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Logbuch
Krimis & Thriller
Geschrieben von Dirk Eberhardt   

E x p o s é :

bvkrimi
 

Marten Rehms flüchtet nach einer Depression auf eine kleine Insel um Abstand zu gewinnen. Am Tag nach seiner Ankunft wird der ehemalige Lehrer der Insel nach mehreren Tagen im Meer tot angespült.  Sophie, die Tochter des Toten berichtet Rehms von einem Notizbuch, dass sie wenige Tage zuvor von ihrem Vater zugesandt bekam. Die letzten Eintragungen darin handelten von einer tragischen Schiffsstrandung  vor der Insel im 19. Jahrhundert. Die Ereignisse von damals scheinen unmittelbar mit der Gegenwart verknüpft.  Noch während Rehms mit den Nachwehen seiner Gemütsverstimmung kämpft treiben die Beiden, gemeinsam mit einem Freund des Toten, die Recherche mit unorthodoxen Methoden auf eigene Faust voran. Dabei geraten sie ins Visier des unsichtbaren Feindes. Die Jagd beginnt.

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 


  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 


Auszug Kapitel 1    Seite 1-7

Marten Rehms stand an der Reeling des Schiffes, als das Licht des späten Nachmittags, gedämpft wie ein Vorbote des nahen Herbstes, das sonst so graue Watt in eine flammende, bizarre Landschaft verwandelte. Der seichte Wind trug die Ausdünstungen des trocken gefallenen Meeresbodens heran. Es roch nach Salzwasser, Schlick und Morast. Die hier herrschende Stille wurde nur von den Möwen durchbrochen, wenn sie sich mit Gekrächz und schrillem Geschrei um Beute stritten. Das Schiff befand sich bereits im Juist Fahrwasser. An Steuerbord waren die östlichen Ausläufer der Insel zu erkennen. Im Kielwasser die von weißen, dicht gedrängten Gebäuden, gesäumte Westspitze von Norderney. An Backbord flimmernd unter den Horizont geklemmt Norddeich Mole. Die See war an diesem Spätsommertag leer und bleiern träge. Lediglich in der Ferne zogen vereinzelt Segel gen Horizont. Mit einem schwingenden Pfeifgeräusch zog ein Schwarm Graugänse tief über dem Wasser am Heck des Schiffes vorbei. Im blaugrünen Wasser trieben vereinzelt mit Algen und Seepocken bedeckte Holzstücke oder Flaschen vorbei. Die Wellen des Schiffes breiten sich gleichmäßig in geraden Linien nach links und rechts aus. Der Diesel des Schiffes dröhnte hin und wieder auf und stieß dabei durch den orangefarbenen Schornstein am Heck, verziert mit dem Wappen der Reederei, schwarze Abgaswolken aus. Die roten Kunststoffbänke, festgeschraubt auf den grünen Decks des weißen Schiffes, vibrieren im Takt der Maschine. Mal hörbar, mal nur spürbar, mal beides. Schon während der ganzen Passage begleiten Silbermöwen das Schiff. Erst einzeln, dann in kreischenden Schwärmen. Sie umkreisten das weiße Bäderschiff, ruhten sich auf seinen Masten aus oder gingen auf dem Wasser nieder, um in den seichten Gewässern neben dem Fahrwasser zu fischen.
Ein letztes Mal sah Marten Rehms über die schwefelgrün schimmernde See zurück gen Festland. Er stand am Bug des Schiffes, direkt an der Ladeklappe der Fähre. Die wenigen Passagiere sammelten sich auf den oberen Decks mit Sitzbänken. Nur wenige schlenderten über das grüne Autodeck der Fähre auf dem die Transportwagen für das Gepäck der Reisenden und vereinzelt an die Reeling gelehnte Fahrräder standen. Rehms bemerkte eine junge Frau mit dichtem lockigen Haar, die einige Meter von ihm entfernt, vorgebeugt am Bug des Schiffes stand. Zunächst hatte er das Schluchzen der Frau nicht wahrgenommen. Es wurde durch den Fahrtwind fortgerissen. Bemüht darum ihre Fassung wieder zu gelangen, schaute Sie schnell und verlegen nach links und rechts, kämpfte dabei mit einem bereits aufgeweichten Taschentuch gegen einen erneuten Tränenausbruch. Rehms schaute mehrmals mit einem unsicheren und flüchtigen Blick zu ihr hinüber. Dabei trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment. Ihre Augen waren stark gerötet und geschwollen. Das Gesicht war blass. Tiefe Ränder säumten ihre Augen. Erschrocken darüber in ihrer Situation entdeckt worden zu sein, griff die junge Frau in einer plötzlichen Bewegung die neben sich stehende Reisetasche und verließ den Platz an der Reeling in Richtung des Niedergangs zu den Salons. Rehms schaute ihr kurz nach. Ihr Gang war unsicher, nahezu schwach und ungelenkt. Gerade stieg eine kleine Cessna von dem kleinen Inselflughafen auf und drehte sofort nach dem Verlassen der Startbahn in einer scharfen Kurve nach links auf das Wattenmeer zu. Mit einem dumpfen Dröhnen flog sie noch im Steigflug befindlich in geraumer Entfernung an der Fähre vorbei. Rehms blickte dem kleiner werdenden weißen Punkt am Himmel nach. Seine Gedanken galten immer noch der jungen Frau. Sie hatte ihm einen Spiegel vorgehalten. Quälende Ängste, Schlaflosigkeit und tiefe Traurigkeit. Ohne Mut, ohne Perspektive und ohne einen Rest Selbstachtung war er eines Morgens aufgewacht. Selbst seinem ärgsten Feind wünschte er das nicht. In diesem Moment dröhnte das Schiffshorn. Schlagartig fand er sich in der Gegenwart wieder. Eine andere Fähre kam ihnen entgegen. Ein tiefes Dröhnen schallte wie eine Antwort aus dem Horn. Auf der Richtung Festland fahrenden Fähre befanden sich viele Touristen, die auf das Ende ihrer Ferien zusteuerten. Einige von denen dort drüben begannen zu winken. Auch Rehms ließ sich zu einem kurzen und dann zu einem längeren Winken verleiten. Eigentlich mochte er derartig anonyme Gesten in der Öffentlichkeit Fremden gegenüber nicht. Doch etwas verband die Passagiere der zwei Schiffe. Rehms hatte ein wenig Mitleid mit den Menschen, die vielleicht schon Morgen wieder an Ihren Schreibtischen saßen, einen Bus durch dichten Verkehr steuerten, in einem Supermarkt kassierten und dabei vielleicht Ähnliches erleiden mussten, wie er es hinter sich hatte. Er wusste nicht was ihn erwarten würde, wenn er die Insel in drei Monaten wieder verlassen würde.
Als die Fähre den kleinen Hafen der Insel erreicht hatte, bereiteten sich Kapitän und Mannschaft in routinierter Choreografie auf das Anlegemanöver vor. Die Passagiere sammelten sich auf dem unteren Deck, um die Fähre zu verlassen. Es war eine übersichtliche Gruppe und dennoch bunt zusammengewürfelt. Ein älteres Ehepaar, beide mit einem Rucksack ausgestattet. Wahrscheinlich Tagestouristen. Ein junger Mann mit langer blonder Mähne und einem Surfbrett unter dem Arm. Ein Paar mittleren Alters, auf die das Klischee eines typischen Lehrerehepaars zutraf, hatte sich bereits mit einem Inselführer bewaffnet. Ein kräftig wirkender Mann in einem dunklen Anzug, der sich suchend in der Gruppe umsah. Rehms schaute in die Runde. Er suchte die junge Frau. Doch Sie war nirgends zu sehen. Vielleicht verließ sie die Fähre über das Autodeck, weil sie ein Fahrrad dabei hatte. Doch gerade als die Diesel ein letztes Mal zu dröhnen begannen und die Fähre mit einem sanften Ruck gegen die Poller des Hafens gedrückt wurde sah er sie die Damentoilette verlassen. Sie schien sich die vom Weinen brennenden Augen mit kühlem Wasser gewaschen zu haben und wischte sich gerade noch einen letzten Tropfen mit einem Taschentuch aus den Augen, als Sie den Kopf hob, kurz Richtung der Gruppe von Passagieren sah, um gleich im Anschluss abrupt ihren Weg in Richtung der Treppe zum Autodeck zu ändern. Wahrscheinlich war es ihr unangenehm sich so verheult unter Menschen aufzuhalten. Deshalb zog sie die Einsamkeit des Decks vor. Rehms begann sich auf seine Gedanken zu konzentrieren und wippte dabei nervös von links nach rechts. Er war voller Skepsis und innerlicher Unruhe in Bezug auf seinen langen Inselaufenthalt. Seine neue Wahlheimat für die nächsten drei Monate. Mit einem metallischen Krachen setzte die Gangway außenbords auf dem Schiff auf. Ein Mitarbeiter des Personals öffnete die Absperrung und die wenigen Passagiere verließen das Schiff dicht gedrängt. Die vergangenen Monate hatten ihn seiner letzten Nerven beraubt. Sein Leben war aus dem Ruder gelaufen. Er hatte einen Job gehabt, den er gehasst hatte. Kollegen, die er auf den Tod nicht ausstehen konnte und einen Chef, der nur durch den Ausdruck Arschloch passend beschrieben werden konnte. Trotz aller Bemühungen und einer Unmenge an Bewerbungen hatte er keine Wahl gehabt. Wenn er Geld verdienen wollte – und das erwartete man von ihm als Mittdreißiger – gab es keine andere Lösung als sich jeden Morgen dort hinzuquälen. Ein Gebäude zu betreten, bei dessen Anblick schon der Brechreiz in ihm aufstieg. Am schlimmsten waren für ihn die Montage. Fünf volle Tage lagen dann vor ihm. Betriebsfeiern und ähnliche Veranstaltungen waren das Tüpfelchen auf dem i und versauten ihm unter Umständen sogar zwei Wochen am Stück, wenn sie denn am Wochenende stattfanden. Bewerbungen hatte er viele geschrieben. Aber die Situation am Arbeitsmarkt war extrem angespannt – wie es in den Nachrichten so schön hieß. Vielleicht hatte er auch einfach noch zu wenig an Erfahrung auf dem Papier stehen.  Alles in allem stand ihm das Wasser bis zum Hals. Das Leben sollte sich dreidimensional darstellen. Es sollte Tiefe und Schärfe haben, intensiv und befriedigend sein. Jedenfalls an den meisten Tagen. So hatte er es kennengelernt. Er hatte eine Dimension verloren oder sie wurde ihm genommen. Je nach dem. Eines Morgens war er erwacht und die Welt hatte auch den letzten Rest Farbe verloren. Grautöne, wohin das Auge sah. Sein Leben war einer Katastrophe zum Opfer gefallen. Alle Ängste und Zweifel dieser Welt jagten ihn.
Rehms kannte die Insel von unzähligen Aufenthalten in seiner Kindheit. Er machte sich auf den Weg. Er wollte schnell weg von den Menschen, allein sein. Als er ein gutes Stück zwischen das Hafengelände mit seinem hektischen Treiben und sich gebracht hatte, stellt er seine Tasche ab und blieb stehen. Nicht weit von der Straße entfernt auf einer grünen Wiese stand der Leuchtturm. Der kleine Backsteinturm leuchtete in der tief stehenden Sonne in einem warmen dunkelroten Ton. Das Glas der Kuppel reflektierte die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Auf den ersten Blick schien sich die Insel bis auf wenige Kleinigkeiten seit seinem letzten Aufenthalt vor einigen Jahren nicht wesentlich verändert zu haben. Gen Westen säumten die vielen so typischen roten Backsteinhäuser die Wattseite  bevor sie in der Ferne in den Ortsteil Loog mündeten. Direkt vor ihm lag das kleine Inseldorf überragt vom strahlend weißen Kurhaus mit seiner Glaskuppel, die an den neu gestalteten Berliner Reichstag erinnerte, an der Strandseite der Insel. „Eines hatte sich geändert“, dachte er.“Du, du hast dich verändert.“ Kritisch musterte er das Eiland mit einem Rundumblick. Dann griff er nach seiner Tasche und ging durch das Deichtor, was die Insel von der Wattseite vor Hochwasser schützt. Er war die körperliche Anstrengung nicht mehr gewohnt. Bereits nach wenigen Schritten mit vergleichsweise leichtem Gepäck bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn und er merkte, wie es auch unter den Achseln feucht zu werden begann. Kein Wunder. Wann hatte er seinem Körper zum letzten Mal etwas Gutes getan? Eigentlich sollte die Frage eher lauten: “Wann hatte er seinem Körper zum letzten Mal nichts Schlechtes angetan. Aus Frust hatte er viel gegessen, viel getrunken, viel geraucht und sich wenig bewegt. Gott sei Dank hatte er seine Koffer in Norddeich aufgegeben. Sie wurden auf der Insel mit Pferdekutschen den Feriendomizilen der Gäste zugestellt. Auf Rehms seine Frage, wie lange die Zustellung dauern würde, bekam er die trockene Antwort: „Im Laufe des Tages!“ Eine wenig präzise Antwort. Aber das Gepäck, bestehend aus vier Koffern, konnte er unmöglich selbst transportieren. Trotzdem hatte er sich über die Antwort geärgert. Er wusste nicht genau ob drei Monate Inselexil das richtige für ihn waren. Hatte er sich von allen nur drängeln lassen? War es seine Entscheidung gewesen? Es schien ihm zwecklos jetzt noch darüber nachzudenken. Denn er war hier und die Pension war im Voraus bezahlt worden. Er konnte nur hoffen, dass das Zimmer seinen Erwartungen genügen würde. Es handelte sich um eine ganzjährig geöffnete Pension zur Wattseite der Insel. Auf der rechten Seite der Straße wurde er von einem „Willkommen auf Juist“ begrüßt. Unter den Buchstaben das Wappen der Insel. Zunehmend schwereren Schrittes und wohl wissend, wie weit der Weg noch war, bog er am Kurzplatz, der das Zentrum der Insel darstellte, links ab. Die Straße wurde zur Rechten von einer großen Baustelle gesäumt. Nach fünfzehn Minuten anstrengendem Fußmarsch erreichte er sein Ziel. Haus Dünenrose. Eine Pension von unzähligen. Ein roter, schmuckloser Backsteinbau.

Auszug Kapitel 2        Seite 30 - 37
Er machte sich auf und schlug den Weg über die Dünen ein. Den Weg, den er vor einigen Stunden schon einmal gemeinsam mit Sophie hinaufgegangen war. Auf der anderen Seite, den Niedergang von den Dünen kommend, schlug er einen kleinen, schmalen Pfad, zugewachsen mit Sträuchern und Büschen wie das alte Fischerhaus selbst, ein. Schatten verblassten in zunehmender Dunkelheit. Nach etlichen Metern blieb er irritiert stehen, nicht auf das Haus zu treffen. Die Nacht und das Terrain vor ihm waren pechschwarz. Plötzlich befand sich etwas in seinem Weg. Bei genauerem Hinsehen stellte er fest, dass es sich dabei um einen niedrigen Holzzaun handelte. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und nahmen jetzt auch schemenhaft das kleine niedrige Haus mit dem verwetterten Reetdach in einiger Entfernung vor ihm wahr. Er sah die Rückseite mit einem großen Schiebeelement, das einen Spalt offen stand. Im ganzen Haus brannte jedoch kein Licht. Vielleicht saß Sophie im Dunkel bei geöffneter Tür? Um sie nicht zu erschrecken, beschloss er zur Vorderseite zu gehen und an der Haustür zu klingeln. So schlich er sich leise am Zaun entlang. Erst als er ein polterndes Geräusch, gefolgt von einem Klirren und mehreren dumpfen, kräftigen Schlägen auf einen harten, hohlen Gegenstand vernahm, wurde ihm klar, dass hier etwas nicht stimmte. Den Schreck seines Sturzes noch nicht ganz überwunden, überkam ihn das Gefühl der Angst erneut. Er blieb stehen, wie zu Stein geworden. Sein ganzer Körper war angespannt. Er hielt den Atem an. Nach einer kurzen Pause vernahm er erneut mehrere dumpfe Schläge. Im Innern des Hauses schien etwas zu splittern. „Mutig sein bedeutet, seine Angst fünf Minuten länger zu überwinden als Andere“, war der Gedanke, der ihm in den Sinn kam. Aber er war eigentlich alles andere als mutig. Leise stieg er über den kleinen Zaun und schlich Richtung der Tür. Er hörte flüsternde Stimmen aus dem Innern. Nahe des Fensterelements ging er in die Knie und versuchte mit einem kurzen, schnellen Blick einen Eindruck dessen zu gewinnen, was sich dort drinnen gerade abspielte. Zuvor holte er noch einmal tief Luft. Er sah zwei Gestalten. Die eine von den Beiden schien gerade etwas in einer Tasche zu verstauen, bevor sie sich umdrehten und schnellen Schrittes direkt auf Rehms zuhielten. Ihm stockte der Atem. Er hatte keine Zeit mehr zu flüchten oder sich zu verstecken. Geschweige denn, aufzustehen, ohne auch nur ein Geräusch zu verursachen. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er blieb unbeweglich und ohne zu atmen hocken, in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden. Er erinnerte sich an Peter Lustig der in einer Sendung Tiere im nächtlichen Wald beobachtet hatte. Er hatte erklärt, dass das menschliche Auge Bewegung viel schneller wahrnehmen konnte als eine absolut statische Umgebung. Hoffentlich behielt Peter Lustig recht. Die Männer, an den Stimmen meinte er zu erkennen, dass es sich um Männer handelte, traten aus dem Haus auf die Terrasse hinaus. Keine zwei Meter von Rehms entfernt. Er blickte zu Ihnen hinauf. Es schien als wollten Sie für ihre Flucht den Weg nutzen, den er eben gekommen war. Wenn sie sich jetzt auch nur noch einmal umschauen würden, mussten sie ihn zwangsweise entdecken. Und das würde wahrscheinlich geschehen, wenn sie über den Zaun stiegen. Rehms hielt sich bereit. Noch wartete er um Zeit und vielleicht noch ein oder zwei Meter Distanz zu gewinnen. Kurz bevor die beiden vermummten Gestalten den Zaun erreichten, richtete er sich leise auf und tat einen Schritt Richtung der Schiebetür. Der Erste der Beiden hatte den Zaun erreicht und drehte sich noch einmal um, bevor er auch nur zum Hinübersteigen angesetzt hatte. Rehms raste los. In den Spalt der Tür hinein, in der Hoffnung innen auch gleich den Schließmechanismus zu finden. Die beiden Männer riefen sich hektisch etwas zu und setzten zum Sprint an. Er zog kräftig an der Tür. Diese setzte sich in Bewegung und rollte auf ihr Schloss zu. Nur noch drei, vielleicht vier Schritte dann würden sie hier sein.  Rehms drehte den Hebel reflexartig von unten im Uhrzeigersinn nach oben. Der gesamte Flügel senkte sich und rastete mit einem lauten Knall ein. Rehms sprang mit einem riesigen Satz rückwärts in das Dunkel des Zimmers. Eine der beiden Gestalten prallte mit gefährlicher Kraft gegen das Glas. Doch die Scheibe hielt. Mit gedämpft klingenden, gestoßenen Lauten und wild gestikulierend verschwanden sie in der Dunkelheit, ohne dass er auch nur ein Wort verstanden hatte. Er gestattete sich ein oder zwei kurze Atemzüge, bevor er wieder begann die Luft anzuhalten um konzentriert in das Schwarz des alten Gebäudes zu horchen. Würden sie versuchen an anderer Stelle erneut in das Haus einzudringen? Wo war Sophie Rasmus? Er wartete. Gefühlt eine halbe Stunde. In Wirklichkeit waren es jedoch lediglich wenige Minuten. Nichts tat sich. Langsam begann die Anspannung von ihm zu weichen. Sein starr gerichteter Blick auf einen Punkt irgendwo in der Dunkelheit löste sich. Er befand sich im Wohnzimmer auf einem Sofa in einer Haltung zu der man weder Sitzen, Hocken noch liegen sagen konnte, das gegenüber dem Schiebeelement zum Garten stand, durch das er gekommen war. Vor ihm befand sich ein Tisch. Er hatte keine Erinnerung daran, wie er den Tisch überwunden hatte, um auf das Sofa zu gelangen. An der Wand zu seiner rechten konnte er die bulligen Umrisse eines alten Buffetschranks aus dunklem Holz ausmachen. An seiner linken fühlte er eine intensive Wärmequelle. Es handelte sich um einen Holzofen, in dem die restliche Glut kurz vor dem Erlöschen war. Direkt neben ihm war eine Tür, durch die man auf den Flur gelangte. Er sah das Muster der Haustürverglasung milchig in der Dunkelheit schimmern. Rehms ging leisen, unsicheren Schrittes auf die Haustür zu. Noch immer war nichts zu hören. Anscheinend hatte der Eindringlinge aufgegeben. Rechts mündete eine Tür in eine kleine  Küche. Von Sophie keine Spur. Auf der Linken führte eine Treppe hinauf in den ersten Stock, die am oberen Ende abrupt mit einer Tür endete. Behutsam ging er die alten, knarrenden Holzstufen hinauf. Unter seinen Sohlen fühlte er die in das Holz gewetzten Senken der abertausenden Schritte vor ihm. Auf halber Strecke angekommen vernahm er ein seichtes Wimmern. Seine jetzt schneller werdenden Schritte, gefolgt von einem finalen Sprung über drei Stufen ließen ihn binnen weniger Sekunden vor der Tür stehen und sie aufreißen. Auch dieses Zimmer war dunkel. Doch die Dunkeladaption seiner Augen war mittlerweile vollständig abgeschlossen, sodass er sich sicher bewegen konnte. Sofort erkannte er Sophie. Sie lag gefesselt an Armen und Beinen in der Mitte des Raumes auf einem Bett. Ihre Laute ließen darauf schließen, dass sie geknebelt worden war. Zu seiner rechten tastete er nach einem Lichtschalter. Der Raum wurde erhellt. Rehms starrte zum dritten Mal binnen zwei Tagen in die ängstlichen, diesmal auch weit aufgerissenen Augen von Sophie Rasmus. Er kniete sich auf das Bett und löste das Paketklebeband vorsichtig von ihrem Mund. „Wie sehen sie den aus“, war das Erste, was ihr über die Lippen kam. Rehms schaute sie irritiert an und entgegnete: „Entschuldigung, aber sie sehen auch nicht besser aus. Und warum bin ich immer wieder über ihre Antworten überrascht.“ „Nun gucken sie nicht so doof und befreien sie mich von den Fesseln“, sagte sie fordernd und schaute dabei auf den dicken Strick mit dem noch dickeren Knoten zu ihren Füßen. „Ja, ja ich beeile mich ja schon. Was zum Teufel geht hier eigentlich vor“, fragte Marten Rehms. Gerade von ihren Fesseln gelöst schoss, die heute Nachmittag noch kraftlos wirkende Sophie, jetzt wütend an ihm vorbei die Treppe hinab, ihm dabei seine Frage beantwortend: „Das kann ich ihnen gleich sagen.“ Konnte er seiner Wirtin treppauf nicht folgen, so ging es ihm hier treppab so. Bei dem Versuch mit ihr Schritt zu halten übersah er einen aus der Wand ragenden Fachwerkbalken und stieß sich den Kopf dermaßen stark, dass er fast zu Boden gegangen wäre. Doch Sophie, die er immerhin gerade aus einer mehr oder weniger lebensbedrohlichen Situation befreit hatte, schien dies nicht zu interessieren. Sie rannte unbeirrt weiter und verschwand irgendwo unter der Treppe. Rehms torkelte hinterher. Plötzlich ertönte ein unüberhörbares „Mist, so ein verdammter Mist“, dass sich in der einen oder anderen Tonlage und Melodie mehrmals wiederholte. Er eilte, noch etwas unsicheren Fußes, durch eine kleine Luke unter Treppe eine weitere Treppe aus Stein hinab in den Keller des Hauses. Sophie stand vor einem großen Haufen aus Schutt und Steinen. Es sah aus, als hätte jemand versucht eine Wand herauszustemmen. Wenn, dann war das Werk jedenfalls nicht ganz gelungen. Dennoch befand sich ein beachtliches Loch in der Wand.
„Was ist passiert“, wollte Rehms wissen. Suchend stocherte Sophie mit dem rechten Fuß zwischen den Mauer-, Holzresten sowie Kontoauszügen und anderen Papieren auf dem Kellerboden. „Sie wollten mich bestehlen“, erwiderte sie. „Das hört sich an, als ob es denen nicht gelungen wäre.“ „Mein Vater hatte hier unten eine Art Tresor in die Wand eingelassen“, begann sie ihre Ausführungen. „Eigentlich war es gar kein richtiger Tresor. Es handelte sich um einen kleinen, abschließbaren Holzschrank mit sehr dicken Wänden. Dort verwahrte er eigentlich nur Familiendokumente, Kontoauszüge und dergleichen“ „Aber wer hat Interesse an solchen Dokumenten“, wollte Rehms wissen. „Niemand“, kam die prompte Antwort. „Ich vermute, dass sich noch andere Unterlagen hier befanden, die mit der Arbeit meines Vater als Inselhistoriker zusammenhingen“, entgegnete Sophie. „Ich war gestern Abend noch kurz hier unten und da befand sich noch zwei kleine Notizbücher, geschlossen mit so einem Lederwickelband in dem Kasten“, sagte sie. „Sie vermuten es, ich verstehe? Ich denke, dass es an der Zeit ist, die Polizei zu rufen“, meinte Rehms, den Blick im Chaos umherschweifen lassend.

Sie stimmte ihm zu. Geraume Zeit nach dem Anruf auf der Inselpolizeistation und eine Rufumleitung später klopfte es an der Tür. Es war einer der beiden Polizisten, deren Bekanntschaft Rehms schon am Strand gemacht hatte. Es handelte sich um den kleineren von den Beiden. Er sah verschlafen und wenig begeistert über diesen nächtlichen Einsatz aus. Er stellte sich Rehms noch in der Tür kurz als Kommissar Fresena vor. Der Kommissar trug anstatt einer Dienstuniform eine alt wirkende Bluejeans und einen dunklen Pullover von dem sich etliche Wollflusen lösen wollten. Darüber einen hellen Trenchcoat, der an einigen Stellen speckig wirkte. Auch die Gestalt in diesen Klamotten wirkte schmuddelig und verbreitete neben einer unangenehmen Aura zusätzlich einen säuerlichen Geruch.  

„Was ist passiert Sophie?“, fragte er nur sie fixierend. Er setzte sich in der kleinen Küche stöhnen an den Tisch als würde ihn das Stehen überfordern. Sophie begann in knappen Sätzen davon zu berichten, dass sie früh zu Bett gegangen und nach einem leichten Schlafmittel von Dr. Friesen auch gleich eingeschlafen sei. Kurze Zeit später sei sie durch ein Geräusch im Erdgeschoss wieder geweckt worden. Sie erzählte, dass sie aufgestanden sei, um nachzusehen. Dabei wurde sie überwältigt, gefesselt, die Treppe hinaufgetragen und auf das Bett gelegt. Ergänzend meinte sie, dass es sich aufgrund der Kraft definitiv um Männer gehandelt haben müsse und dass diese eine Maske trugen. Des Weiteren erzählte sie von dem, im Keller versteckten und jetzt herausgestemmten schweren Holzschrank und dessen verschwundenem Inhalt.

„Zugegeben Sophie, das mag dir momentan alles zu viel werden und das kann ich auch verstehen. Doch ich denke, dass es sich um irgendjemanden handelte, der, nach dem Fund deines Vaters heute Nachmittag, dachte, hier niemand anzutreffen und mal schauen wollte, was der alte Kauz so gemacht hat. Entschuldige den Begriff. Jeder mochte Deinen Vater! Aber er war schon irgendwie ein Sonderling und galt bei vielen hier – wie soll ich sagen – ein wenig geheimnisvoll“, war das einzige, was Fresena zu diesem Thema einfiel.  

Er war sichtlich kaputt und fuhr sich mit der Hand immer wieder über Stirn und Schläfen als hätte er starke Kopfschmerzen. Je länger er sich in der Küche aufhielt, desto unangenehmer wurde die Luft. Selbst in gebührendem Abstand zu Fresena nahm Rehms noch die Alkoholfahne war.

„Ich werde morgen einen kurzen Bericht zu der Sache schreiben. Möchtest du Anzeige gegen unbekannt erstatten“, fragte er mit seinen Gedanken sichtlich ganz woanders. Sophie antwortete: „Ja, ich denke schon. Es wird zwar nichts bringen. Aber wenn du meinst, dass es das Beste ist, dann mache ich das.“

Marten Rehms wunderte sich über diese Beiläufigkeit und die geringe Bedeutung, die dieser Angelegenheit beigemessen wurde. Er stand sprachlos am Fenster, während er dem Inselkommissar zuhörte, sagte jedoch vorerst nichts, auch nichts von seiner ganz persönlichen Begegnung mit den Einbrechern. Seine genaue Verwicklung schien den Kommissar auch nicht zu interessieren. Nachdem sich der Kommissar wieder verabschiedet hatte, öffnete Rehms das Fenster um den Kneipengestank die Freiheit zu schenken, setzte sich in der Küche und wartete darauf, dass Sophie den kleinen Raum wieder betrat. Sie nahm ihm gegenüber an dem kleinen Tisch platz, in dessen Mitte ein kleiner Strauß vertrockneter Blumen in einer bauchigen Vase stand.

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