Anzeichen für Schlaganfall oder stehe ich nur kurz vor einem Tobsuchtsanfall? Tief durchatmen... ganz ruhig bleiben... Nerven behalten... kann sich nur um Stunden handeln. Dann endlich... sie hat es geschafft und das Ding gefixt. Ich bezahle. Tüte mit mindestens 20.000 Pillen in der Hand verlasse ich im Laufschritt die Apotheke. Dieser Drogendeal war zwar etwas langwierig, aber ich habe es geschafft.

Gerade will ich in die letzte Hauptstraße vor unserer Siedlung einbiegen, da steht der ganze Verkehr plötzlich still. Ich entdecke Blinklicht und Fähnchen auf einem Fahrzeug und weiß sofort was Sache ist. Ein Trauerzug fährt entlang und der ganze Straßenverkehr ruht. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass eine Beerdigung etwas anders verläuft als in Deutschland. Vom Beerdigungsinstitut aus fahren hier alle gemeinsam zum Friedhof. Vorne weg ein Wagen vom Institut mit Blinklicht und Fähnchen, dann der Totenwagen, dahinter alle Angehörigen in ihren eigenen Fahrzeugen und zum Schluss wieder ein Auto vom Institut mit Blinklicht und Fähnchen. Man erkennt solch einen Trauerzug sofort. Aus Respekt halten alle anderen Fahrzeuge im Straßenverkehr an und lassen den Trauerzug passieren, auch bei roter Ampel. Heute muss ein Prominenter beerdigt werden.... ich zähle...50 Autos... 60 Autos.... nimmt der Trauerzug denn überhaupt kein Ende?

Zuhause erwartet mich dann auch gleich der nächste Stress. Mein lieber Mann ist inzwischen aufgetaucht und hat bereits das ganze Schlafzimmer in ein Chaos verwandelt. Wieso? Nun, weil er seinen Koffer packen muss und überall kramt und sucht. Warum nur kann dieser Mann nicht ein einziges Mal rechtzeitig und in aller Ruhe seine sieben Sachen verpacken. Jetzt steht er da, wie ein Häufchen Elend und ist total genervt. Schwitzend und schwer atmend rennt er von einer Ecke zu anderen. Sicherlich weiß er schon gar nicht mehr was er sucht. Ich erbarme mich und falte ein paar Hemden zusammen. Aber auch nur, weil ich nicht mitansehen kann wie huddelisch er das macht.  Und außerdem macht es mich ganz ärgerlich. Schließlich habe ich diese Hemden gerade erst gebügelt.  Ganz, gaaaaanz vorsichtig gebe ich ihm noch ein paar Pack-Ratschläge. Dann verhalte mich ganz ruhig im Hintergrund. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass ein packender Ehemann ganz schnell ausflippt und wir dann nur zu leicht in Streit geraten. Nach einer knappen Stunde haben wir es mit vereinten Kräften geschafft und seine Habseligkeiten mit all den Mitbringseln gut verpackt. Die vielen Aspirin Packungen haben wir ordentlich in den beiden Koffern verteilt. Nicht alle Packungen an einen Platz, so dass er noch als Drogenschmuggler verhaftet wird. Ja, und dann ist es soweit und er muss sich auf den Weg zum Airport machen. Ganze drei Mal kommt er vom Auto zurück ins Haus, Nicht weil er mir noch einen Kuss geben will, nein, weil er drei mal etwas vergessen hat. Und dann ist er weg. Ich stehe in der Tür und schaue dem Auto nach.... mit einem echt flauen Gefühl im Magen. Zwei ganze Wochen, allein in diesem fremden Land. – wenn das mal gut geht!

Viel Zeit zum Grübeln bleibt mir glücklicherweise nicht, denn gleich muss ich zum nächsten Einsatz eilen. Es ist Zeit um Jill von der Pre-School abzuholen und da ist Pünktlichkeit gefragt. Kommt man zu spät, gibt es nicht nur eine Rüge, sondern man wird auch gleich zur Kasse gebeten. Fünf.... 5 US Dollar für jede 15 Minuten, die man sich verspätet. Keine schlechte Idee, so kann man Eltern zur Pünktlichkeit erziehen. Auch meine beiden Großen haben Schulschluss und sind schon auf dem Heimweg. Patrick kommt mit dem dicken gelben Schulbus von der Middle School angefahren und Alina läuft die kurze Strecke von der Elementary School gemeinsam mit einer Freundin aus der Nachbarschaft.

Innerhalb kürzester Zeit herrscht in unserem Haus eine Wahnsinnshektik. Erst einmal rennen alle zum Klo und ich frage mich, ob die in der Schule keinen haben? Danach reden alle auf einmal. Jeder etwas lauter um besser gehört zu werden. Das geht so lange gut, bis ich ausflippe und um Ruhe und Berichterstattung nacheinander bitte. Natürlich muss auch gleich was zum Essen auf den Tisch, denn die Lunch pause liegt schon einige Stunden zurück. Meine Drei benehmen sich, als würden sie gleich an Hunger sterben. „Mama, schnell.. ich habe sooooo viel  Hunger“ schnell einigen wir uns auf die berühmten Cheese Maccaroni. Klingt lecker, ist es aber nicht wirklich. Das sind ganze simple Makkaroni-Nudeln mit einer Käsesoße aus der Packung. Ein ganz typisches amerikanisches Essen, dass man in wenigen Minuten zubereitet und auf das wirklich alle Kinder abfahren. Kaum sitzen wir alle gemütlich am Tisch, da hören wir plötzlich ein plätscherndes Geräusch.

Gemeinsam machen wir uns auf die Suche. Da sehen wir auch gleich das Wasser unter der Tür der Gäste-Toilette herauslaufen. Na Klasse, ich werfe schnell ein dickes Handtuch auf den Boden, um wenigstens den Teppich im Flur zu schonen. Dann schnapp’ ich mir einen Putzeimer und beginne aufzuwischen. Ich bin ganz skeptisch und schnüffele herum, aber zum Glück ist es nur Wasser. Gleich darauf werfe ich einen Blick unter den Klodeckel und schon wird mir alles klar. Mein Sohn, der kleine Scheißer, hat mal wieder zu viel Papier verwendet! Amerikanische Toiletten haben wesentliche schmälere Abwasserrohre wie in Deutschland. Nach dieser Feststellung hatten wir schon auf 2-lagiges Papier umgestellt und den Kindern Instruktionen gegeben, damit ja vorsichtig umzugehen. Sieht so aus, als habe er die Ermahnungen dieses Mal missachtet. Nachdem sich das Wasser wieder beruhigt hat und das Schlimmste aufgewischt ist, darf er sich deshalb dann auch gleich selbst ans Werk machen: Papier raus fischen, Toilette putzen usw. usw. Er ist ganz klein mit Hut, macht sich sofort an die Arbeit und traut sich nicht zu widersprechen. Ich hätte es ihm in meiner Wut auch nicht geraten.

Kaum ist das Malheur behoben und wir sitzen wieder gemütlich zusammen am Esstisch, hören wir erneut ein komische Geräusch. Der Mann sitzt noch nicht im Flieger und bei uns gehts schon rund. Halleluja, das kann heiter werden. Das neue blecherne Geräusch kommt aus der laundry. (Waschküche) Gemeinsam spurten wir dort hin, hängen dann alle vier im Türrahmen um festzustellen, dass das Metallgeschepper aus der laufenden Waschmaschine kommt. Nein,... bitte.... geh’ jetzt bloß nicht kaputt ! Ich reiße den Waschmaschinendeckel auf, was bei den amerikanischen Topladern jederzeit machbar ist und werfe einen vorsichtigen Blick hinein. Da ist er ja, der Krachmacher. So ein dämlicher, kleiner Draht. Wahrscheinlich stammt er von einem BH. Nun schlägt dieser im gleichmäßigen Takt gegen die Trommel. Na, da haben wir ja noch mal Glück gehabt... nix kaputt.... Hurra!

Relaxingtime..... ich liebe dieses Wort. Junior macht sich gleich daran, das endlich vorhandene Fernsehprogramm durchzuklicken. Dann entscheiden sich alle drei, oder besser zwei, denn Jill hat noch nichts zu sagen, für ein Programm. In den folgenden 10 bis 15 Minuten werden sie sich wahrscheinlich nicht streiten. Ganz sicher werden sie auch nichts von mir verlangen. Also, ich nutze schnell die Gunst der Stunde und strecke mich neben ihnen auf der Couch gemütlich aus. Nur mal kurz die Augen schließen, nur ganz kurz, einfach nur mal zu machen! Herrlich! Nach einem lauten „Au“ und der darauffolgenden „dummen Kuh“ wird mir schlagartig klar, das wars mit dem Relaxen. Um die Situation schnell zu entspannen, schicke ich Sohnemann zum Briefkasten. Dieser ist am Eingang der Subdivision (Siedlung) und Patrick fühlt sich besonders cool dorthin zu radeln und das Schließfach mit Schlüssel zu öffnen. Sofort schwingt er sich auf sein Fahrrad und ist nun erst mal für eine Weile beschäftigt. Eingangspost ist, seit wir hier in USA leben, etwas ganz Besonderes. Die Kinder, und nicht nur die, freuen sich immer riesig Briefe aus Deutschland zu erhalten. Jill ist heute die glückliche, zweifache Post-Empfängerin. Ein verspätetes Geburtstags-Päckchen vom Patenonkel und ein dicker Briefumschlag von der Freundin .  Der Tag ist gerettet.... zumindest für sie.

Später entschließen wir uns noch zu einem kurzen Einkaufsbummel, denn Alina braucht „dringend“ Lineal und Zirkel. Wieso wird so ein Kram immer dringend gebraucht? Na gut, wir machen uns auf den Weg zum nächstgrößeren Einkaufsmarkt, Big K-Mart, der hat so ziemlich alles im Programm. Wir bummeln gemeinsam durch die Gänge und betrachten uns das ganze Sortiment. Für uns Deutsche gibt es da immer jede Menge Neues zu bewundern und so vergeht die Zeit wie im Flug. Nebenan ist eine riesengroße Gärtnerei und da besorgen wir dann auch gleich noch ein paar blühende Pflanzen um den kleinen Schandfleck mitten auf dem Rasen zu verschönern. Die Gärtnerei ist wirklich riesig groß und hat eine wahnsinnige Auswahl an Pflanzen. Wir sind alle vier total begeistert und können uns an der farbigen Vielfalt gar nicht satt sehen. Die Kinder wollen mich zum Kauf von größeren Stauden überreden. Aber die sind richtig teuer und ich lehne es ab. Sie werden leicht sauer, als es nicht klappt. Aber ich bleibe dabei, simple und einfach, Stiefmütterchen sollen es sein. So einigen wir uns wenigsten auf die Farbe.... blau und gelb.

Auf dem Heimweg machen wir noch kleinen Stopp bei Farmer Jack, einem Lebensmittelmarkt. Die Geduld meiner Kinder ist so ziemlich am Ende und ich habe alle Hände voll zu tun sie im Griff zu halten. Nachdem wir unsere paar Lebensmittel gefunden haben und nach tausend Ermahnungen sich besser zu benehmen, schaffen wir es um 19 Uhr zu Hause zu sein. Fix und foxi, vor allem ich. Zum Glück gibt es trotz Gemaule heute Abend nur kalte Küche, denn zum Kochen habe ich nun wirklich keine Lust mehr.

Nach dem Abendessen wird es richtig gemütlich und vor allem recht ruhig im Haus. Patrick schwingt sich vor den Fernseher, Jill spielt in ihrem Zimmer und Alina guckt sich zum ich-weiß-nicht-wie-wievielten-Male das Fastnachts-Schminkbuch an. Wieso, warum... keine Ahnung. Fastnacht ist weit entfernt und gibt es hier sowieso nicht. Und auch Halloween ist noch lange nicht in Sicht. Ich nutze die ruhige Phase und tippe mal rasch eine SOS-Telefonliste. Ich habe einfach das Bedürfnis, diese Liste ganz fix zu erstellen. Wer weiß, es könnte ja mal was passieren und dann wüssten die Kids gar nicht wo sie sich hinwenden sollten. Ich rüste mal wieder für den Notfall - doof, oder auch nicht. Auf alle Fälle kläre ich die beiden Großen auf, was sie tun müssen, falls mir in den nächsten Tagen etwas passieren würde. Man soll ja den Teufel nicht an die Wand malen.... aber sicher ist sicher.

Ruck zuck ist es 21 Uhr und ich kann durchatmen. Die Duschaktionen und Bett-geh-Prozeduren sind erledigt und endlich liegen alle drei friedlich in den Betten. Auch ich bin geschafft und reif fürs Bett... aber ohne etwas Lesestoff gehe ich dort nicht hin. Bepackt mit einem Stapel Notizen, die meine Kinder aus der Schule mitgebracht haben und einem dicken Wörterbuch krieche ich unter die Decke. Ich lese mich mühsam durch all die Infozettel und werde ganz müde. Nach all den trockenen Schulinformationen fallen mir dann doch schneller die Augen zu als geplant. Der erste halbe Tag allein im fremden Land ist überstanden. Wenn es nicht noch doller kommt, kann eigentlich gar nichts schief gehen und „Frau schafft das schon“.



Samstag, 18. September 1999
Hurra.... endlich Weekend! Aber von wegen durchschlafen, heute doch nicht! Gegen 3 Uhr mitten in der Nacht fängt plötzlich das blöde Handy an zu jammern und will Strom. Ich versuche den Piepston zu ignorieren. Aber nach einer Weile kann ich ihn dann doch nicht mehr ertragen und stehe auf. Solche nächtliche Aktionen hasse ich einfach. Mürrisch mache ich mich auf den Weg, um das Telefon ans Ladegerät zu hängen. Autsch.... nun bin ich irgendwo dagegen gerannt. Ich sollte besser Licht machen, anstatt im düsteren Raum herumzuwandeln. Wir wohnen ja erst seit wenigen Wochen in diesem Haus und ich habe eigentlich noch gar keine Orientierung. Aber ich schaffe es, stöpsele mein Handy ins Ladegerät und bin Ruck zuck wieder im Bett und eingeschlafen.

Verflixt, was ist denn das schon wieder für ein Gequassel? Ein verschlafener Blick zum Radiowecker sagt mir, dass es erst 6 Uhr am Morgen ist! Im Hintergrund höre ich dann Jim Harper mit seiner Linda plaudern. Dieser lokale Michigan Radiosender ist ja eigentlich ganz nett und die Musik ist auch ok. Nur manchmal, vor allem am frühen Morgen, regen mich diese Sprecher einfach nur auf. Die reden und diskutieren mit ihren konservativen Ansichten, dass einem Europäer die Haare zu Berge stehen. Zu allem Übel lachen die auch noch bei jedem zweiten Satz ganz herzhaft. Wie mich das aufregt! Wenn man, wie ich, nur die Hälfte der ganzen Unterhaltung versteht, ist das schlicht und einfach nervend.

So ein Mist, heute ist Samstag und ich habe doch tatsächlich vergessen den Radiowecker abzuschalten. Wutschnaubend haue ich auf den großen Knopf und mit einem Schlag ist es in meinem Schlafzimmer mucksmäuschen still. Ich mache schnell wieder die Augen zu und versuche einzuschlafen. Fast, ja fast, habe ich es geschafft, da lacht doch diese Linda schon wieder so unsympathisch laut aus meinem Radiowecker. Ich springe mit einem Satz aus dem Bett und schnappe mir das Radio. Nicht um es an die Wand zu werfen, sondern einfach nur um es nun aber richtig abzuschalten.  Ich suche und finde auch gleich den kleinen Knopf, um die 10-minütige-automatische-Weckphase nun endgültig abzuschalten. Schnell, schnell husche ich zurück ins kuschelige Bett und schlafe auch gleich wieder ein.

Ganz weit weg höre ich dann ein Stimmchen rufen „ Mama, Mama...“ der Text passt hervorragend in meinen Traum und ich bewege mich keinen Zentimeter. Erst als etwas ganz sachte an meinem Arm entlang schleicht und mich eine Gänsehaut schüttelt, schrecke ich wie eine Rakete hoch. Da steht der lebende kleine Wecker vor mir und streichelt mit seinem kleinen Händchen meinen Arm. Ich muss gestehen, dass ich diese Berührung nicht genossen habe, sondern es mir im Schlaf eher ein gruseliges Gefühl vermittelte. Ja wirklich, das ist gruselig wenn etwas ganz sacht den Arm rauf und runter rutscht.... grrrrrr. Jill hat noch ganz müde Augen und will eigentlich auch nur in mein Bett kriechen.  Ich bin auch noch viel zu müde und habe überhaupt keine Lust aufzustehen. Schnell schlag ich die Decke zurück und lass die kleine Maus in mein Bett klettern. Glücklich kuschelt sie sich in meinem Arm und dann schlafen wir beide doch tatsächlich noch mal richtig ein.  

Aber schon kurze Zeit später kommt Leben ins Bett. Patrick und Alina sind nämlich auch aufgewacht und sind zu uns ins Bett gekrochen. Nach einer ausgiebigen Kuschelrunde beginnt dann auch gleich die übliche Rangelei. Wer darf wo und wie und wann und warum überhaupt im Bett liegen ? Es folgenden lautstarke Diskussionen welche Füße wen berühren und welche Haare wen kitzeln. Mein Adrenalinspiegel steigt und ich entscheide, dass es an der Zeit ist diese Familienidylle abzubrechen. Wir trödeln nach unten und frühstücken in aller Ruhe. Voller Schreck stelle ich dann fest, dass uns die Zeit davon läuft. Leider muss ich die Bande nun antreiben, denn Jill hat heute bereits um 11 Uhr ihre erste Stunde Musikunterricht im Herbst Semester.
„Ab ins Bad und dann sofort anziehen...“ Ich lege den Feldwebelton an den Tag und  gebe meine Anweisungen. Im Galopp machen wir uns alle vier fertig und schaffen es dann doch tatsächlich kurz vor 11 Uhr abfahrbereit zu sein. Zum Glück ist die Schule ganz in unserer Nähe und in wenigen Minuten mit dem Auto zu erreichen. „Los gehts, alle einsteigen“ . Aber was ist denn nun los? Die Fernbedienung des Autoschlüssels funktioniert nicht. Immer dann wenn es schnell gehen soll, dann streikt diese moderne Technik. Egal, ich schließe mit dem Schlüssel die Türen auf, „Alles einsteigen und anschnallen“. Aber was ist denn das nun wieder? Ich drehe den Schlüssel hin und her und noch einige Mal hin und her. Nichts tut sich..... es bleibt mucksmäuschen still. Das Auto lässt sich nicht starten. Neeeeeiiiiin, bitte nicht !!!

Was soll ich jetzt bloß machen? Wo ist die nächste Autowerkstatt? Gibt es hier eigentlich einen ADAC? Müssen Firmenfahrzeuge in ganz bestimmten Werkstätten repariert werden? Keine Ahnung! So dumm und hilflos hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Vor Rainers Abreise hatten wir alles Mögliche besprochen, aber was im Falle eines Autoproblems zu tun ist, daran hatten wir nicht gedacht. Ich bin so wütend und fühle mich wie Dumm-Frauchen.

Blödes Land.. zuhause in Deutschland wäre das alles kein Thema, da wüsste ich was ich tun muss. Frustriert schicke ich die Kinder zurück ins Haus und entscheide mich –schweren Herzens – meine Hilflosigkeit zuzugeben und mir telefonischen Rat bei meinen Mann zu holen.

Na super, der Herr hat sein Hotel heute schon verlassen und wird angeblich auch erst spät zurück erwartet. Ich könnte ihn an die Wand nageln!. Warum nur musste er mit mir die Autos tauschen, warum hat er mir meinen vertrauten Montana Van weggenommen und mir dafür dieses große Fahrzeug, diesen riesigen Cadillac hingestellt? Typisch Mann ! Damit ich mal zwei Wochen was Anderes fahren kann? Männliche Logik, die für mich keinen Sinn macht. Mir ist es sowieso pieps egal welches Auto ich fahre. Egal ob groß oder klein, ich muss hier eh vorsichtig durch die Straßen schleichen. Ach, wenn ich doch nur wüsste, wo ich ihn erreichen könnte.... ich würde ihn würgen!

Die Stimmung der Kinder ist herrlich! Alle drei sind nun stinksauer und motzig. Der ganze morgendliche Stress war umsonst. Mit der Musikschule wird es heute sicher nichts mehr. Zu allem Übel beginnt Jill nun auch noch mit jammern. Wir könnten uns zu Fuß auf den Weg machen, würden es dann wahrscheinlich schaffen bis zum Ende der Unterrichtsstunde einzutreffen, somit kein Thema. Patrick und Alina verfolgen mich wie kleine Schatten und hören sich meine Schimpfkanonen an. Ich bin so sauer, kann mich nicht beherrschen und tobe vor mich hin. Patrick ergreift Partei und verteidigt seinen Papa, denn „der kann doch nix dafür“. Oh doch.... kann er ... schließlich war es seine Idee, dass ich dieses Auto fahre und nicht das Andere!

Bei uns ist es grade mal Mittagszeit, aber in Deutschland sind wir ja sechs Stunden weiter und dort ist es bereits früher Abend. Nun kommt Strategie Nummer 2 : Patrick ruft mal die Oma an, angeblich um zu hören, ob sie schon gebucht hat und uns bald besuchen kommt. Dabei erfährt er dann auch gleich, dass der Papa schon da war und nun sicher bei seinem Freund Hansi ist. Hah... nun kriegen wir ihn. Ich rufe sofort dort an...  Fehlanzeige.. da ist er nicht. Ich probiere es noch bei einigen anderen Freunden in der gleichen Stadt, aber nirgends ist er zu finden. Ich fühle mich wie die eifersüchtige Ehefrau, die ihrem Mann nachstellt, peinlich.

Frustriert hinterlasse ich überall die Emergency Botschaft „bitte dringend melden“ und gebe die Sucherei auf. Ich möchte aber doch zu gerne wissen, wo sich der Herr Gemahl am frühen Samstagabend herum treibt.  Ja überhaupt, was bildet der sich eigentlich ein? Fährt in aller Seelenruhe, nach Deutschland, und lässt uns hier in diesem Land zurück. Außerdem hält es es wohl nicht mal für nötig sich bei uns zu melden. Ich bin so zornig, so ungerecht und vor allem so stinksauer. Na warte, der kann sich auf was gefasst machen!!!

Aber all meine wütenden Gedanken bringen mir gar nichts. Ich brauche ein Auto und zwar jetzt! Ohne Auto ist man hier in Troy verloren, alles ist weit auseinander gezogen und zu Fuß nur mühsam erreichbar. Fahrradwege gibt es auch kaum, denn die faulen Amis radeln sowieso nur selten. Und die öffentlichen Verkehrsmittel hat man hier schon vor langer, langer Zeit aus  Sympathie zur ansässigen Autoindustrie abgeschafft. Schon komisch, eine Stadt in der keine Busse oder Straßenbahnen lang fahren. Irgendwo muss ich aber doch etwas finden was mir weiterhelfen kann. Also studiere ich mal den Papierkram im Handschuhfach, Da ich aber nichts Wissenswertes entdecke, lege ich den Kram erfolglos zurück.

Normalerweise würde man nun die Nachbarn um Rat fragen. Hahaha, aber nicht hier! Hier haben die Leute am Samstagvormittag alle volles Programm und sind unterwegs. Da werden die Kinder zu Aktivitäten geschleppt, Sport gemacht und vor allem shopping bis zum Abwinken. Aber ... wie ein Blitz kommt mir die Idee.  Ich sollte mal mit Rainers deutschen Kollegen reden, der weiß doch sicher was man mit kaputten Firmenfahrzeugen machen muss. Ich rufe gleich dort an um zu erfahren, dass dieser auch auf Geschäftsreise ist und seine Frau mindestens so ahnungslos ist wie ich. Aber sie meint, ich würde sicher nichts falsch machen, wenn ich den AAA anrufen, das sei der ADAC der Amerikaner.
Ich checke schnell in unseren Papieren ob wir Mitglied bei diesem AAA sind. Nach einiger Sucherei finde ich dann doch tatsächlich einen Schriftwechsel und setze mich mit denen telefonisch in Verbindung.

Ich muss dann aber erfahren, dass ich meine Membership card, also meine Mitgliedskarte, mit entsprechender Nummer benötige. Na toll, die hat Göttergatte in seinem Portemonnaie und das ist nun in Deutschland! In meinem mehr oder weniger schlechten Englisch erkläre ich der netten Stimme meine Situation. Ich glaube sie hat Mitleid mit mir oder sie will mich nur loswerden, denn sie gibt mir eine neue Telefonnummer. Ich wähle und muss mir dann eine lange Nachricht auf dem Band anhören, die mit dem Hinweis endet, dass ich in dies oder jenem Fall diese oder jene Nummer wählen soll. Hahaha... ich verstehe eh nur ‚Bahnhof’ und entscheide mich dann einfach für die Option 5 „road“. Das klingt nach Straße, und kann so falsch nicht sein. Eine weitere nette Stimme verbindet mich dann auch gleich zu einer Werkstatt in der Rochester Road. Wir kommen der Sache näher, denn diesen Straßennamen kenne ich, der ist gleich bei uns um die Ecke.

Se i t e n z a h l :  140
A u t o r I n :  zur Vita von Bettina Gerharz

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