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L e s e p r o b e :

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Ungeschicktes Zweibein
Ar'xal lächelte und streichelte der Kleinen kurz über die kurioserweise glatten Haare. Das Mädchen lächelte zurück, vertrauensvoll und pfiffig. "Bald geht die Sonne unter, nur noch einen Tag...\" sagte sie mit kaum unterdrückter Begeisterung.
"Ja, Flusskrebs (er nannte sie immer so, obwohl er wusste, dass sie sich darüber ärgerte, sie ging immer mit einem leichten eleganten Wiegeschritt seitwärts, wenn er ihr begegnete), ich weiß, Du kannst es kaum noch erwarten. Aber warum bist Du nicht im Haus, wie die anderen?\"
Das Mädchen lachte nur, sie wusste ja, dass er die Frage nicht im Ernst gestellt hatte. Im Haus war es dumpf und stickig, die anderen Mädchen kreischten herum, zankten sich und waren überhaupt nicht würdevoll. Und das einen Tag vor dem großen Ram. Und außerdem, die Moskitos (Maras Volk, wie die Alten erzählten aber wer hört schon auf die?) machten den Aufenthalt da nicht angenehm. Und nur, um wieder mal die kleinen schmutzigen Geschichten zu hören....? Sie winkte dem Jäger mit der rechten Hand nach und riss gleichzeitig mit der Linken einen Schachtelhalm ab. Sie verstand sowieso nicht, was die Großen da erzählten, es war ihr nur peinlich, wenn die jedesmal kicherten und sich so schrecklich wichtig vorkamen. Und Mrzide hatte sogar einmal die Banda losgebunden und war fast nackt herumgehopst. Das machte man nicht, auch wenn man schon Zwölf war!
Das Mädchen war aber bereits wieder abgelenkt, ein großer Falter flatterte zutraulich mehrmals um ihren Kopf und ließ sich dann selbstverständlich nickend auf der rechten Hand nieder.
"Na, müde geworden," fragte sie mit der Selbstverständlichkeit einer Xosa: die mit allen möglichen vielbeinigen Kreaturen aufwuchs. Der Falter antwortete naturgemäß nicht, und das Mädchen hob die Hand bis dicht vor seine Augen, um sich das Tierchen deutlicher anzusehen. Große Augen auf den Flügeln, das bedeutete doch irgendetwas. Das Kind zögerte und legte die kleine Stirn in ernsthafte Falten. Mrzide würde jetzt wieder kichern und sagen, ja sicher bedeutet das was, nämlich dass du ihn nicht fressen sollst. Unwillkürlich musste das Mädchen bei dem vorgestellten kleinen Dialog kichern.
Vielleicht sollte sie doch ins Haus gehen, manchmal war das ganz lustig. Und sie wusste genau, warum sie das nicht tat. Angst!
Es gab eine Menge unheimlicher Geschichten um Ram. Sogar das Wort war nicht richtig, niemand außerhalb ihrer Gemeinde kannte es, und Ar\'xal war einmal, einmal nur, sogar ihr gegenüber schrecklich wütend geworden. Das war, als sie Dierk, diesem herrlichen riesigen vollbärtigen Halbgott, der mit seinem Jeep jede Woche durch das Dorf knatterte, einmal gegenüber das Wort aussprach. Völlig ohne Zusammenhang, einfach nur so, denn der Blonde machte sich so schreckliche Mühe, die Xosa-Sprache fehlerlos zu beherrschen. Er hatte sie mit seinen riesigen Pranken so hochgehoben, dass ihre Augen ungefähr vor seiner sehr dicken roten Nase schwebten, und dann mit seiner lauten dröhnenden Stimme mit ihr gesprochen. Sie lachte trillernd wie ein Vogel, und patschte die Hände hinter seinem Hals zusammen. Gerade kam Ar\'xal vorbei, der Mutterbruder und mächtigste Mann in der Gemeinde Und genau da sagte sie mit ihrer kleinen Stimme den Satz mit \"Ram\". Sie erinnerte sich nicht mehr so genau; was es eigentlich war, irgendetwas wie \"Und Du kannst noch nicht einmal Ram...\" oder so. Mit einem wilden Ruck riss Ar\'xal sie aus den Händen des Rangers, und einen Augenblick lang sah es aus, als wolle er sie schlagen.
\"Hej, alter Knabe, mach mal halblang,\" sagte der Weiße und war mehr als überrascht. Ar\'xal galt als Ruhesymbol, und er war sein Freund.
\"Ach lass,\" sagte der Jäger und gab ihr einen Stoß, dass sie sich in Richtung Kirche bewegte. Und im Weggehen hörte sie noch wie er lachend sagte, dass die Kleine sich mal mehr um ihre Aufgaben kümmern müsse. Xosamädchen haben schon früh ihren Anteil an der Hausarbeit. Und der Weiße antwortete, schnell besänftigt, irgendetwas in Xosa, worauf Ar\'xal und die Anderen schallend lachten.
Das Mädchen ging inzwischen über den Kirchplatz, wobei sie das weiße Gebäude überhaupt nicht wahrnahm. Die Kirche war eben im Dorf, na und? Sie war sowieso immer abgeschlossen, und selbst die kleine Tür hinten am Turm war nicht mehr aufzukriegen. Das würden die Jungen schneller spitzkriegen als sie, und mit denen wollte sie nichts mehr zu tun haben. Die pinkelten ja sogar im Stehen, und das neben dem Weg. Egal wie oft Mutter sie deswegen anfauchte, dann kam irgend so ein Minenarbeiter und lachte und sagte den Kerlchen, das wäre so schon richtig. Und Mutter zog wütend und geschlagen ab. Sie kam gegen die Kerle nicht an. Aber sie hatte ihr versprochen, dass das nicht das letzte Wort gewesen wäre. Jetzt nicht, und vor allem nicht später. Das war schon ziemlich lange her. Drei Tage? Oder sogar noch länger?
Der Falter hatte sich langsam und majestätisch erhoben. Er schwebte in Richtung Dorf, und das Mädchen folgte ihm ohne Zögern. Sicher wieder ein Wink von RASO, die sich ja jetzt sehr für sie und ihre Freundinnen interessierte. Das hing auch mit Ram zusammen, und plötzlich fühlte sie es wieder Entsetzen!
Die Mutter hatte ihr schon lange versprochen, einmal ausführlich mit ihr über Ram zu sprechen. Dabei hatte sie sich immer wieder umgesehen und einmal, das Mädchen war jetzt noch betroffen, hatte sie geweint. Geerta weinte sonst nie, es war schon Geschichte in der Gemeinde: Dass sie sich einmal, als die Hyänen ihr fast den rechten Arm abgerissen hatten, schweigend zur Praxis von Doc Mc. Murdy schleppte und dort zwei Stunden wartete, wartete bis die Patienten vor ihr behandelt waren, um dann an der Türe klaglos zusammenzubrechen. Drei Wochen lag sie zwischen Leben und Tod, und Toom, der möglicherweise ihr Vater war, wenigstens hatten ihr das schon mehrere wichtige Männer gesagt, suchte unverhohlen unter den Mädchen im Dorf nach einer neuen Frau. Dann war sie wieder da, ließ sich beschimpfen von dem oft betrunkenen Mann und ging schweigend an die Arbeit.
Und dann hatte sie eines Tages, völlig unverhofft, zu dem Mädchen gesagt, dass sie mit ihr über Ram sprechen würde. Und dass sie eine lange Reise machen müsste, dass sie tapfer und ... ja, dann weinte die starke Geerta.
Sie hatten in der Folge oft miteinander gesprochen, über alle möglichen anderen Themen, doch dem Inhalt von Ram waren sie immer ausgewichen. Das Mädchen verstand nicht, was die Mutter bedrückteDabei verstand sie doch sonst fast alles, sie war ja schon sieben Jahre alt. Und sie durfte sich schon auf Ram freuen. die Mutter zeigte ihr einen ziemlich großen Fellbeutel, mit zwei Riemen zu einem Rucksack umgebaut. Da steckte ein großes Tuch drin (zum schlafen aber warum, sie hatte doch ihre Matte). Es gab Beutel für alle möglichen Sachen, für Lebensmittel und für Seife. Und es gab einen Gürtel mit einem riesigen Messer, na ja, vielleicht nicht riesig, aber ihr kam es so vor. Das war ganz scharf und steckte in einer Lederhülle, direkt neben einer Rolle von dünnem Band, wie es die Männer zum Angeln benutzten. Das war übrigens verboten, das Angeln, und die Ranger waren ganz schön wütend, wenn sie einen der Männer dabei erwischten. Dabei hätten sie jeden Tag, jede Stunde, mehrere erwischen können, aber sie waren ja nie da. Sie sausten immer mit ihren Maschinen quer durch den Park, um irgendwelche Beester anzugucken. Irgendwelche angehende Mittagessen, wie Ar\'xal einmal humorvoll andeutete, und alle lachten lauthals. Das hörte aber kein Ranger, die waren ja immer mit so schrecklich wichtigen Dingen beschäftigt. Fast so wie die Männer in der Gemeinde wie Geerta einmal sagte, und da lachten alle Frauen und Mädchen, und ein paar von den kleinen Jungen, die noch nicht so richtig verstanden. Toosie stand dabei, zuckte mit den Schultern und spuckte demonstrativ aus.
\"Doch, das kannst Du schon prima,\" sagte Xara, die alle nur die Dicke nannten, obwohl es dickere in der Gemeinde gab, \"und jetzt pinkel noch mal einen hohen Bogen über die Kirche, dann werden wir alle klatschen.\" Vielleicht dann auch, erst einmal klatschten jetzt alle Frauen und Mädchen, und die kleineren Jungen als der klapprige Toosie mit wütendem Gesicht abrückte. Ja, solch eine Leine war auch an dem kleinen Gürtel befestigt, und der Gürtel an sich war schon eine wunderbare Sache. Da hatte Mutter sich lange wochenlang, mit beschäftigt. Er bestand aus Tausenden von kleinen bunten Perlen, jede, so winzig wie ein Moskito, und mit einem Loch in der Mitte, das kleiner war als der Durchstich der normalen Knochennadel. Und die vielen tausend kleinen Perlchen, die wunderschönen Muster, wurden zusammengehalten von dünnen Antilopensehnen. Jede Perle wurde mit den Fingern auf die Sehne gezogen, ohne Nadel, und jede neue Sehne musste unauffällig zwischen zwei neuen winzigen Perlen versteckt sein Es war eine wunderschöne Arbeit eine Arbeit von vielen langen Abenden. Das Mädchen hatte schreiend vor Begeisterung die Mutter umarmt, und die hatte ihm schüchtern und zurückhaltend den kleinen schmalen Rücken getätschelt. Sie wollte das Kind eigentlich gar nicht mehr loslassen, hielt sie fest umklammert, so dass es dem Mädchen schon ungemütlich wurde. Aber dann ließ sie doch los, wandte sich ab und holte noch einen Wasserbeutel, mit festem Tragriemen versehen, aus der Truhe. Langsam wurde es dem Mädchen unbehaglich, und wie immer in solchen Situationen begann sie, leise zu weinen. Die Mutter hockte sich auf das Zebrakissen, nahm sie in die Arme und wiegte sie langsam hin und her. Dabei summte sie eine beruhigende Melodie, und das Mädchen beruhigte sich. An diesem Abend, allein in der Hütte, erfuhr das Kind eine schreckliche Wahrheit. Die Sterne schimmerten sanft durch den Dunst der Feuerstelle, welcher durch das Luftloch im Hüttendach abzog. Und die Mutter zog behutsam ihre Kleider aus. Das Mädchen hockte erstarrt vor ihr auf dem Boden. Die Mutter hatte ihr und den anderen immer wieder und wieder erklärt, dass man seine Kleider niemals auszog, auch nicht zum schwimmen oder wenn man allein war. Dass man immer und auf jeden Fall vor allen anderen Leuten bedeckt sein musste, niemals die Hüften oder den Oberkörper vor anderen in der Luft zeigen durfte. Natürlich gab es für verschiedene Gelegenheiten verschiedene Kleider, und natürlich trug man nachts zum Schlafen etwas anderes als tagsüber. Aber das Umziehen wurde immer abseits von anderen getan. Nur Tiere, das sagte Geerta mit sehr ernster Stimme sonntags immer wieder beim Gespräch mit den Mädchen, nur Tiere zeigen sich ohne Kleidung in der Öffentlichkeit, und nur solche Menschen, die schon fast wieder Tiere geworden sind, die tun das auch. Das war Usus in der Gemeinde, und keiner stellte das in Frage. Und jetzt zog sich die Mutter vor ihr aus das Kind wusste gar nicht, wo es hinsehen sollte. Natürlich war sie neugierig, aber doch nicht bei Geerta. Vielleicht bei der Xara, die machte immer so lustige Bemerkungen, oder bei den Jungs? Aber warum, huch, sie schüttelte sich. Die Mutter begann, sie auch zu entkleiden, und natürlich sträubte sich das Kind. Aber ließ es dann gehorsam geschehen, wusste garnicht, was das sollte und wusste doch, dass es wichtig, und ungeheuerlich, war.
In dieser Nacht erzählte ihr die Mutter die Geschichte von Ram, erzählte alles über den Schrecken, und darüber, dass sie jetzt listig und geschickt sein müsste, dass es niemand bemerken dürfte. Und dass sie gehen müsste, fort von der Gemeinde, fort von den Menschen, für lange Zeit, für viele Jahre. Jetzt verstand das Kind auch, warum sie sich ausgezogen hatten. Die Mutter konnte und wollte ihr manches nicht sagen, zeigte es am eigenen Beispiel. Und berichtete stockend, dass alle Mädchen in ihrem Alter lebensgefährlich und schmerzhaft verletzt würden, dass alte Männer mit Messern und Nähnadeln sie schrecklich zurichten, sie verstümmeln und schänden würden. Und das schon, solange es ihr Volk, solange es Völker gibt. Und dass das Unrecht wäre, Und das Mädchen verstand alles sofort, erschrak zwar und war traurig, aber noch viel mehr war es wütend. Und so schwor sie ihrer Mutter, eine Nacht vor Ram zu fliehen, ins Hoogveldt zu gehen und allein zu überleben. Lieber allein als unter solchen Menschen. Wie ein kleines Mädchen geschickt und fröhlich aussehend so viele Erwachsene täuschen konnte, wurde später noch lange in der Gemeinde überlegt. Aber es gab genug andere Dinge, und dass von den siebzehn anderen Mädchen später zur Missionsschule nur noch dreizehn angemeldet wurden, weil die anderen bei Verwandten in Simbabwe aufwachsen sollten, das interessierte nicht einmal die Behörden. Ar\'xal schlenderte weiter über den Dorfplatz, wie eben zu Beginn der Geschichte.
Das Mädchen zuckte zusammen, als sich von der Seite her eine Hand leicht auf ihren rechten Arm legte.
\"Ach, Du bist es,\" sagte sie dann und sah den Jäger mit aufgerissenen Augen an. Der lächelte geschmeichelt. Als Geisterseher war er eben eine Respektsperson, gerade jetzt, so kurz vor Ram. Dass ihn da vor allem die kleinen Mädchen mit Respekt liebten war verständlich, schließlich hatten sie von ihren Schwestern und Tanten und Müttern genügend flüsternde Empfehlungen bekommen. Und im Vollbesitz seiner unerschütterlichen Überzeugung lächelte er zurück und gab dem Mädchen, dass ihn so vertrauensvoll ansah, eine Zuckerstange.
\"Sieh mal, \" sagte er und winkte unbestimmt in Richtung auf die Staubwolke, \"da kommt Jeroni.\" Gerade hielt der kleine Bus, den Jeroni privat betrieb, noch einmal neben der Kirche an. Der Jäger hatte sich wieder auf den Weg zum Ufer gemacht, und prüfte dort, ob auch genug Fische gefangen wurden. Die meisten Männer waren arbeitslos, und ein kleiner Nebenverdienst war schon nötig. Mit einem kleinen Anteil an Ar\'xal, versteht sich. Und die Ranger fluchten nicht schlecht, wenn sie wieder einmal mit den Biologen der Witwater-University den Fischbestand überprüften. So rasch konnten sie gar nicht Jungfische aussetzen wie die Bassins wieder leer wurden. Jaja, die Kormorane. Und Piet brüllte, dass die Kormorane unheimlich kafferähnlich aussähen. Dann grinste er verzweifelt und versuchte, einen Witz daraus zu machen. Kaffer gehörte, natürlich jetzt zu den Unwörtern, und sogar der heimtückische (so nannten ihn die Jäger, in Wirklichkeit war er nur stark und schlau ) Kaffernbüffel wurde in Büffel umgetauft. Nur die Bantu nannten ihn nach wie vor Kaffernbüffel. So wie die Kanaken sich weiterhin Kanaken nennen was \"Mensch\" bedeutet, und die Zigeuner .... Ach ja, die political correctness war schon eine Seuche...
Vom Ar\'xal unbemerkt hatte die Mutter des Mädchens mit Jeroni gesprochen, und eine Absprache von \"vor langer Zeit\" abgerundet. Damals hatte sie nämlich Geroni, mit beiden Armen bis zum Ellbogen, in der Gemeindekasse, erwischt. Schwamm drüber, aber Du schuldest mir was. Und jetzt wurde die Schuld eingefordert, keine Frage. Und seine Lippen sind versiegelt. Bei Dingaan auch wenn das ein verdammter Zulu war.
Bei der Abendfahrt nimmt die \"Blaue Mamba\" kurz hinter dem Dorf nur einen Passagier mit, einen sehr kleinen mit großem Gepäck, mit tränenüberströmtem Gesicht. Und ohne Wortkontakt verlässt der Passagier am Krokodilfluss, neben der klapprigen Brücke, den Bus wieder. Blaue Mamba, so nannte man im Volksmund die kleinen Privatbusse, die eigentlich vorwiegend von den Vorstädten die schwarzen Arbeiter in die Stadt brachten. Die Grüne Mamba ist eine der gefährlichsten Schlangen, die schwarze Mamba, so hört man, soll noch gefährlicher sein. Aber am schrecklichsten ist die Gefahr, die von der blauen Mamba ausgeht. Und von ihren tollkühnen unverwundbaren Fahrern.
Als sich am nächsten Morgen die Mädchen mit den Alten im abseits gelegenen Vollzugshaus, eigentlich dem alten Schuppen der früheren Rangerstation, versammelten, fehlte eine. Sofort misstrauisch ging Ar\'xal zu seiner Schwester. Es folgten, offiziell ohne dass jemand irgend etwas bemerkte, laute Geräusche und Schreie aus dem Haus der Mutter, seiner Schwester. Unflätige Beschimpfungen, Schmerzensschreie und Krach von umstürzenden oder weggeworfenen Möbelstücken. Dann humpelte Ar\'xal aus dem Haus. Er stieß böse Verwünschungen aus. Xara und zwei andere Frauen rannten gestikulierend und schreiend über den Platz ins Haus. Sie fanden die Frau blutend und mit aufgerissenem Kleid neben dem Tisch liegend. Sofort brachten sie sie zum Arzt. Der alarmierte die Polizei, und mit deren Landrover kam auch Pater Randolph, fröhlich lächelnd. Seine rote Nase zeigte überdeutlich den Grund seiner Fröhlichkeit, und er verbreitete den ihm eigentlich schon vorauseilenden Duft seiner Art von Weihwasser.
Nach einer halben Stunde hatten sich die Beamten zusammengereimt, was geschehen war. Natürlich konnte man weder Ar\'xal noch die Mädchen finden, aber das würde sich in den nächsten Tagen schon noch ergeben. Mit Fingerspitzengefühl hatte der Captain die Polizisten noch angefleht, und die schickten sich murrend.
\"Am liebsten würde ich das alte Ferkel mal seiner eigenen Methode unterziehen,\" fluchte Günther. Sein Kollege, auch Xosa, hatte womöglich noch größeren Hass in sich als der Weiße. Aber gegen die unheimliche Macht der Alten aber auch der Frauen konnte man nicht angehen. Raphael, wie die meisten seiner Kollegen tief gläubig anglikanisch, hatte nach dem Soziologiestudium die Aufnahmeprüfung und die Ausbildung bei der Polizei bestanden und wurde ausgerechnet ins Bantustan versetzt. Um hier wieder mit den hexenartigen Bräuchen der Traditionalisten zusammenzutreffen. Er konnte nichts unternehmen, denn seine Familie, und natürlich vor allem er selbst, waren hochgradig gefährdet.
\"Ich wünschte mir manchmal, diese Kafir wären Seahorses\", seufzte er, den verächtlichen burischen Begriff mit voller Absicht verwendend, so wie die amerikanischen Ghettobewohner einander Nigger schimpften.
\"Was meinst Du,\" fragte Günther, der zwar viel weißer, dafür aber auch erheblich mäßiger gebildet war. Auch der Pater war stehen geblieben, nutzte die Gelegenheit für einen kräftigen Zug aus der Weihwasserflasche und zwinkerte vergnügt, als er den beiden Anderen anbot.
\"Nein, danke,\" sagten die im Chor und nahmen wie selbstverständlich auch jeder einen tüchtigen Hieb. Raphael grinste:
\"Bei den Seepferdchen tragen die Männchen die Jungen aus. Wenn das hier so wäre, wenn die schleimigen Bastarde ...\"
\"Was meinst Du? Die Männchen sind da wirklich schwanger? Das ist doch ein Witz!\" Der weiße Polizist sah den anderen ungläubig an. Der Pater setzte zum Sprechen an, rülpste diskret und stolperte leicht, aber der Xosa hatte schon weitergesprochen:
\"Nein, ganz im Ernst. Die vereinigen sich, und die Frau oder wie man das nennt, pumpt ihre Eizellen in das Männchen. Erst da werden sie befruchtet. Und dann trägt er die Kleinen aus, bis sie lebend zur Welt kommen, einige hundert.\"
\"Junge Junge, dann weiß da der Vater wenigstens mit Sicherheit, dass er wirklich der Vater ist.\" lachte Günther.
\"Pater semper incertes est,\" meldete sich der Gottesmann, \"der Vater ist immer ungewiss!\"
\"Nene, hier ist er gewiss,\" sagte der Xosa und gab ihm einen gemeinen Stoß in der Hoffnung, dass es zu einem Sturz käme. Aber sein Kampf um Gottes Reich hatte den Streiter Christi hart gemacht, er steckte den Stoß ohne Regung weg, sah noch einmal bedauernd auf die Cognagflasche und steckte sie dann resignierend ein.
\"Dann wollen wir mal,\" sagte er aufmunternd zu den beiden Beamten, und sie gingen in die Schreibstube neben der Kirche, um das Protokoll aufzusetzen. Zweisprachig, mit drei Durchschriften.
Das kleine Mädchen lief, unaufhörlich schniefend und stolpernd, schon seit Stunden durch das Gebiet, welches die Weißen den \"Krüger-Nationalpark\" nannten. Vom Krokodilfluss immer nördlich, dem Stern der großen Mutter nach, hatte ihre Mutter gesagt, und wie in Trance verlor sich der winzige Mensch im hohen Büffelgras. Überall kreischten die Affen und die Nachtvögel, der Tau hatte alles schon getauft und nässte die Kleider, aber die Kleine stapfte vorwärts. Natürlich nicht auf den Wirtschaftswegen, da fuhren auch nachts Streifen, aber vor allem lagerten da die Schlangen, und das war wirklich gefährlich. Die Asphaltstraßen behielten lange Zeit die Hitze des Tages, und aus diesem Grunde lagen in der Morgendämmerung große Mengen von Schlangen auf den schwarzen Streifen. Und während die Mambas im Busch starr waren vor Kälte, waren die auf den Straßen sehr beweglich. Also hielt man sich tunlichst von den Wegen fern. Das Kind kannte die Natur, sie war ein Teil ihres Lebens; aber ein erschöpfter kleiner Mensch taumelte, Stunden später, auch in der schon am Morgen sengenden Sonne durch den Busch. Dornen zerkratzten die dünnen Beinchen, wie durch ein Wunder stach und biss nichts auf den langsam penetrant schweißriechenden Körper ein. RASO zischte vorüber, glaubte einen Augenblick lang, sich verguckt zu haben und machte kehrt.
\"Was ist das denn, fragte sie Pluks, die gerade wieder einmal zeternd ihren Mann schikanierte, damit er ein neues Nest baute. Webervögel sind nämlich nie mit ihrem Nest zufrieden, und die armen Männer müssen immer wieder von neuem beginnen, einen Unterschlupf zu bauen. Und man stelle sich das nicht so einfach vor. Es sind immer Tausende von Webervogel-Eheleuten, die sich den gleichen hohen Baum (hoch, wegen der Schlangen)zum Nestbau aussuchen. Wenn sie viele sind, können die Raubvögel sie nicht einzeln jagen. Deswegen stört der Bussard auch nicht, zwar kreischen alle mordsmäßig laut, aber sie lassen sich beim Nestbau nicht stören. Und wenn er einen oder zwei fängt, na und? Das hält Pluks nicht einen Augenblick davon ab, ihren Mann zu beschimpfen, wenn ihr das Nest noch nicht gefällt. Und wie ihr Mann flattern tausende verzweifelter Webervogelmännchen gleichzeitig herum, um Nester zu bauen. \"Irgend so ein Nesträuber, vermutet Pluks, ohne richtig hinzusehen. Das ärgert die Windfee, und sie schüttelt erst mal alle Webervögel kräftig durch. Das Gekreische nimmt Orkanstärke an.
\"Schon gut, schon gut,\' sagt Pluks, ,das ist so ein Menschenküken, das aus dem Nest gefallen ist. Mango wird sich schon darum kümmern.\"
Damit ist alles gesagt, RASO ist zufriedengestellt und braust weiter, kommt aber wie zufällig noch einmal an dem Menschenjungen vorbei. Das stolpert gerade über eine Wurzel, heult auf und bleibt stehen. Tränen fließen über das kleine schmutzige Gesichtchen, das Kleine torkelt einen Moment, reckt sich dann aber wieder zornig auf und marschiert weiter.
\"Es geht mich ja nichts an, aber wer bist Du, und wo willst Du hin?\" fragt RASO höflich. Sie fragt in der Sprache der Menschen, denn schließlich ist sie kultiviert. Unbeirrt vorwärtsstampfend sagt das Kind:
\"Du hast Recht, das geht Dich nichts an.\" Dabei sieht sie sich aber um, denn von irgendwo muss die Stimme doch kommen. Panischer Schrecken, vielleicht einer der Jäger? Aber es ist niemand zu sehen.
\"Ganz schön frech\", konstatiert die Windfee, und es gefällt ihr. Genauso würde sie auch reagieren, also pfeift sie einmal schrill und spricht den Bann.
\"Dieses - ja, wie nennen wir das denn? Also dieses PE\'XE, das ungeschickte Zweibein, steht unter unserem Schutz!\" Das ist natürlich eine Übertreibung, denn es ist ja nur ihr Schutz, und bei weitem nicht jeder hört auf RASO. Aber sie plustert sich derart auf, dass viele, vor allem die Krabbelnden und die Kriechenden, glauben, dass auch Tokolosch den Bann spricht. Dabei würde der sich hüten, oder besser behüten lassen. Aber so steht der Bann über dem Hoogveldt, und wispert von Busch zu Busch, von Bafo, der Büffelkuh, an Hanka, die Rudelführerin der Hyänen, weitergegeben. Und so verteilt sich der Schutz durch den ganzen Busch, klettert über die Äste zu den Baumbewohnern und taucht in die Wasser zu allen Schwimmenden. Und da hat RASO viele Freundinnen. Und diejenigen, die nicht ihre Freunde sind haben eine höllische Angst vor ihr. Der Wind kann zum Sturm werden, und nur wer schon einmal ein Krokodil hoch oben auf einer Akazie gesehen hat weiß, was es bedeutet, RASO zu ärgern. Pe\'xe, das ungeschickte Zweibein, das von seinem neuen Namen und vom Bann nichts wissen kann, stolpert weiter tapfer vorwärts. Sie hat ja schon einen Namen, aber den mag sie auch nicht, weil alle in der Gemeinde darüber immer gegrinst haben. Moankeke den hatte ihr ein durchreisender Okawamba-Zauberer aus Angola einmal gegeben. Aber als ihre Mutter sie taufen lassen wollte hatte der Pater schallend gelacht, und das in der Kirche, als alle würdig herumstanden und sich mopsten.
\"Willst Du Dein Kind wirklich Äffchen, nennen,\" fragte er und konnte sich kaum beherrschen. Wie auch, der hatte ja schon wieder mehr Weihwasser, in sich, als es im Taufbecken war. Und so hatte die Mutter schnell \"Maria\" genommen, der erste Name, der ihr einfiel. Das war also ihr Taufname. Und irgendeiner hatte die Geschichte natürlich öfter erzählt alle nannten sie Moankeke. Und den Namen hasste sie, ohne zu wissen, dass er ja eigentlich für ihr neues Leben ganz gut passen würde.
Sie stolperte jetzt öfter. Ein kleines Mädchen, übermüdet und voller Angst, in einer fremden gefährlichen Umgebung. Wie oft hatte sie schon ihr Messer herausgenommen, aber ob sie sich wirklich damit verteidigen könnte? Einen Meter war sie groß, das schafften schon die normalen Affen. Und der Welpengeruch um sie herum war für alle fleischfressenden Leckermäuler der Aufruf zur kleinen Jagd. Denn noch wusste sie nichts über RASOs Bann, wohl aber alles über die Gefräßigkeit der Großen. Es war befreiend, dass sie endlich das Flussufer erreichte. Völlig verschwitzt und absolut erschöpft warf sie ihre Tasche und den Wassersack ab, um sich in das Wasser zu stürzen. Pluks zeterte und flog Runde um Runde um sie herum. Einen Moment lachte das Kind und rief ihr nach, sie solle nicht so aufgeregt sein.
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