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E x p o s é :

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1980. Der Erzähler, ein Grazer Reiseleiter, und Mitra, die persische Ehefrau eines Ägypters, werden ein Paar. Eines Tages erzählt ihm dieser, sie sei in Ägypten, um seine Mutter zu pflegen. Dorthin begibt sich nun der Erzähler, erfährt, Mitra sei gestorben, läßt sich an ihr Grab führen, ein fensterloses Gewölbe, und wird dort geknebelt und gefesselt zurückgelassen. Gerettet wird er nur durch die Aufmerksamkeit mehrerer Kinder.
Völlig gebrochen, kehrt er heim. Auch seine Ehe zerbricht.
1995. Der Erzähler besucht nach langer Zeit wieder einmal seine Verwandten in Melk und findet sie in größter Aufregung: seine Nichte sei mit Alexander, dem Sohn eines Syrers, ausgerissen. Ein Onkel aus Nizza ruft an: die Ausreißer seien bei ihm. Der Erzähler holt sie ab. Mit ihm fährt Alexanders Mutter, und sie entpuppt sich als seine so schmerzlich vermißte Mitra. Sie gesteht ihm, daß Alexander sein Sohn ist, und verläßt ihren jetzigen Ehemann.
2010: Rückblick auf die Wunder von 1995 und 1980.
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L e s e p r o b e :
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Vorbemerkung
O ja, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Und auch der Volksmund weiß: Wunder hören niemals auf. Sie bringen den Menschen unbeschreibliches Glück – oder aber unbeschreibliches Unglück. Oder auch beides.
September 2010. Das Wunder von Melk jährt sich in Kürze zum fünfzehnten Mal. Und das Wunder von Athen jährte sich heuer sogar schon zum dreißigsten Mal.
Ja, das Wunder von Athen. Es hob mich in eine derart schwindelerregende Höhe des Glücks – nun, ich glaubte die Sterne mit Händen zu greifen. Ich fühlte mich den Göttern nah. Und ich erregte ihren Neid. Der Neid der Götter aber stürzte mich in einen solchen Abgrund an Verzweiflung, daß die Erinnerung an dessen Schrecknisse bis heute lebendig geblieben ist. Sie verfolgt mich nach wie vor Tag und Nacht und beschert mir immer wiederkehrende Alpträume.
Ein Alptraum: Ich halte meine Geliebte in den Armen und juble vor Glück und schwebe mit ihr bis in den siebten Himmel. Plötzlich entgleitet sie meinen Händen und stürzt lautlos in die Tiefe, und ich bin förmlich gelähmt vor Entsetzen. Doch dann springe ich ihr kopfüber nach und versuche sie krampfhaft zu erhaschen und vor dem Abgrund zu retten – aber vergeblich. So angestrengt ich ihr auch nachjage, so verzweifelt ich ihr auch nachhetze – ich schaffe es nicht, ihr näherzukommen, und muß schließlich zusehen, wie sie meinen Blicken entschwindet.
Ein anderer Alptraum: Ich wähle die Nummer meiner Geliebten. Es meldet sich die Stimme einer Fremden. Ich höre ein vulgäres Lachen.
\"Ah, bist du der Vater?\"
\"Ha?\"
\"Ob du der Vater bist?\"
\"Der Vater?\"
Mir bleibt das Herz stehen. Meine Zunge ist plötzlich gelähmt. Mir bricht der Schweiß aus allen Poren. Ich muß mich an die Wand der Telefonzelle lehnen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und kann nur dies eine denken: Der Vater? Ob du der Vater bist?
Noch ein Alptraum: Ich kauere in einem ägyptischen Grabgewölbe über dem Grab meiner Geliebten. Aus meinen Augen schießen Tränen hervor. Mit wachsender Wut rufe ich aus: \"Ihr habt sie vergiftet, ihr Mörderbande, verfluchte!\"
\"O nein, lieber Herr Vogel, Sie irren sich. Vergiften – so was tun doch nur die Weiber, keine arabischen Männer. Aber trösten Sie sich. Sie hat den verdienten Lohn bekommen. Und jetzt sind Sie dran.\"
Ich spüre, wie mir irgend etwas Weiches und Ekelerregendes in den Mund gestopft wird und mich in der Kehle würgt, und spüre, wie mir der Kopf regelrecht verschnürt wird. Gleichzeitig reißt man mir die Hände nach hinten und bindet sie so fest am Rücken zusammen, daß ich vor Schmerz aufschreie; nur wird mein Schrei vom Knebel erstickt. Man stößt mich brutal nieder und bindet mir die Füße zusammen.
\"Liebende wünschen doch auch im Tod zusammenzusein. Diesen Wunsch haben wir euch jetzt erfüllt. Also lebt wohl und genießt eure schändliche Liebe. Und danke, daß Sie jetzt so freundlich sind, meine Ehre wiederherzustellen. Die haben Sie nämlich verletzt, gekränkt, geschändet, mit Füßen getreten, Sie Lump, Sie Wüstling, Sie Schweinehund, Sie Scheißkerl, Sie.\"
Die Tirade endet mit einem wohlgezielten, äußerst schmerzhaften Fußtritt gegen meine Körpermitte. Ich höre, wie die Tür geschlossen wird, der Riegel vorgeschoben wird. Und danach: Grabesstille, Grabesdunkel. Finsternis legt sich über meine Augen, über meinen Geist.
Die Grabesstille. Das Grabesdunkel. Die Todesangst. Die grenzenlose Verzweiflung. Die grauenhaften Gedanken. Die körperlichen Qualen. Die Geißeln der Furien. Die Peitschen der Dämonen. Die Folterwerkzeuge der Teufel. Der Pesthauch des Satans. Die lodernden Flammen der Hölle. Die stechenden Augen der Geister der Toten. Die liebevollen, traurigen Augen des Geistes meiner Geliebten.
Mein Bewußtsein trübt sich, mein Verstand wird umnachtet. Wie Aida im Grabgewölbe ihres Radames, sehe ich schon den Todesengel sich nahen in Glanz und Strahlen.
Leb wohl, o Erde, o du Tal der Tränen!
Verwandelt ward der Freudentraum in Leid.
Schon öffnet sich des Himmels Tor,
Dort enden alle Qualen,
Frieden und Seligkeit und Glück,
Sie wohnen ewig dort.
Da wird mein Bewußtsein von einem seltsam klaren Licht erfüllt, und mein Geist bäumt sich auf wie ein tödlich verwundetes Pferd und läßt in Blitzesschnelle mein ganzes Leben an meinem inneren Auge vorüberziehen, zumal die jüngsten Ereignisse, die mich in dieses verdammte Grabgewölbe gebracht haben.
Erster Teil
1
September 1979. Müde von einem langen Arbeitstag in Wien, sitze ich im Nachtzug nach Graz. Ab Wiener Neustadt teile ich das Abteil nur noch mit einem jüngeren Mann von orientalischem Aussehen. Nach einiger Zeit spricht er mich auf englisch an und fragt, ob Graz mein Ziel sei und ob ich in Graz wohne. Ich bejahe beide Fragen.
\"Dann kennen Sie vielleicht meinen Bruder? Er studiert in Graz, wissen Sie.\"
Er greift in seine Jackentasche, holt daraus ein Stück Papier hervor, hält mir dieses unter die Nase und strahlt mich mit blitzenden Zähnen an. \"Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich da hinkomme?\"
Ich beäuge den Zettel und erkenne auf ihm eine Grazer Adresse. Der Name der Straße ist mir unbekannt. \"Diese Straße kenne ich nicht. Aber jeder Taxifahrer sollte sie kennen.\"
Beim Wort \'Taxifahrer\' zuckt er zusammen, so als ob ihn etwas gebissen hätte. \"Mein Bruder verkauft Zeitungen, wissen Sie. Am Bahnhof.\"
\"Na also. Da wird es sicher kein Problem sein, ihn am Bahnhof aufzuspüren.\"
\"Und würde es Ihnen etwas ausmachen, mir dabei zu helfen? Ich kenne den Grazer Bahnhof ja nicht. Ich bin heute zum ersten Mal in Österreich, wissen Sie.\"
\"Ah! Darf man fragen, wo Sie zu Hause sind?\"
\"Aber gern: in Assiut. Das ist in Ägypten, wissen Sie.\"
So entwickelt sich allmählich ein angeregtes Gespräch, und wir fragen uns gegenseitig aus, er mich über Österreich, und ich ihn über Ägypten, das ich, vor allem infolge meiner Tätigkeit als Reiseleiter, schon mehrere Male bereist habe, allerdings, ohne dabei jemals Assiut zu berühren. So vergeht uns die Zeit wie im Flug, und ehe wir\'s uns versehen, kommen wir auch schon in Graz an, und es heißt aussteigen.
Wir betreten die Bahnhofshalle, und er stößt einen Freudenschrei aus, setzt seinen riesigen Koffer ab und stürmt, ohne diesen weiter zu beachten, auf einen schwarzgelockten Zeitungsverkäufer nahe dem Ausgang zu, fällt ihm um den Hals und küßt ihn ab, daß es eine Freude ist. So etwa muß Adam seine Eva abgeküßt haben, als er sie zum ersten Mal sah. Mir aber fällt ein Stein vom Herzen. Mit meiner freien Hand ergreife ich den verteufelt schweren Koffer und wanke meinem Schützling nach.
\"Mein Bruder!\" ruft er mir zu. \"Wir haben ihn gefunden. Darf ich Ihnen meinen Bruder Mustafa vorstellen?\"
Das finde ich nun zwar reichlich überflüssig, aber was hilft\'s? Die unglaubliche Empfindlichkeit der Orientalen ist mir von meinen Reisen zur Genüge vertraut. Also schüttle ich Bruder Mustafa die entgegengestreckte Hand und murmle etwas verlegen: \"Very pleased to meet you.\"
Da lacht dieser übers ganze Gesicht und sagt auf deutsch, oder genauer: in breitestem steirischem Dialekt mit entzückendem arabischem Akzent: \"Ach, mit mir können Sie ruhig deutsch reden. Mustafa Kamal.\"
\"Sehr erfreut!\" murmle ich jetzt auf deutsch. \"Maximilian Vogel.\"
\"Ah, Vogel!\" ruft er begeistert aus. \"So wie Spatz?\"
\"Nein, so wie Gimpel\", erwidere ich, um seinen Scherz zu erwidern, und lache ebenfalls.
Hierauf zeigt er auf meinen Schützling und sagt fröhlich: \"Das ist mein Bruder Raschid.\" Und damit bin ich natürlich verpflichtet, auch diesem die Hand zu schütteln und ihm meinen Namen vorzusagen.
Nun fühle ich mich bemüßigt, meinerseits auf diesen zu zeigen und darauf hinzuweisen, daß er wohl schon zum Umfallen müde sein müsse.
Ja, er habe jetzt sowieso schon Dienstschluß.
Aha, und wie komme er nach Hause?
Zu Fuß. Etwas anderes könne er sich nicht leisten.
Oje, da werde aber sein Bruder keine Freude haben, noch dazu mit diesem schweren Koffer hier.
Betroffenes Schweigen.
Da gebe ich mir einen Ruck und lade die beiden kurzerhand ein, mir in dem Taxi, mit dem ich zu Frau und Kind heimzukehren gedenke, Gesellschaft zu leisten und sich vor Mustafas Wohnhaus abliefern zu lassen. Und der Lohn der guten Tat? Ich schrecke mich nicht schlecht: alle zwei tun, als wollten sie mich genauso abküssen, wie sie das gerade miteinander vorexerziert haben, lassen aber zum Glück im letzten Moment von ihrem Vorhaben ab.
2
Diese Begebenheit hätte ich wahrscheinlich rasch vergessen, hätte ich nicht gerade damals jede Woche einmal in Wien zu tun gehabt. Denn dabei hielt ich von nun an jedesmal, wenn ich mit dem Nachtzug zurückkam, nach Mustafa Ausschau und sah ihn in seiner Zeitungsverkäuferkluft in der Halle stehen und die Nummer des jeweils folgenden Tages feilbieten. Übrigens hätte ich gar nicht eigens nach ihm Ausschau zu halten brauchen, denn seinen Adleraugen entging ich ohnedies nie. Er hatte mich jedesmal längst erspäht und winkte mir schon von weitem zu. Ganz klar, daß ich vor ihm haltmachte, seine entgegengestreckte Hand schüttelte, mich nach seinem Bruder erkundigte und ihn fragte, wann er heute Dienstschluß habe. Und darauf war seine stereotype Antwort, jetzt, nachdem dieser letzte Zug aus Wien angekommen sei. Und da konnte ich nicht umhin, meine Einladung zur Heimfahrt im Taxi zu wiederholen. So erfuhr ich nach und nach, daß er schon seit sechs Jahren in Graz lebe, daß er auf der Uni Medizin studiere, aber von zu Hause keinerlei finanzielle Unterstützung erhalte und sich darum seinen Lebensunterhalt als Zeitungsverkäufer verdienen müsse, ferner, daß er außer dem einen Bruder neun Schwestern habe und seit knapp einem Jahr verheiratet sei, aber noch kein Kind habe.
Einmal ersparte ich mir sogar die Taxifahrt. Beim Einsteigen am Wiener Südbahnhof war ich, wie es der Zufall wollte, auf einen befreundeten Rechtsanwalt gestoßen. Keine Frage, daß ich mich zu ihm gesetzt hatte. Und ebenfalls keine Frage, daß ich ihn schon unterwegs auf das, was uns am Grazer Hauptbahnhof erwartete, vorbereitet hatte. Für ihn wieder war es \"selbstverständliche Freundespflicht\", mir anzubieten, ja mich sogar zu drängen, mich von ihm nach Hause chauffieren zu lassen. Und nun ließ er es sich nicht nehmen, seine Einladung auf Mustafa auszudehnen und diesen bis zu seiner Haustür zu bringen.
Ja, aber dann kam eine Zeit, in der ich nicht mehr so häufig und so regelmäßig nach Wien fuhr. Als ich nun nach mehrwöchiger Abstinenz wieder einmal mit dem gewohnten Nachtzug heimfuhr, war ich einigermaßen verwundert, Mustafa nicht an seinem Stammplatz in der Bahnhofshalle anzutreffen. Das heißt, ich traf ihn überhaupt nicht an, so sehr ich mir auch nach ihm die Augen ausschaute, weder in der Halle noch sonstwo am Hauptbahnhof noch irgendwo auf dem Gelände davor. Zögernd gab ich schließlich die Suche auf und bestieg eben ohne ihn ein Taxi, um an den häuslichen Herd zu gelangen.
Als ich einige Wochen später – es war inzwischen Anfang Dezember geworden – auf der Rückfahrt von Wien wieder einmal die nächtliche Grazer Bahnhofshalle betrat, sah ich Mustafa abermals nicht an seinem gewohnten Platz stehen. Auf dem Bahnhofsvorplatz sah ich ihn dann aber doch. Er stieg gerade in einen Sportwagen ein, und zwar auf der Beifahrerseite. Hinter dem Lenkrad saß eine tolle Puppe, schmuckbehängt, mit langen, platinblonden Haaren und ausgesprochener Kriegsbemalung; und im nächsten Moment brauste sie auch schon mit ihm davon.
Oho, dachte ich, während ich ihnen nachblickte, der Mustafa hat das Große Los gezogen. Ob die tolle Puppe seine Frau ist? Na, jedenfalls geht\'s ihm gut, und das ist schließlich die Hauptsache.
3
Mitte Januar läutete bei mir zu Hause das Telefon, und es meldete sich eine unbekannte Frauenstimme mit fremdländischem Akzent. Sie stellte sich vor mit \"Hier Kamal\" und fragte, ob ich jener nette Mensch sei, der ihren Ehemann des öfteren im Taxi heimgebracht habe. Sie entschuldigte sich über alle Maßen für diese Belästigung; aber sie wisse nicht, an wen sie sich sonst wenden könne. Im nächsten Moment brach sie in Tränen aus, und als ich, verwundert und unangenehm berührt, bat, mit Mustafa sprechen zu dürfen, wurde aus ihrem Weinen ein derart herzzerreißendes Schluchzen, daß ich nach mehreren vergeblichen Versuchen, noch irgendein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen, kurzerhand erklärte, ich käme am besten sofort zu ihnen, und unverzüglich auflegte.
Wenig später stand ich – nein, nicht vor der tollen Puppe vom Hauptbahnhof, sondern vor einem ungeschminkten und ungeschmückten Geschöpf mit langen, fast pechschwarzen Haaren, verweinten Augen und entsprechend zerknittertem Gesicht. Sie führte mich ins Wohnzimmer, hieß mich Platz nehmen und begann: \"Was darf ich Ihnen ...\"
\"Bitte, gar nichts. Sagen Sie lieber, wo\'s brennt.\"
\"Wieso? Es brennt nirgends.\"
Da mußte ich gegen meinen Willen schmunzeln und sagte: \"Ach, das ist bloß so eine Redensart. Ich habe gemeint: was haben Sie auf dem Herzen?\"
Daraufhin schmunzelte sie selbst, setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl und schaute mich mit schmunzelndem Mund und traurigen Augen an, blieb aber stumm. Die Augen – jetzt erst sah ich sie richtig, oder genauer: jetzt erst wurde ich von ihnen gefesselt. Sie waren nämlich wunderschön: auffallend groß, auffallend dunkel, aber nicht schwarz, sondern eher dunkelbraun – mit einem Wort: faszinierend, und dies trotz des verheulten Zustands des ganzen Gesichts. Überhaupt gewann ich, je länger ich dieses zerknitterte Gesicht betrachtete, umso stärker den Eindruck, daß es eigentlich recht hübsch sein müsse. Und rassig. Und es war, das sah ich jetzt deutlich, ein unverkennbar orientalisches Gesicht.
Die Frau Kamal setzte ein paarmal zum Reden an und gab es jedesmal wieder auf. Um es ihr zu erleichtern, begann ich: \"Ist Mustafa nicht zu Hause?\" Dann mußte ich an meinen ursprünglichen Schützling denken und fuhr fort: \"Oder Raschid?\"
Da ging über ihr Gesicht so etwas wie ein Leuchten, und sie sagte: \"Ach, Raschid! Der wohnt schon lang nicht mehr hier.\"
\"Ach so? Und ich hatte den Eindruck, er wolle länger bei Ihnen bleiben – bei dem riesigen Koffer, den er mithatte.\"
\"Wollte er auch. Aber dann hat er sich mit meinem Mann zerstritten.\"
\"Aber, aber! Dann war es also mit der brüderlichen Liebe zwischen den zweien offenbar doch nicht so weit her. Sie hätten die Begrüßungsszene miterleben sollen. Die war einsame Spitze.\"
\"Ja, ja, am Anfang, da war auch alles in Käse.\"
\"Sie meinen: in Butter?\"
\"Ach so, ja: in Butter. Sie müssen meine mangelhaften Deutschkenntnisse entschuldigen. Aber ich bin noch nicht so lang in Österreich.\"
\"Ach, ich finde, Sie sprechen hervorragend, bestimmt besser als Ihr Herr Gemahl.\"
\"O nein, der hat viel mehr Übung. Er ist schon sechs Jahre hier und ich erst zwei Jahre und ein paar Monate, seit September 77, um genau zu sein. Ja, aber leider hat die Eintracht zwischen ihnen nicht sehr lang gehalten. Und schuld daran war ich.\"
\"Waren Sie? Wie soll ich das verstehen?\"
\"Na ja, ich glaube, ich habe Raschid ganz gut gefallen.\"
\"Oh, das kann ich gut verstehen.\"
Sie warf mir einen seltsamen Blick zu und errötete.
\"Na ja, und Mustafa hat bald angefangen, mich zu beschuldigen, daß ich Raschid schöne Augen mache. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Er hat auch mit ihm gestritten und ihm vermutlich ebenso Vorwürfe gemacht.\"
\"Wieso \'vermutlich\'?\"
\"Nun, sie haben miteinander natürlich in ihrem Heimatdialekt gesprochen.\"
Ich muß sie daraufhin ziemlich entgeistert angeschaut haben, denn ihre Lippen nahmen einen Anflug von Schmunzeln an.
\"Ich beherrsche nämlich zwar das klassische Arabisch, kann aber das Arabisch, wie es in ihrer Heimat gesprochen wird, fast nicht verstehen. Ach, Sie glauben wahrscheinlich, ich komme auch aus Ägypten. Aber das stimmt nicht. Ich komme aus dem Iran.\"
\"Ah, Sie sind Perserin? Da sprechen Sie also mit Ihrem Herrn Gemahl vermutlich deutsch?\"
\"Richtig: ich spreche deutsch, und er spricht steirisch. Er ist sehr stolz darauf, steirisch sprechen zu können.\"
\"Aha. Ja, jetzt ist mir alles klar.\"
\"Sie dürfen übrigens ja nicht glauben, daß ich Raschid schöne Augen gemacht habe.\"
\"Nein, nein! Aber er hat vermutlich versucht ...\"
\"Das stimmt. Er hat ständig versucht ... Aber Sie dürfen wirklich nicht glauben, daß ich ... Das hätte ich nie gewagt, noch dazu, wo sie beide Ägypter sind.\"
\"Wo sie beide Ägypter sind? Wie meinen Sie das?\"
Sie zögerte auffallend lange, ehe sie weitersprach.
\"Sie kennen die ägyptischen Männer nicht. Ich kannte sie anfangs auch nicht. Wissen Sie, was immer man gegen den Schah einwenden konnte, eins kann man ihm nicht abstreiten: er hat den Iran zu einem fortschrittlichen Land gemacht, bestimmt zum fortschrittlichsten unter allen islamischen Ländern. Jetzt, nach der islamischen Revolution, ist ja zu befürchten, daß unser Land in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen wird und daß auch im Iran wieder die Sitten eingeführt werden, die in den weniger fortschrittlichen Ländern des Islam an der Tagesordnung sind. Wissen Sie, weshalb Raschid nach Österreich gekommen ist? Um der ägyptischen Justiz zu entgehen.\"
\"Oho! Hat er was ausgefressen?\"
\"Ausgefressen?\"
\"Ach so. Ich meinte: hat er sich was zuschulden kommen lassen?\"
\"Das kann man wohl sagen. Er hat seine Frau getötet.\"
\"Was? Seine Frau getötet? Umgebracht? Also nein!\"
\"Ja, es gehört in vielen islamischen Ländern zu den geheiligten Pflichten des Mannes, seine Ehefrau zu töten, wenn er den Verdacht hat, sie könnte ihm untreu gewesen sein.\"
Daraufhin war ich im buchstäblichen Sinn des Wortes sprachlos. Schließlich fiel mir ein, was sie vorhin gesagt hatte, und ich begann zögernd: \"Sagen Sie, Frau Kamal, habe ich Sie vorhin richtig verstanden, daß Sie Angst hatten ...\"
\"Sie haben mich ganz richtig verstanden. Ich hatte tatsächlich Angst, Mustafa könnte mir etwas antun, falls er den Verdacht haben sollte, ich sei ihm untreu. Obwohl ich völlig unschuldig bin. Aber das hätte mir im Ernstfall überhaupt nichts genutzt. Dazu kannte ich ihn schon viel zu gut.\"
\"Wie meinen Sie das? Schlägt er Sie etwa?\"
\"Selbstverständlich. Drum war ich heilfroh, als Raschid eines Tages seine Sachen packte und auszog.\"
\"Ist er noch in Graz?\"
\"Nein, glücklicherweise nicht. Ich glaube, er ist jetzt in Deutschland.\"
Und nun ging, wie man so schön sagt, ein Engel durchs Zimmer.
4
Plötzlich fiel mir ein, wozu ich eigentlich hier saß, dieser mir doch eigentlich vollkommen fremden, verheulten und trotzdem unglaublich faszinierenden Frau gegenüber: nicht, um mit ihr gemütlich zu plaudern, sondern um ihr zu helfen. Sie hatte mich ja selbst darum gebeten, mir allerdings noch immer nicht verraten, wo es eigentlich brannte, beziehungsweise was sie auf dem Herzen hatte. Und sie machte auch keinerlei Anstalten, es mir zu verraten. Eins hatte sie mir doch immerhin verraten: daß sie von ihrem Mann geschlagen wurde und Angst hatte, er könnte sie genauso abmurksen, wie sein Bruder dessen Ehefrau abgemurkst hatte.
\"Und was Sie nun auf dem Herzen haben, ich meine: Ihr konkretes Problem - hat das mit Ihrem Mann zu tun?\"
Ihre Miene verdüsterte sich wieder und wurde sozusagen undurchdringlich. \"Ach, ich schäme mich ja so\", murmelte sie.
\"Ist es der Umstand, daß er Sie schlägt? Oder daß Sie Angst haben ...\"
\"Ach nein, das ist es nicht.\"
\"Das ist es nicht? Ja, was ist es dann?\"
Da mußte ich an die Szene neulich vor dem Hauptbahnhof denken. \"Ist es vielleicht, daß Sie befürchten, er könnte Sie betrügen?\"
In ihrem zuletzt so verschlossen wirkenden Gesicht vollzog sich nun eine erstaunliche Wandlung: ihr Blick hellte sich auf und verdüsterte sich zugleich – ein interessanter Widerspruch, fand ich.
\"Ach, betrügen! Ein muslimischer Ehemann betrügt seine Frau nicht.\"
\"Nein?\"
\"Nein. Er hat das heilige Recht, so viele Frauen zu haben, wie ihm beliebt.\"
\"Ach, so meinen Sie das.\"
\"Oder, um ganz exakt zu sein: bis zu vier Ehefrauen und eine unbegrenzte Anzahl von Konkubinen.\"
\"Aha. Aber dann verstehe ich nicht ...\"
\"Ja, wissen Sie, mein Mann liebte nämlich eine Frau, die ... wie sagt man da? ... die sich dafür bezahlen läßt.\"
\"Ah, eine Prostituierte?\"
Jetzt wurde mir einiges klar. Aber ich hütete mich, ihr das brühwarm auf die Nase zu binden.
\"Ja, genau: eine Prostituierte. Und die ließ sich viel Geld dafür bezahlen und teuren Schmuck schenken.\"
\"Soso.\"
\"Ja, ja. Sie hat ihm nämlich total den Kopf verdreht.\"
\"Soso.\"
Er läßt sich von einer Hure den Kopf verdrehen und bezahlt ihr viel Geld dafür und schenkt ihr obendrein teuren Schmuck und hat bei all dem wahrscheinlich noch ein vollkommen reines Gewissen. Aber wehe, ihm kommt auch nur der Verdacht, seine eigene hübsche, attraktive, junge Frau könnte ihm untreu werden! Dann ist es sein heiliges Recht, ja seine geheiligte Pflicht, sie zu töten, sie mir nichts, dir nichts abzumurksen.
Und ich spürte, wie es in mir zu brodeln begann, wie eine Woge der Empörung in meiner Brust immer höher stieg. Und dann überkam mich plötzlich lähmendes Entsetzen, als ich daran denken mußte, was ihr Göttergatte wohl davon halten würde, sollte er plötzlich hereingeschneit kommen und uns zwei in so traulichem Gespräch vorfinden. Schließlich hatte ich mich ja selber eingeladen. Nach allem, was ich soeben gehört hatte, war ihm ohne weiteres zuzutrauen, daß er sich einbilden würde, uns sozusagen in flagranti ertappt zu haben. Na, und dann ... |
| S e i t e n z a h l : |
233 |
| A u t o r I n : |
zum Autor Karl Plepelits |
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