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E x p o s é :

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Geschildert wird das Leben der Bachbäuerin Maria, die am 28.5.1445 in dem süddeutschen Westerndorf geboren ist, eine glücklich Kindheit und eine ebensolche Ehe, aus welcher sie zwei Kinder hat, erlebt. Ihr Glück endet im Jahre 1485 wie ein schrecklicher Blitz aus heiterem Himmel, als die Vierzigjährige völlig unerwartet von der Inquisition abgeholt und in den Kerker geworfen wird. Maria hat nichts angestellt, insbesondere aber nichts mit Hexerei zu tun. Im Gegenteil, sie sammelt heilkräftige Pflanzen und Kräuter und verschenkt sie an die Leute im Dorf und in der Umgebung, wenn sich die Menschen wegen kleinen Krankheiten und Beschwerden sich an sie wendeten. Aber es war die Zeit, in welcher eine Frau schon dann vor die Inquisition gezerrt werden konnte, wenn nur jemand behauptete, sie habe einen schlechten Ruf oder man habe sie etwas Eigenartiges tun gesehen. Aber Maria hatte weder einen schlechten Ruf, noch hatte sie je etwas Eigenartiges getan.
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L e s e p r o b e :
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I. Marias Kindheit
Als Maria, die jüngste und einzige Tochter des Kleinbauern Bruno, genannt der Bachbauer, und dessen Ehefrau Martha am 28. Mai im Jahre des Herrn 1445, einem Freitag, das Licht dieser Welt erblickte, war gerade die Blütezeit der sogenannten Heiligen Inquisition und die Verfolgung der Ketzer und Hexen in Süddeutschland, wo sich diese Geschichte abspielt. Die Heilige Inquisition war allerdings eine Angelegenheit, die Marias Eltern, Gott sei Dank, nicht sehr berührte. Sie waren gläubige, fromme Christen und hatten mit Ketzern oder Häretikern ebenso wenig am Halse wie mit Hexen. Diese Dinge von draußen in der Welt betrafen sie nicht besonders. Das war weit weg von ihrem Heim und Herd und ging sie nichts an, sie hatten andere, wichtigere, existentiellere Sorgen. Es war die Zeit des Mittelalters, wo die Bauern zwar der größte von den vier Ständen waren und fast Ÿ der Bevölkerung ausmachten. Die Bauern ernährten das gesamte Volk und waren trotzdem die Ärmsten unter den damaligen Menschen. Bauern waren die stumme Mehrheit des Mittelalters. Die Eltern gingen jeden Sonntag fünfzehn Ruten weit ins nächstgelegene Dorf in die für ihren Kirchsprengel zuständige Kirche, des Sommers wie auch im Winter. Eine eigene Kirche hatten sie nicht in Westerndorf, wo sie wohnten. Dafür mangelte es der Gemeinde und wohl auch der Kirche an Geld, weshalb sich immer mehrere Sprengel zusammen die Kosten eines Kirchenbaues und der laufenden Unterhaltung der Kirche teilten, wobei seinerzeit alle Bauern bei der Errichtung des sakralen Bauwerkes tatkräftig mitwirkten und mindestens Hand- und Spanndienste leisteten. Das Wetter konnte gar nicht so schlecht sein, dass die Familie den sonntäglichen Kirchenbesuch jemals ungenutzt hätte verstreichen lassen. Der Kirchgang an jedem Sonn- und Feiertag war sowohl selbstverständliche Pflicht als auch inniges Bedürfnis für die sehr gläubigen Menschen der damaligen Zeit. Der tägliche Existenzkampf war so schwer, da brauchte man jemanden, dem man im Gebet sein Leid klagen und den man um Hilfe anrufen konnte, gleich ob es etwas nutzte oder nicht; es beruhigte wenigstens. Ob es regnete oder schneite, sie versäumten an keinem Sonntag und keinem kirchlichen Feiertag die heilige Messe. Diese Kirchgänge wurden nur bei schwersten Krankheiten oder dann versäumt, wenn die Ehefrau kurz vor der Niederkunft stand oder gerade erst niedergekommen war. Aber selbst dann entschuldigte sich der oder die Ferngebliebene noch in der Beichte für die unverschuldete Säumnis. Ansonsten war der sonn- und feiertägliche Kirchgang ein selbstverständliches Anliegen für Marias Familie wie auch für alle anderen Dorfbewohner. Der Gang zur Kirche war ebenso gewiss wie das Amen in der Kirche selbst, zumal er ja auch anschließend an die heilige Messe der Kommunikation zwischen den Dorfbewohnern diente, die oft, besonders bei schönem Wetter, noch mehr als eine Stunde nach Beendigung der Messe vor der Kirche standen und sich miteinander unterhielten und die aktuellen Neuigkeiten aus dem Dorf und der näheren und weiteren Umgebung austauschten. Die Gespräche nach der heiligen Messe waren das einzige Kommunikationsmittel der damaligen Zeit, da es im 15. Jahrhundert sonst keine Medien gab. Meist machte man sich dann auch gemeinsam auf den Heimweg und plauderte unterwegs noch über die dörflichen Ereignisse oder über die Dinge, die man aus der Stadt oder der weiten und auch so fernen Welt erfahren hatte.
Maria war das jüngste von fünf Kindern. Ihre Eltern hatten bereits vier Söhne, als Maria geboren wurde. Die Mutter Martha und die älteren vier Brüder halfen dem Vater in der kleinen Landwirtschaft, welche unter den hohen Abgaben an den Landesherrn zu leiden hatte. Die Mutter musste neben den Kühen herrennen und diese mit der Peitsche oder einem Stecken antreiben, wenn der Vater pflügte. Aber sie erduldete diese harte Arbeit gerne, andere Bauern hatten nicht einmal eine Kuh und dann musste die Frau selbst den Pflug durch die harte Scholle ziehen, was um vieles schlimmer war. Diese Schinderei blieb der Mutter Martha - Gott sei Dank! - erspart. Sie musste auch jeweils in der anstrengenden Erntezeit helfen das Heu und das Stroh auf den Wagen zu gabeln, wo es der Mann so aufbeugte, dass es nicht während der Heimfahrt herunterfallen konnte. Schließlich reichte sie dem Mann den schweren Baum hoch, der über die ganze Ladung kam und vorne und hinten festgebunden wurde, damit das Heu oder Stroh auf dem hoch beladenen Wagen nicht herunterfallen konnte. In der Scheune musste sie dann wieder beim Entladen helfen und in der Hitze und dem Staub der Scheune das Winterfutter aufbeugen. Sie hatte die beiden Kühe zu melken, die nicht viel Milch gaben, jedenfalls nicht, solange sie hart arbeiten und den Wagen ziehen mussten. Sie hatte alles Vieh zu versorgen, die Kühe, die Schweine und das Federvieh.
Ihr Haus befand sich an der Straße des langgezogenen Dorfes am Ende der ganzen Häuserreihe. Das Wohnhaus stand mit der Giebelseite zur Straße, ebenso der Stall und zwischen Wohnhaus und Stall war der Hof. Hinten quer gestellt in ganzer Breite des Hofes war eine große Scheune mit der breiten und hohen Durchfahrt, damit man in die Scheune und hinter den Gebäudekomplex gelangen konnte, wo das Kleinvieh frei herumlief. Diese drei Gebäude umschlossen den quadratischen Hof, in welchem ein tiefer Ziehbrunnen für die Trinkwasserversorgung von Mensch und Tier verantwortlich war. Meist baute man im Dorf solche Tiefbrunnen auf die Grenze zwischen zwei Höfe, dann brauchte man nur einen bauen und beide Nachbarn konnten sich daraus bedienen. Solche Brunnen mussten mindesten sechs bis acht Meter tief sein, damit auch in trockenen Zeiten, wenn der Grundwasserspiegel absank, noch genügend Wasser geschöpft werden konnte und Mensch und Vieh nicht dürsten mussten. Die Häuser waren alle mit einer dicken Strohschicht eingedeckt, welche den Regen abfließen ließ und im Winter die Wärme im Haus hielt, im Sommer die Hitze der prallen Mittagssonne zurückhielt. Die meisten Fenster hatte man aus durchsichtigen Schweinsblasen hergestellt, weil Glas für alle Fenster zu teuer gewesen wäre. Sie spendeten ausreichend Licht, wenn man auch nicht richtig hindurchsehen konnte.
Marias Vater Bruno hatte als ältester Sohn den Hof von seinen Eltern übernommen und damit zugleich die Verpflichtung, die Eltern, so lange sie lebten, auf dem übernommenen Hof zu versorgen. Die Großeltern arbeiteten beide noch mit auf dem Hof, so gut sie eben in ihrem Alter noch konnten. Die Großmutter beaufsichtigte die Kinder und kochte immer dann, wenn Martha auf dem Feld helfen musste oder sonst unabkömmlich war. Der Vater, der Altbauer, machte noch Kleinarbeiten auf dem Hof, wo er nicht mehr viel Kraft und Anstrengung brauchte. Er holte Wasser aus dem Brunnen für das Vieh und fütterte es, er spaltete das Holz für den Winter und räumte den Mist aus dem Stall. Im Winter aber, wenn ihm ständig kalt war, weil sein Kreislauf es nicht mehr so recht schaffte, dann saß er den ganzen Tag auf der Bank vor dem großen, warmen Kachelofen und genoss die von diesem ausstrahlende Wärme.
Die Brüder mussten schon früh, ihrem Alter entsprechend mitarbeiten, hauptsächlich zuerst als Hütejungen für die Kühe, Schafe, die Ziegen und die Gänse und sie machten sonst leichtere, ihrem Alter entsprechende Arbeiten. Die große Familie lebte recht und schlecht von der kleinen Landwirtschaft. Sie mussten zwar Abgaben an den Landesherrn erbringen, aber sie hatten zu essen und wenn sie einmal ein Stück Vieh verkaufen konnten, ein selbst großgezogenes Kalb oder gar ein Rind, dann leistete man sich ein wenig Tuch, um daraus eine Hose, ein Hemd oder ein Kleid, natürlich alles selbst zu schneidern. Selbst geschneidert war es zwar nicht ganz modern und schick, aber man konnte die Hose dem ältesten Sohn so groß anfertigen, dass er sie noch lange tragen konnte bis sie an den nächsten weitergegeben werden musste. Der vierte Sohn war dann schon recht dumm dran, denn er bekam die Kleidung immer nur als letzter, wenn alles schon sehr geflickt und stark verwaschen war.
In dieser vielleicht ein wenig engen, aber doch zufriedenen Welt wuchs Maria glücklich und wunschlos auf, sie kannte ja nichts anderes. Wie sollte sie sich nach Reichtum und Wohlstand sehen, wo sie nichts als die ärmlichen, dörflichen Verhältnisse kannte. Man kann sich nicht nach etwas sehnen, was man gar nicht kennt. Wohlbehütet wuchs sie nicht auf, das kann man nicht guten Gewissens sagen, weil sie meist sich selbst überlassen blieb, aber sie lernte es mit ihrer von der Großmutter handgenähten Stoffpuppe, die eher wie eine kleine Vogelscheuche aussah, zu spielen, mit ihr zu sprechen und sich zu beschäftigen und erst als sie groß und alt genug war, das elterliche Anwesen auch einmal allein zu verlassen und auch wieder zurückzufinden, begann sie die nähere Umgebung zu erkunden und dann fand sie in der Nachbarschaft ein paar gleichaltrige Mädchen, welche das gleiche Schicksal teilten, nämlich allein auf dem elterlichen Hof spielen zu müssen, weil alle anderen keine Zeit für sie hatten. Kinder wuchsen zur damaligen Zeit ohne viel Mühe und mit nur wenig Beaufsichtigung auf und blieben meist sich selbst überlassen, was ihnen aber auch nicht sehr schadete. Man ließ sie laufen, nicht viel anders als die Hühner. Sie würden mittags und abends schon nach Hause kommen, wenn sie der Hunger zu sehr plagte, genauso wie auch die Hühner zu ihren Fütterungszeiten pünktlich zum Stall kommen, als hätten sie alle Uhren bei sich. Und Maria kam immer pünktlich zu den Mahlzeiten nach Hause. Es war aber auch gar nicht so sehr wichtig, wann sie kam. Das Essen stand immer auf dem warmen Herd bereit, da war es gleichgültig, ob der eine früher oder der andere später aß. Eine Uhr gab es ohnehin nicht, die genaue Zeit festzustellen, man richtete sich nach der Sonne und das klappte vorzüglich, besser als man sich das heute vorzustellen vermag. Die Leute wussten früher nach dem Sonnenstand auf ein paar Minuten genau die Zeit. Jedenfalls kamen die Kinder stets pünktlich vom Spielen und die Jungen immer genau um die richtige Zeit mit ihrem Vieh nach Hause. Marias einziges Spielzeug war, wie gesagt, die Vogelscheuche von der gutmütigen und liebevollen Großmutter, ihre Puppe, mit welcher sie sich stundenlang unterhalten und all ihren Schmerz, ihren Kummer und ihre Sehnsüchte anvertrauen konnte. Die hörte ihr wenigstens zu und widersprach ihr nicht wie oftmals die Erwachsenen, schimpfte nicht, war bescheiden und forderte nichts von ihr. Die Puppe jedenfalls hatte immer Zeit für sie und ihre kindlichen Probleme, was man von den Erwachsenen nicht unbedingt sagen konnte. Manchmal schnitzte einer von ihren Brüdern etwas aus Rinde oder Holz und schenkte es ihr, dann hatte sie noch ein hölzernes Pferd, dessen linker Hinterfuß nur leider bald abbrach, eine geschnitzte Kuh ohne Hörner, weil die schon beim Schnitzen kaputt gingen oder ein Rindenstück, welches einem Kahn ähnlich sehen sollte und in der kindlichen Phantasie auch diesen Anforderungen durchaus genügte.
Als Maria etwa sechs Jahre alt war, begann ihre Lehrzeit. Sie musste von jetzt ab der Mutter in der Küche helfen, damit sie das Kochen erlerne und alle diejenigen Arbeiten, die einer Frau geziemen. Sie lernte das Nähen, nicht nur von Röcken und Blusen, sondern auch von Hosen und Jacken. Das war eine fürchterliche, mühsame Arbeit, denn mit den vom Dorfschmied gefertigten groben und stumpfen Nähnadeln war jeder Stich so schwierig, als bearbeite man Leder. Wie oft stach sie sich in einen ihrer kleinen Finger, dass es blutete und schmerzte, sodass sie kaum weiter zu arbeiten vermochte und dann sollte die Naht auch noch einwandfrei gerade und sauber sein. Sie fertigte einfache Hosen für die Brüder an und zwar aus Sackleinen mit kurzen Beinen, welche die Buben im Sommer trugen. Sie lernte das Stricken, damit man im Winter warme Pullover hatte aus der selbstgesponnenen Wolle. Sie lernte mit dem Spinnrad aus der Schurwolle der paar Schafe, die der Vater hielt, Wolle herzustellen. Auch ging sie mit der Mutter zum Wäschewaschen an den Fluss und half die Wäsche auf einem Stein so lange zu schlagen und zu klopfen bis sie sauber schien. Wenn die Mutter Brot backte, dann half sie auch dabei. Im Dorf gab es einen Backofen, in welchem alle, sagen wir jedenfalls die meisten, ihr Brot backten. Der musste angeheizt werden und wenn die Mutter dann den fertigen und geformten Teig hineingestellt hatte, war es Marias Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die richtige Temperatur immer erhalten blieb, bis die Brote fertig waren. Sie legte ständig Holz nach, nicht zu viel, weil dann das Brot außen schwarz wurde und innen noch roher Teig war, aber auch nicht zu wenig, weil es sonst zusammenfiel und nicht fertig wurde. Das musste man einfach im Gefühl haben, wie viel Hitze das Brot brauchte, um gerade richtig gar zu werden. Nur einmal war es ein wenig angebrannt und die Mutter hatte sie sehr geschimpft, aber dann hatten doch alle das angebrannte Brot gegessen, ohne viel zu meckern. Man war nicht zimperlich zu jenen Zeiten. Während sie auf den Backofen achtete, war die Mutter nach Hause gegangen, das Mittagessen zu bereiten. Kurz gesagt, sie machte und lernte alles, was später einmal ihr alltägliches Leben als Bauersfrau darstellen würde. Etwas anderes zu lernen, dafür bestand keine Chance aber auch kein Bedarf. Und wenn man es genau besah, dann tat sie es eigentlich gerne, denn sie wollte einmal heiraten und daher war es nötig, dass sie alle diese alltäglichen Arbeiten und Künste der Frauen einwandfrei beherrschte. Welcher Mann wollte denn schon eine Frau, die nicht gut nähen und nicht einwandfrei kochen konnte und vom Wäschewaschen nichts verstand oder nicht sparsam wirtschaften konnte. Eine Frau, die nicht verstand Brot zu backen, die würde keinen Ehemann bekommen. Die Männer waren auf solche Frauen angewiesen, die alles konnten, denn nur wenige konnten sich eine Magd leisten. Zuerst war es wichtig, was eine Frau arbeiten konnte, erst danach, wie sie aussah. War eine arbeitsam und fleißig und sah nicht besonders aus, dann war die schon recht. War eine dazu noch schön, dann war das der reinste Glücksgriff.
Oft nahm die Mutter Maria sonntags oder im Herbst, wenn nicht mehr so viel Arbeit in der Landwirtschaft war, auch werktags mit, um mit Maria heilkräftige Kräuter im Wald und auf den Wiesen zu suchen. Die Mutter Martha war nämlich eine in den Kräutern und deren krankheitslindernden Anwendung erfahrene und sehr bewanderte Frau. Das hatte sie schon von ihrer Mutter gelernt und die ebenfalls wieder von deren Mutter, so wurden solche Kenntnisse von Generation zu Generation über die Jahrhunderte immer weiter gegeben und mit den Erfahrungen einer jeden Generation ergänzt, bereichert und verbessert. Man kannte sich damals aus in der Kräuterheilkunde, jedenfalls viele solcher Frauen. Sie waren darauf angewiesen, denn einen Arzt zu bezahlen oder teuere Medikamente beim Apotheker zu kaufen, das vermochten die wenigsten. Pflanzenblut heilt Menschenblut lehrte die Mutter die Tochter und viele andere wissenswerte Dinge über die Kräuter, Pflanzen und deren heilwirksame Verwendung. Man konnte sie als Tee verwenden, aber auch als Zusatz beim Baden im Bottich und ihre Mutter machte auch Salben daraus. Für das Zubereiten von Salben kochte sie die geeigneten Pflanzen, wie zum Beispiel die Ringelblume, in Schweineschmalz und siebte dann die Kräuter heraus, sodass das verbleibende Schmalz ganz grün geworden war und bei mancherlei schlimmen Beschwerden half oder doch zumindest ein wenig Linderung verschaffte.
Maria ging liebend gerne mit der Mutter mit, wenn sie Kräuter suchte und sammelte. Anfangs noch an der Hand der Mutter geführt, später aber schon selbständig in der Gegend herumtollend und hüpfend wie ein junges Zicklein und dann lernte sie wie von selbst auch die Kräuter zu sehen und zu sammeln, welche die Mutter brauchte. Es war eine wunderschöne Abwechslung vom alltäglichen Trott ihres eintönigen Daseins, wenn sie mit der Mutter in den Wald oder auf die Auen durfte und nach und nach lernte sie ganz von allein auch hier alles, was die Mutter von der gesundheitsfördernden Eigenart der einzelnen Pflanzen wusste. Die Mutter erklärte ihr immer mit viel Geduld, was sie sammelte, warum sie es zusammentrug, wie man es bereiten musste und wozu es gut sein konnte. Sie sammelten von den Feichten (Fichten) die hellgrünen, jungen Triebe und Knospen im Frühjahr, denn nur dann schlugen die neuen Sprosse aus, die halfen als Tee zubereitet gut gegen Husten und alle Erkältungskrankheiten. Sie sammelten die Blätter von dem Besenbaum (Hängebirke), die auf vielerlei Weise wirkten. Die Blätter gaben getrocknet einen guten Tee, der auf den kranken Körper stark entwässernd wirkt. Die Mutter machte aus den Blättern auch einen dicken Saft, der wundheilend, besonders gut aber bei Mundfäule und Zahnfleischerkrankungen hilft. Aus der Rinde der Birke kann man auch ein Öl herauspressen, das man zu Einreibungen bei Gicht und Rheuma braucht und das sehr gut hilft und die Schmerzen lindert. Maria kletterte auf die hohen Bäume und brach den Hexenbesen (Mistel) aus dem Geäst und warf ihn ihrer Mutter herunter. Das darf man aber nur im Herbst sammeln, weil nur dann die guten Säfte mit den Wirkstoffen in den Blättern sind. Der Tee davon ist gut gegen alle Krankheiten des Blutes. Sie pflückten große Mengen Hopfenzapfen, auch nur im Herbst, am besten im September. Der Tee davon wirkt besonders gegen Schlaflosigkeit. Sie sammelten das Flöhseckel (Hirtentäschelkraut), welches ein altbewährtes, blutstillendes Heilkraut ist, wenn man daraus einen Tee zubereitet.
Die Mutter wusste fast von jeder Pflanze etwas und wurde nicht müde es Maria immer wieder zu erklären bis diese es so oft gehört hatte, dass sie sich selbst alles merken konnte und alles wusste. So hatte es auch die Großmutter mit der Mutter gemacht. Die Frauen erzählten es so oft und immer wieder ihren Kindern, was die Kräuter bewirkten, bis es den Kindern ganz von selbst und für immer im Gedächtnis haften blieb. Sammelte man gleichzeitig die betreffende Pflanze, von der die Mutter erzählte, dann prägte sich das Gehörte um so besser ins Gedächtnis ein und geriet nie wieder in Vergessenheit. Natürlich interessierte sich Maria auch für dieses Wissen und gab sich alle Mühe das zu behalten, was ihr die Mutter erzählte, denn sie wollte gerne selbst einmal, wenn sie erwachsen genug sein, anderen Leuten mit ihrem Wissen und Können helfen. Manche Heilpflanzen säte die Mutter auch in ihrem Garten hinter dem Haus an, so die Ringelblume, aus deren Blüten man einen gesunden Tee für mancherlei Leiden machen kann und eine gute, heilende Salbe, wenn man die ganze Pflanze in Schweinefett erhitzte. Sie ließ immer einige davon stehen, damit sie im Herbst Samen bildeten, die man dann im nächsten Frühjahr wieder aussäen konnte. Die Leute im Dorf und der Umgebung wussten von Mutter Marthas heilender Kunst und ihren helfenden Kenntnissen, es hatte sich herumgesprochen, und so konnte es sein, dass insbesondere im Herbst und Winter, wenn die Erkältungs- und sonstigen Winterkrankheiten, besonders die Grippe im Umlauf waren und die Leute plagten, fast jeden Abend Frauen zu ihnen nach Hause kamen, ihr Leid klagten und getröstet mit einer Hand oder einem Becher voll Teeblätter oder einem heilenden Saft oder kräftigen Absud nach Hause gingen, um ihrem kranken Mann oder ihrem leidenden Kind oder auch sich selbst zu helfen und wenigstens ein wenig Linderung zu verschaffen. Sie brachten alle kleine Beutelchen für die Teeblätter mit oder Becher für die Tinkturen und Säfte, da Martha natürlich nicht jeder auch noch ein Gefäß oder einen Beutel mitgeben konnte.
Mutter Martha verlangte nie etwas für diese helfenden Gaben. Sie wusste, die anderen waren genau so arm und knapp bei Kasse wie sie selbst, was sollte sie denen noch abverlangen. Ihr war es Lohn genug, wenn ihre Tees halfen und sich die Leiden der Kranken besserten. Dennoch ließen manche etwas zurück, was sie gerade so übrig hatten, ein Krüglein mit Honig oder ein paar Kekse und ganz selten, wenn auch einmal eine Bauersfrau von den wenigen größeren Höfen da war, von welchen es nicht viele in der Gegend gab, lag hin und wieder eine Silbermünze auf der Kommode, welche die Frau dort heimlich hingelegt hatte.
Sobald Maria gut und vor allen Dingen schnell genug laufen konnte, musste sie wie alle anderen in der Familie auch, nur nicht mehr der Großvater, denn der schaffte es nicht mehr, und wie alle anderen Kinder des Dorfes sonntags mit in die Kirche gehen. Das waren immerhin 15 Ruten , die sie laufen musste und das war ein schrecklich weiter Weg für ihre kleinen Beine. Am Anfang rannte sie den Eltern noch lachend voraus, dann ging sie aber bald nebenher und zum Schluss musste sie regelrecht mitgezogen werden. Aber sie gewöhnte sich an diese allsonntägliche Pflicht, die auch ihr zur Selbstverständlichkeit wurde. Die Kirche war ein nur dürftig ausgeschmücktes Gotteshaus, weil keine Mittel da waren, ein prächtiges und prunkvolles Bauwerk zu erstellen und innen großartig zu verschönern. Sie war aus gewöhnlichen, einfachen Feldsteinen errichtet und nur innen verputzt. Außen waren die Steine Natur belassen worden, was aber, da man die Steine sehr sorgfältig ausgesucht und zusammengefügt hatte, durchaus passabel aussah. Die Kirchentür war mit ansehnlichen Schnitzereien verziert, die zwar nichts Besonderes darstellten, aber mit ihren fein herausgearbeiteten Verzierungen ein gelungenes Gesamtbild ergaben. Die Kirche diente mehreren der umliegenden Dörfer als religiöser Mittelpunkt. Vorne auf dem steinernen Altar stand ein ebenfalls aus Stein gehauenes Kreuz. Das hatte ein Bauer in monatelanger Arbeit aus einem großen Stück Stein herausgehauen und er musste es sogar zweimal machen, weil eine Ader im Gestein sein erstes Werk zu Bruch gehen ließ. Hinter dem Altar in der Apsis der Kirche befand sich ein großes Fenster mit herrlichem, bunten Glas. Neben dem Altar an der Wand der Apsis stand eine lebensgroße Statue der Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie war bunt angemalt und für die kleine Maria das Sinnbild der Schönheit. Es war ihr, als hätte sie noch nie eine so schöne und liebliche Frau gesehen, außer vielleicht ihre Mutter, die sie auch sehr verehrte. Sie musste sie jedesmal lange anschauen, wenn sie in der Kirche war. An den Wänden hingen Bilder von den Stationen des Kreuzweges des Herrn Christus und von den zehn Plagen, welche durch Gott über die Ägypter gesandt wurden, als diese die Israeliten nicht aus ihrem Land ausziehen ließen. Oft stand Maria vor einem dieser Bilder, welches einfach ganz schwarz angestrichen war und als sie die Mutter fragte, was das denn bedeuten solle, sagte die Mutter: Einmal hat Gott eine große Finsternis geschickt, sodass man nichts mehr sehen konnte und das ist die Finsternis! Maria staunte nicht wenig und sagte: Das war aber einfach zu malen für den Herrn Künstler. Die Mutter nickte lächelnd.
Anfangs war es ihr recht schwer in der langweiligen Messe eine unendlich erscheinende Ewigkeit still zu sitzen. Der Pfarrer sprach und sang ja alles in einer Sprache, die sie überhaupt nicht verstand und nicht kannte. Lateinerisch hatte ihr die Mutter auf ihre neugierige, aber auch interessierte und wissbegierige Frage erklärt, obgleich sie damit auch nicht wusste, in welchem Land man diese fremde, lateinerische Sprache gebrauchte. Auf Marias verständliche Frage, ob der Herr Pfarrer ein Ausländer sei, ein Lateiner, erklärte ihr die Mutter jedoch:
Nein, Ausländer ist er nicht, mein Kind, die Pfarrer sprechen alle so, damit sie sich untereinander verständigen können, gleich aus welchem Land sie kommen. So kann zum Beispiel unser Herr Pfarrer mit dem Papst in dem unheimlich weit entfernten Rom in der lateinischen Sprache reden und sie verstehen sich ausgezeichnet und brauchen keinen, der ihnen alles übersetzen muss.
Maria überlegte eine Weile und da sie nicht dumm war, sagte sie: Aber dann braucht er doch mit uns nicht auch so ausländisch zu sprechen, jetzt verstehen wir ihn ja nicht mehr und langweilen uns in der Kirche. Ist es nicht besser, wir verstehen ihn als der Papst, der ohnehin so weit weg ist und nie zu uns kommt? So oft wird unser Herr Pfarrer doch auch nicht zu dem Herrn Papst kommen? Und wir hier sind doch viel mehr Menschen wie der eine Herr Papst.
Darauf wusste die Mutter nicht so recht eine Antwort, denn, so dachte sie insgeheim, das Kind hat ja eigentlich Recht. Es war ja gut, wenn der Pfarrer mit dem Herrn Papst sprechen konnte, aber warum war es nicht wichtiger, dass er verständlicher und deutlicher mit seinen Leuten aus der Gemeinde spricht. Aber nachdem Maria ein Jahr lang jeden Sonntag in der Kirche war, wusste sie zwar immer noch nicht, was der Pfarrer sagte, das wusste nämlich niemand aus dem Dorf, aber sie konnte es fast alles auswendig nachplappern und sie wusste, wann man aufstehen musste, wann man hinzuknien hatte, wann man sich setzen durfte und wann man das Kreuzzeichen zu machen hatte oder etwas singen sollte. Trotzdem waren ihr die allsonntäglichen, langweiligen, unverständlichen Messen eine einschläfernde Qual, denn es war natürlich für ein Kind furchtbar ermüdend und doof, einem Ausländer, den man nicht verstand, eine Stunde lang und manchmal sogar noch länger zuzuhören. Manchmal, meist am Sonntag abends, wenn sie wieder eine so langweilige Sonntagsmesse hinter sich gebracht hatte, betete sie in ihrem Bett zu Gott: Lieber Gott, schicke uns doch bald einen anderen, einen deutschen Pfarrer, den man versteht, damit die Kirche am Sonntag nicht so eintönig und stinklangweilig ist. Da kannst du doch nicht verlangen, dass man immer stillsitzt, wenn es doch so langweilig ist. Aber ihr Gebet wurde nie erhört. Der Ortspfarrer blieb, soweit sie sich zurückerinnern konnte, wohl immer der gleiche und er sprach auch noch die fremde, lateinische Sprache, als Maria schon eine verheiratete Frau war und ihre Kinder mit in die Kirche nahm.
Das schönste an der allsonntäglichen Messe war, wenn sie aus war. Dann konnte man die Kirche verlassen und die Eltern standen noch lange, manchmal bis zu einer Stunde mit Nachbarn und anderen Leuten zusammen und unterhielten sich vor der Kirche mit diesen. So lange es dann schönes Wetter war, konnte man mit den vielen anderen Kindern, die nach der langen Messe auch ganz aufgedreht waren, herrliche Spiele machen, fangen oder Versteckspiele. Allerdings kam dann wieder der lange, lästige Heimweg. Aber der fiel ihr von Mal zu Mal leichter, vielleicht weil sie wuchs und ihre Beine länger wurden.
Natürlich ging Maria nie in eine Schule, um lesen und schreiben zu lernen. So etwas gab es damals nicht, oder vielleicht nur in manchen großen Städten, wo Kinder von reichen Eltern schreiben und lesen erlernen durften, natürlich wenn sie es auch bezahlen konnten, aber da hatten die Reichen sicher keine Probleme, wenn es um das Geld ging. Die Kinder von Eltern der höheren Stände, der Adligen hatten ohnehin eigene Hauslehrer, die ihnen das für ihr Leben Wichtigste beibrachten; aber für ein kleines, armes Bauernmädchen gab es so etwas nicht. Allerdings fragte sich Maria auch, für was sie schreiben und lesen sollte. Es würde sie zwar allein der Neugier halber reizen, weil sie immer sehr wissbegierig war, aber was gab es schon zu lesen in ihrem beengten Leben und wem sollte sie schreiben, wo es in ihrem ganzen Bekannten- und Verwandtenkreis niemand gab, der ihre Briefe hätte lesen können. Das bisschen Rechnen, das man so Tag für Tag brauchte, zusammenzählen und abziehen und ein wenig malnehmen, das brachte ihr die Mutter mit Äpfeln oder Nüssen bei und zählen konnte sie weit genug, es reichte ihr jedenfalls. Sie brauchte nicht bis hundert zählen können, sie hatten weder hundert Schafe noch hundert Hühner. Also, vermisste sie die Schule genau genommen nicht.
So gingen die Jahre ins Land und als sie in das aufregende Alter kam, wo sie nach den Buben Ausschau hielt oder besser die Jünglinge nach ihr, denn sie war ein sehr hübsches Mädchen geworden, sagte ihr die Mutter ganz beiläufig, dass es beim ersten Mal ein wenig schmerze, aber später nicht mehr. Alles andere war ihr schon so ziemlich klar, denn sie war schließlich auf dem Land aufgewachsen, wo es der Ziegenbock mit der Ziege trieb und das Kaninchen mit seiner Frau rammelte und dass es dann nach einiger Zeit junge Ziegen, beziehungsweise Kaninchen gab, wenn sie beieinander waren. Die Mutter sagte noch, dass es anständige Mädchen nicht vor der Hochzeit machen, sonst bekämen sie keinen Mann. Da dachte Maria nicht mehr daran, denn sie wollte unbedingt einen Mann, sie wollte auf keinen Fall allein leben. - Da gab es im Dorf eine alte Frau, die sie die Jungfer Agathe nannten, weil sie in ihrem Leben nie mit einem Mann zusammen gelebt und nie geheiratet hatte. Wie schrecklich, dachte Maria, wie schrecklich einsam musste ein solches Leben sein. Was machte eine solche Frau mit ihrer Liebe und mit ihren Gefühlen. Allerdings schien diese Jungfer Agathe gar nicht so sehr unglücklich, denn sie war eine immer lächelnde und freundliche, ältere Frau, die sich im Dorf gerne mit jedem liebenswürdig unterhielt und oft in die Häuser ging, um auszuhelfen, wenn Not an Mann oder an Frau war. Sie war immer hilfsbereit, immer zur Stelle, wenn man sie brauchte, und immer gerne gesehen. Wenn man sie fragte, warum sie nicht geheiratet habe, dass sagte sie: Es gibt so viele hübsche Männer, warum sollte ich mich auf einen festlegen, und dann lachte sie und schien sehr zufrieden mit ihrem Dasein, aber das konnte Maria einfach nicht glauben. Man mochte die Jungfer Agathe auch gerne, weil sie mit ihrer Hilfsbereitschaft oft gut gebraucht werden konnte. Man holte sie gerne zum Schlachttag, wo sie dann den ganzen Tag die Därme reinigte oder wenn sie kurz vor Weihnachten in die Häuser ging, dann half sie den Frauen bei der Weihnachtsbäckerei. War irgendwo eine Hochzeit, dann stand sie immer in der Küche und nicht anders war es bei den Beerdigungen. Immer half Agathe aus. Auch wenn eine Frau länger im Kindbett lag, dann ging sie hin und half der Magd solange im Haushalt, damit die Familie nicht benachteiligt wurde. Trotzdem, für Maria war es klar, dass sie es nicht vor der Hochzeit machen würde. Sie konnte sich nichts schlimmeres vorstellen, als wenn sie wie die alte Agathe vom unteren Hof ein Leben immer ganz allein verbringen müsste, immer ohne Ehemann als immer älter werdendes Fräulein und immer ohne Kinder. Wenngleich es sie auch sehr neugierig machte, was da geschah, wo niemand darüber redete, aber besser noch ein paar Jahre warten, als das ganze Leben lang keinen Mann zu haben. Ein Leben ohne Ehemann stellte sie sich als schrecklich langweilig und eintönig vor, noch langweiliger als in der ermüdenden Kirche mit dem fremdsprachigen Priester. Mit wem sollte man da reden den ganzen Tag, wenn man keinen Ehemann hatte? Wie sollte man Kinder bekommen, wenn man keinen Ehemann hatte? Nein, das war nichts für sie, ohne Mann und dann auch noch zwangsläufig ohne Kinder. Das erschien Maria ein unerträgliches Los.
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| S e i t e n z a h l : |
584 |
| A u t o r I n : |
zur Vita von Günther Rudolf
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