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L e s e p r o b e :
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1
Ja, da sitze ich nun, ich Unglückswurm, ich lebender Leichnam, einsam und verlassen in einem Grab, in einer von Menschenhand geschaffenen Felsenhöhle, in Modergeruch und ewiger Finsternis und trauere meinem verlorenen Leben, meiner verlorenen Liebe, meinem verlorenen Glück nach. Denn Glück ist Leben, und Leben ist Liebe. Die Liebe aber ist mir fremd geworden, durch eigene Schuld fremd geworden, und darum bin ich, ein angeblich Lebender, in Wahrheit tot.
Leben heißt nämlich lieben und zugleich geliebt werden – wahrhaft lieben und wahrhaft geliebt werden, nicht so, wie es diese neue Religion, das Christentum, lehrt, sondern wie es Eros, der geflügelte, feuertragende, pfeil- und bogenbewehrte göttliche Dreikäsehoch gibt und wie es Platon mit etwa folgenden Worten erklärt: Jeder von uns ist die Hälfte eines Menschen, weil wir von Zeus in zwei Hälften zerschnitten worden sind, weil aus einem zwei geworden sind. Daher sucht ein jeder ständig nach seiner anderen Hälfte. Wenn nun einer seiner eigenen wahren Hälfte begegnet, sind die beiden vor Liebe, Freundschaft und Verlangen auf wunderbare Weise wie von Sinnen und wollen auch für kurze Zeit sozusagen nicht mehr voneinander lassen, sondern würden am liebsten zusammenwachsen, sodaß sie aus zweien eins werden und, wenn sie sterben, auch dort im Hades nicht zwei, sondern nur eins sind. Und dafür ist eben das der Grund, daß dies unsere ursprüngliche Natur war und wir ganz waren. Und das Verlangen nach dem Ganzen heißt eben Liebe.
So weit also Platon. Was soll man nun von einer Religion halten, die uns zu ewigem Glück zu führen verspricht und gleichzeitig folgendes lehrt: Es gibt Eunuchen, die aus dem Mutterleib so geboren worden sind, und es gibt Eunuchen, die von den Menschen zu Eunuchen gemacht worden sind, und es gibt Eunuchen, die um des Himmelreiches willen sich selbst zu Eunuchen gemacht haben. Wer das begreifen kann, der begreife es!
O ja, wir begreifen es: so gewinnt der Mensch nach seinem Tod ewiges Leben und ewiges Glück – wir wollen einmal annehmen, daß diese Verheißung nicht bloß ein schönes Märchen ist. Doch zugleich begreifen wir auch, daß dieses ewige Leben und dieses ewige Glück nach dem Tod mit bitterem Unglück in diesem Leben erkauft wird, oder genauer: mit bitterem Tod in diesem Leben.
Ja, da sitze ich nun also, ich Unglückswurm, ich lebendiger Leichnam, einsam und verlassen in einem Grab, in einer von Menschenhand geschaffenen Felsenhöhle, in Modergeruch und ewiger Finsternis und trauere meinem verlorenen Leben, meiner verlorenen Liebe, meinem verlorenen Glück nach. Aufrecht hält mich allein die süße Erinnerung an eine bessere Zeit, eine Zeit, als ich lebte, als ich glücklich war. Und damit mich diese süße Erinnerung auch weiterhin aufrecht halten kann, will ich diesem Papyrus hier die Geschichte meines Lebens anvertrauen. Das Schreibrohr soll die süße Erinnerung festhalten und mir so einigen Trost in meinem Elend verschaffen. Denn stärker als der Tod ist die Liebe.
2
Beginnen will ich mit meiner schicksalhaften Reise von meiner Heimatstadt Ephesos nach Hierapolis. Schicksalhaft – ja, das war sie in der Tat. Durch sie sollte ich nach dem Willen der Schicksalsgöttinnen meiner wahren anderen Hälfte begegnen.
Nach Hierapolis also, berühmt durch seine Heilquellen! Diese waren auch der Grund, warum ich die Reise unternahm, oder genauer: dazu gedrängt wurde. Und wer war es, der mich zu ihr drängte? Didymos war es, mein bester Freund, Sohn reicher Eltern, die trotz seiner Jugend offenbar nie Bedenken hatten, das Füllhorn ihres Reichtums über ihn auszugießen. Und da, wie das Sprichwort sagt, Freunden alles gemeinsam ist, durfte ich am Inhalt dieses Füllhorns mitnaschen.
So auch diesmal. Meine Eltern hätten es sich niemals leisten können, mich zur ärztlichen Behandlung nach Hierapolis zu schicken. Aber Didymos konnte es sich leisten. Er konnte es sich leisten, mich von einem Arzt untersuchen zu lassen, und er konnte es sich leisten, dessen Rat, mich nach Hierapolis zu einer Kur zu schicken, in die Tat umzusetzen.
Daß mir eine Kur oder überhaupt eine ärztliche Behandlung guttun würde, war ein zwar höchst bedauerliches, aber unbestreitbares Faktum. Mit meiner Gesundheit stand es schon seit geraumer Zeit nicht zum Besten. Zuletzt mußte ich sogar das Bett hüten, statt mit Didymos und meinen übrigen Schulkameraden am Unterricht im Gymnasion teilzunehmen. Und das bekümmerte Didymos aus einem bestimmten Grund nicht weniger als mich selbst.
3
Zu zweit, in der Gemeinschaft fällt den Menschen, zumal jungen, vieles leichter.
Wir hatten eben erst die Schule unseres Lehrers Timon abgeschlossen, ich und Didymos, und waren ins Gymnasion eingetreten. Da blieb er plötzlich vor einem bestimmten Haus stehen und flüsterte mir in verschwörerischem Ton zu: \"Du, Hippias, weißt du eigentlich, wer hier wohnt?\"
Und als ich verwundert den Kopf schüttelte : \"Perikleia.\"
\"Perikleia?\" wiederholte ich verständnislos. \"Kenne ich nicht.\"
\"Aber du sollst sie kennenlernen.\"
\"So? Und wann?\"
\"Jetzt gleich. Wir werden sie nämlich besuchen.\"
\"Aha. Eine Tante von dir oder so?\"
Didymos aber brach unvermittelt in, wie Homer sagen würde, unauslöschliches Gelächter aus, als wäre meine Frage ein wunderbarer Scherz gewesen, und lachte sich buchstäblich tot. Indessen blieb mir nicht verborgen, daß er in Wirklichkeit hochgradig nervös war.
\"Nein, keine Tante von mir, sondern unsere Gespielin (Hetäre) – ich meine: unsere künftige Gespielin. Du weißt doch, heute habe ich Geburtstag. Ich bin heute fünfzehn geworden, und du wirst es in Kürze. Richtig? Nun, mit fünfzehn ist man kein Kind mehr und muß anfangen, Gott Eros zu ehren. Richtig? Ja, aber was hilft es, wenn ich mich allein nicht traue? Und darum wirst du mir jetzt beistehen, ja? Diese Perikleia soll uns in die Mysterien des Eros und der Aphrodite einweihen.\"
Und ehe ich etwas erwidern konnte, faßte er mich am Ellbogen und bugsierte mich zum Eingang des bewußten Hauses; und dabei spürte ich nur allzu deutlich, wie seine Hand zitterte. Aber mit mir zusammen traute er sich eben. Er traute sich anzuklopfen. Er traute sich zu verlangen, daß man uns zu Perikleia führe. Und er traute sich, diese zu bitten, beide in die Mysterien des Eros einzuweihen.
Nun, Perikleia war, wie sich herausstellte, über alle Maßen freundlich, verständnisvoll und zartfühlend. Durch gutes Zureden und wohl auch durch etliche Becher Wein nahm sie uns allmählich alle Unsicherheit und ging schließlich daran, uns tatsächlich einzuweihen, zuerst (auf Didymos\' ausdrücklichen Wunsch) mich, und zwar unter dessen Augen, und danach erst ihn selbst. Ich durfte freilich nicht zuschauen. Trotzdem war ich ihm unendlich dankbar. Denn nun wußte ich, nun spürte ich, daß Perikleia mich zum Mann gemacht hatte. Ich fühlte mich wie ein Schmetterling, der soeben aus seiner Puppe geschlüpft ist. Vorher hatte ich, wie die Puppe eines Schmetterlings, tief geschlummert und bestenfalls geträumt. Nun war ich gewissermaßen zu neuem Leben erwacht und sah die Welt mit völlig anderen Augen.
Didymos ist es, das weiß ich genau, ebenso ergangen. Und darum legte er Wert darauf, diese gemeinsame Erfahrung von nun an in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. Aber seit einiger Zeit mußte ich ihn leider enttäuschen. Eine rätselhafte Krankheit war über mich gekommen, und Heilung war keine in Sicht. Und hier zeigte sich so richtig, was für ein wunderbarer Freund Didymos war. Ein anderer hätte sich an seiner Stelle einen Ersatz für mich gesucht oder wäre vielleicht sogar über seinen Schatten gesprungen und allein zu Perikleia gegangen.
4
Nicht so Didymos. Eines Morgens betrat er, geheimnisvoll schmunzelnd, mein Zimmer, gefolgt von seinem ebenfalls schmunzelnden Sklaven Epaphras und meinen aufgeregt gestikulierenden Eltern, und verkündete mit strahlender Miene, mit mir werde es bald wieder bergauf gehen, denn er werde mich jetzt nach Hierapolis zu den von meinem Arzt empfohlenen Heilquellen bringen. Unter lebhafter Anteilnahme aller meiner Hausgenossen trugen mich die beiden hinaus und verfrachteten mich in einen vor dem Haus wartenden sogenannten Schlafwagen.
Nun erst erfuhr ich Genaueres über diese überraschende Wendung der Dinge. Didymos hatte am Vorabend mit seinen Eltern über mich und meine Krankheit gesprochen und dabei erwähnt, daß mein Arzt als bestes und vielleicht sogar einziges Mittel der Heilung die Quellen von Hierapolis genannt habe. Daraufhin hatten sie ihn spontan aufgefordert, mich schnellstens zu Ino zu bringen, einer Geschäftspartnerin und Gastfreundin von ihnen, die in Hierapolis einen nicht unbedeutenden Weinhandel betreibe. Er selber solle aber unverzüglich wieder heimkehren, um nicht allzuviel vom Unterricht zu versäumen, und bei dieser Gelegenheit mehrere Amphoren Weins bester Qualität mitnehmen; darum werde sich der Kutscher kümmern. Dieser werde auch die Bezahlung erledigen und der Gastfreundin überdies einen Geldbeutel mit einer größeren Summe überreichen, die für meine ärztliche Behandlung leicht reichen sollte.
Hierauf berichtete er mir ausführlicher von Ino und deren verstorbenem Gatten Demostratos und schwärmte mir in den höchsten Tönen von den Schönheiten ihrer Stadt vor, den schneeweißen Felsen mit den terrassenförmig übereinander angeordneten warmen Seen und den zahllosen Wasserfällen, einem beispiellosen Wunder der Natur.
Als er nichts mehr über Hierapolis zu erzählen wußte, begann er mit mir über unsere Lehrer und Schulkameraden zu plaudern. Und dabei gelang es ihm, mich in höchstes Erstaunen zu versetzen, als die Rede auf unseren früheren Lehrer Timon kam. Da sagte er nämlich unvermittelt in reichlich merkwürdigem Ton: \"Sag, Hippias, kannst du dich eigentlich noch an die Helena erinnern?\"
Ich dachte krampfhaft nach und erwiderte schließlich: \"Meinst du unsere frühere Mitschülerin, die Tochter des Timon?\"
\"Freilich.\"
\"So eine kleine, stille, blasse, schmächtige Blondine, die für Timon immer etwas zum Essen und Trinken eingesteckt hatte?\"
\"Genau die meine ich. Ich habe nämlich gerade daran denken müssen, mit was für bewundernden Blicken sie dich immer angesehen hat.\"
\"Was sagst du da? Mich?\"
\"Genau. Dich.\"
\"Ist mir nie aufgefallen. Mit bewundernden Blicken?\"
\"Wenn ich es dir sage.\"
\"Aber damals hast du nie etwas gesagt.\"
\"Klar. Weil ich eifersüchtig war.\"
\"Was? Du auf mich? Daß ich nicht lache!\"
\"Du kannst ruhig lachen. Wir waren damals eben noch Kinder und wußten nichts von Eros und nichts von Aphrodite.\"
\"Du meinst: ich war noch ein Kind. Du warst ja offensichtlich verliebt in sie. Sonst wärst du nicht auf mich eifersüchtig gewesen. Also mußt du schon weiter gewesen sein als ich. Du hast ihre bewundernden Blicke bemerkt. Ich nicht. Falls das stimmt, was du da sagst.\"
\"Aber natürlich stimmt das. Mich hat sie nämlich nie so angesehen, wie sie dich angesehen hat. Was mag aus ihr wohl geworden sein? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Du?\"
\"Nein. Ihren Vater übrigens auch nicht.\"
Und hier versickerte unser Gespräch wie das Wasser einer Meereswoge im Sand, und ich begann über das soeben Gehörte nachzugrübeln und versuchte es gewissermaßen zu verdauen. Daß mich eine Mitschülerin immer mit bewundernden Blicken angesehen habe – kein Gedanke wäre mir ferner gelegen als dieser, und es fiel mir ausgesprochen schwer, es zu glauben. Schließlich war ich überzeugt, vielleicht nicht gerade häßlich, aber jedenfalls für Mädchenaugen völlig uninteressant zu sein. Und daß Didymos Helena verehrt habe und, offenbar weil er keinen Anklang fand, auf mich eifersüchtig gewesen sei – nun, diese Neuigkeit erschien mir vollends unbegreiflich.
5
Am Abend des dritten Tages erreichten wir Hierapolis. Ich hörte, wie der Kutscher abstieg. Auch Didymos und Epaphras ließen mich allein im Wagen zurück. Ich setzte mich auf und blickte erwartungsvoll hinaus. Wir befanden uns in einem großen Wirtschaftshof mit zahlreichen Arbeitern, die gerade den Kutscher wie einen alten Bekannten begrüßten. Eine stattliche Dame, offensichtlich die Herrin des Hauses, näherte sich und begrüßte ihrerseits die Ankömmlinge. Hinter einer Säule halb versteckt, stand ein kleines Mädchen, das, genau wie ich selber, interessiert diese Szene beobachtete; und ich hatte den zwingenden Eindruck, dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben, konnte mich aber, so sehr ich mir den Kopf zermarterte, nicht entsinnen, wo oder wann, und kam zum Schluß, daß ich offenbar einem Phantom aufsaß.
Ich wurde von zwei kräftig gebauten Kerlen aus dem Wagen gehoben und, gefolgt von Didymos und Epaphras, ins Haus getragen. Nachdem wir in einer Latrine alle drei die Gebote der Natur erfüllt hatten, wurde ich weitergetragen und schließlich in einem hübschen, sauberen Zimmer abgeladen. Mehrere Frauen schienen mich hier bereits erwartet zu haben; denn unter lautem Geschnatter stürzten sie sich auf mich, zogen mich splitternackt aus, unterzogen mich einer Art Katzenwäsche, streiften mir eine Nachttunika über und steckten mich in ein sichtlich frisch gemachtes Bett.
Sobald sie abgezogen waren, erklärte mir Didymos, er selber werde diese eine Nacht noch hier verbringen, wenn auch nicht bei mir, und morgen in aller Früh nach Ephesos aufbrechen. Aber ich müsse mir keine Sorgen machen: irgend jemand werde nachts bei mir Krankenwache halten, und zwar so lange, bis ich zur Gänze wiederhergestellt sei. Dies habe Ino, die Hausherrin, versprochen. \"Und jetzt werden wir im Triklinium zum Abendessen erwartet. Dir selber ...\"
Didymos kam jedoch nicht mehr dazu, mir zu verraten, was mit mir selbst geschehen solle. Denn genau in diesem Augenblick klopfte es zaghaft an der Tür, und herein kam eben jenes kleine Mädchen, über das ich mir vorhin so sehr den Kopf zerbrochen hatte, und dahinter folgte, verschämt lächelnd und ein großes Tablett in den Händen haltend – nein, da war kein Zweifel möglich: es war niemand anders als unsere frühere Mitschülerin Helena, die Tochter unseres ehemaligen Lehrers Timon, über die wir erst kürzlich gesprochen hatten. Und jetzt wußte ich auch, daß ich mich doch nicht getäuscht hatte, als ich mir einbildete, dieses kleine Mädchen schon irgendwo gesehen zu haben. Ich hatte sie tatsächlich schon gesehen, und mehr als einmal, in unserer alten Schule nämlich. Sie war Timons jüngere Tochter, die kleine Schwester Helenas, und diese hatte sie gelegentlich in den Unterricht mitgenommen; und dann saß sie jedesmal wie ein Püppchen im Hintergrund und machte keinen Mucks. Und jetzt waren sie und Helena hier, in Hierapolis, und ausgerechnet in diesem Haus? Darum also hatten wir sie so lange nicht mehr gesehen.
Helena selbst war in der Tür stehengeblieben und starrte uns an wie eine Göttererscheinung. Mir erging es kaum anders, und daran war bestimmt nicht nur meine Übelkeit schuld, sondern wohl auch das, was mir Didymos erzählt hatte.
Dieser wußte übrigens als einziger, was sich gehört, und sagte frisch und fröhlich: \"Ja, guten Abend, ihr zwei Hübschen! Kennen wir uns nicht?\"
Helena blieb weiterhin stumm und glich einer Statue. Die Kleine aber krähte mit übermütiger Stimme: \"He! Bist du nicht der Didymos?\" Und zu mir gewandt, wesentlich leiser: \"Und bist du nicht der Hippias? Aber warum ... Bist du krank?\"
Nun fand Helena ihre Sprache wieder und sagte kopfschüttelnd: \"Ich werd\' verrückt! Ihr seid die Gastfreunde aus Ephesos? Und du bist der Kranke, der die Heilquellen braucht? Ich soll dir nämlich das Abendessen bringen.\"
\"Ja, wohnt ihr denn jetzt in Hierapolis?\" erwiderte ich anstelle einer Begrüßung, und die Kleine krähte eifrig: \"Freilich. Und Papa und Mama auch.\" Und fast gleichzeitig sagte Didymos: \"Ah, darum haben wir uns schon so lange nicht mehr gesehen. Das habe ich nämlich sehr bedauert.\"
Und dabei blickte er Helena vielsagend an.
\"Aber ich stehe da\", sagte sie, ohne Didymos zu beachten, \"als hätte mich ein Gorgonenhaupt versteinert. Ich muß ja den armen Hippias füttern, und Heliodora wird mir helfen.\"
Und die Kleine: \"Freilich. Denn Hippias ist hungrig, und wir werden ihm zu essen geben. Er ist durstig, und wir werden ihm zu trinken geben. Er ist krank, und wir werden ihn besuchen.\"
Und Helena sagte, zu Didymos und Epaphras gewandt: \"Und ihr sollt schnell ins Triklinium. Das Abendessen wartet.\"
6
Sobald uns die beiden, Didymos mit sichtlichem Bedauern, verlassen hatten, wandte mir Helena ihre volle Aufmerksamkeit zu und errötete als erstes lieblich; und ich erinnerte mich sogleich wieder an all das, was Didymos während der Fahrt gesagt hatte, und dachte: Ist das ein bewundernder Blick?
Sie deponierte das Tablett mit meinem Abendessen auf einem runden Tischchen und begann mich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gemeinsam mit Klein-Heliodora auf geradezu rührende Weise zu füttern (und mir zwischendurch Wein einzuflößen) und trug danach das Tablett wieder hinaus, während die Kleine bei mir blieb und keinen Blick von mir wandte; offenbar war ihr eingeschärft worden, gut auf mich aufzupassen. Nach anfänglichem Zögern begann sie mich mit ihrem kindlichen Geplapper zu unterhalten und erzählte mir, sie habe hier zwei neue Freundinnen, die hießen Dione und Ionis, und einen neuen Freund, der heiße Jesus. Das sei aber nur ein geistlicher Freund. Auf meine Frage, was denn das sei, verzog sie den Mund und sagte, einer, der nicht mit ihr spiele, weil er im Himmel wohne; zu ihm könne sie nur beten. Das sei aber auf die Dauer ganz schön langweilig. Mir könne sie das ja hoffentlich sagen, ohne daß ich böse werde. Philippos werde nämlich furchtbar böse, wenn man so etwas zu ihm sage.
\"Philippos\"? wiederholte ich. \"Wer ist das?\"
Indes, meine kleine Aufpasserin fuhr, ohne auf meine Frage zu achten, fort: \"Weißt du eigentlich schon, was Helena ist?\" Und sie gab auch gleich selbst die Antwort: \"Eine jungfräuliche Braut von Jesus. Bist du vielleicht auch eine jungfräuliche Braut von Jesus?\" Und als ich schmunzelnd den Kopf schüttelte, machte sie ein irgendwie enttäuschtes Gesicht.
Ehe ich aber meine Frage wiederholen konnte, kam Helena zurück. Sie brachte mehrere Decken mit, breitete sie neben meinem Bett auf dem Fußboden aus und erklärte, sie werde bei mir nächtliche Krankenwache halten. Von den anderen sei dazu nämlich niemand bereit gewesen, und da habe sie gesagt, sie mache das schon, und Heliodora werde ihr Gesellschaft leisten. Und da seien sie alle einverstanden und wahrscheinlich sogar außerordentlich erleichtert gewesen.
Als ich dies hörte, war ich zwar aufs äußerste gerührt und sogar freudig erregt, suchte aber trotzdem abzuwehren: das sei doch viel zu unbequem und außerdem gar nicht nötig; so krank sei ich nun auch wieder nicht. Tatsächlich fühlte ich mich durch Helenas liebevolle Fürsorge deutlich wohler als zuletzt. Sie ließ sich jedoch von ihrem Vorhaben nicht abbringen und schickte ihre Schwester unverzüglich schlafen.
\"Und du bleibst wach?\" erwiderte diese.
\"Ich werde versuchen, wach zu bleiben und auf Hippias aufzupassen. Höchstens, daß ich einmal einnicken werde. Aber nur kurz.\"
\"Und dann wirst du mich wecken, damit inzwischen ich auf ihn aufpassen kann, ja?\"
Nun, das versprach Helena schmunzelnd, wenn auch, so fand ich, nicht ganz überzeugend. Klein-Heliodora aber war\'s zufrieden und legte sich schlafen, allerdings nicht, ohne vorher noch den unter meinem Bett verstauten Nachttopf zu benützen.
7
Um sie einschlafen zu lassen, hatten ich und Helena einträchtig tiefes Schweigen bewahrt. Und als ich dachte, sie schlafe schon tief und fest, und jetzt könne ich Helena endlich zu ihrer Verlobung gratulieren, ging die Tür auf, und Didymos stapfte geräuschvoll herein, hielt jedoch im nächsten Moment erschrocken inne, als er die schlafende Kleine erblickte. Hierauf nahm er im Flüsterton Abschied und zog sich nach kurzem Zögern mit bedauernder Miene zurück.
Da lächelten wir einander belustigt zu, und Helena brach in ein bezauberndes Kichern aus; und ihr Lächeln, ihr Kichern schienen auf mich einen gewaltigen Zauber auszuüben. Ich glaubte deutlich zu spüren, wie neue Kräfte meinen Körper durchströmten, und fragte mich, ob dies vielleicht die so berühmten Heilquellen von Hierapolis seien: Helenas Lächeln und Kichern und überhaupt ihr Anblick. Denn jetzt erst wurde mir bewußt, und die Erkenntnis traf mich beinahe wie eine göttliche Erleuchtung, wie süß, wie lieblich, wie schön ihr Gesicht war und wie angenehm, wie erfreulich, wie anmutig ihre Körperformen, soweit diese zu sehen oder unter ihrem Kleid zu erahnen waren. Das war mir nämlich früher, in der Schule, nie aufgefallen. Aber dem guten Didymos schien es schon damals aufgefallen zu sein. Wie hätte er sonst auf mich eifersüchtig sein können? War ich denn blind oder blöd oder beides zusammen? Wie konnte ich nur gegenüber einer solchen Anmut so unempfänglich sein? Aber ach! Sie ist ja verlobt. Didymos kann das natürlich nicht wissen.
Und ich sagte im Flüsterton: \"Didymos verehrt dich nämlich. Er hat dich schon in unserer gemeinsamen Schulzeit verehrt.\"
Und Helena, ebenfalls flüsternd und ihr bezauberndes Lächeln verstärkend: \"Ich weiß. Aber.\"
Und damit verstummte sie auch schon wieder.
\"Aber er weiß ja nicht, daß du verlobt bist.\"
\"Verlobt? Ich? Aber ich bin doch nicht verlobt.\"
\"Nicht verlobt? Ich dachte ...\"
Ich ließ mir durch den Kopf gehen, was Klein-Heliodora gesagt hatte: daß Helena jungfräuliche Braut eines gewissen Jesus sei, und daß derselbe Jesus ihr eigener geistlicher Freund sei, der nicht mit ihr spiele, weil er im Himmel wohne und zu dem sie nur beten könne, was auf die Dauer ganz schön langweilig sei. Ein merkwürdiger Freund, und ein merkwürdiger Bräutigam! Aber vielleicht ist dies alles nur symbolisch gemeint? Vielleicht ist Jesus eine dieser neuen Gottheiten, die vom Osten her die Länder der Griechen und Römer überschwemmen?
\"Ah, hat dir Heliodora erzählt, daß ich die Braut von Jesus Christus bin?\"
\"Ja. Ja, so ähnlich. Wie, dann ist das also gar keine richtige Verlobung?\"
\"Na ja, sagen wir so: keine gewöhnliche Verlobung.\"
\"Weil Jesus kein gewöhnlicher Mann, sondern eine Gottheit ist?\"
\"So ist es. Freust du dich darüber?\"
Oho, hatte sie mir angesehen, wie erleichtert ich war? Ich nickte und flüsterte: \"Sehr.\"
\"Ja, Jesus ist der wahre und lebendige Gott, weißt du? Er hat im Anfang Himmel und Erde geschaffen. Er ist erst kürzlich Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, um alle, die an ihn glauben und ihm untertan sind, zu retten.\"
\"Zu retten? Wovor denn?\"
\"Vor Tod und ewiger Verdammnis. Denn das Ende aller Tage ist nahe. Und Jesus Christus wird dann ein zweites Mal kommen und mich als seine jungfräuliche Braut in sein Reich aufnehmen.\"
Völlig verwirrt, schüttelte ich den Kopf. Ich hatte so gut wie nichts verstanden. \"Was ist denn das für eine neue Lehre? Und ist sie vielleicht der Grund, weshalb ihr jetzt in Hierapolis wohnt?\"
Mit dieser Vermutung hatte ich, wie sich herausstellte, den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn Helena erklärte mir im folgenden, sie sei mit ihren Angehörigen tatsächlich einem sogenannten Abgesandten (Apostel) ihres Gottes hierher gefolgt, einem Juden namens Philippos, der diesen neuen Gott und seine Lehre, das sogenannte Christentum, verkünde. Er habe in Ephesos zuerst ihre Stiefmutter Ariste und danach den Rest der Familie bekehrt. Die Folge sei, daß ihr Vater seinen Beruf als Lehrer an den Nagel gehängt habe und beide ihre gesamte Energie für die Verbreitung dieser neuen Lehre einsetzten oder, wie es Helena mit einer schönen, mir damals aber völlig unverständlichen Metapher nannte, für die Arbeit im \"Weinberg des Herrn\". Außerdem hätten sie sich verpflichtet, eine sogenannte geistliche Ehe zu führen.
Hier errötete Helena wieder einmal lieblich und errötete noch lieblicher, als ich nachfragte, was denn das sei, eine geistliche Ehe. Ihre Antwort: das sei eine solche Ehe, wie sie die irdischen Eltern von Jesus geführt hätten: rein, keusch, enthaltsam, jungfräulich, unbefleckt, ohne Erregung der teuflischen Wollust. Wer nämlich von Jesus gerettet werden wolle, müsse enthaltsam, oder noch besser: jungfräulich leben.
Als nun dieser Apostel Philippos sein Betätigungsfeld von Ephesos nach Hierapolis verlegt habe, seien ihm ihre Eltern mitsamt ihrer ganzen Familie gefolgt. In Hierapolis seien sie in diesem christlichen Haus gastlich aufgenommen worden.
\"Ach\", warf ich ein, \"die sind ebenfalls alle schon Christen in diesem Haus?\"
\"Ja, ja. Darum dürfen wir ja unter ihnen wohnen.\"
\"Sag, ist Christen eine nächtliche Krankenwache verboten?\"
\"Nein, nein, im Gegenteil. Jesus selbst hat seinen Gläubigen das Gebot gegeben ...\"
\"Also den Christen. Aber hast du nicht vorhin gesagt, von den anderen sei niemand bereit gewesen, bei mir Krankenwache zu halten, und darum hast du ...? Sind das jetzt Christen oder nicht?\"
\"Doch, doch.\"
\"Und wieso war dann von den anderen keiner dazu bereit?\"
\"Na ja, weil du halt kein Christ bist, weißt du? Aber vielleicht ändert sich das noch?\"
\"Hm, wer weiß? Du scheinst von dieser neuen Lehre ja recht begeistert zu sein.\"
\"O ja: begeistert und überzeugt. Du würdest dich also ebenfalls bekehren lassen?\"
\"Dir zuliebe – ja, warum nicht? Ach so, da gilt dieses Gebot also nur dann, wenn man bei Christen Krankenwache hält?\"
\"Nein. Ja. Nein. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber für mich gilt es auch dann, wenn der Kranke kein Christ ist. Und bei dir sowieso.\"
\"Oh! Bei mir sowieso?\"
Ich blickte ihr gerührt in die Augen und mußte neuerlich an das denken, was mir Didymos erzählt hatte, und dachte: Sieht sie mich immer noch bewundernd an? Sieht sie mich in diesem Moment bewundernd an? Und ist das nicht absurd, daß sie mich bewundernd angesehen hat und nicht ich sie? Sie ist doch im höchsten Maße bewunderungswürdig, ja verehrungswürdig.
\"Du? Ich bewundere dich.\"
\"Oh, sag das nicht!\"
\"Ich muß es aber sagen. Ich bewundere dich und verehre dich. Ich hoffe, dein Jesus hat nichts dagegen, wenn ich das sage.\"
\"O Hippias ...\"
\"O ja. Und noch etwas: dein Anblick, deine Gegenwart, deine Plauderei, deine Krankenwache – ich kann dir gar nicht sagen, wie wohl mir das alles tut. Ich glaube, es ist heilsamer als alle die Heilquellen von Hierapolis zusammengenommen.\"
\"O du Schmeichler!\"
\"Ich schmeichle nicht. Ich sage nur, was ich empfinde. Es macht mich einfach glücklich, daß du bei mir Krankenwache hältst. Kennst du das Sprichwort: \'Glück heilt\'?\"
\"Nein?\"
\"Macht nichts. Ich auch nicht. Aber es stimmt, glaube ich, trotzdem.\"
Da brach Helena in entzückendes Kichern aus und sagte: \"Also, du bist einfach süß. Aber das habe ich immer schon gewußt.\"
Auf dieses so unerwartete, geradezu unglaubliche Geständnis wußte ich nichts zu erwidern. Zugleich machte sich in meiner Brust eine unerklärliche Erregung breit und lähmte mir die Zunge, versiegelte mir die Lippen, machte sich vermutlich auch in meiner Miene bemerkbar. Denn Helena hörte abrupt zu kichern auf, machte ein besorgtes Gesicht und sagte: \"Ach, liebster Hippias, ich überfordere dich ja. Ich glaube, du wirst jetzt lieber schlafen. Ja?\"
Ich nickte gerührt und lächelte sie dankbar an, und sie lächelte mich an, und zwar in einer Art und Weise, daß sich jene merkwürdige Erregung in meiner Brust verdoppelte und verdreifachte. Auch die Lähmung meiner Zunge, die Versiegelung meiner Lippen verschärfte sich noch. Und was hatte sie gesagt? \"Liebster Hippias!\"?
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\"Liebste Helena\", murmelte ich schließlich, \"du hast recht. Das Reden wird mir zuviel. Ich sollte lieber schlafen. Aber macht es dir etwas aus, wenn ich mir zuvor noch an deiner kleinen Schwester ein Beispiel nehme?\"
Helena kicherte noch entzückender als zuvor und half mir tatkräftig, mich aus dem Bett aufzurappeln und mich auf den Nachttopf zu setzen. Hierauf wandte sie sich sogleich schamhaft ab.
Aber dann geschah etwas, was ich mir nie zugetraut hätte, etwas im höchsten Maße Erstaunliches, ein veritables Wunder. Und es geschah völlig spontan.
Also: Helena half mir vom Nachttopf auf und war gerade im Begriff, mich wieder behutsam zu Bett zu bringen. Da warf ich in einer plötzlichen Aufwallung der Gefühle meine Arme um ihren köstlichen Leib – das heißt, ich merkte gleichzeitig, wie köstlich sich dieser anfühlte – und drückte ihn an mich. Und noch erstaunlicher: anstatt sich zu sträuben und sich von mir freizumachen, schlang sie nach einigem Zögern ihre Arme um meinen Hals, und die bereits überwunden geglaubte merkwürdige Erregung in meiner Brust stieg ins Unermeßliche.
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