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Liebe deine Nächste wie dich selbst
Romane & Erzählungen
Geschrieben von Karl Plepelits   

E x p o s é :

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Eine Reise in die Provence gerät einem bereits ergrauten Reiseleiter zu einer Reise in die Vergangenheit. Sein Busfahrer ist von der Rezeptionistin eines Hotels in Nîmes so angetan, daß er ihn bittet, ihm beim Anbändeln behilflich zu sein. Sie verliebt sich  tatsächlich, aber in Roman.
In ihrer Wohnung entdeckt er ein Foto, das ihn selbst als nackten Jüngling mit lockigem Haar an einem südfranzösischen Strand zeigt – aufgenommen von Juliette, seiner ersten, unvergessenen Liebe, die ebenso plötzlich, wie sie in sein junges Leben getreten war, aus diesem auch wieder verschwunden ist und ihn für alle Zeiten mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hat.
Und da stellt sich nun heraus, daß Juliette Marie-Claires Mutter ist, daß Roman deren leiblicher Vater ist und daß Juliette damals höchst unfreiwillig aus seinem Leben verschwand und daß die nie erloschene Flamme der Liebe zwischen den beiden noch  genauso hell lodert wie früher.
Roman und Juliette werden nun für immer beisammen bleiben.

L e s e p r o b e :

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 

  

  

     

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

 

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

  

  


  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

 

  

    

  

  

  

  

 

 

Vorbemerkung
Halt! Heißt es nicht: \"deinen Nächsten\"?
Klar, so sagt es Jesus im Evangelium. Nur: warum ausschließlich Mannsbilder? Gut, von der holden Weiblichkeit aus gesehen ist das okay (obwohl zuzugeben ist, daß ein beträchtlicher Teil davon arg benachteiligt wäre und nur sich selbst im stillen Kämmerlein lieben dürfte). Aber was ist nun mit uns Männern? Sollen wir (außer gelegentlich uns selbst) wirklich nur andere Männer lieben dürfen? (Dabei wird diese Art von Liebe anderswo in der Bibel sogar als todeswürdige Greueltat verdammt. Aber das nur nebenbei.)
Nein, nein: natürlich gehören auch die Evangelien selbst schon längst reformiert. Für Männer (und lesbische Frauen) müßte also tatsächlich gelten: Liebe deine Nächste wie dich selbst.
Und trotzdem bleiben auch da noch Fragen offen. Um konkret von mir selber zu sprechen: Wer ist eigentlich meine Nächste? Meine Mutter? Meine Schwester? Meine Tochter? Oder die Frau, mit der mich angeblich (um ein letztes Mal das Evangelium zu bemühen) Gott verbunden hat und von der mich der Mensch nicht trennen darf?
Natürlich letztere. Ja, aber auch hier bleiben wieder Fragen offen. Denn: welche Frau ist das wirklich? Die, mit der ich zum ersten Mal das Bett (oder welches Liebeslager auch immer) geteilt habe? Oder die, mit der ich vor dem Traualtar den kirchlichen Segen empfangen habe? Und das muß nicht unbedingt dieselbe sein.
Um ein berühmtes Beispiel zu nennen: Mit wem wurde Romeo von Gott verbunden? Mit Rosaline oder mit Julia? Mit wem wurde Julia verbunden? Mit dem Grafen Paris oder mit Romeo? Und was, wenn Bruder Lorenzo Romeo und Julia die \"heil\'ge Trauung\" verweigert hätte? Er erklärte sich ja nur deshalb bereit, diesen Ehebund zu begründen, weil er hoffte, daß
    eurer Häuser Groll durch ihn in Freundschaft endet.

1
7. April 2001. Samstag vor dem Palmsonntag. Seppi, ein wie jeder echte Kärntner jederzeit zu Scherzen aufgelegter Busfahrer, entführt eine erwartungsvolle Reisegesellschaft aus dem verregneten Klagenfurt und chauffiert sie an die wie durch ein Wunder herrlich in der Frühlingssonne strahlende Côte d\'Azur. Und neben Seppi sitze wieder einmal ich und fungiere als Mädchen für alles, sprich: als Reiseleiter.
Nun ist eine Reise an die Côte d\'Azur für mich jedesmal so viel wie eine Reise in die Vergangenheit, sprich: in meine Jugend. Denn in den fünfziger und frühen sechziger Jahren, als ich noch frisch und unverdorben, schüchtern und grün war (nämlich um die Ohren), habe ich mehrere Male die Sommerferien bei meinen französischen Verwandten an der Côte d\'Azur verbracht.
Daran und an die zahlreichen Abenteuer, die für mich mit den verschiedenen Örtlichkeiten untrennbar verbunden sind, muß ich auch diesmal wieder denken, während wir die Côte d\'Azur entlangfahren und ich meinen andächtig lauschenden Schäflein nicht nur von ihren Naturschönheiten vorschwärme, sondern auch von den vielen berühmten Malern, die sich hier niedergelassen haben. Desgleichen, während ich in Nizza, wo wir die erste Nacht verbringen, spätabends händchenhaltend mit meiner - zumindest im Vergleich zu mir - noch jungen Freundin auf der weltberühmten Promenade des Anglais bummle. Da bin ich nämlich in Gedanken mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart und muß ständig an die Zeit zurückdenken, als ich entweder - nicht immer allein - hier vorbeiradelte oder mich - ebenfalls nicht immer allein - gleich daneben am Strand vergnügte. Könnte sie, meine junge Freundin, meine Gedanken lesen - sie würde bestimmt nachträglich noch eifersüchtig (dazu neigt sie nämlich bedauerlicherweise). Aber sie kann sie glücklicherweise nicht lesen, und ich hüte mich, ihr meine Gedanken zu verraten, um nicht eine neuerliche Eifersuchtsszene heraufzubeschwören.
Natürlich, ein wenig sollte man für ihre Situation Verständnis haben. Denn diese ist, bei Licht betrachtet, alles andere als beneidenswert. Sie trägt nämlich das schwere Los einer heimlichen Geliebten. Niemand darf merken, daß wir zusammengehören und ein Hotelzimmer teilen. Schließlich bin ich ein verheirateter Mann, ein altgedienter Ehekrüppel - so altgedient, daß mir das Ehejoch mittlerweile zu einer nahezu unerträglichen Last geworden ist. Um die Wahrheit zu sagen: meine Ehe ist ein schlagender Beweis für die Unhaltbarkeit der Behauptung, daß die mit kirchlichem Segen getrauten Eheleute von Gott verbunden sind und alle anderen Paare nicht.
Jedenfalls trage ich mich schon seit Jahren mit dem Gedanken, mein Ehejoch abzuschütteln, und bin auf der Suche nach der, mit der mich Gott wirklich verbunden hat und die mir ein neues, leichteres, erfreulicheres Joch auferlegen könnte. Und so landete ich eben vor einiger Zeit bei Rosi. Und sie ist ja auch wirklich, um mit Meister Goethe zu sprechen, ein zartes Röslein, jung und morgenschön (wenn auch nicht völlig frei von Dornen). Trotzdem bin ich mir noch immer nicht sicher, ob sie auch wirklich die richtige Rose für mich ist. Und gerade während besagten Bummels über die Promenade des Anglais, und während ich so intensiv an die Vergangenheit denken muß, sind meine Zweifel stärker denn je. Denn da erblüht vor meinem inneren Auge ein anderes Röslein, jung und morgenschön. Ich lief so schnell, es nah zu sehn, sah\'s mit vielen Freuden. Und ich, der wilde Knabe, brach\'s. Da sprach das Röslein: Ich steche dich, daß du ewig denkst an mich! und wurde augenblicklich unsichtbar. Und ich, der wilde Knabe, blieb fassungslos zurück und war dazu verurteilt, ewig an das Röslein zu denken, ewig dem Röslein nachzuweinen, von dem ich dachte, es sei meines, es sei für mich und keinen anderen bestimmt, und Gott selber habe uns verbunden.

2
8. April 2001. Palmsonntag. Zweiter Tag unserer Provencereise. Die Côte d\'Azur bleibt zurück. Seppi entführt uns weiter in Richtung Westen, und am Abend erreichen wir unser Standquartier für eine ganze Woche, ein urgemütliches Familienhotel im Stadtzentrum von Nîmes, wo wir mit großer Freundlichkeit, ja, Herzlichkeit empfangen werden. Der einzige Nachteil: für Seppis Bus gibt es keinen Parkplatz. Und daher ist es eine meiner vordringlichsten Aufgaben, die so freundliche Dame an der Rezeption nach der nächsten günstigen Parkmöglichkeit zu befragen und ihre Beschreibung dem Seppi zu verdolmetschen.
Von ihr (nicht der Beschreibung, sondern der freundlichen Dame an der Rezeption) und ihrem Charme, ihren Reizen scheint er übrigens danach restlos hingerissen. Er schwärmt von ihnen wie ein verliebter Jüngling. Und ehe er mit seinem Ungetüm wegfährt, erklärt er mit Bestimmtheit, sich \"dieses Klasseweib\" (wie er sich ausdrückt), unbedingt \"aufzwicken\" zu wollen, und fordert mich unmißverständlich auf, ihm dabei behilflich zu sein. Denn natürlich sei er am Anfang ohne mich \"aufgeschmissen\", weil er ja kein Französisch könne und sie offenbar kein Deutsch.
Ja, ja, auch dies gehört zu den Pflichten eines Reiseleiters: den Herrn Chauffeur bei Laune zu halten, auf welche Weise auch immer. Im übrigen kann ich nicht umhin, ihm im stillen beizupflichten. Schon allein ihr Lächeln, während ich mir als letzter mein Gepäck schnappe, um endlich mein, das heißt, unser Zimmer zu beziehen, ist in der Tat umwerfend. Mich jedenfalls wirft es buchstäblich um. Und damit habe ich schon wieder etwas, was meine Rosi besser nicht ahnt.
Was meine reiseleiterlichen Pflichten gegenüber Seppi betrifft, so muß ich ihn an diesem Abend enttäuschen. Es ergibt sich einfach keine Gelegenheit. Nach dem Abendessen wird nämlich zur Feier des Tages - entweder zur Begrüßung der Neuankömmlinge, oder einfach, weil Sonntag ist - für alle Gäste des Hotels eine Art Empfang gegeben und anschließend zum Tanz aufgespielt. Beim Empfang selbst ist nun Seppis heimlich Angebetete zwar dabei und bietet ihm somit reichlich Gelegenheit, sich an ihrem Anblick zu weiden. Doch ein intimeres Gespräch zu dritt ist unter diesen Umständen naturgemäß nicht möglich. Und im selben Moment, wo der gemütliche Teil mit Musik und Tanz beginnt, ist sie spurlos verschwunden; und ihr auf der Stelle nachzusausen sähe wohl ziemlich blöd aus und wäre bestimmt kein guter Auftakt für Seppis Absichten. Überdies ist meine Anwesenheit gerade jetzt unumgänglich. Weiß ich doch, wie sehr meine Rosi schon darauf lauert, von mir zum Tanz aufgefordert zu werden, nicht, weil sie so scharf aufs Tanzen wäre, sondern weil sie es nicht erwarten kann, mich endlich für sich allein zu haben.
Doch zu meinem Bedauern (und zweifellos zu ihrem Verdruß) ist die Zeit ihres Lauerns noch lange nicht vorbei. Während ich nämlich noch meine lieben Schäflein unter vielem Zureden und mit allerhand Scherzen zum Tanzen ermutige - viele wollen dazu ja extra ermutigt werden - und mich dabei langsam und unauffällig auf Rosi zu bewege, stürzt sich plötzlich eine mir unbekannte junge Dame auf mich, packt mich mit beiden Händen und beginnt mit mir beschwingt, um nicht zu sagen: ekstatisch zu tanzen.
Im ersten Moment bin ich so perplex, daß ich all dies willenlos mit mir geschehen lasse. Und sobald ich mich von meiner Überraschung halbwegs erholt habe, beginne ich an diesem merkwürdigen Treiben allmählich Gefallen zu finden, zumal meine ekstatische Tänzerin ausgesprochen apart ist. Überdies erweist sie sich als unglaublich charmant, plappert mir pausenlos irgend etwas vor und macht mir dabei die unerwartetsten und schmeichelhaftesten Komplimente. Sie spricht deutsch und ist an ihrem Akzent als Deutsche (oder, wie die Bayern zu sagen pflegen, als Preußin) zu erkennen. Ihrem Geplapper ist zu entnehmen, daß sie die Reiseleiterin einer ebenfalls an diesem Abend angekommenen deutschen Gruppe ist und daß diese genau wie wir eine volle Woche in diesem Hotel zu logieren gedenkt. Durch ihre eigenen Komplimente ermutigt oder vielmehr veranlaßt, versteige ich mich meinerseits zu einer Reihe ziemlich gewagter Komplimente, habe freilich bei all dem ein wenig Bauchweh, weil ich ständig daran denken muß, mit welchen Gefühlen uns wohl meine Rosi zuschauen mag.
Nun ja, irgendwann hat meine deutsche Kollegin dann offenbar doch genug von mir. Und nun stürzt sich sofort wieder jemand auf mich. Nein, nein, nicht meine Rosi. Sondern der gute Seppi, der erstens dringend zu wissen begehrt, wer denn diese \"flotte Biene\" gewesen sei, und mich zweitens drängt, mit ihm doch an die Rezeption zu gehen, \"um zu sehen, was sich machen läßt\".
Na gut, diesen Wunsch kann ich ihm gern erfüllen. Ich bin ja nicht so. Wo ist übrigens die Rosi, damit ich ihr sagen kann, daß ich eh gleich wieder zurückbin? Wo ist sie denn?
Und ich suche mit den Augen nach ihr, kann sie aber in diesem Gewühl auf die Schnelle nirgends entdecken. Da jedoch Seppi nicht abläßt, mich zu drängen, verschiebe ich die ausführlichere Suche auf später und eile mit ihm an die Rezeption. Unterwegs beantworte ich ihm seine Frage nach der \"flotten Biene\". Von dieser zeigt er sich nämlich \"mordsmäßig beeindruckt\". Leider sei sie für ihn viel zu jung. Sie könnte ja seine Tochter sein.
Dazu sollte man vielleicht anmerken, daß Seppi selbst wesentlich jünger ist als ich. Wenn also die \"flotte Biene\" seine Tochter sein könnte, so könnte sie meine Enkelin sein. Na ja, nicht ganz. Aber fast.
Wir erreichen die Rezeption. Und dann: diese Enttäuschung! Anstelle von Seppis heimlich Angebeteter finden wir einen griesgrämigen Alten vor, der sich als Nachtportier herausstellt. Madame sei schon außer Dienst; morgen um acht Uhr früh sei sie wieder zu sprechen.
Ich tröste Seppi mit einem freundschaftlichen Klaps auf den Rücken und der Bemerkung, er habe ja noch eine ganze Woche Zeit, und schiebe ihn unverweilt zurück in den Tanzsaal, um dort Rosi zu suchen, zum Tanzen aufzufordern und während des Tanzens auch sie zu trösten (sollte sie sich als trostbedürftig erweisen). Er läßt sich aber nicht zurückschieben, ohne mir noch ein weiteres Versprechen abzunehmen, nämlich ihn für alle Fälle jener \"flotten Biene\" vorzustellen.
Zurück im Tanzsaal, kann ich meine Rosi noch immer nirgends entdecken. Na, vielleicht ist sie gerade auf dem Klo und wird gleich wieder auftauchen. Und die flotte Biene? Wo ist denn die? Sie ist ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt und bleibt es auch trotz längeren Wartens. Na ja, vielleicht muß auch sie ihren Chauffeur betreuen und wird danach schon irgendwann zurückkommen. Also gut, lieber Seppi, hab Geduld! Geduld bringt Rosen (und mir die Rosi). Ich muß jetzt schnell hinaufschauen, ob sie vielleicht im Zimmer ist. (Seppi ist nämlich als einziger in unser Geheimnis eingeweiht.) Du mußt verstehen, daß ich ein klein wenig beunruhigt bin. Ich komm dann gleich wieder zurück. Ist das okay?
Es ist okay, und ich sause davon, um nachzusehen, ob sich meine Rosi vielleicht tatsächlich ohne mich ins Zimmer zurückgezogen hat. Denkbar wäre es. Ihr habe ich nämlich den gemeinsamen Schlüssel anvertraut. Und ich bin in Wahrheit nicht bloß ein klein wenig, sondern zutiefst beunruhigt. Mir schwant nichts Gutes.
Die Zimmertür ist unversperrt. Ich trete ein, und was sehe ich? Röslein liegt im Bett und schmollt. Um es kurz zu sagen: sie macht mir eine klassische Szene. Zuerst läßt sie mich längere Zeit zappeln, indem sie sich in beleidigtes Schweigen hüllt, und beginnt mich danach mit bitteren Vorwürfen zu überhäufen. Und worin besteht nun meine so schwere Verfehlung? Ganz einfach: darin, daß ich statt mit ihr mit jenem \"Frauenzimmer\" getanzt hätte. Und wie gut ich mich dabei unterhalten hätte! Es wundere sie ja ohnehin, daß ich nicht gleich mit ihr ins Bett gehüpft sei. Und so weiter, und so fort.
Ich bin fassungslos und versuche mich mit dem naheliegenden Argument zu rechtfertigen, ob sie denn nicht gesehen habe, wie sich besagtes \"Frauenzimmer\" auf mich gestürzt habe. Aber es ist völlig für die Katz. Meine Schuld besteht nämlich eben darin, daß sie sich auf mich gestürzt habe. Auf den Herrn Schwab zum Beispiel habe sie sich nicht gestürzt. Aber auf mich. (Der Herr Schwab ist ein sehr seriöses, sehr stilles, sehr unauffälliges Mitglied unserer Reisegruppe.)
Ja, da bin ich mit meinem Latein am Ende und kann nur noch demütig mein Haupt senken. Doch beim Senken des Hauptes fällt mir ein, daß ja noch eine Pflicht auf mich wartet. Kleinlaut und mit vernehmlich klopfendem Herzen erkläre ich, Seppis wegen noch einmal kurz wegzumüssen; sie möge darob nicht böse sein. Sie ist aber böse und droht mit schlimmen Konsequenzen, sollte ich sie abermals so lange warten lassen.
Ich haste hinab in den Tanzsaal, suche Seppi, erfahre, daß die flotte Biene noch immer verschollen sei, erkläre ihm, gleich wieder fortzumüssen, weil ich sonst Zoff bekäme, wünsche ihm noch einen schönen Abend und haste zurück in meine quasi-eheliche Zweisamkeit mit Rosi. Von einem schönen Abend kann hier freilich auch weiterhin nicht die Rede sein. Und ich beginne mich im stillen ernstlich zu fragen, ob das neue Joch, mit dem ich mein altes Ehejoch zu vertauschen gedenke, auf diese Weise wirklich ein leichteres und erfreulicheres wäre.

3
Nächster Abend. Montag, 9. April 2001. Rückkehr ins Hotel von den Besichtigungen des Tages. Gemeinsames Abendessen. Und ich voller guter Vorsätze, meine Rosi nicht wieder über Gebühr warten zu lassen. Schließlich war sie den ganzen Tag über um mich herum und hatte doch nichts von mir.
Aber wie lautet das Sprichwort? Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Der liebe, gute Seppi hat nicht vergessen, daß ich ihm am Vorabend zwei Dinge schuldig geblieben bin, und drängt mich, zumindest das eine davon nachzuholen, solange dafür Zeit sei. Er meint natürlich mein Versprechen, ihn seiner heimlich Angebeteten vorzustellen und quasi schmackhaft zu machen, solange sie Dienst hat und an der Rezeption greifbar ist.
Also gut. Ich versuche meiner Rosi schonend und zugleich unauffällig klarzumachen, daß ich zu meinem größten Bedauern an der Rezeption noch eine Kleinigkeit zu erledigen habe. Sie möge sich nur ein klein wenig gedulden. Ich sei bald bei ihr. Und ohne ihre Antwort abzuwarten, haste ich auf den ungeduldig wartenden Seppi zu und marschiere mit ihm unverzüglich an die Rezeption, \"um zu sehen, was sich machen läßt\".
Na, Gott sei Dank! Da steht sie ja, die Heißersehnte, und blickt uns mit ihrem umwerfenden Lächeln erwartungsvoll entgegen. Mich aber erfaßt unversehens die wilde Panik.
\"Was soll ich denn überhaupt sagen?\" flüstere ich Seppi zu.
\"Ach, dir wird schon was einfallen\", flüstert er zurück. \"Du bist ja sonst auch nicht auf den Mund gefallen.\"
\"Hm, soll ich sagen, du würdest sie gern an die Bar einladen?\"
\"Na siehst du? Es geht doch. Ja, ja, so wird sie schon anbeißen.\"
Inzwischen sind wir auch schon bei ihr angelangt. Ich erwidere etwas verlegen ihre herzliche Begrüßung und ihr strahlendes Lächeln und weiß nicht weiter.
Womit könne sie uns denn helfen?
Ich zögere, deute, zweifellos reichlich linkisch, auf den übers ganze Gesicht strahlenden Seppi und stammle, das sei mein Chauffeur.
\"Oh, ich weiß. Ich erinnere mich.\"
\"Ja, also ... Um es kurz zu machen: er würde Sie sehr gern an die Bar einladen.\"
\"Mich? Oh là là! Habe ich da einen heimlichen Verehrer?\"
\"Ja, ja, er bewundert Sie sehr. Er würde Sie gern ein wenig näher kennenlernen.\"
Sie blickt von mir auf ihn und von ihm wieder auf mich, errötet lieblich und murmelt: \"Charmant, charmant!\"
Da ich daran zu erkennen glaube, daß ich auf dem richtigen Wege bin, fahre ich mit bereits etwas festerer Stimme fort: \"Ja, das Problem ist nur, daß er halt nicht Französisch kann. Er braucht mich als Dolmetscher. Würde es Ihnen viel ausmachen, wenn ich.\"
\"Mit an die Bar komme?\" ergänzt sie, als ich weiterzusprechen zögere, und errötet noch lieblicher. \"Aber nein, ganz im Gegenteil. Nur.\" Sie blickt auf die Uhr. \"Es ist so: das geht erst, sobald der Nachtportier eingetroffen ist. Das dauert noch ... na ja, maximal eine Viertelstunde. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, noch so lange zu warten?\"
Ich übersetze für Seppi, und er klopfte mir begeistert auf den Rücken, daß es dröhnt, und erwidert: \"Sag ihr, wenn das so ist, warten wir mit Vergnügen.\"
Ich übersetze ihr Seppis Worte, und sie bedankt sich formvollendet, blickt erneut vom einen zum anderen und errötet erneut. Und ich finde, daß ihr das Erröten ausgesprochen gut steht und sie noch anziehender erscheinen läßt. Doch zugleich denke ich mit wachsender Verzweiflung an Rosi, die wahrscheinlich mit wachsendem Ingrimm im Zimmer auf mich wartet und sich betrogen, verraten und verkauft vorkommen muß.
S e i t e n z a h l :  103
A u t o r I n :  zum Autor Karl Plepelits 

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