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Die schwarze Lustsklavin
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Günther Rudolf   

E x p o s é :

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Im Jahre 1716 wird die junge Yorubafrau Nomi, die Großmutter von Lioba, in Afrika von Sklavenjägern gefangen und in einem der damaligen, schrecklichen Sklaventransporter nach Nordamerika gebracht. Sie kommt in Amerika in eine sogenannte Sklavenzuchtanstalt. Ihr Kind Katharina wird in dieser Anstalt groß gezogen und schließlich in ein Nobelbordell verkauft.Die Heldin der Geschichte, anfangs Roberta, später umbenannt in Lioba, ist das Kind von Katharina aus einer Vergewaltigung durch einen der Aufseher über die Zuchtsklavinnen. Auch sie wird zur gehobenen Lustsklavin ausgebildet. Sie lernt sehr viel und wird gebildet, was ihr viel Freude macht. Sie landet schließlich in dem Gästehaus des weißen, verwitweten Industriellen Benjamin Smith. Smith erkennt schon bald Liobas Vorzüge und nimmt sie zu sich in seinen Privathaushalt als seine persönlich Lebensgefährtin, wo sie sich um ihn und besonders auch um seine drei Kinder aus seiner Ehe kümmert.

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


Meine Vorfahren gehörten zu den Stämmen der Yoruba, die an der afrikanischen Westküste weitläufig in einem recht großen Gebiet in der Flußebene des Niger und den an-grenzenden Gebieten verstreut siedelten. Unsere Heilige Stadt Ife wurde früher von einem Priesterkönig, dem Oni von Ife, regiert. Der Oni von Ife war auch zugleich unser priesterliches Oberhaupt. Er war der Schöpfer des Ursprungs der Welt nach dem, was wir glaubten. Unsere Vorfahren lebten in einem großen Reich, das aus verschiedenen, kleineren Königreichen be-stand und aus kleinen Fürstentümern, die alle dem Oni von Ife unterstellt waren. Um die Zeit, um die es hier geht, lebten die Yoruba in einem losen, nicht fest organisierten Staatenverband, der aus mehreren, verzweigten Sippen bestand. Diese Sippen gliederten sich wiederum in Fa-milienverbände, die einen engen Zusammenhang pflegten. Ein eigentliches Oberhaupt des ganzen Stammesvolkes gab es nicht. Sie wurden von zahlreichen Stammesoberhäuptern re-giert, die sich hin und wieder untereinander zu Häuptlingsversammlungen trafen und zu lan-gen Palavern zusammensetzten. Vielleicht war es gerade diese föderalistische Struktur unseres Staatswesens, die es den Fremden, unseren Feinden so leicht machte, meine Vorfahren zu unterwerfen und zu unterdrücken und viele von unseren Leuten in die grausame Sklaverei in  ferne Länder zu führen. Bar jeder unitaristischen, machtvollen Staatsführung war das Volk der Yoruba hilflos den schändlichen und frevelhaften Machenschaften der sie umgebenden Völker ausgeliefert. Jeder von diesen Stammesoberhäuptern hatte selten über mehr als ein paar Dörfer das Sagen. Es fehlte an einer obersten Gesamtführung unserer Stämme, die eine effektive, durchgreifende und erfolgreiche Verteidigung gegen die Angreifer und Eindringlinge von außen hätte organisieren können.
Die Yoruba glaubten auch an den Gott Ogun. Ogun ist ein Schmied, gekommen aus dem Himmel, der den Yorubas den Umgang mit Feuer beigebracht hat und auch die Bearbeitung von Metall. Sie hatten bestimmte Feuerrituale und machen von ihnen konnten sogar Feuer fressen, ohne gesundheitliche Schäden von diesem Umgang mit dem Feuer davonzutragen. Dies war eine Gnade und Gabe, die ihnen von dem Gott Ogun in grauer Vorzeit übermittelt und gegeben worden ist.
Meine Großeltern lebten in einem verhältnismäßig großen Dorf mehr im Landesinneren, das Dorf lag am Niger, einem fast 4.000 Kilometer   langen Strom in Westafrika, aus welchem sie auch das Wasser für ihr Vieh entnahmen. Das Trinkwasser für den eigenen Bedarf holten sie aus einer etwas entfernten Quelle, wohin täglich abwechselnd immer ein paar Leute gingen und reines, trinkbares Wasser frisch herbeischleppten. Meine Vorfahren in Afrika betrieben überwiegend Viehzucht und nur in sehr begrenzten Umfange Ackerbau und sie gingen auch zum Fischfang. Während der langen Trockenzeit gedeiht kaum etwas in der Heimat meiner Ahnen, sodass sich der Anbau von Pflanzen in größerem Umfange nicht lohnte.
Benachbart, gleich anschließend an ihr heimatliches Stammesgebiet im Süden lag der mächtige Negerstaat der Dahome, der zu Lebzeiten meiner Großeltern von einem zu fürchten-den Diktator namens Agadja beherrscht und regiert wurde. Das Stammesland Dahome war eine streng organisierte Militärdiktatur, die ihre Landesgrenzen immer weiter nach allen mög-lichen Himmelsrichtungen hin mit hemmungsloser Gewalt auszudehnen versuchte, meist mit bestem Erfolg, weil sie eine rücksichtslose Eroberungspolitik betrieben. Sie überfielen häufig ohne jeden Grund und Anlass, allein um ihr Staatsgebiet zu vergrößern und zu erweitern, die benachbarten Stämme und Völker und erweiterten dadurch immer mehr ihr Territorium. Das wäre nicht gar so sehr verwerflich gewesen, wenn sie die unterworfenen Stämme und Völker in ihr Staatsgebiet eingegliedert und in ihr Staatswesen integriert hätten; dann wären die be-siegten Stämme im Laufe der Generationen in das Staatsgefüge des Reiches der Dahome hin-eingewachsen und eingeordnet worden und mit der Zeit mit diesen verschmolzen. Aber so war das durchaus nicht, denn sie machten die Bewohner der eroberten Dörfer zu Sklaven und zum gewinnbringenden Handelsobjekt, welches ihrem Volk großen Wohlstand und uner-messlichen Reichtum und vor allen Dingen die benötigten Waffen für ihre weiteren rabiaten und gewalttätigen Eroberungsfeldzüge einbrachten.
Die Dahome hatten das wirtschaftliche Wachstum ihres Staates auf der menschenverach-tenden Sklavenjagd und dem unmenschlichen Sklavenhandel gegründet. Es bestand zu Leb-zeiten meiner Großeltern eine große Nachfrage nach menschlichen Arbeitskräften, welche durch die Versklavung afrikanischer, freilebender Menschen abgedeckt werden konnte. Min-destens einmal jährlich, meist aber auch öfter, je nach der Nachfrage, hielten die Dahome gro-ße Menschenjagden ab und überfielen gewissenlos die Dörfer der benachbarten Stämme. Und da der Stamm der Yoruba in unmittelbarer Nachbarschaft der Dahome lag, fürchteten sich die Stammesangehörigen der Yoruba ständig davor, von den Dahome überfallen und in die Skla-verei verschleppt zu werden. Das Unglück dabei war nur, dass die Yoruba, wohl auf Grund der Zerrissenheit ihres Staatswesens, nichts gegen diese ihnen von außen drohende Gefahr unternahmen. Die Yoruba waren seit Generationen Viehhirten und keine Krieger wie die Da-home. Die Yoruba gingen mit den wenigen Waffen, die sie hatten, nur insoweit um, als sie sich und ihre Herden vor wilden Tieren schützen mussten. Waffen gegen Menschen zu rich-ten, hielten sie für verwerflich und verdammenswert. Daher waren sie von vornherein den kriegerischen und aggressiven Dahome unterlegen, sofern sie von diesen angegriffen wurden. Unsere Leute hatten zwar nur einen unbestimmten und verschwommenen Begriff dessen, was Sklaverei bedeutet, doch sie wussten, dass sie ihr heimatliches Land und ihre gewohnte Frei-heit verloren, wenn sie Opfer einer solchen grausamen Sklavenjagd würden. Sie wussten auch, dass sie in weit entfernte Gegenden verbracht würden, so weit, dass man es sich nicht vorstellen kann, und nie mehr in ihre Heimat zurückkehren könnten. Ihnen war bekannt, dass sie in der entsetzlichen Sklaverei für andere arbeiten mussten und Dienste niedriger Art unter harten Bedingungen zu leisten hatten. Aber in diesem nebulösen Wissen, woher sie es auch immer hatten, erschöpfte sich ihre Kenntnis von dem, was in der Sklaverei wirklich auf sie zukommen konnte und würde. Was sie in dieser Knechtschaft erwartete, das war einfach zu fürchten, das hatten ihnen die Mütter und die Väter erzählt und sie berichteten es ihren Kin-dern weiter.
Meine Großeltern lebten, wie alle Bewohner ihres Dorfes in runden Hütten, hergestellt aus einem Geflecht von biegsamen Zweigen und Stroh dazwischen zur Abdichtung. Diese Hütten hatten spitze, strohgedeckte, ebenfalls runde Strohdächer, deren mehrfach gelegtes Stroh sie vor Feuchtigkeit und Nässe innerhalb der Hütte, selbst in der lang andauernden Regenzeit bestens schützte. Diese einfachen Hütten hatten eine oder zwei Öffnungen, damit das Tages-licht hereinkommen konnte und eine Tür. Ihr Haus war, wie die meisten anderen des Dorfes, von einem Holzzaun umgeben, der sie vor Angriffen und Besuchen durch wilde Tiere mehr oder weniger schützen sollte. Im Inneren des Dorfes lagen diese Hütten allesamt dicht beiei-nander, meist um einen Dorfplatz herum, auf welchem die Kinder miteinander spielten. Je-doch die Hütte meiner Vorfahren lag etwas außerhalb des Dorfes, gleichsam am Rande einer Ansiedlung solcher gleichartigen Hütten. Meistens standen dicht bei den Hütten hohe Bäume, welche vor vielen Jahren angepflanzt worden waren, um in der heißen Zeit, etwas Schatten zu spenden. Oft aber wurden die Hütten auch gleich unter solche Bäume gebaut, weil diese nicht nur Schatten brachten, sondern auch einen gewissen zusätzlichen Schutz vor Regen boten. Meine Großeltern lebten in Afrika in einer bescheidenen, erträglichen Armut, die sie aber mangels besseren Wissens als solche gar nicht empfanden. Sie hatten keine besonderen Güter, aber sie konnten leben und hatten meist genug zu essen. Was brauchten sie mehr als zu essen, denn als Kleidung hatten sie lediglich Lendenschurze, die ihre Blößen verdeckten. Die Frauen verdeckten ihre Brüste nicht, warum auch, das war bei uns etwas völlig Natürliches, daher hatten sie keinen nennenswerten Bedarf an Kleidung und Stoffen. Bei dem Klima in Westafrika war jede weitere Kleidung überflüssig. So lebten sie zwar in engen Verhältnissen, waren aber mit ihrem Dasein zufrieden. Ihr Schicksal waren schlimme Krankheiten und tödliche Seuchen, die sie von Zeit zu Zeit heimsuchten, der häufige Kindstod ihrer Säuglinge gleich nach der Geburt und die ständig zu befürchtenden Angriffe wilder Tiere auf ihre Herden oder ihre Hütten. Auch wurden sie hin und wieder von Hungersnöten heimgesucht, wenn der notwendige Regen ein ganzes Jahr oder länger an ihnen vorüberging ohne das notwendige Wasser auf ihre Gegend zu schütten. Wo sollte das viele Vieh Gras und Weide finden, wenn infolge einer langen Dürre nichts mehr wuchs? Manchmal kamen schreckliche Heuschreckenschwärme, gegen welche man sich nicht wehren konnte. Die fraßen die jämmerlichen Gemüse von den Feldern und vernichteten die Weiden für die Tiere, sodass diese verhungerten. Sie schlugen die Heuschrecken am Boden tot, aber es schien, als würden es immer mehr, je mehr sie totschlugen.
Meine Großeltern wussten zwar von den Machenschaften der benachbarten Dahome, aber sie wussten zum Beispiel nicht, dass durch den immer größeren Bedarf an Arbeitskräften in Amerika eine gesteigerte Nachfrage an Sklaven bestand und dass die Dahome daher Hoch-konjunktur für ihre verbrecherischen und menschenverachtenden Unternehmungen hatten. Meine Großeltern wussten nichts von einem fernen Land namens Amerika und hatten den Namen noch nie gehört. Ihr Gesichtskreis erstreckte sich nicht weit über das Dorf und die Weidegründe hinaus. Mehr brauchten sie nicht zu wissen. Sie mussten sehen, dass sie mit und in ihrer kleinen Welt zurechtkamen. Zu der Zeit der Jugend meiner Großeltern konnten die Dahome mehr Sklaven absetzen, als sie einzufangen vermochten und sie erzielten Höchstprei-se, weil der Bedarf an Sklaven und die Nachfrage groß war. Dabei ließen sie sich zum Teil von den Händlern mit Feuerwaffen und Munition bezahlen, weil sie diese in ihrer militärisch ausgerichteten Diktatur immer dringend brauchten. Neben schrecklichen Seuchen und schlimmen Krankheiten war ein Überfall auf ihr Dorf durch Sklavenjäger die andere Gefahr und die Angst, in der sie ständig lebten.
Es muss so etwa im Jahre 1735 gewesen sein; meine Großmutter war damals erst etwa 19 Jahre alt, als eines Morgens meine noch nicht lange verheirateten Großeltern von fürchterli-chem, ohrenbetäubendem Krawall und Radau, von Gewehrschüssen und Schreien, die sie in Angst und Panik versetzten, und lauten Rufen und Befehlen aus dem Schlaf gerissen wurden. Das Schlimmste befürchtend hofften sie entfliehen zu können, weil die Angreifer vielleicht noch nicht zu ihrer vom Dorf abseits gelegenen Hütte vorgedrungen waren. Aber das war ein arger Trugschluss. Sie rannten aus ihrer Hütte, die schon angezündet worden war und sehr schnell lichterloh in Flammen aufging, weil das Bauwerk aus Reisig und Stroh natürlich völlig ausgetrocknet und leicht brennbar war. Durch solche Brandschatzungen sollten die Bewohner ins Freie getrieben werden, was auf jeden Fall auch äußerst erfolgreich war, was blieb ihnen anderes übrig, als von der schrecklichen Hitze der Flammen ins Freie zu fliehen. Sowie sie verängstigt mit brennenden Augen und vom eingeatmeten Rauch hustend herauskamen, wurden sie von mehreren Dahome-Kriegern, die sie mit Gewehren bedrohten, gefangen ge-nommen und mit Stöcken und Peitschen wie Vieh zum Dorfplatz getrieben, wo schon fast alle ebenfalls aus dem Schlaf gerissenen Dorfbewohner ängstlich zusammengetrieben und ver-sammelt waren. Sie wurden von einer Unmenge Dahome-Kriegern bewacht, sodass an ein Entrinnen nicht zu denken war. Zudem mussten sie Gewehrschüsse auf die Flüchtenden be-fürchten, sodass sich eine Flucht von selbst verbot. Als alle Hütten brannten und alle Bewoh-ner zusammen waren, begannen die Dahome die Alten auszusortieren, die wurden mit Schlä-gen durch Gewehrkolben von den anderen getrennt und weggetrieben, wenn sie nicht schon von der brutalen Behandlung zusammengebrochen auf dem Boden lagen. Kleine Kinder nahm man mit bis hinunter zum Säugling, aber nur, um die Mütter nicht zum Widerstand zu reizen, denn kleine Kinder waren auch nicht interessant im Sklavenhandel. Sie konnten nicht arbeiten und mussten zuerst jahrelang gefüttert und großgezogen werden bis sie zur Arbeit taugten, daher waren sie wertlos, sie brachten nichts bei den Händlern, an welche sie die menschliche Ware verkauften. Nun wurden sie alle mit Stricken gefesselt und aneinander gebunden, damit nicht einzelne entfliehen konnten. Die jungen, kräftigen Männer, deren Widerstand und Flucht man offenbar eher befürchtete, wurden sogar mit Astgabeln aneinander gebunden oder mit Ketten an den Füßen so gefesselt, dass sie nicht, jedenfalls nicht schnell genug weglaufen konnten. Jedes bekam einen Strick um den Hals und wurde mit dem Nächsten in einer langen Reihe zusammengebunden. Die Leute jammerten nicht, manche weinten leise vor sich hin, aber sie ergaben sich im Großen und Ganzen in ihr trauriges und vor allen Dingen ungewisses Geschick. Was war da zu machen? Sie verstanden es schnell: ihr bisheriges, schönes Leben war zu Ende, ihr Schicksal besiegelt. Als alle zusammengebunden waren, wurden sie an dem Strick, der einen an den anderen band, weggeführt. Wer zu fliehen versuchte, wurde niederge-schossen, sodass keiner mehr wagte, davonzulaufen. Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm und die Väter die etwas größeren, verängstigten Kinder an die Hand. Die Dahome ließen die Kinder mitgehen, sie würden unterwegs ohnehin zurückbleiben und umkommen. Bei an-deren Sklavenjägern wurde das so gehandhabt, dass man nur Kinder, die über sieben Jahre alt waren, mitnahm. Alle kleineren und jüngeren Kinder, alle Alten und alle schwachen und sonst unbrauchbaren Gefangenen wurden gleich an Ort und Stelle vor den Augen ihrer Verwandten und Eltern erschlagen, um sich auf der bevorstehenden, anstrengenden Wanderung, nicht mit ihnen zu belasten.
Sie wurden von den Dahomekriegern entlang des südlichen Ufers des Niger flussaufwärts in westliche Richtung getrieben wie Vieh, das zu Weide geführt wird. Was sie noch nicht wussten, sie hatten einen etwa 1500 km  Marsch nach Dakar, dem westlichsten Ort des afri-kanischen Kontinentes vor sich. Das sollte und musste eine unmenschliche Strapaze werden, zumal weder für die Ernährung noch für Wasser für diese Menschenmenge gesorgt war. Zu-dem wurden die kräftigeren Männer von ihnen noch mit Lasten beladen, mit Ausrüstungsge-genständen, welche die Dahomekrieger bei sich hatten und die sie sich von den eingefangenen Sklaven tragen ließen, damit die Krieger die Hände frei hatten, um die gefangenen Menschen mit Peitschen voranzutreiben und auf Flüchtende zu schießen.
Wer nicht schnell genug ging, wurde mit Stöcken und Lederpeitschen rücksichtslos und brutal angetrieben. Da unsere Leute nur mit einem Lendenschurz bekleidet waren, schmerzten die Stock- und Peitschenhiebe auf ihrer nackten Haut so fürchterlich, dass sie sich alle Mühe gaben, den Befehlen und Aufforderungen der barbarischen und rücksichtslosen Sklavenjäger Folge zu leisten. Die Kinder, die nicht getragen werden konnten, blieben immer weiter zurück. Anfangs humpelten sie noch jammernd und klagend am Ende des Zuges mit, aber schließlich verloren sie jeden Kontakt zu den rasch weitergetriebenen Menschen und blieben immer weiter zurück. Irgendwann wurden die, welche nicht verhungerten oder verdursteten von gefräßigen Raubtieren geholt. Die Eltern merkten gar nichts von diesem schrecklichen Schicksal ihrer Kinder, denn sie dachten in ihrer Unwissenheit, diese würden am Ende des Zuges immer noch mitgeführt oder zumindest später nachkommen. - Die Sklavenjagden und der Sklavenhandel wurden zwar bereits seit Jahrhunderten in Afrika ausgeübt, aber nie mit der hemmungslosen Intensität als zu der Zeit der Jugend meiner Großeltern. Auf dem langen Marsch zu einem Handelsplatz für Sklaven bekamen die Gefangenen kaum etwas zu essen und sie wurden auch sonst nicht versorgt. Man trieb sie nur vorwärts und das so schnell wie möglich, wie Vieh, das zur Schlachtbank geführt wurde. Je schneller sie vorangetrieben wur-den, um so eher kamen sie an das Ziel und umso weniger krepierten erbärmlich unterwegs. Während der Rasten wurden immer ein paar Frauen losgebunden, die durften und mussten unter strenger Bewachung Früchte suchen, die sie dann einigermaßen gleichmäßig an die Ge-fangenen verteilten, aber das war selten ausreichend. Zu trinken bekamen sie nur, wenn man an den Flusslauf  und eine passende Uferstelle kam und die Soldaten gestatteten, dass die durstigen Sklaven ohne von ihren Fesseln gelöst zu werden, aus dem Gewässer wie die Hunde tranken. Die normale Marschstrecke beträgt etwas 40 km pro Tag. Die unmenschlichen und rücksichtslosen Sklavenfänger versuchten täglich eine Strecke von einhundert Kilometern mit den immer mehr geschwächten Gefangenen zu erreichen. Sie mussten sofort bei Sonnenauf-gang loslaufen und bis zum Eintritt der Dunkelheit marschieren, wobei kaum einmal eine auch nur kurze Rast eingelegt wurde. Nicht einmal, um ihre Notdurft zu verrichten, gab es Pausen, auch wurden sie zu diesem Zweck nicht losgebunden. Sie wurden wir die Tiere weitergetrieben, mit schmerzhaften Peitschen- und Stockhieben auf die nackte Haut und wenn einmal länger keine Pause gemacht wurde, dann mussten die armen Gefangenen wie die Tiere im Laufen ihr Wasser lassen oder gar ihre Notdurft verrichten. Da gab es keinerlei Rücksichtnahme, sie wurden behandelt wie Tiere. Brach einer vor Erschöpfung zusammen, wurde er so lange geprügelt, bis er sich wieder aufraffte und wer nicht mehr aufstehen konnte, wurde vor den Sklavenjägern totgeschlagen, von den Stricken losgemacht und liegen gelassen. Auf diese Weise starben zahlreiche von den Gefangenen und die Menschenschinder machten keinen Hehl daraus, dass auf diese Weise die Schwächlichen und Unfähigen ausgesondert werden sollten. Es starb eine Vielzahl von den gefangenen Leuten aus dem Dorf, vermutlich mehr als die Hälfte. Aber diese Verluste waren kalkuliert und machten den Sklavenhandel nicht weniger rentabel. Schließlich hatten die Gefangenen ja nichts gekostet. Sie wurden wie Kühe auf einen großen Sklavenmarkt und Umschlagsplatz getrieben, wo arabische und europäische Sklavenhändler bereit standen, sich die geeigneten Sklaven auszusuchen. Die Gefangenen waren am Ende ihrer Kräfte. Nach dem wochenlangen Marsch durch unwegsames Gebiet und fast ohne Nahrung waren sie vollkommen ausgezehrt. Aber dies war vermutlich sogar eine bewusste Praktik, um so eine natürliche Auslese herbeizuführen und schwächere und widerstandslose Sklaven auf diese skrupellose und rigorose Weise auszusortieren und loszuwerden. Bei dem anschließenden Verkauf der Ware wurde keinerlei Rücksicht auf Familienzusammengehörigkeit oder sonstige Bindungen genommen, weshalb oft schreiende und weinende Kinder zurückblieben, denen man die Eltern weggenommen hatte, um sie zu verkaufen. Frauen schrien nach ihren Männern, die verschwunden waren, weil sie anders wohin verkauft worden waren und Männer weinten, wenn sie von ihren Frauen weggerissen wurden. Zum Schluss blieben meist sogar viele kleine Kinder übrig, die kein Händler wollte, weil man sie nicht oder nur schlecht absetzen konnte. Es waren ohnehin nicht sehr viele Kinder bis hierhergekommen. Die Kleinkinder, welche die Mütter anfangs noch auf den Armen getragen hatten, waren unterwegs verhungert oder verdurstet oder konnten von den geschwächten Müttern einfach nicht mehr weitergetragen werden. Kinder, die bis zu diesem Sammelplatz gekommen waren, saßen letztlich weinend und schreiend auf dem Platz und es gab niemand, der sich um sie kümmerte. - Auch meine Großmutter wurde auf diese Weise gnadenlos und unbarmherzig von meinem Großvater getrennt, was umso tragischer war, als sie erst wenige Monate verheiratet waren und meine Großmutter glaubte, ein Kind von ihrem Ehemann zu erwarten. Sie war im ersten Monat schwanger, was sie allerdings damals noch nicht, jedenfalls nicht sicher wusste. Sie vermutete es nur, weil sie morgens immer so leicht sich erbrechen musste, was sie als ein Zeichen einer beginnenden Schwangerschaft deutete. Mein Großvater wurde von einem arabischen Händler gekauft. Die Araber unter den Sklavenhändlern verkauften ihre Ware meistens in die östlich gelegenen Länder. Meine Mutter wurde einem europäischen Händler übergeben. Europäische Händler führten ihre Ware zum größten Teil nach Amerika aus, wo große Nachfrage und die besten Absatzmöglichkeiten für Neger bestanden. Sie kamen teilweise nach Südamerika, aber die meisten nach Nordamerika, wo bereits die Urbevölkerung, die Indianer, zum großen Teil versklavt worden war. Neger waren in Amerika nicht zuletzt auch deswegen so gesucht, weil sie sich ohne jegliche Probleme den veränderten klimatischen Verhältnissen in dem neuen Land anpassen konnten. In Nordamerika bestand ein großer Bedarf an Sklaven, um die schweren, körperlichen Arbeiten auf den großen Farmen und Plantagen zu bewältigen. Meine Großmutter muß damals fürchterlich geweint haben, aber ihre Tränen halfen ihr nichts, sie machten ihr das erbarmungswürdige und trostlose Schicksal nur noch schwerer und unerträglicher. Es weinten alle so brutal aus ihrem Leben herausgerissenen Sklaven, aber Tränen änderten auch nichts an ihrem Schicksal. Schließlich resignierten sie und ergaben sich traurig in ihr Los. Die auf solchen Sklavenmärkten übrig gebliebenen Kinder ließ man einfach auf dem Marktplatz zurück, wo sie dann, wenn sie Glück hatten, von einem Händler oder sonstigen Interessenten kostenlos geholt wurden.
Es gab dort Geschäftsleute, die sich hübsche Kinder beiderlei Geschlechts holten und sie auf kärglichste und billigste Weise großzogen und erzogen, um sie dann nach Jahren mit Ge-winn zu verkaufen. Wer sich von diesen Kindern als besonders hübsch und gutaussehend zurechtwuchs, wurde von solchen Leuten zu Lustsklaven und Lustsklavinnen auf oft unerbitt-lich strenge Weise erzogen und ausgebildet. Sie mussten lernen einen Mann zu erfreuen und zu befriedigen und das Wissen um solche Liebesdienste wurde ihnen mit erbarmungsloser Unerbittlichkeit mit dem Ochsenziemer eingeprügelt. Und wenn sie nur einigermaßen ausge-bildet waren, wurden sie schon in jungen Jahren, gar mit zehn oder sogar weniger Jahren an entsprechend interessierte, perverse Liebhaber verkauft, denen sie dann zu wollüstigen und lüsternen Dienstleistungen zu Gefallen sein mussten. Manche, männliche Kinder wurden auch gleich auf rücksichtslose und quälerische Weise kastriert, damit sie später als schwarze Eunu-chen zum Dienen in östlichen Harems eingesetzt werden konnten. Bei diesen Operationen starb wegen der mangelhaften hygienischen Sorgfalt die Hälfte. Aber das war nicht wichtig, denn sie hatten ja nichts gekostet, da war nicht viel verloren. Kastraten, wenn sie gut aussahen und auch noch entsprechend gründlich ausgebildet waren, brachten guten Gewinn. Man schnitt ihnen rücksichtslos die Hoden ab. Kamen sie durch und überlebten sie solche Operati-onen, wurden sie dementsprechend erzogen und ausgebildet. Wer die oft unmenschliche und unhygienische Operation von den männlichen Kindern nicht überlebte, wurde wie ein Tierka-daver weggeworfen. Auch die Mädchen wurden gerne beschnitten, ihnen wurden die Scham-lippen gekürzt, eine schreckliche Verstümmelung, damit sie keine Gefühle mehr beim Ge-schlechtsakt zu empfinden vermochten und ganz und ausschließlich auf die Lüste der Männer konzentrieren sollten und allein diesen Freude bereiten sollten. Auch bei diesen Mädchenbe-schneidungen starben sehr viele, weil die schmerzvolle Operation ohne jede Betäubung und unter Missachtung aller hygienischen Notwendigkeiten vorgenommen wurde. Doch darauf kam es nicht an, es kam immer genug Nachschub an menschlicher Ware. Nach diesen schrecklich verstümmelnden Beschneidungen waren die Mädchen später nicht mehr orgasmusfähig und sie sollten auch nicht an ihrem Orgasmus interessiert sein sondern nur an dem des Mannes, der sie gewaltsam nahm. Nachts heulten dann die Hyänen um die Orte her-um, den Rest kann man sich denken.
Wurde ein Kind gar nicht abgeholt, dann war es dem Hungertod anheim gegeben, denn selten gelang es einem solchen Kind zurückzulaufen oder in irgendeiner barmherzigen Familie unterwegs oder im Heimatdorf Unterschlupf zu finden. Das Heimatdorf bestand in aller Regel nicht mehr. Dort waren zwischen verkohlten Hütten nur ein paar alte Leute zurückgeblieben, die sich kaum selbst am Leben erhalten konnten und auf ihren nahen Tod warteten. Das Vieh solcher ausgeraubten Dörfer trieben die Krieger ebenfalls weg in ihr Land, wo es auch ver-kauft oder verschenkt wurde, sodass die zurückgebliebenen Alten auch nichts mehr hatten, wovon sie sich ernähren konnten. Wie sollte auch ein kleines Kind den Weg in sein Heimat-dorf finden? Unsere Leute waren selbst zu arm und konnten sich nicht auch noch mit fremden Kindern belasten. Meist wurden solche Kinder, die den Rückweg in ihrer Verzweiflung ver-suchten, von wilden Tieren angefallen und gefressen, längst bevor sie auch nur in die Nähe ihres Heimatdorfes gelangt waren.
Meine Großmutter wurde mit verschiedenen anderen Sklaven und Sklavinnen wieder mit einem Strick zusammengebunden und fortgeführt. Nun waren die Bewacher zwar keine Da-home mehr, die waren in ihre Heimat zurückgekehrt, aber dafür waren die neuen Herren noch brutaler und rücksichtsloser im Umgang mit der menschlichen Ware. Sie behandelten die Ge-fangenen wie Tiere. Und wer nicht gehorchte, der wurde rücksichtslos und unbarmherzig aus-gepeitscht und mit anderen Strafen auf brutale Art und Weise zur Ordnung und zum blinden Gehorsam gezwungen. Vieh wurde besser versorgt und gehalten.
Ein Mann, der sich widersetzt hatte, wurde eine ganze Nacht lang an den Händen an einem Baum aufgehängt und musste trotzdem am nächsten Tag genauso schnell wie die anderen mitmarschieren, obwohl ihn die Arme unmenschlich schmerzten und er die ganze Nacht nicht ruhen konnte. Er lief wie im Fieber zwischen den anderen Unglücklichen dahin. An einem dieser schrecklichen Tage traf es meine Großmutter wegen eines geringfügigen Vergehens, welches sie gar nicht verstanden hatte. Sie wurde aber wenigstens nicht aufgehängt, aber doch stehend an einen Baum gebunden, wobei ihre Hände rückwärts um den Baum gelegt, festge-bunden worden sind, sodass sie die ganze Nacht kaum zu schlafen vermochte. Solche Behandlungen brachten die so geplagten Gefangenen rasch zum Gehorsam, zur absoluten Folgsamkeit und brachen jeglichen Widerstand. So gepeinigte Sklaven wurden gefügig und aus lauter Angst gutwillig. Manche wurden an einen Baum gebunden und zwar mit dem Bauch zum Stamm und dann wurden sie ausgepeitscht, bis ihnen der ganze Rücken blutete. Nach solchen schrecklichen Quälereien wagte niemand mehr widerspenstig oder ungehorsam zu sein. Das Schlimme war nur, das sie oft die Befehle gar nicht verstanden und trotzdem schrecklich ausgepeitscht wurden, wenn sie diese nicht befolgten. So gelangte die menschliche Karawane endlich in den Hafen von Dakar an der Westküste des afrikanischen Kontinentes, wo riesige Schiffe, wie sie meine Großmutter natürlich noch nie gesehen hatte, vor dem Hafen lagen. Die gefangenen Sklaven hatten alle von dem langen Marsch wunde Füße, die unerträglich schmerzten. Es war umso schlimmer, weil sie sich nicht helfen konnten. Hatten sie sich zum Beispiel einen Splitter in ihre nackten Fußsohlen gelaufen, dann hatten sie nicht einmal eine Möglichkeit diesen sofort zu entfernen, weil sie ja nicht die ganzen an einen langen Strick gebundenen Menschen anhalten konnten und durften. Ein solcher Versuch wäre mit schlimmsten Peitschen- und Stockschlägen geahndet worden, weil dadurch der ganze, traurige Zug aufgehalten worden wäre. Womöglich wäre der betreffende Gefangene totgeprügelt und einfach liegen gelassen worden, um ein Exempel zu statuieren und die anderen zu warnen. Sie mussten in diesem Falle unter den Qualen des schmerzenden Fußes stets mit gleicher Geschwindigkeit weiterlaufen, bis sie nach Stunden bei einer kurzen Rast Gelegenheit bekamen, zu versuchen, die Ursache ihrer Leiden und ihrer peinigenden Verletzung zu beheben. Das war aber dann meist umso schwieriger oder gar nicht mehr möglich, weil sich der Holzsplitter oder Dorn inzwischen schon völlig in das Fleisch des Fußes hineingetreten hatte und dieser nicht mehr zu entfernen war. Die Verluste auf diesen Sklavenmärschen waren erheblich, meist kam nur ein Bruchteil der gefangen genommenen Sklaven an ihr Ziel, meist nur noch die Hälfte. Alle Schwachen und gesundheitlich Angeschlagenen blieben auf der Strecke. Aber damit rechneten die Sklavenhändler: Je mehr Schwächlinge hier aussortiert wurden, um so mehr überstanden die schreckliche Strapaze des anschließenden Schiffstransportes. Diese Verluste waren kalkuliert und ein gewolltes Ausleseverfahren.
Man weiß, dass während der ganzen Dauer der amerikanischen Sklaverei etwa fünfzehn Millionen Sklaven aus Afrika nach Amerika kamen. Dabei muss man aber als gesichert an-nehmen, dass ein Mehrfaches davon auf der erzwungenen und gnadenlosen Reise von ihrem Heimatdorf in Afrika bis zur Ankunft in Amerika umkam. Es wurden durch die unmenschli-chen und menschenverachtenden Sklavenjagden ganze Landstriche in Afrika völlig entvöl-kert.
Hier im Hafen von Dakar wurden sie in große Ruderboote verladen und standen dichtge-drängt in den schwankenden Schiffchen. Sie ängstigten sich furchtbar, denn noch nie waren sie in solcher Menge zusammengedrängt auf dem riesengroßen Meer so schwankend gefahren. Sie wurden nun zu der dicht vor Dakar liegenden Insel Gorée gefahren und dort wieder ausgeladen. Hier bekamen sie zum ersten Mal warmes Essen, allerdings auch nur eine Suppe mit Gemüse und sehr wenig Fleisch darin, die im Freien in mehreren großen Kesseln gekocht worden war. Sie wurden jetzt wie eine Ware ausgestellt. Die Stricke, an welchen sie gebunden waren, wurden an einem Lagerschuppen befestigt, sodass sie in Reihe und Glied an dieser Holzwand angebunden waren wie Vieh, das zum Verkauf ausgeboten wird. Und anders war es ja auch nicht. Nachdem sie wohl einige Stunden so angebunden gewartet hatten, kam ein weißhäutiger Mann bei jedem Einzelnen vorbei. Der Mann trug eine Lederpeitsche in der Hand, die allein schon bewirkte, dass sich keiner von den gefesselten Gefangenen seinen teils unverschämten, prüfenden Berührungen widersetzte. Der Mann untersuchte den Gesundheits-zustand der Neger. Bei den Männern griff er an ihre Muskeln, aber bei den Frauen, soweit sie einigermaßen gut aussahen griff er unverschämt und wollüstig an ihre Brüste und packte sie am Gesäß. Manchen langte er auch ungeniert in den Schritt, nachdem er den Lendenschurz zur Seite gerissen hatte, und wenn eine Frau ihre Beine zusammenkniff, was sie ganz unbe-wusst taten, dann schlug er sie mit der flachen Hand so fürchterlich ins Gesicht, dass ihr Kopf von dem Schlag zur Seite flog und sie ihre Beine aus Angst vor weiteren Schlägen gerne öff-nete und die prüfenden Griffe erduldete. Er sortierte nur ein oder zwei Leute als ungeeignet aus. Was hier angekommen war, das waren nur noch die Stärksten, Besten und Widerstands-fähigsten. Wurde einer nicht abgenommen, band die der Händler los und versuchte den an-derweitig zu verkaufen, was ihm dann aber meist auch nicht gelang. Wurde er solche Sklaven gar nicht los, dann verjagte er diese völlig entwurzelten Menschen, die wahrscheinlich nie mehr in ihr Heimatdorf zurückfinden würden, wo allein sie sich auskannten und eine Chance hatten zu überleben. Nur wenige hatten überhaupt das Glück von der Basaltfelseninsel Gorée herunterzukommen. Manche sprangen ins Wasser und versuchten ans Festland zu schwimmen und wurden meist von Haifischen zerfetzt und gefressen. Kamen sie ans Festland, fanden sie den Weg zurück meist nicht und irrten oft in der Gegend herum bis sie ein wildes Tier er-wischte. Kaum einer fand je zurück in sein Heimatdorf.
Alle anderen wurden auf der Insel in einen Pferch unter freiem Himmel getrieben. Es war wirklich ein Pferch, wie sie für Schafe benutzt werden, nur war die Umzäunung etwas höher. Er stand teilweise unter dem Schatten von Bretterzäunen, sodass sie wenigstens nicht den ganzen Tag der brennenden Sonne ausgesetzt waren. Dort waren schon einige Sklaven einge-sperrt. Ihnen allen waren die Füße eng zusammen gebunden, damit sie nicht schnell laufen und somit auch nicht entfliehen konnten, schon gar nicht die Umzäunung zu überklettern vermochten. Außerdem aber war der Pferch auch von Leuten mit Gewehren bewacht, die so-fort geschossen hätten, wenn einer auch nur versucht hätte, den Zaun zu übersteigen. Eine Hoffnung auf Flucht war hier sinnlos. Allein, wie hätte ein Fliehender von der Insel herunter-kommen sollen? Auch den Neuankömmlingen wurden die Füße mit engen Ketten zusammen-geschlossen. Sie mussten hier offenbar warten, weil noch nicht genug Sklaven für eine Schiffsladung beisammen waren. Hier bekamen die geplagten Menschen wenigstens regelmä-ßig am Tage eine Gemüsesuppe oder einen Eintopf mit Fleisch. Offenbar sollten sie herausgefüttert werden, damit sie die ihnen bevorstehende lange, beschwerliche und strapazi-öse Schiffsreise besser überstanden. Täglich wurden immer wieder neue Sklaven in den Pferch geführt, bis er so voll war, dass nicht mehr alle nachts Platz hatten, sich hinzulegen. Einmal am Tag, immer morgens wurden sie wie die Schafe aus dem Pferch an das Ufer des Meeres eine steile Böschung herunter getrieben, wo sie sich entleeren sollten und sich im Wasser etwas waschen konnten. Dabei wurden sie natürlich ständig von bewaffneten Männern bewacht, die immer ihre schussbereiten Gewehre in Händen hielten, um den ersten zu erschießen, der zu flüchten versuchte. Was hätte eine Flucht genutzt, sie waren auf einer kleinen Felseninsel, wo es nicht einmal Wasser gab. Das nötige Trinkwasser musste in Fässern vom Festland her hinüber gerudert werden. Nach diesem kurzen Reinigungsausflug mussten sie gleich wieder zurück und weiter im Pferch warten. Es dauerte mehrere Tage, bis der Pferch so voll war, dass es für eine Schiffsladung ausreichte. Besonders die kühlen Nächte unter freiem Himmel ohne jeglichen Schutz gegen die Kälte waren eine Qual für die ohnehin schon so sehr geschundenen Menschen. Manchen Tag kamen neue Sklaven hinzu, dann aber wieder ein paar Tage gar keine. Sie bekamen, soweit nicht schon geschehen, nun alle die Füße mit Ketten zu-sammengebunden und zwar so, dass sie nur kleine Schritte machen konnten. Dann wurden sie alle nacheinander in Ruderboote verladen und auf eines der draußen im Meer wartenden Schiffe, zu einem sogenannten Sklaventransporter, gefahren. Obgleich sie kaum laufen konn-ten, wurden sie von der Schiffsbesatzung ständig mit Peitschenhieben vorangetrieben, weil der Transporter alsbald, nämlich mit der nächsten Flut, auf große Fahrt gehen sollte und daher Eile geboten war. So mag auch meine Großmutter zwischen den vielen anderen unglücklichen Jammergestalten auf das Schiff gehumpelt sein. Sie ängstigten sich alle sehr, als sie die unge-wohnten Planken hinaufgetrieben wurden und fürchteten in das riesengroße Wasser zu fallen, welches sich tief unter ihnen bewegte. Und sie zu verschlingen drohte. Sie nannten die riesi-gen Schiffe ‚große Kanus‘, denn sie kannten nichts anders als Kanus, was sich auf dem Was-ser halten konnte.
S e i t e n z a h l :  559
A u t o r I n :  zur Vita von Günther Rudolf

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