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E x p o s é :

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Der Leser wird mit einem spannenden Kriminalstück konfrontiert, in welchem Hinweise auf das zeitaktuelle Thema der Gier nach Reichtum, Macht und Rohstoffen und damit verbundene Auseinandersetzungen in der Welt reflektieren.
Ein Schrottarbeiter findet eine Waffe und löst damit eine Serie von Verbrechen aus. Der vermeintliche Antagonist wird indes von seiner Ehefrau abgelöst, welche sich durch die Taten ihres Mannes motiviert fühlt, ohne Rücksicht auf ihr nahestehende Verwandte und Mitmenschen aus ihrem bisherigen Lebensrythmus auszubrechen.
Die Protagonisten, der Kriminalpolizist Bernd Kamp und seine Kollegin Birgit Pinz, die sich im Verlaufe der Handlung näher kommen werden, lösen diesen Kriminalfall nach anfänglichen Schwierigkeiten auf, wobei Zufall und Intuition nicht nur wertvolle Helfer sind, sondern auf abseits von detailgetreuer Abbildung der polizeilichen Ermittlungstätigkeit führende Gleise führen, die diesem Stück einen besonderen Charme zu geben verstehen.
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L e s e p r o b e :
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Anfang Oktober 2008
Iris Grün räumte das Geschirr zusammen, reichte ihrem Mann die Brotdose hinüber und stand vom Tisch auf.
Der dann folgende Dialog der Beiden zeigte exemplarisch, in welchem Rest-Zustand sich das vor einundzwanzig Jahren durch standesamtliche Heirat begründete Zusammenleben dieses Ehepaares befand.
„Ich habe heute frei und fahre nach Düsseldorf“, sagte sie.
Horst antwortete: “Wo sollst Du auch sonst hinfahren, als zu Deiner Freundin?“
„Passt Dir das nicht“? fragte Iris genervt.
„Doch, doch“, versuchte er einzulenken, aber Du behauptest immer ich gäbe zuviel Geld aus, mit Alkohol und so, und Du fährst andauernd nach Düsseldorf, wer weiß wohin, das kostet doch auch Geld, oder?“
„Halt Du Dich bloß bedeckt, Du alter Säufer, denke an gestern Abend, was Du da wieder alles in Dich hineingeschüttet hast. Kümmere Dich mal lieber um einen besser bezahlten Job, Du Versager!“
Horst Grün wusste nicht, wer diese Freundin war, ob es sich um eine solche handelte, er selber sprach nur von „der Freundin“, letztendlich hatte sich dieser Begriff sogar im allgemeinen Sprachgebrauch des Ehepaares fest verankert. Horst interessierte überhaupt nicht, wer diese Person in der Landeshauptstadt war, was sie darstellte, was Iris dort so oft hinführte, was seine Frau nach der Rückkehr in die eheliche Wohnung zu erzählen gehabt hätte, und Iris erzählte grundsätzlich kein Wort über ihre Ausflüge.
Horst hatte seit Jahren einen bestimmten Abend aus dem Gedächtnis verbannt, als er stark angetrunken aus einer Gaststätte nach Hause gekommen war und Iris ihm aufgeregt etwas ganz Wichtiges zu erzählen beabsichtigte, er hatte einfach nicht mehr die Kontrolle über sich gehabt, wollte nur noch schlafen, auf keinen Fall zuhören, und zudem ließ er noch verlauten, dass ihn Geschichten über ihm fremde Personen nicht die Bohne interessieren würden.
Horst packte seine Tasche fertig, zog seine Winterjacke über und machte sich ohne einen Abschiedsgruß, gedrückt von schwermütigen Gedanken, auf den Weg zur Arbeit. So ging er durch die mit phantasielos hochgezogenen Wohnhäusern bestückten Straßenschluchten der Stadt, durch welche sich stinkig schleichende Autoschlangen vorarbeiteten. Menschen hetzten an ihm vorbei oder begegnetem ihm. Allen war gemeinsam, dass sie ernst blickten, auf keinen Fall lächelten, nicht selten die Augen auf die Uhr gerichtet hielten. Horst, einer von vielen, verhielt sich nicht anders, er schwamm mit, als Teil einer ahnungslosen Masse, dazu auserkoren, zu funktionieren und konsumieren, die gesellschaftlichen Vorgaben einer von Gier beherrschten sogenannten Führungselite von Leistungsträgern zu erfüllen.
Um kurz vor sieben Uhr erreichte er das Betriebsgelände der Firma Schrott-Harling am Barmer Bahnhof.
Es war kalt, obwohl der Oktober gerade erst begonnen hatte strich eisiger Wind von Osten her durch das Tal. Die Kälte und sein innerer Zustand ließen Horst erschauern. Die Ursache hatte seine Frau vorhin angesprochen: am gestrigen Abend hatte er wieder einmal zuviel getrunken, Schnaps und Bier, mitten in der Woche. Er vertrug diese Alkohol-Mischung nicht, konnte aber nicht davon ablassen, Iris schimpfte ihn seit Jahren Alkoholiker, vielleicht ja zu Recht, sagte er sich gelegentlich, so auch heute Morgen.
Die Grundlage für diese Krankheit war bereits in seiner Kindheit gelegt worden.
Die Eltern von Horst waren streng gewesen, der Vater hatte den Sohn geprügelt, Alkohol den Ablauf der Freizeitgestaltung in der kleinbürgerlichen Familie bestimmt.
Kurz nachdem Horst im Jahre 1987 geheiratet hatte, ein Jahr zuvor hatte er mit einer anderen Frau den unehelichen Sohn Max gezeugt, welcher sofort in eine Pflegefamilie gegeben worden war, die Ehe mit Iris indess blieb gewollt kinderlos, hatte sein Vater im Vollrausch die Kontrolle über sein Kraftfahrzeug verloren, einen Allee-Baum gerammt und war nach kurzem Krankenhausaufenthalt gestorben. Die Mutter verschied ganz plötzlich, fast auf den Tag genau, ein Jahr später, vermutlich aus Gram.
Die bereits seit Kindheitstagen bestehende Labilität des Horst Grün und vielleicht auch ererbte Gene seines Vaters, hatten bereits in jungen Jahren dazu geführt, dass auch er dem Alkohol zuzusprechen begann, einen Verbündeten in ihm zu erkennen meinte, der bestehende Defizite im sozialen Verhalten und Erleben zumindest für einige Stunden am Tag aus dem Weg zu räumen vermochte.
Einen großen Schicksalsschlag, und damit eine Verschärfung seines Krankheitsbildes, hatte Horst Grün jedoch im Jahre 2007 ereilt, als sein als Bundeswehrsoldat in Afghanistan eingesetzter Sohn an den Folgen eines Anschlages getötet worden war. Ein Talibankämpfer hatte sich direkt neben ihm, als er auf einem belebten Markt in Kundus aus einem Patrouillenfahrzeug ausgestiegen war, in die Luft gesprengt. Max Grün, gerade mal einundzwanzig Jahre alt, war auf der Stelle tot, und so sah es der einfache Arbeiter Horst Grün, sein einziges Kind wurde am Hindukusch zerfetzt, nicht um seine Heimat zu verteidigen, wie es unsere Politiker der deutschen Bevölkerung aufoktroyieren wollen, sondern in einem völlig aussichtslosen Krieg, geführt gegen eine abgrundtief andersartige Kultur, alleine um gierig aggressive amerikanische Machtpolitik zu unterstützen.
Horst Grün interessierte sich nicht sonderlich für Politik, er hatte auch keine Vorbehalte gegenüber der amerikanischen Bevölkerung und ihm war durchaus bewusst, dass die Flugzeugattentate vom 11. September kriminelle Angriffe auf unschuldige Zivilisten darstellten, wobei er persönlich eher einer Verschwörungstheorie anhing. Aber ihm waren doch einige politische Zusammenhänge bekannt, die er sich, leider nur während einer zeitweisen Aussparung jeglichen Alkoholgenusses in den Wochen nach dem schrecklichen Tod seines Sohnes vergegenwärtigt hatte, nämlich dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Zentralasien ein Vakuum verblieben war. Und dieses Gebiet beherbergt die zweitgrößten nachgewiesenen Vorkommen an Erdöl und Erdgas weltweit. Die Region um das kaspische Meer, soweit hatte sich Horst informiert, zu der Afghanistan einen strategischen Zugang eröffnet, enthält schätzungsweise 270 Milliarden Barrel Öl, was rund 20 Prozent der weltweit bekannten Reserven entspricht. Außerdem lagern dort etwa ein Achtel der weltweiten Erdgasvorkommen.
Für Horst Grün gab es nur zwei Schlussfolgerungen: entweder kam der Anschlag vom 11. September 2001 gerade richtig, und damit hatte die amerikanische Administration einen Vorwand zur Landung in Afghanistan, oder es musste zwangsläufig ein wie ein Angriff auf Amerika aussehendes Drama passieren, damit dann der Freibrief für verschiedene völkerrechtswidrige Aktivitäten, so der beginnende Krieg in Afghanistan oder der später erfolgte Überfall auf den Irak, ausgestellt war.
In der Gedankenwelt des Horst Grün tauchte gelegentlich die Frage auf, ob man nur als Arbeiter und zudem Alkoholiker zu der Einsicht gelangen konnte, dass es ein gottloses Unterfangen sei, der Habsucht nach Rohstoffen nachzugeben, deswegen Krieg zu führen, wobei am Ende nur das herauskommt, was heute Realität ist, unschuldige Menschen sterben en masse, ethisch völlig verwerflich spricht man heute bei irrtümlich getöteten Zivilisten von Kollateralschäden, zudem fallen im Sog der durch die Rüstungsindustrie geförderten Machtpolitik unsere eigenen Soldaten, von der Obrigkeit getäuscht und missbraucht wie seit Jahrhunderten, stets mit der Zusage verführt, sie kämpften für eine gerechte Sache, so wie der geliebte Sohn Max.
Fahrig wischte sich Horst Grün die Haare aus dem Gesicht, rückte sein Käppi in den Nacken und betrat die erste Stufe zu einem Portalkran, seinem Arbeitsplatz, kletterte mit klammen Fingern die kalten Eisenstangen hoch, die ihn auf ein winziges Podest führten, von welchem er das Häuschen erreichte, in dem er sich nun die nächsten Stunden aufhalten sollte. Seine Tätigkeit, das Sortieren und Einladen von Schrott in die auf den Gleisen aneinandergereihten leeren Bahnwaggons, bereitete ihm nicht gerade großes Vergnügen. Aber die Arbeit musste ja gemacht werden und das Wichtigste war, diese Tätigkeit verschaffte ihm und seiner Frau das notwendige Geld zum Überleben, zu mehr reichte es nicht.
Auch wenn Iris als Floristin im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung, heute auf Neudeutsch Minijob genannt, wobei der umschreibende Begriff „soziale Ausbeutung durch minderwertige Arbeitsverhältnisse bei gleichzeitig vorprogrammierter Altersarmut“ viel ehrlicher wäre, noch etwas zum Lebensunterhalt hinzuverdiente, immer fehlte es an allen Ecken und Kanten. Streit prägte das Familienleben, oftmals ging es um Geld, nicht selten um die Trunksucht von Horst, so wie heute beim Frühstück. Dabei fielen auf beiden Seiten verletzende Worte, gegenseitige Achtung bestand einfach nicht mehr.
Der Rest des ehelichen Zusammenlebens zeichnete sich durch stetig ansteigende Stille, ein gegenseitiges Anschweigen, aus.
Oftmals hatte Horst das unbestimmte Gefühl, seine Frau habe mehr Geld, als sie vorgäbe. Erklären konnte er sich das nicht.
An diesem Oktobertag, als der unrasierte und heute ganz besonders ungepflegt aussehende Horst Grün dort oben, trotz einer vorhandenen Elektroheizung, fröstelnd in seinem Glaskasten saß und die Hebel bewegte, erinnerte er sich gerne an die sieben harten Jahre von 1989 bis 1996 auf dem Fischtrawler „Maria“. Die Arbeit damals war unsäglich schwer gewesen, oft genug lebensgefährlich, aber am Monatsersten stimmte immer die Kasse. Er hatte sich damals, obwohl verheiratet, frei und unabhängig gefühlt, es waren die schönsten Jahre seines Arbeitslebens gewesen.
Horst spürte das leichte Zittern in seinen Händen. Wenn er doch nur ein Bier trinken dürfte!
Durch eine Glasscheibe, die ihm einen Überblick des direkt unter dem Führerhaus liegenden Bereiches ermöglichte, sah er unten einen größeren kastenförmigen Behälter stehen, den er mit dem Greifarm des Kranes in einen Waggon zu heben beabsichtigte. Scheint aus Aluminium zu sein, so jedenfalls taxierte Grün dieses Eisenteil. Er steuerte die von ihm gesteuerte Eisenkralle über den rechten Rand des Kastens. Doch was lag dort? So ganz traute er seinen noch teilweise glasigen Augen nicht, doch das schwarze Metallstück hob sich auf dem hellen Aluminiumgrund mit klaren Konturen ab. Es sah aus wie eine Pistole.
Schnell öffnete Grün seinen Verschlag und stieg die Stufen seines Kranes herab und stellte mit einem Blick fest, dass es sich tatsächlich um eine Waffe handelte. Horst Grün kannte sich mit Waffen aller Art aus, er identifizierte eine Walther P99, 9mm Parabellum.
Vorsichtig blickte er sich um, fühlte sich unbeobachtet. Aus seiner Hosentasche zog er einen größeren, leicht ölverschmierten Lappen heraus, den er bei seiner Arbeit immer bei sich trug, bückte sich und wickelte das Fundstück sorgsam ein. Sein Herz schlug ihm, der sich auch sonst ängstlich und fast feige verhielt, bis zum Halse. Seine Finger zitterten noch mehr, als soeben noch oben im Kranhäuschen. Anschließend stieg er behutsam mit seiner Beute wieder hinauf, zurück an seinen Arbeitsplatz, nicht ohne die Pistole in die Vordertasche seiner blauen Latzhose gesteckt zu haben. Oben angekommen bemühte er sich, ruhig weiterzuarbeiten. Nur nicht auffallen, dachte er bei sich.
Der Besitz der Waffe gab Horst im Laufe des Tages, ohne dass er ein konkretes Vorhaben plante, ein immer stärker werdendes Gefühl der Sicherheit, ja der Überlegenheit. Mit diesem Stück Metall konnte man sich stark fühlen, konnte man sogar selbstsicherer auftreten, wird es keine Feinde mehr geben, standen ihm Möglichkeiten offen - wenn auch welche?
Horst Grün ahnte nicht, welche Auswirkungen dieser Fund auf seinen weiteren Lebensweg einmal für ihn haben würde.
Zu Hause angekommen, versteckte er die gefundene Waffe, eingewickelt in eine Plastiktüte, in seinem Nachtschrank, einem Aufbewahrungsort, von dem er naiverweise glaubte, dass Iris alleine schon aus der im Laufe der Jahre geschwundenen liebevollen Fürsorge und dem ihm nun täglich vorgelebten Desinteresse an seiner Person niemals auf die Idee kommen würde, diesen ihm persönlich zustehenden Lebensbereich anzutasten.
Es sollte sich als tragischer Irrtum herausstellen.
Als Iris kurz nach den Tagesthemen mit dem silbernen Volkswagen, dessen Benutzung sich die beiden Eheleute die Woche über teilten, aus Düsseldorf zurückgekehrt war, saßen sie noch eine kleine Weile schweigend zusammen.
Wie selbstverständlich in einer so vollkommen zerrütteten Ehe erzählte Horst nichts von seinem Fund.
Er spielte in seinen Gedanken verschiedene Möglichkeiten durch, das gefundene Mordwerkzeug aus seiner Sicht heraus sinnvoll einzusetzen. Alleine, dass er solche Gedanken hegte, war nicht gut, sie setzten sich in seinem Gehirn fest, schliffen sich wie Rillen in eine Schallplatte ein, immer wieder abspielbar, sich der möglicherweise tödlichen Konsequenz wohl bewusst, aber ohne sie konkret einzuplanen. Aus diesem Gedankenkreislauf sollte er nicht mehr entkommen, das Schimpfwort Versager, so seine Idee, wird demnächst der Vergangenheit angehören, eine männliche Tat sein Selbstbewusstsein aufwerten.
Ein plötzlicher Geistesblitz speiste die Vision eines Banküberfalles in das Bewusstsein ein, der sich immer häufiger wie ein sonnendurchflutetes Erkenntnispotenzial aufdrängte, wohlig begehrliche Gefühle des Reichwerdens in Horst erweckte, Loslösung von bestehenden Schulden, eine unbeschwerte Zukunft erahnen ließ und, das war durchaus positiv, in ihm sowohl eine grundlegende, verbesserte Neuauflage seiner ehelichen Beziehung zu Iris als auch die Sehnsucht nach Heilung von seiner Trunksucht erweckte.
Wortlos ging das Paar zu Bett, das Schweigen lag wie ein donnerndes Gewitter über den Beiden.
Es gibt Zufälle im Leben, die manchmal unglaublich sind, selbst wenn es sich um eine Banalität handeln mag.
Am nächsten Tag hatte Iris Grün frei, sie beschloss, die Wohnung zu säubern.
Die Hausfrau nahm ihre Aufgabe ernst, ihr Mann sprach gelegentlich von einem gewissen Putzfimmel, nicht wissend, dass auch eine solche Erscheinung ihren Ursprung in, durchaus als Krankheit zu sehen, seelischen Veränderungen ihren Ursprung zu finden vermag, und es kam, wie es kommen musste. Die Tür zum Nachtschrank des Gatten wurde geöffnet, nicht um zu spionieren, ob darin geheime Dinge, wie zum Beispiel das Foto einer geheimen Geliebten, was sich Iris natürlich überhaupt nicht vorstellen konnte, zu finden wären, sondern alleine um den vorne gelegenen Rand der Bodenplatte mit einem kühnen Wisch vom eventuell vorhandenen Schmutz zu befreien.
Eine Plastiktüte lag im Nachttisch.
Man kann davon ausgehen, dass Iris hoffte, darin keine schmutzige Wäsche zu finden, warf sie ihm doch oft genug, zusätzlich zu seinem Dasein als Trunkenbold und Versager, Faulheit vor, die eben auch darin bestehen konnte, getragene Unterkleidung nicht in den dafür vorgesehenen Behälter im Badezimmer zu tragen, sondern vorerst in einer Tüte zu sammeln.
Als Iris die Tüte ausgepackt hatte, war sie offensichtlich schockiert. Ihr Mann besaß eine Pistole?
Sie murmelte vor sich hin: „Mein Gefühl sagt mir, dass diese Waffe echt ist.“
Eine kurze Zeit blickte sie auf den Fund, legte ihn dann wieder zurück und ordnete alles so, als ob sie das Möbelstück mit dem erstaunlichen Inhalt nicht berührt hätte.
Am Abend suchte Iris das Gespräch mit Horst. Der war zwar überrascht über den moderaten Ton seiner Frau, gab sich aber gut gelaunt.
„Hast Du Dir mal Gedanken gemacht, wie wir unsere finanzielle Situation aufbessern könnten?“ fragte sie mit breitem Lächeln.
„Wie kommst Du darauf?“ grinste er zurück.
„Na ja, Du weißt ja, dass unser Konto ständig überzogen ist, der Fernseher und das Auto sind nicht bezahlt, und das, was wir beide zusammen verdienen, reicht eben nicht.“
Horst überlegte einen kleinen Moment und sagte:“ Du wirst es kaum glauben, aber darüber mache ich mir zur Zeit so meine Gedanken, ich verspreche Dir, eine Lösung zu finden. Vielleicht gibt es da eine Möglichkeit, mal sehen.“
„An was denkst Du?“ fragte Iris forschend, und schob nach: „Ich hoffe nur, Du unternimmst mal etwas, zeigst endlich, was ein Mann ist, bringst Kohle nach Hause. Aber wie ich Dich kenne, kommt bei Deinen Vorhaben doch nur Blödsinn raus.“
„Auch wenn in Deinen Augen alles Blödsinn ist, was ich mache, so überlass das mir nur.“
Weil Horst bei dem von Iris getätigten Vorwurf naturgemäß missgestimmt reagiert und er zudem noch unmittelbar nach diesen Worten eine Bierflasche an den Mund gesetzt hatte, verfiel Iris in das bisherige Muster ehelicher Konfliktlösung und bemerkte: „Ja, ich sehe schon, welche Gedanken Du Dir machst. Wenn Du weniger trinken würdest, dann ginge es uns schon bedeutend besser.“
„Nun reicht es, Du wirst schon sehen!“ Wütend stand Horst auf und verließ das Wohnzimmer, um sich mit dem Sportteil der Tageszeitung und seinem geliebten Bier an den Küchentisch zurückzuziehen. Doch er konnte sich nicht konzentrieren. Angestachelt durch das soeben geführte Gespräch, nicht merkend, dass er mehr oder weniger direkt dazu herausgefordert worden war, die triste finanzielle Situation zu verbessern, versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Und so setzte sich in ihm die Erkenntnis durch, nicht unbedingt durch verstärkte berufliche Anstrengungen, sondern alleine durch die ihm per Zufall in den Schoß gefallene Möglichkeit, mittels Gewaltandrohung, unterstützt durch das Vorzeigen des entsprechenden Drohmittels, innerhalb von wenigen Minuten auf leichte Art und Weise zu Geld kommen zu können. Seine Gedanken kreisten zunehmend um das versteckte Fundstück in seinem Nachtschrank, um das Objekt zur Durchsetzung und Befriedigung einer weiteren Sucht, der Gier nach Reichtum, um die Möglichkeit, mit wenig Aufwand alle Probleme innerhalb kürzester Zeit quasi wegwischen zu können. Die Idee, seine Frau habe die Pistole entdeckt, verdrängte er sofort, bestärkte sich selbst durch das scheinbar logische Argument, sie hätte ihn dann direkt mit einer entsprechenden Frage regelrecht überfallen, ihn zur Rede gestellt, zur Rechtfertigung nahezu gezwungen.
Derweilen saß Iris vergnügt lächelnd vor dem Fernseher, es sah fast so aus, als ob das soeben geführte Gespräch genau nach ihrer Vorstellung abgelaufen sei.
Trug sie ebenfalls den Bazillus der Gier in sich?
Mitte Oktober 2008
Vierzehn Tage später, an einem Dienstag, fuhr Horst Grün mit dem ehelichen Auto durch Hagen. Er hatte gegen Mittag auf der Arbeit stechende Kopfschmerzen vorgetäuscht. Sein Chef hatte ein Einsehen und beurlaubte ihn für den Rest des Tages.
Horst war völlig unvorbereitet für eine Straftat, sein Leichtsinn war so riesig, dass er den ehelichen Personenkraftwagen zur Tat gebrauchte, lediglich einen schwarzen Schal zur Tarnung des eigenen Gesichtes und die Plastiktüte samt der Pistole mit sich führend. Er hatte zwei Flaschen Bier getrunken und fühlte sich vollkommen ruhig und überlegen.
Sein Entschluss war in der vergangenen schlaflosen Nacht gefallen, zu sehr hatte er sich in den letzten Tagen in das Thema hineingesteigert, viel zu viel sich mit der einfachen Möglichkeit des plötzlichen Reichtums befasst, dem Loswerden aller materiellen Sorgen, sämtliche Einwände einer dennoch vorhandenen inneren Stimme zurückweisend, die gesamte Lebenserfahrung und im Laufe von Jahrzehnten erworbene Vernunft ignorierend.
Horst redete sich inzwischen selber ein, dass ursächlich für das kurz bevorstehende Geschehen weniger der Fund der Pistole, sondern eher das beständige Reden seiner Frau von durchzuführenden, notwendigen Veränderungen der materiellen Lebenssituation sei, ja, Iris trieb ihn dazu an, Heldentum und Männlichkeit bei der Problemlösung an den Tag zu legen.
Dann erblickte er ein kleines flaches Gebäude, versehen mit einem markanten Werbezeichen, davor ein leerer Parkplatz.
Horst erreichte gegen sechzehn Uhr die eheliche Wohnung.
Er blickte müde drein, murmelte etwas von der vielen Arbeit, und, es ließ sich einfach nicht verheimlichen, er roch bereits nach Alkohol, ein alarmierendes Zeichen, denn während oder kurz nach seiner Tätigkeit auf dem Schrottplatz hatte er, bisher jedenfalls, noch nie getrunken.
Wer Horst kannte, musste mit einem Blick davon Kenntnis nehmen, dass hier ein psychisch völlig geschaffter Mensch nach Hause gekommen war.
„Ist heute etwas schiefgelaufen?“ fragte Iris, blickte auf die Plastiktüte in der Hand ihres Mannes und dann wieder in sein Gesicht.
Ratlos blickte Horst sie an und antwortete:“ Manchmal glaube ich selber, ich bin ein Versager.“
Seine Frau blickte ihn spöttisch an und konterte:“ Das kann ich Dir bestätigen, Du säufst einfach zuviel, da bringt man nichts mehr.“ Bei diesen Worten drehte sie sich abrupt um und ging in das Wohnzimmer. Horst blieb wie ein begossener Pudel im Flur stehen, er hatte auch nicht bemerkt, dass Iris offensichtlich einen Friseur aufgesucht zu haben, sie geschminkt zu sein schien, sie obendrein von Kopf bis Fuß neu eingekleidet einen äußerst aparten Eindruck zu hinterlassen gehofft hatte. War diese Wandlung im Äußeren für ihn bestimmt? Horst hätte hier eine Erklärung einfordern sollen. Das Wesentlichste wäre aber auch die bescheidene Frage gewesen, woher um Gottes Willen Iris das Geld gehabt hätte, um diese wundersame Veränderung herbeizuführen, wobei die ehrliche Beantwortung dieser Erkundigung mit Sicherheit auf der Strecke geblieben wäre.
Am nächsten Morgen studierte Horst, wie es sonst auch immer seiner sonstigen Gepflogenheit entsprach, sehr aufmerksam das Zeitgeschehen in der Zeitung. Iris beobachtete, für den Betrachter klar ersichtlich, interessiert das Geschehen und nachdem Horst zur Arbeit aufgebrochen war, blätterte sie ihrerseits die Zeitung durch, entdeckte den Artikel über einen fehlgeschlagenen Bankraub in Hagen. Dort konnte der Leser erfahren, dass der dilettantische Bankräuber, bekleidet mit einer blauen Latzhose und einem schwarzen Käppi auf dem Kopf, keine Chance gehabt hätte und unverrichteter Dinge wieder abgezogen sei. Die Polizei suche nunmehr nach einem silberfarbenen Kraftfahrzeug, mit dem der Räuber offensichtlich die Flucht ergriffen hätte.
Die Bilder der veralteten und nicht gewarteten Überwachungskamera wären für eine Identifikation völlig unbrauchbar.
Was muss in Iris vorgegangen sein, als sie diese Nachricht gelesen hatte? Es muss ihr doch mit einem Schlag klar gewesen sein, wer diesen Überfall verübt hatte.
An diesem Tag fuhr sie nach ihrer Arbeit im Blumenladen zu ihrer Freundin. Offensichtlich gab es dort einiges zu besprechen.
Mitte November 2008
Das grundlegende Verhalten von Horst hatte sich nicht geändert, eher war der Konsum von Alkohol angewachsen, sein Selbstbild war um einiges mehr getrübt, auf der anderen Seite, und das wusste er nur selber, schwoll der Wunsch nach Veränderung der Lebenssituation, nach Verbesserung der Daseinslage immer mehr an, leider noch mit dem Gedanken gepaart, diesen Umbau der Verhältnisse nur mittels eines Überfalles bewirken zu können.
Seine Frau hatte ihn noch einmal angesprochen, wie er sich entschieden hätte, wann er endlich etwas unternehmen wolle, sogar die Drohung mit der Scheidung war gefallen.
Horst war kein gefühlloser Mensch, im Gegenteil, er war im Grunde seines Herzens weich, schwach, er konnte sehr liebevoll mit Kindern umgehen und auch für seine Iris hegte er noch stets eine mehr als große Zuneigung, die durchaus als starke Liebe zu charakterisieren war. Andererseits war bei ihm, wie bei vielen Männern, im Laufe der Jahre durch den harten Lebenskampf ein innerer Schutzschirm gewachsen, der es zunehmend verstand, Emotionen aller Art abzublocken, der das Gegenüber glauben machen musste, dieser Mensch sei zu Empfindungen nicht mehr fähig, er sei lieblos, kalt und undurchschaubar.
Horst ahnte im Grunde seines Herzens, zumal ja nun auch die Rede von Trennung aufgekommen war, dass er nicht mehr viel Zeit hätte, sein Leben umzukrempeln, er verkannte aber, begünstigt durch die Aufforderungen seiner Frau, die kommerziellen Gegebenheiten zu verändern, dass er als Erstes auf dem Weg in eine glücklichere Zukunft die Heilung von seiner Suchtkrankheit mit der höchstmöglichen Priorität hätte betreiben müssen.
Horst verstand bei all diesen Reden seiner Frau einen Hinweis nicht, nämlich er solle doch bei seinen beruflichen Vorhaben nicht unbedingt das Familienauto verwenden, das sei unter Umständen gefährlich, er möge doch an seine Familie denken, berücksichtigen, dass man sowohl zu Fuß besonders aber auch mit einem Fahrrad sehr beweglich sein könnte, vielleicht, dass er etwas Phantasie bei seinen vielfältigen Bestrebungen aufwenden solle; er fühlte sich einfach unter Druck gesetzt, so dass er einen verhängnisvollen Entschluss fasste, und dabei fand nun doch die, vielleicht aus dem Unterbewusstsein hervorbrechende Erkenntnis des von Iris getätigten Fingerzeiges Beachtung, nämlich zumindest das Kennzeichen des Familienautos zu manipulieren.
20. November 2008
Typisch für die kalte Jahreszeit, der Himmel war mit einer durchgehenden grauen Wolkendecke überzogen, Sonnenschein laut Auskunft der Wettervorhersage des Westdeutschen Rundfunks nicht zu erwarten.
Bernd Kamp besaß eine kleine Wohnung in einem Eckhaus, in welchem bereits vor vielen Jahren über einige Zeit hinweg der ehemalige Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und spätere Bundespräsident, Johannes Rau, gewohnt hatte, gelegen an der Ferdinand-Thun-Straße und Heinrich-Janssen-Straße in dem Wuppertaler Stadtteil Barmen, ein kleines Refugium, welches er vornehmlich in der Woche nach getaner Arbeit bewohnte, hingegen er an den freien Wochenenden meistens nach Hause zu fahren pflegte, zu seiner früh verwitweten Mutter, die in Habernis, einem Ortsteil von Steinbergkirche, nahe der Geltinger Bucht an der Flensburger Förde gelegen, eine alte Fischerkate bewohnte.
Während Kamp somit des Öfteren im Laufe des Jahres in seine Heimat an der Küste fuhr, nicht nur um seine alte Heimat zu besuchen, sondern um bei ausgedehnten Spaziergängen am Ufersaum sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, so konnte seine Wuppertaler Wohnung einen Vorteil verbuchen, nämlich in unmittelbarer Nähe, nur knapp einhundert Meter entfernt, lag einer der zahlreichen Eingänge zu einem wunderschönen Park, der kunstvoll in den ansteigenden Südhang des Wupper-Tales eingebettet war, versehen mit vielen Wegen, geschmückt mit verschiedenen Teichen, während diese untereinander mit liebevoll angelegten Wasserläufen verbunden waren, und der sich nahtlos in den weiter oberhalb gelegenen Barmer Wald hineinstreckte.
Hier konnte Kamp vom Frühjahr bis in den Winter hinein in der Frühe seine ausgedehnten Joggingtouren unternehmen, die ihm ebenso wie die heimatlichen Wanderungen dazu dienten, für seinen Job geistig und körperlich fit zu bleiben, er war Kriminalpolizist.
Am heutigen Donnerstag war ihm das Aufstehen etwas schwerer als sonst gefallen, so dass er ausnahmsweise von seiner sportlichen Betätigung abgesehen hatte, er plante, stattdessen am späten Nachmittag das Sportstudio aufzusuchen.
Kurz vor acht Uhr hatte der Junggeselle seine Wohnung verlassen und war, das hatte sich im Laufe der Jahre so eingespielt, in das nur wenige Autominuten entfernte Zentrum von Barmen gefahren. Dort suchte er eine kleine Gaststätte auf, die bereits am Morgen geöffnet hatte und ein im Preis-Leistungsverhältnis ordentliches Frühstück anbot.
Gewöhnlich nahm er dort einen Fensterplatz ein und verfügte so über einen wunderbaren Blick auf den Alten Markt, eines der vielen Verkehrszentren der Stadt Wuppertal, er konnte bis zu dem altehrwürdigen roten Sandsteingebäude der Commerzbank hinüberschauen, zum Schwebebahnhof, der in kurzen Abständen von jeweils nach Osten oder Westen fahrenden Zügen angefahren wurde, er sah die Eingänge zu den Fußgängertunneln, die von hastenden Menschen frequentiert wurden, das Gebäude, in dem lange Jahre das Warenhaus Kaufhof untergebracht war, die langen Autoschlangen, die sich an den zahlreichen Ampeln der Kreuzung stauten und ihre blauen Gas-Wölkchen ausstießen, um dann mit rasch steigender Geschwindigkeit dem Einzugsbereich der von rot über gelb auf grün umgeschalteten Lichtzeichenanlagen zu entkommen, er sah das Geländer, welches den Trottoir von dem tiefer unter ihm verlaufenden Fluss Wupper schützend abteilte.
Hier fühlte Kamp sich wohl, wenn er sich in Wuppertal aufhielt, das war seine kleine Welt, hier hörte er die ersten Nachrichten aus den Boxen des ständig laufenden Radiogerätes, fand ein wenig Nestwärme in Person der stets freundlichen Wirtin Gisela, die ihm gelegentlich auch so manche im Laufe ihres Arbeitstages aufgeschnappte Bemerkung vielleicht nicht immer ganz seriöser Gäste wiedergeben konnte, selbstverständlich ohne Namen zu nennen, war sie doch als verschwiegen bekannt und geachtet, konnte man sich stets bei ihr aussprechen, und hatte noch niemals einer der Gäste das Gefühl oder gar den Verdacht gehabt, der plötzliche Besuch der Polizei in der eigenen Wohnung sei mit dem bereits einige Zeit zurückliegenden Aufsuchen von Giselas Gaststätte in Verbindung zu bringen.
Der fünfunddreißigjährige Polizeibeamte, Sohn des bereits vor Jahren verstorbenen Fischers Adolf Kamp und seiner Frau Liesa, genoss das Flair dieses Milieus, entsprach es doch den heimischen Wurzeln, nämlich eines einfachen Menschen, der hart arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen, genauso wie es sein Vater die ganzen Jahre mit der vom Großvater übernommenen Existenz hatte durchführen müssen.
Als Bundeswehrsoldat hatte Kamp Glück gehabt, er brauchte seine Heimat nicht verlassen, denn er kam nach seiner Einberufung zuerst an die Marinewaffenschule in Ellenberg bei Kappeln und nach einer entsprechenden Weiterverpflichtung für seine restliche Dienstzeit von insgesamt zwei Jahren auf eines der in Flensburg beheimateten Schnellboote, eine Zeit, die er durchaus nicht missen wollte, die wunderschöne Erlebnisse in seinem Gedächtnis hinterlassen hatte, bevor es zur Polizeischule nach Münster ging.
Kriminaloberkommissar Kamp wurde um acht Uhr sechsundvierzig auf seinem Handy angerufen. Er solle sich direkt zur Hauptstelle der Rheinischen Bank AG in der Strasse Islandufer begeben. Dort seien zwei Geldboten überfallen worden.
Kamp befand sich gerade auf dem Weg zu seinem Wagen. Schnell lief er die letzten Meter, öffnete mit der Fernbedienung das Fahrzeug, stieg ein und startete den Motor. Er schob das Blaulicht durch das Seitenfenster auf das Wagendach, schaltete die Sirene ein und gab Gas. Wie immer bei solchen Fahrten ging ihm alles Mögliche durch den Kopf. Das machte gerade das Interessante an seinem Beruf aus: plötzlich mit völlig neuen Situationen konfrontiert zu werden, gelegentlich in gefährliche Situationen zu geraten, in welchen man sich zwingen muss, kühlen Verstandes zu bleiben, angelerntes Wissen und Erfahrung innerhalb kürzester Zeit auf einen Nenner zu bringen, menschliches Leid in allen seinen Facetten zu erleben, aber auch mit der Einsicht zu leben, dass es Abläufe von Geschehnissen gibt, die man nur mit ohnmächtiger Hilflosigkeit zur Kenntnis nehmen kann.
Nach schnellstmöglicher Fahrt über die Strassen der Talsohle der Stadt erreichte er den Tatort. Es handelte sich um einen kleinen Hof, mit einer zum Gebäude hin abschüssig gepflasterten Fläche, ein Geviert, das nicht einmal durch ein Absperrtor von der Strasse her gesichert werden konnte, und von dem man aus durch eine Stahltür in das Kellergeschoss des Bankgebäudes gelangen konnte. Nirgendwo gab es hier unten ein Fenster, nicht einmal ein Guckloch in der Tür. Kamp erkannte mit einem Blick, dass, wer hier eine Straftat ausführen wolle, nahezu ideale Bedingungen vorfände, da dieser Geländeteil des Bankhauses von Zeugen, ausgenommen, diese hätten sich gerade innerhalb der höchstens drei Meter breiten Einfahrt aufgehalten, nicht einsehbar war.
Im Hof stand rückwärts eingeparkt ein Fahrzeug der Firma „Safe-Transport GmbH“ mit der weiteren Aufschrift „Wagen 1354“. Die Türen des Geldautos waren geschlossen.
Daneben, auf den Pflastersteinen lagen zwei Männer.
Einer der beiden war vollkommen unter einer Wolldecke verborgen, der zweite hatte die stabile Seitenlage inne und war, soweit es die Umstände zugelassen hatten, immerhin notdürftig mit einer Folie gegen die Kälte abgeschirmt worden.
Kamp hatte sein Auto an der Strasse abgestellt. Da er unterwegs über Funk keine weiteren Informationen erhalten hatte, suchte er mit seinen Blicken eine Ansprech-Person und fand diese in seiner bereits vor Ort tätig gewordenen Kollegin Pinz.
„Hallo Birgit, wie ist der Sachstand?“
„Überfall auf die Geldtransporteure, ein Toter, vermutlich glatter Herzschuss und ein Verletzter durch Schuss in den Oberschenkel. Als ich ankam, waren bereits die Kollegen von der Streife anwesend, drei Wagen fahren gerade die Gegend ab, ob etwas Verdächtiges zu sehen ist. Die Spurensicherung ist unterwegs, Staatsanwaltschaft ist benachrichtigt. Dem Verletzten haben wir einen Notverband angelegt, der ist aber nicht ansprechbar.“
Sie fügte hinzu: „Ach ja, der Notarztwagen ist längst überfällig, aber da ist ein großer Verkehrsunfall am Sonnborner Kreuz.“
„Das sieht ja nach Profiarbeit aus,“ sagte Kamp doppelsinnig zu seiner Kollegin und fuhr fort: „mach doch bitte schnell ein paar Fotos, bevor die Hektik erst richtig losgeht.“
„Hab ich doch schon erledigt, kennst mich doch,“ grinste sie freundlich zurück.
In diesem Augenblick erreichte der Rettungswagen den Tatort und stoppte vor dem Hof des Geldhauses. Die Sanitäter kümmerten sich umgehend um den ohnmächtigen Wachmann, während der Arzt sich über den toten Begleiter beugte, dann zu Kamp aufblickte, den er gut kannte, und kaum merklich den Kopf schüttelte. Dann erhob er sich und versorgte den Angeschossenen, indem er ihm eine Spritze verabreichte und eine Infusion vorbereitete. Es dauerte nur wenige Minuten, dann hoben Kamp, der Notarzt und die beiden Rettungssanitäter den Bewußtlosen auf die Trage.
Birgit Pinz hatte sich inzwischen Kreide aus ihrem Dienstfahrzeug geholt, um vor dem Eintreffen der Fachleute für Spurensicherung wichtige Punkte zu kennzeichnen.
Zwei Männer in dunklen Anzügen, vermutlich verantwortliche Mitarbeiter aus dem Bankhaus, kamen in den Hof gelaufen und blieben dort ratlos stehen.
Kamp sprach Birgit Pinz an: „Wir wollen doch nicht, dass Spuren verwischt werden, oder?“
Pinz verstand und forderte die Hinzugetretenen auf, den Hof zu verlassen und auf dem Gehweg an der Strasse zu warten, was die beiden dann auch widerwillig taten.
In der Tür, die vom Hof in das Bankgebäude führte, stand ein sichtlich geschockter Mann. Kreideweiß im Gesicht, schaute er unentwegt auf den verdeckt daliegenden Toten.
Kamp sprach den Angestellten, so vermutete er auf Grund der Tatsache, dass dieser trotz der Kälte keine Jacke trug, an.
„Kriminalpolizei, mein Name ist Kamp, wer sind Sie?“
„Armin Kötter, ich bin hier Geldzähler.“
Kamp ging an ihm vorbei und betrat einen gefliesten Raum, voll von Kartons angelieferten Büromaterials, Reinigungswerkzeugen aller Art, Autoreifen und diversen Getränkekisten.
Kötter folgte ihm.
„Nun setzen Sie sich erst einmal und holen tief Luft,“ sagte Kamp und fuhr direkt fort, „erzählen Sie mir bitte, was Sie gesehen haben.“
„Das war nicht viel. Ich wartete auf die Beiden, sie waren von der Zeit her überfällig. Als ich die Tür zum Hof öffnete, sah ich das Bild, welches Sie soeben selber gesehen haben.“
„Was haben Sie gerade gemacht, wo befanden Sie sich, als Sie warteten?“
„Ich hielt mich drüben im Vorraum zum Tresor auf und habe mit der Maschine Geldsäcke gefüllt. Das ist immer ziemlich laut.“
„Hätten die Geldboten klingeln oder klopfen müssen oder wie wären Sie auf die Ankunft aufmerksam geworden?“
„Neben der Tür ist draußen ein Klingelknopf, den hätten die Beiden dreimal betätigen müssen, dann hätte ich aufgemacht. Zudem geht hier eine kleine Blinklampe an, wenn geklingelt wird, so bekommt man das immer mit.“
Kamp dachte bei sich, hier herrschen ja tolle Verhältnisse, dreimal klingeln und schon öffnet sich die Tür zum Tresor.
Er fragte weiter: „Waren Sie ganz alleine hier unten?“
„Ja, mein Kollege kommt erst gegen elf Uhr, der fährt morgens die Post zu den Zweigstellen.“
„Gibt es draußen im Hof oder hier im Raum Überwachungskameras?“ Kamp blickte sich suchend um.
„Nein, wir haben keine Kameras im Kellerbereich,“ antwortete Kötter dem erstaunt blickenden Polizisten.
„Haben Sie Schüsse gehört?“, erwartungsvoll sah Kamp den Befragten an.
„Nein, wirklich nicht. Ich habe nichts gehört und,“ er zögerte einen kurzen Moment, „ich habe auch nichts gesehen.“
Bei dieser Aussage beschlich den erfahrenen Beamten ein ungutes Gefühl. Er konnte dieses im Moment nicht analysieren, aber er registrierte gerade den zweiten Halbsatz in seinem Unterbewusstsein als Lüge.
In diesem Augenblick kamen die beiden Gestalten, die Pinz vor wenigen Minuten noch aus dem Hof gewiesen hatte, eine Wendeltreppe in den Tresorvorraum heruntergestapft und stellten sich ohne Umschweife bei Kamp vor. Dieser lernte den Filialdirektor und den Sicherheitsbeauftragten des Bankhauses kennen. Aufgeregt wollten sie Fragen stellen, bis Kamp abwinkte und bemerkte: „Meine Herren, langsam bitte, die Fragen stellt die Polizei. Zudem versuche ich gerade, mich mit einem wichtigen Zeugen zu unterhalten.“
Er dachte bei sich, das mit dem wichtigen Zeugen ist vielleicht etwas übertrieben, denn der scheint ja nichts zu wissen, außerdem mag ich keine Banker, schon gar nicht solche in dunklen Anzügen. Bernd Kamp durchfloss in diesem Moment eine Fülle von Gedanken, die er sich, so sagte er es oft selbst, als kleiner Mann so tagtäglich machte. Sein derzeitiges Lieblingsthema, welches er am heutigen Nachmittag auch Birgit Pinz näherzubringen in der Lage sein würde, ist die unsägliche Geschichte der sogenannten Bankenkrise, eine von global spielenden Bankmanagern weltweit in kriminell gieriger Art und Weise, heute Globalisierung genannt, geschaffene virtuelle Finanzwelt, die mit schier unglaublichen Geldsummen ausgerüstet, in allererster Hinsicht die Akteure mit asozial hoch zu nennenden Bonifikationen |
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zur Vita von Klaus Nordmeyer
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