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E x p o s é :
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Eine ältere Dame, fromm und gläubig, lernt zu ihrer Bestürzung, dass die Lehren und Vorschriften des Christentums, aber auch des Islam, sämtlich bloßes Menschenwerk sind und zum Teil sogar eine Beleidigung des Schöpfergottes bedeuten. Zugleich gewinnt sie enorm an persönlicher Reife und kann sich endlich von ihrem dominanten Ehemann emanzipieren.
Den ersten Anstoß dazu empfängt sie von einem katholischen Priester, mit dem sie, vom Feuer des Liebesgottes getrieben, ein leidenschaftliches Liebesverhältnis eingeht (und sich dafür von den Furien des Schuldbewusstseins und der Angst vor dem Feuer der Hölle peinigen lassen muss). Sie empfindet sich als seine „geistliche Ehefrau“ und zögert nicht, für ihn praktisch alles aufzugeben. Da er aber um peinlichste Geheimhaltung bemüht ist, fühlt sie sich mehr und mehr vernachlässigt, zurückgestoßen, als Sexsklavin missbraucht und beginnt schließlich dagegen aufzubegehren, freilich mit dramatischen Folgen: Während sie für ihn auf einem Pfarrfest als Köchin und Mädchen für alles werkt und sehnsüchtig auf ihn und seine Liebe wartet, ertappt sie ihn mit einer anderen und lässt sich zu einer Verzweiflungstat hinreißen. Sie sieht ihn zwar nie wieder und leidet unsäglich darunter, denn ihre Liebe ist unvergänglich, wird ihm aber ewig dankbar sein, dass er ihr die Augen geöffnet hat.
Eine wichtige Rolle spielt ihr Schwiegersohn, der sie seit langem verehrt. Er beschleunigt die erwähnte dramatische Entwicklung, indem er besagtem Priester unabsichtlich "in die Quere kommt". Ihm, einem Agnostiker, gelingt es aber zuletzt, ihr die Angst vor dem Feuer der Hölle zu nehmen und die Furien zum Schweigen zu bringen. |
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L e s e p r o b e :
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Vorbemerkung
Draußen ist es finster. Es schneit. Ich sitze in unserer behaglich geheizten Suite des Kurhotels und versuche meine Gedanken zu ordnen, um sie zu Papier bringen zu können. Im anderen Zimmer der Suite schläft mein Ex – Gott sei Dank; so haben seine anstrengenden Behandlungen wenigstens den einen Erfolg, daß sie ihm tiefen Schlaf bescheren. Bei mir ist die Sache zwar nicht sehr viel anders. Noch stärker als die Müdigkeit ist freilich mein innerer Drang, die stillen Stunden zu nutzen, um meine Gedanken, meine Erinnerungen, meine Träume aufzuschreiben und damit auch meiner lädierten Seele so etwas wie eine Kur zu vergönnen.
Tag und Nacht, im Wachen und im Schlaf, peinigen mich immer wieder die gleichen Träume – Tagträume und (in Anführungszeichen) "Nachtträume".
Ein "Nachttraum": Ich leide brennenden Durst. Mich dürstet nach meinem Liebsten. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele nach ihm. Gleich einem Engel schwebt er herab, trägt mich empor in den siebten Himmel. Ich juble vor Glück, stürze dann, vor Entsetzen schreiend, in die Tiefe.
Ein "nächtlicher Tagtraum": Mich verfolgen die Furien. Sie peitschen mich erbarmungslos. Ich höre das Feuer der Hölle prasseln.
Ein Tagtraum: Meine grenzenlose Liebe verwandelt sich jäh in grenzenlosen Haß. Ich höre die angstvolle Stimme meines Liebsten: "Aber Eva, mein Leben!" Da verwandelt sich mein grenzenloser Haß wieder in grenzenlose Liebe, mich packt Grauen, Entsetzen, Abscheu vor meinem barbarischen Tun, ich richte das Messer gegen meine eigene Brust, spüre, wie mich das Feuer der Hölle verschlingt.
Ein weiterer Tagtraum: Mein Liebster macht mich erwachsen. Er öffnet mir die Augen, befreit meinen Geist, erlöst mich aus den Fesseln meines Kinderglaubens. Seine Worte sind für mich wie warmer Regen auf die dürstende, in den Fesseln anhaltender Dürre liegende Erde.
1
Und führe uns nicht in Versuchung!
Wie oft habe ich im Laufe meines Lebens diese Bitte an unseren Vater, der du bist im Himmel, gerichtet, ohne zu ahnen, daß ich ihn eigentlich um das genau Verkehrte gebeten habe! Sagt doch Jesus ausdrücklich: Euer Vater im Himmel weiß ja, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet – und dies, wohlgemerkt, als Begründung für sein Gebot, nicht so viel zu beten wie die Heiden. Aber wie alle Betschwestern ignorierte ich es und betete jahrzehntelang beharrlich und voller Inbrunst, unser Vater im Himmel möge mich nicht in Versuchung führen.
Ja, ich war eine Betschwester, mehr noch: ein lebendes Lehrbeispiel für sämtliche weiblichen Tugenden, die man sich jemals ausgedacht haben mag, als da sind: Frömmigkeit, Wohlanständigkeit, Demut, Gehorsam (nämlich gegenüber dem angetrauten Herrn und Gebieter), vor allem aber: Keuschheit, zumal es ja auch mein Gebieter selbst gar sehr mit der Keuschheit hatte. Wie wir bei so viel Keuschheit überhaupt zu unserem Töchterlein gekommen sind – ja, das wissen die unsterblichen Götter.
Nun heißt es immer: ein tugendsames Leben macht glücklich. War ich glücklich? Aus damaliger Sicht lautet die Antwort: o ja, schon. Der tägliche Trott, dem ich jahraus, jahrein unterworfen war, ließ ja den Gedanken, es könnte mit meinem Glück irgend etwas nicht stimmen, erst gar nicht aufkommen. Aus heutiger Sicht hingegen lautet die Antwort eindeutig: nein, nie. Wirklich beurteilen kann das nämlich nur ein Mensch, der wahres Glück aus eigener Erfahrung kennt. Und ein solcher Mensch bin ich heute. Heute erst, in meinem Alter, weiß ich, was wahres, himmelstürmendes Glück ist. Heute erst bin ich reif, bin ich erwachsen genug, um zu wissen, wie süß Glück (und wie bitter Unglück) schmecken kann.
Wie? Der tägliche Trott? Ach Gott! Es hätte heißen müssen: Die tägliche Tretmühle. Mir war auch dann kein vergnüglicher Spaziergang vergönnt, als unser Töchterlein heiratete und das elterliche Nest verließ. Und darum muß es für meinen Gebieter einen ziemlichen Schock bedeutet haben, als ich eines schönen Tages von einem Arztbesuch heimkam und verkündete, eine Kur sei mir verordnet worden. Obgleich doch selber Arzt, legte er die Stirn in unheilverkündende Falten und starrte mich an wie eine Verworfene. So etwas hatte ihm sein Eheweib noch nie zugemutet. Das Stirnrunzeln verschlimmerte sich noch, als ich gestehen mußte, daß die Kur drei volle Wochen dauern sollte. Aber da er ja andererseits kein Unmensch ist, geruhte er schließlich, sich den medizinischen Zwängen zu beugen und seinen Segen zu geben. Er gab ihn freilich nicht, ohne erstens jammervoll zu seufzen und zweitens eine eindringliche Warnung auszusprechen. "Liebe Eva", so sprach er mit Grabesstimme, "liebe Eva, hüte dich vor den Versuchungen einer Kur wie vor der Pest!"
Nun, ich senkte demütig mein Haupt und schwor heilige Eide. Doch innerlich knirschte ich mit den Zähnen über die Unterstellung, ich könnte irgendwelchen Versuchungen erliegen, noch dazu in meinem Alter.
2
Sonntag, 1. August 1999. Ich bezog das mir von der Krankenkasse zugewiesene Kurheim in einem berühmten österreichischen Kurort. Als Zimmerkollegin wurde mir eine überaus nette Dame etwa meines Alters zugeteilt, und darüber war ich froh und erleichtert. Stand doch zu erwarten, daß ich für die Freizeit eine angenehme Partnerin haben würde. Dies erwies sich freilich schon am ersten Behandlungstag als großer Irrtum. Denn während ich nach dem Mittagsschläfchen das dringende Bedürfnis nach Bewegung verspürte, stand ihr der Sinn nur danach, sich in den Liegestuhl fallen zu lassen. Nun ja, jetzt wußte ich wenigstens, warum sie so schön rundlich ist und ich nicht.
Also machte ich mich eben allein auf den Weg und beschloß, wie in meinen Jugendjahren meiner wohl angeborenen Entdeckerfreude zu frönen. Freilich hatte mich diese mehr als einmal auf Ab- und Irrwege geführt. Und siehe da, eben dies passierte hier wieder: ich verirrte mich im tiefen Wald. Nein, ganz so schlimm war's nicht. Sondern ich blickte einfach irgendwann auf die Uhr und erkannte, daß es bereits hoch an der Zeit war, umzukehren, wollte ich nicht das Abendessen versäumen.
Im selben Augenblick hörte ich Schritte und sah, daß mir ein überaus seriös wirkender Herr entgegenkam. Er blickte mich mit großen Augen an und erklärte, er wohne im selben Kurheim, und ich sei ihm sogleich aufgefallen. Hierauf stellte er sich formvollendet vor und erwähnte überdies, daß er Oberst im Ruhestand und geschieden sei. Daraufhin fühlte ich mich bemüßigt, mich ihm meinerseits vorzustellen: ich sei verheiratet und von Beruf Lehrerin.
Während wir nun gemeinsam zurückwanderten, beklagte er sich wortreich, wie öd es doch sei, so allein durch die Landschaft stiefeln zu müssen. Jawohl: zu müssen. An bestimmten Punkten entlang der Wanderwege könne man nämlich ein dafür vorgesehenes Formular stempeln, und wer alle Stempel beisammen habe, erhalte die goldene Wandernadel. "Man hat halt so seinen Ehrgeiz, wissen Sie? Obwohl es bitter ist, das alles allein machen zu müssen. Denn wie sprach der Herr? Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Es sei denn, Sie hätten Lust ... Offenbar sind ja wir zwei die einzigen weit und breit, die Bewegung nicht scheuen."
Nun, was soll ich sagen? Ich war augenblicklich Feuer und Flamme.
Und wann sollte es also am nächsten Tag losgehen, konkret: vor oder nach einem eventuellen Mittagsschläfchen?
Sofort nach dem Mittagessen natürlich. Wie solle man sonst zu allen Stempeln kommen?
Also gut. Zwar fühlte ich mich am nächsten Tag nach den Behandlungen ungewöhnlich erschöpft. Trotzdem stand ich pünktlich nach dem Mittagessen zum Abmarsch bereit. Der Herr Oberst im Ruhestand wurde nicht müde, mich deshalb über den grünen Klee zu loben, ja mit Komplimenten zu überhäufen, und erklärte zuletzt mit todernster Miene, wir seien von der Vorsehung füreinander bestimmt.
Oho, er meine wohl, als Kurschatten? erwiderte ich, hell auflachend, und mußte heftig an die Warnungen meines Göttergatten denken.
Ach, mehr würde er ja gar nicht zu hoffen wagen.
Das möge er sich ein für allemal aus dem Kopf schlagen. Ich sei glücklich verheiratet, hätte meinen Mann noch nie betrogen und beabsichtigte, dies auch in Zukunft so zu halten.
Der Herr Oberst im Ruhestand sah mich mit tieftraurigen Augen an und erwiderte, er habe meinen Wunsch selbstverständlich zu respektieren, so schwer es ihm auch falle. Doch dann fing er aufs neue mit seinen Komplimenten an. Und die waren mir nun nicht mehr so angenehm wie zuvor, als die Welt noch in Ordnung gewesen war, und wurden mir zusehends unangenehmer, zumal sich die Erschöpfung immer stärker bemerkbar machte.
Auch am dritten Tag mußte das Mittagsschläfchen ausfallen, obwohl ich mich noch weit stärker mitgenommen fühlte. Und wieder hatte ich Anlaß, meine Keuschheit zu verteidigen. Es ist mir heute völlig unbegreiflich, wieso ich das alles überhaupt noch mitmachte. Aber wahrscheinlich überwog der Genuß des Wanderns in herrlicher Natur sämtliche Unannehmlichkeiten. Und in irgendeinem verborgenen Winkel meiner Seele schmeichelte es mir vielleicht sogar, in meinem Alter noch so umworben zu werden.
Es kam die Zeit des Abendessens, und für danach hatte ich bereits ein fixes Programm: ich gedachte unverweilt in die Heia zu gehen. Ich konnte mich in der Tat kaum noch auf den Beinen halten. Aber da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt, sprich: meine liebe Zimmerkollegin, gemacht. Sie lud mich nämlich ein, was sag' ich: forderte mich auf, sie auf einem abendlichen Spaziergang zu begleiten.
Ja, woher denn dieser plötzliche Bewegungsdrang? Des Rätsels Lösung: es war Mittwoch, und jeden Mittwochabend wurde in unserem schönen Kurort der Sommernachtstraum gefeiert – nicht der von Shakespeare, wohlgemerkt. Sondern das hieß: die Straßen waren für den Verkehr gesperrt, und den Fußgängern wurde allerhand Vergnügliches geboten. Also versuchte ich meine Erschöpfung zu bezwingen, machte mich notdürftig schön und folgte mit weichen Knien meiner Zimmerkollegin nach.
Tatsächlich wimmelten die Straßen von fröhlichen Menschen. Und warum waren sie so fröhlich? Weil sie hemmungslos der Lust des Geldausgebens frönen konnten. Und weil man im Stehen verschiedenerlei Köstlichkeiten verkosten konnte, vor allem soweit sie flüssiger Natur waren. Zumindest war es das, wodurch wir selber fröhlich wurden. Und es blieb auch nicht bei einem Glas, sondern aus einem wurden zwei, und aus zweien wurden drei. Aller guten Dinge sind drei, sagt das Sprichwort.
Ich hatte eben mein drittes Glas geleert, da begann sich mir im Kopf alles zu drehen, meine ohnehin schon weichen Knie wurden noch weicher, mir wurde schwarz vor den Augen, ich schwebte durch den Luftraum, drohte in den Abgrund zu stürzen, und irgendein geflügeltes Wesen fing mich auf.
3
Wieso saß ich plötzlich auf einem Stuhl? Wo war ich überhaupt? Und weshalb hielt mich ein mir völlig unbekanntes bärtiges Mannsbild mit beiden Händen fest und glotzte mich mit großen Augen an?
"Was ist los?" stammelte ich.
"Na also, schöne Frau", sagte der Fremde mit fröhlicher Stimme, grinste mich an und nahm seine Pratzen weg. "Es geht ja schon wieder."
Jetzt erst kam mir die Erinnerung zurück, und mir wurde bewußt, daß ich soeben einen Schwächeanfall erlitten hatte. Und hatte mich das bärtige Mannsbild vor mir etwa aufgefangen, als ich zu Boden zu gehen drohte, und auf diesem Stuhl hier deponiert?
"Haben Sie mich ...", stammelte ich, und er grinste mich aufs neue an und sagte mit nun unverkennbar beschwipster Stimme: "O ja, schöne Frau, ich war so frei."
"Bin ich wirklich ..."
"Zusammengeklappt? O ja, schöne Frau, wie ein Taschenmesser, nur bedeutend langsamer, so richtig schön in Zeitlupe."
"Na so was! Da muß ich mich ja bei Ihnen bedanken."
"Aber nein, schöne Frau. Ganz im Gegenteil: das Vergnügen war ganz auf meiner Seite."
"Da hätte ich mir ganz schön weh tun können, hm?" Und ich griff mir auf den Hinterkopf und schüttelte mich vor Entsetzen bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können.
"Na, und wie! Wär' doch schade um das hübsche Köpfchen gewesen, wenn es eine Delle abbekommen hätte. Hab' ich recht, schöne Frau?"
Ich mußte schmunzeln, und er rief in überschwenglichem Ton aus: "Na also. Jetzt lacht sie wieder, Gott sei Dank."
"Ja, Gott sei Dank", hörte ich meine Zimmerkollegin rufen, und ich entdeckte erst jetzt ihre massige Gestalt hinter der meines edlen Retters. "Und sie gehört schleunigst ins Bett."
Er warf ihr einen erstaunten Blick zu und sagte: "Das ist natürlich höchst bedauerlich, wenn auch schwer zu bestreiten." Und indem er mir seine Hand entgegenstreckte: "Soll ich Sie vielleicht dorthin führen, wohin Sie schleunigst gehören?"
"Nein, nein", stammelte ich verwirrt. "Aber ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll."
"Ich bitte Sie, schöne Frau. Es war mir ein Vergnügen. Also dann: kommen Sie gut heim und erholen Sie sich schön! Und machen Sie so was nie wieder, hören Sie?"
Er wünschte mir eine gute Nacht, winkte mir fröhlich zu, drehte sich um und war im nächsten Moment im dichten Gewühl verschwunden.
Während wir heimwärts wankten, meine Zimmerkollegin und ich, konnte sie sich nicht genug darin tun, von meinem edlen Retter zu schwärmen, wie fesch und wie sympathisch er doch sei, und rügte mich sogar, weil ich sein Angebot, uns heimzubegleiten, so schroff zurückgewiesen hatte.
Ich entgegnete nichts, einerseits, um meine Kräfte zu schonen, und andererseits, weil ich meinen edlen Retter zwar edel und alles, aber weder besonders fesch noch besonders sympathisch fand. Insbesondere hatte mich sein andauerndes "schöne Frau" genervt, und ob er besonders fesch war, konnte ich eigentlich gar nicht beurteilen. Ich hatte ihn ja kaum angesehen. Das einzige, was ich von seinem Gesicht gesehen hatte, war sein wuchernder Bart, und den fand ich, mit Verlaub, abscheulich.
In dieser Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich schwebte durch den Luftraum und drohte in den Abgrund zu stürzen. Doch irgendein geflügeltes Wesen – ich weiß nicht, war's ein Engel, oder war's Gott Amor – fing mich auf und trug mich bis in den siebten Himmel.
4
Nächster Morgen. Donnerstag. Gott sei Dank: Ich war einigermaßen wiederhergestellt. Zugleich hatte ich jedoch ein Problem, und das lautete: Was tun am Nachmittag? Weitermachen wie bisher? Oder – was?
Mit solchen Überlegungen quälte ich mich, auf einer Bank im Kurpark sitzend, die Augen in unendliche Fernen gerichtet. Was direkt vor meiner Nase vorging, sahen sie jedenfalls nicht. Sie sahen nicht, daß jemand vor mir stehenblieb und mich fixierte. Oder ja: sie sahen es zwar, registrierten es aber nicht. Erst als mich dieser Jemand ansprach und mich "schöne Frau" nannte, wurden sie auf ihn aufmerksam und erkannten, daß es mein edler Retter von gestern abend war. Ach, wie peinlich!
Ich sähe aber noch nicht gut aus. Dabei habe er mir doch ausdrücklich aufgetragen, mich schön zu erholen.
Da mußte ich schmunzeln und erwiderte, es gehe mir schon besser. Mein mißmutiges Gesicht habe andere Gründe.
Ja, welche denn, falls diese Frage nicht zu indiskret sei, und könne er vielleicht helfen?
Ich schüttelte den Kopf, lud ihn ein, sich zu mir zu setzen, und berichtete ihm in kurzen Worten von meinem Dilemma. Er hörte aufmerksam zu, schlug die Hände zusammen und rief aus: "Schöne Frau, Sie schickt ein Engel. Was meinen Sie? Hätten Sie was dagegen, wenn ich ..."
Er verstummte mitten im Satz und blickte mich auf so witzige Art an, daß ich hellauf lachen mußte. Ich lachte aber nicht nur über seine Miene, sondern zugleich, weil mir soeben ein großer Stein vom Herzen gefallen war. Was er sagen wollte, war doch offensichtlich: er würde nicht ungern mit mir spazierengehen. Und ich hatte richtig vermutet.
"Ich bin nämlich erst gestern angekommen, wohne privat und kenne noch kaum jemanden hier, wissen Sie? Und ich gehöre genau wie Sie weder zu den Gehfaulen noch auch zu den Rekordsüchtigen. Würden Sie mich unter Umständen ..."
"Aber gern. Wo ich doch sowieso tief in Ihrer Schuld stehe."
"Fein. Danke, schöne Frau."
"Unter einer Bedingung allerdings."
"Ah! Und die wäre?"
"Daß Sie nicht immer 'schöne Frau' zu mir sagen."
"Oh, das wird mir aber schwerfallen. Na ja, ich kann's ja versuchen."
Da war ich's zufrieden und fühlte mich auf geradezu unglaubliche Weise erleichtert. Gleichzeitig stellte ich überrascht fest, daß er, mein edler Retter, gar nicht so unsympathisch zu sein schien, wie ich gedacht hatte. Und nun erst war ich auch in der Lage, das Urteil meiner Zimmerkollegin bezüglich seines Äußeren zu bestätigen: o ja, er war ein keineswegs unangenehmer Anblick, keine Frage, vorausgesetzt, man dachte sich den abscheulichen Bart weg.
Wo und wann solle er mich abholen?
Nun, es stellte sich heraus, daß seine Privatpension nicht weit von meinem Kurheim liegt. Damit war die Frage, wo, geklärt. Und wann? Nun, in Anbetracht meines geschwächten Zustands wohl erst nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf. Sagen wir: um vier?
Automatisch blickte ich auf die Uhr und sah, dass es höchste Zeit war, dieses trauliche Gespräch zu beenden, wollte ich nicht zu spät zu meiner nächsten Behandlung kommen. Ich verabschiedete mich also und eilte zurück ins Kurhaus; und dabei schwebte ich, leicht wie eine Schwalbe, über dem Boden dahin. Nein: irgendein geflügeltes Wesen trug mich durch den Luftraum. Und ich mußte heftig an meinen nächtlichen Traum denken.
Dem Oberst sagte ich später in kurzen Worten, was es zu sagen gab, ließ aber vorsichtshalber unerwähnt, daß ich für ihn quasi Ersatz gefunden hatte. Er war sichtlich enttäuscht. Aber vielleicht gehe es mir ja in ein paar Tagen wieder besser, und dann würde er sich sehr freuen – und so weiter.
5
Es wurde vier Uhr. Mein edler Retter, wie ich ihn immer noch nennen mußte – ich hatte ihm ja keine Gelegenheit gegeben, sich vorzustellen – wartete bereits vor dem Haustor, begrüßte mich mit strahlendem Lächeln und verkündete mit der Überzeugungskraft eines Volkspredigers, ich müsse mich unbedingt noch schonen. Für mich komme nichts anderes in Frage als kurze Spaziergänge und lange Ruhepausen. Als allererstes dürfe er mich in eine Konditorei einladen. Und ich war von seiner fürsorglichen und zugleich charmanten Art so beeindruckt, daß ich zu allem ja und amen sagte und mich bei all dem auch noch rundum wohl fühlte.
Nun hatte er auch endlich Gelegenheit, sich vorzustellen. Er heiße Urs Schweiger und unterrichte in einem Wiener Gymnasium.
Da seien wir ja Kollegen, sagte ich, indem ich mich selbst vorstellte. Etwa gar Fachkollegen? Meine Fächer seien Deutsch und Englisch.
Und als nächstes dachte ich, mich haut's vom Stuhl vor lauter Ehrfurcht: Nein, er unterrichte Religion. Er sei Theologe.
Theologen waren damals für mich noch sozusagen höhere Wesen, vor allem, wenn sie zu Priestern geweiht waren. Daher meine nächste Frage, ob er denn vielleicht sogar ordiniert sei; so nennt man das in jenen erlauchten Kreisen. Mit diesem Ausdruck wollte ich, so vermute ich in der Rückschau, mehr oder weniger unbewußt andeuten, daß ich mich durchaus den Frommen im Lande zugehörig fühlte.
Und er: "Nun, in Kurzfassung lautet die Antwort: ja und nein. Aber sagt nicht Jesus selber: Eure Rede sei: ja, ja – nein, nein. Was darüber hinausgeht, ist vom Übel."
Ich blickte ihn verdattert an, er aber lachte leise, strich mir mit der Hand wie unabsichtlich sanft über die Schulter und sagte: "Entschuldigen Sie vielmals, schöne ... äh, liebe Frau Kollegin, das war natürlich nur so ein Theologenscherz. Aber im Ernst: um Ihre Frage halbwegs verständlich zu beantworten, müßte ich meine ganze Lebensgeschichte vor Ihnen ausbreiten, und das kann ich Ihnen doch nicht zumuten."
Aber ich setzte ihm so lange zu, bis er es mir doch zumuten konnte.
Also: ja, er sei ordiniert. Er habe sich berufen gefühlt und sei aus purem Idealismus Geistlicher geworden. Inzwischen wisse er, daß jener jugendliche Idealismus in Wahrheit nichts anderes gewesen sei als Gutgläubigkeit und Weltfremdheit. Und erst lange, nachdem er zum Priester geweiht worden sei, habe er diese recht eigentlich jugendliche Entwicklungsphase überwunden. Da erst sei seine Gutgläubigkeit kritischem Bewußtsein gewichen, und er habe seine bisherige Glaubensgewißheit verloren und habe zu zweifeln begonnen.
"Zu zweifeln?" entfuhr es mir, und ich starrte ihn ungläubig, ja entsetzt an.
Er lachte leise und sagte: "Erstaunt Sie das so?"
"Na, und ob! Ich dachte immer, ein Priester sei im Glauben so gefestigt, daß er gar keinen Zweifel kennt?"
"Ja freilich, das entspricht ja auch der offiziellen Linie der Kirche. Als ich jung war, hat es sogar noch geheißen: Zweifeln ist Sünde. Aber in Wirklichkeit wird der Theologe wahrscheinlich bei weitem heftiger vom Zweifel geplagt als der durchschnittliche Laie."
"So?"
"Ist ja auch kein Wunder. Schauen Sie: je mehr und je intensiver ich mich mit einem Gegenstand beschäftige, umso größer ist doch die Wahrscheinlichkeit, daß ich an ihm irgendwelche Unebenheiten, Mängel, Widersprüche entdecke. Glauben Sie nicht auch?"
Nun, ich konnte mich der Logik seiner Argumentation nicht verschließen und nickte zögernd. Aber innerlich war ich über das soeben Gehörte bestürzt und schockiert.
Was ich im folgenden zu hören bekam, bedeutete für mich zwar ebenfalls einen Schock, aber doch nicht mehr einen so großen; denn von solchen Dingen hatte ich schon des öfteren gehört. Es ging um das dornige Problem des Zölibats.
Also: während seiner jugendlich-idealistischen Phase habe er gedacht, und schließlich habe er es im Priesterseminar auch so gelernt, der Zölibat (so sagte er und nicht 'das Zölibat') sei eine Frage des Willens, des Verstandes und vor allem der göttlichen Gnade. Diese verleihe dem Geistlichen so etwas wie einen Schutzpanzer gegen die Versuchungen des Satans. "Daß dies nur ein schönes Märchen ist, merkte ich erst viel später. Schon die alten Griechen haben erkannt, daß die Liebe eine Himmelsmacht ist, die über einen kommt wie ein Elementarereignis, und haben sie dem Wirken nicht des Satans, sondern des Liebesgottes Eros (oder Amor) zugeschrieben, dessen Pfeilen niemand entgehen könne. Nun gibt's natürlich auch solche, die, aus welchen Gründen auch immer, von diesen nicht getroffen werden. Die haben klarerweise kein Problem damit, dem Zölibatsgelübde treu zu bleiben. Ich gehöre nicht zu diesen Glücklichen. Was ich darum alles an seelischer Not durchgemacht habe, um von meiner heimlich Geliebten ganz zu schweigen, damit will ich Sie gar nicht belasten. Na ja, irgendwann, nach Jahren der Qual und der Heimlichtuerei, glaubten wir's schließlich alle beide nicht mehr auszuhalten, und da entschloß ich mich nach langem, heftigem innerem Kampf, mich von meiner mystischen Gemahlin, der Kirche Christi, quasi scheiden zu lassen, um meine menschliche Geliebte endlich heiraten zu können. Also legte ich mein Amt als Pfarrer und Seelsorger nieder, bat, mich im Schuldienst als Religionslehrer einzusetzen, und stellte den Antrag auf Dispens, auf Versetzung in den Laienstand. Ach ja: zum Zeichen des Neubeginns ließ ich mir einen Bart wachsen."
"Ah, darum!" entfuhr es mir.
"Ja, ja. Seitdem gibt's den Bart. Seitdem bin ich Ihr Kollege. Und seitdem warte ich auf die Dispens."
"Wie? Noch immer?"
"Sie sagen es: noch immer. Wahrscheinlich werde ich noch auf den nächsten Papst warten müssen. Und inzwischen hat meine heimlich Geliebte die Geduld verloren und mit mir Schluß gemacht."
"Sie hat was?"
"Schluß gemacht. Mich verlassen. Einen anderen geheiratet. Was ihr, objektiv betrachtet, nicht einmal zu verübeln ist. Sie wollte ja unbedingt ein Kind. Und da bekam sie wohl die Torschlußpanik."
"Aber sagen Sie, hätten Sie da nicht inzwischen wenigstens standesamtlich heiraten können?"
"Sicher. Aber dann wäre ich nicht nur exkommuniziert, sondern vor allem aus dem kirchlichen Schuldienst rausgeschmissen worden und stünde jetzt ohne Einkommen da."
Er betrachtete mich mit schmerzlichem Lächeln und murmelte: "Ich würde viel darum geben, könnte ich jetzt Ihre Gedanken lesen."
"Ist das Ihr Ernst?"
"Na, wenn ich's Ihnen sage."
"Also, wenn Sie meine ehrliche Meinung hören wollen: vielleicht sollten Sie ... ich meine: vielleicht wär's für Sie letzten Endes doch das beste, wenn Sie den Antrag wieder zurückziehen würden."
"Meinen Antrag auf Dispens?"
"Ja, ja. Wenn Sie wieder ein richtiger Priester würden."
"So? Ah, ich weiß schon, warum. Ihnen gefällt der Bart nicht. Stimmt's?"
Da mußte ich, ganz gegen meine Absicht, lachen und sagte: "Na, mit Ihnen wird's einem aber nie langweilig, wie? Ihre Freundin weiß wahrscheinlich gar nicht, was sie sich angetan hat."
"Ehemalige Freundin."
"Ja, eben. Übrigens: es stimmt."
"Was stimmt?"
"Na, das mit dem Bart."
"Na, sehen Sie. Dachte ich mir's doch. Also, Sie meinen, ich sollte meinen Antrag auf Dispens zurückziehen und wieder ein richtiger Priester werden? Und was ist, wenn mich die Pfeile des Eros ein zweites Mal treffen?"
"Das ist es ja eben. Es gibt kein zweites Mal."
"Hm? Wie meinen Sie das?"
"Schauen Sie: der Mensch kann sich in seinem Leben ja doch nur ein einziges Mal verlieben, zumindest, solange er den christlichen Grundsätzen treu bleibt. Das kann ich nämlich bezeugen: ich habe mich in meiner Jugend einmal verliebt, nämlich in meinen späteren Ehemann, und seitdem nie wieder. Ich bin immer noch mit ihm glücklich verheiratet, und daran wird sich auch nichts ändern. Wie heißt es im Evangelium? Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen."
6
Mit dieser denkwürdigen Debatte begann eine lange Reihe von Gesprächen, die sich über die gesamte Kur hinzogen. Sie waren überwiegend theologischer Natur und knüpften ursprünglich an die schockierende Bemerkung an, der Theologe werde bei weitem heftiger vom Zweifel geplagt als der durchschnittliche Laie. Und so kam es, daß sich meine Kur zu einem regelrechten Intensivkurs in Theologie entwickelte.
Zurück zu jenem Nachmittag. Letzte Ruhepause auf einer Sitzbank, ehe ich ins Kurheim zum Abendessen eilte. Hochwürden – so mußte ich ihn ja nun nennen – hatte mir soeben einen weiteren Schock versetzt, indem er mir, vermutlich ganz ohne Absicht, zu erkennen gab, daß seine Beziehung zu seiner "heimlich Geliebten" keineswegs rein platonischer Natur gewesen war. Als ich mich darüber nicht wenig bestürzt zeigte, blickte er mich erschrocken an, begann verlegen (oder auch nachsichtig) zu schmunzeln und sagte, ich möge ihn nicht vorschnell verurteilen; diesbezüglich sei er, soviel er wisse, bei weitem keine Ausnahme. Und er wollte gerade etwas über die Barmherzigkeit Gottes sagen, als er abrupt unterbrochen wurde. Denn wer stand, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns und betrachtete uns mit maliziösem Grinsen? Niemand anders als der Oberst. Und anstelle einer Begrüßung rief er aus: "Schau, schau! Sie hat Ersatz gefunden."
"Aber", begann ich und wußte nicht weiter.
"Und mir zeigt sie die kalte Schulter."
Worauf er sich grußlos umdrehte und weiter seines Weges zog.
Während ich ihm fassungslos nachblickte, hörte ich Hochwürden neben mir leise, aber hemmungslos kichern.
"War das Ihr Oberst, der es auf Ihre Keuschheit ..."
"Ja, ja. Aber eigentlich ist mir dabei nicht nach Lachen zumute."
"Hm, das verstehe ich", erwiderte er, ernster werdend, blickte ein Weilchen mit nachdenklicher Miene in die Ferne und rückte schließlich mit einem Vorschlag heraus, den ich über die Maßen reizend fand. Er sei doch mit dem Auto da. Wie wäre es also, wenn wir morgen irgendwohin fahren würden, wo wir von den Wanderungen meines Obersts weit genug entfernt wären? Er versprach, sich ein geeignetes Ziel auszudenken, und wir einigten uns darauf, schon um drei aufzubrechen. Und um zu vermeiden, daß alle Welt zuschauen könne, wenn er mich mit dem Auto abhole, solle ich lieber zu seiner Pension kommen.
Der Oberst selbst schlich sich nach dem Abendessen unauffällig an, als wäre es der Zufall, der uns zusammenführte, und murmelte, ich möge sein unmögliches Verhalten von vorhin entschuldigen; aber da habe nicht sein Verstand, sondern sein Herz gesprochen, und dieses habe er an mich verloren. Das müsse ich unbedingt wissen. Und vielleicht könne ich ihm irgendwann noch eine Chance geben. Und ehe ich ihm noch klarmachen konnte, daß ich nicht vorhätte, irgend jemandem eine Chance zu geben, hatte er sich auch schon abgewandt und schlich davon wie ein geprügelter Hund.
Um zwanzig vor drei verließ ich tags darauf das Heim und machte mich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt vor Hochwürdens Pension. Er wartete bereits vor dem Haus, obwohl es ja noch viel zu früh war. Und jawohl, er hatte sich etwas Schönes ausgedacht: er wolle mit mir ein Stück auf einen nahegelegenen Berg fahren, um dort einen gemütlichen Spaziergang zu machen.
Wir kehrten als erstes in einer Almwirtschaft ein und genossen danach einen wunderbaren Spaziergang bei tiefschürfenden Gesprächen. Und dabei kam es mir vor, als wären wir zwei griechische Philosophen, die durch einen herrlichen Park wandelten und gleichzeitig die tiefsten Fragen des Menschseins und der Religion erörterten. Zugleich kam ich mir vor wie auf einer Opernbühne; denn unsere Dialoge wurden von einem großen Orchester begleitet, nämlich dem melodischen Geläute zahlloser Kuhglocken. Und wie auf einer Opernbühne kam es zuletzt zu einer hochdramatischen Entwicklung.
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Es begann damit, daß ich noch einmal unsere Gesprächsthemen vom Vortag anschnitt, nämlich das durchaus unplatonische Wesen von Hochwürdens Beziehung zu seiner heimlich Geliebten sowie die Tatsache, daß er diesbezüglich keine Ausnahme sei. Das habe mich ziemlich aufgewühlt.
Oh, er wisse auch warum. Wir seien ja rüde unterbrochen worden. Da habe er gerade sagen wollen, daß Gott in seiner Barmherzigkeit ihm bestimmt verzeihen werde. Schließlich sei der Zölibat kein göttliches Gebot.
Aber gehe es ja dabei gar nicht so sehr um die Frage des Zölibats. Sondern laut christlicher Lehre sei doch jede unplatonische Beziehung außerhalb der Ehe sündhaft.
Richtig. Nur: gar manche Vorschriften, die allgemein als Gottes eigene Gebote gehandelt würden, seien in Wirklichkeit Menschenwerk, darunter eben auch das Verbot, außerhalb der Ehe das zu praktizieren, was ich so charmant "unplatonische Beziehung" nenne.
Ich war wie vom Donner gerührt, als ich das hörte, und ließ mich durch die zahlreichen Beweise, die er in der Folge vorbrachte, nur widerstrebend, und auch nur im Kopf und nicht im Herzen, überzeugen. Darum war ich nach der erwähnten dramatischen Entwicklung – ich werde heute noch schamrot, wenn ich daran denke – anfänglich geneigt zu glauben, ihn habe für seine ketzerischen Behauptungen die Strafe Gottes getroffen.
In solche Diskussionen vertieft, wanderten wir also dahin, ich voraus, er hinter mir, als ich plötzlich von aufgeregt klingendem Kuhglockengebimmel abgelenkt wurde. Im nächsten Moment packten mich von hinten zwei grobe Hände und schleuderten mich zur Seite. Ich stolperte und landete höchst unsanft auf dem zum Glück weichen Almboden. Aus meiner Benommenheit schreckte mich ein jämmerliches Stöhnen auf. Bestürzt und besorgt, hob ich den Kopf und stieß einen entsetzten Schrei aus. Hochwürden lag, blutüberströmt und hilflos zappelnd, am Boden, und eine Kuh trampelte auf ihm – oder neben ihm? – herum und war eben dabei, ihn auf die Hörner zu nehmen.
Ich rappelte mich, so schnell ich konnte, auf, entdeckte zu meinen Füßen den Stein, über den ich gestolpert war, bückte mich nach ihm, zielte sorgfältig und schleuderte ihn unter Aufbietung aller Kräfte gegen das blöde Vieh. Dieses stieß ein schmerzliches Brüllen aus und trottete, friedlich geworden, davon.
Zitternd kniete ich neben Hochwürden nieder, beugte mich über seinen blutüberströmten Kopf, fragte, wie er sich fühle.
"Oh, wunderbar", murmelte er, "jetzt, wo das Gesicht der schönen Frau so nah ist, daß ich es küssen könnte!" Und er umfaßte mit beiden Händen meinen Kopf, zog ihn zu sich hinab und drückte, ehe ich mich's versah, einen kurzen, aber überraschend intensiven Kuß auf meine Lippen. "Für die prompte Hilfe. Wer weiß, was diesem Untier noch eingefallen wäre, wenn du nicht."
Er verstummte mitten im Satz und bot im nächsten Moment den Anblick eines in tiefe Ohnmacht Gesunkenen. Da schrie ich auf und kreischte, glaube ich, wie eine Wahnsinnige und blickte zugleich verzweifelt um mich. Nahte Hilfe? Oder drohte erneute Gefahr? Aber nein, weder – noch. Also wandte ich mich wieder dem Ohnmächtigen zu und fühlte mich förmlich zerrissen vor Ratlosigkeit.
Ah! Gott sei Dank! Er schlug die Augen wieder auf, sah mich verwundert an und murmelte: "He, was ist los? Und wieso tut mir alles weh?"
"Glauben Sie, können Sie aufstehen?" sagte ich und reichte ihm beide Hände. Er ergriff sie und versuchte mit meiner Hilfe aufzustehen; und das gelang sogar auf Anhieb. Dann legte ich mir seinen Arm um die Schulter, und auf diese Weise schleppte ich ihn ab, so gut es ging. Und es ging besser als erwartet, wenngleich entsetzlich langsam. Obwohl ich übrigens meine letzten Kräfte mobilisieren mußte, um nicht schlappzumachen, war ich mir dabei seiner körperlichen Nähe überdeutlich bewußt, und durch sie und den Kuß, der mir noch immer auf den Lippen brannte, fühlte ich mich nicht wenig verwirrt.
Plötzlich hörte ich vor uns aufgeregte Stimmen. Zwei junge Männer kamen uns im Sturmschritt entgegengeeilt, pflanzten sich, heftig schnaufend, vor uns auf, entrissen mir Hochwürden, wohlgemerkt, mit aller gebotenen Vorsicht, und nahmen ihn auf, der eine unter den Schultern, der andere unter den Knien. Und so trugen sie ihn zu zweit bis zu eben der Almwirtschaft, in der wir zuvor eingekehrt waren. Sie hätten mein Schreien trotz der beträchtlichen Entfernung deutlich gehört, und da seien sie unverzüglich losgerannt.
Plötzlich hörte ich vor uns aufgeregte Stimmen, und ich blickte auf und sah, wie uns zwei junge Männer im Sturmschritt entgegengeeilt kamen. Heftig schnaufend, pflanzten sie sich vor uns auf, entrissen mir Hochwürden, wohlgemerkt, mit aller gebotenen Vorsicht, und nahmen ihn auf, der eine unter den Schultern und der andere unter den Knien. Und so trugen sie ihn zu zweit bis zu eben der Almwirtschaft, in der wir zuvor eingekehrt waren. Unterwegs berichteten sie, sie hätten mein Schreien trotz der beträchtlichen Entfernung deutlich gehört, und da seien sie sofort losgerannt.
In der Almwirtschaft angelangt, versetzten wir die Wirtsleute in unbeschreibliche Aufregung. Aber sie beruhigten sich sehr rasch und leisteten erstaunlich fachmännisch Erste Hilfe. Übrigens titulierten sie Hochwürden wiederholt als meinen Mann. Und als ich beteuerte, er sei ja gar nicht mein Mann, ging ein wissendes Schmunzeln über ihre Gesichter, und sie machten mich höflichst darauf aufmerksam, daß meine Wange und mein Kinn blutig seien. Na, da hätte ich mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen.
Wie sollte es nun weitergehen? Wäre es nicht das beste, die Rettung zu verständigen? Oder sollte man vielleicht überhaupt einen Rettungshubschrauber anfordern?
Da erwachte Hochwürden aus seiner bisherigen Lethargie und sagte mit unerwartet fester Stimme: "Aber das ist doch ein Witz. Mir ist ja nichts passiert. Und wir sind eh mit dem Auto da." Und indem er mir einen vielsagenden Blick zuwarf: "Würde es Ihnen was ausmachen" – nur so viel; ich aber wußte, wieviel es geschlagen hatte.
8
Die Verletzungen waren gottlob nicht so schwer, daß er hätte operiert werden müssen. Sie waren freilich schwer und zahlreich genug, wie an seinem tollen Kopfverband und den anderen Verbänden abzulesen war, sodaß man ihn – es war ja Freitag - zur Sicherheit und zur Beobachtung zumindest übers Wochenende im Krankenhaus behielt.
Für mich verstand es sich von selbst, daß ich, solange es möglich war, bei ihm blieb und ihm am Krankenbett Gesellschaft leistete, ohne auch nur einen Gedanken ans Abendessen zu verschwenden. Stand ich denn nicht tief in seiner Schuld? Was wäre, hätte er mich auf der Alm nicht rechtzeitig zur Seite gestoßen? Richtig: an seiner Stelle läge jetzt ich hier. Und wer weiß, welche Verletzungen ich davongetragen hätte.
Sobald ich daher an seinen Blicken erkannte, daß er wieder ansprechbar war, holte ich zu einer umständlichen Danksagung aus. Indes, er schnitt mir kurzerhand das Wort ab und erklärte, wir seien quitt; er habe mir genauso zu danken, wenn nicht noch mehr.
Als ich daraufhin abwehrend die Hand hob oder vielmehr gegen ihn ausstreckte und dagegen zu protestieren versuchte, ließ er mich gar nicht zu Wort kommen, sondern ergriff meine Hand und sagte leise, aber mit Nachdruck: "Wer hat denn das Untier durch einen wohlgezielten Steinwurf vertrieben, ehe es so richtig in Fahrt geraten ist? Du, mein Engel! Du bist mein rettender Engel! Und so muß ich dich wohl nennen, nachdem du mir verboten hast, dich 'schöne Frau' zu nennen."
Ich war sprachlos. Eine so charmante Form, Brüderschaft zu schließen, hatte ich noch nie erlebt.
"Na, mein Engel, was sagst du jetzt?"
Ich konnte nur stumm und gerührt lächelnd nicken.
"Na, siehst du? Wir sind also quitt, ja?"
Wieder nickte ich gerührt und murmelte: "Ich heiße aber Eva."
"Und ich Urs."
"Aber ich kann doch nicht zu einem Hochwürden ..."
"Doch, doch! Und damit du's nicht vergißt, gibst du mir jetzt einen Brüderschaftskuß!"
Und als ich ihn daraufhin wie gelähmt anstarrte, zog er mich an der Hand, die er noch immer umfaßt hielt, zu sich und drückte mir einen Kuß auf die Lippen – einen Kuß, der nach meinem Gefühl dem früheren an Intensität um nichts nachstand.
Doch dann hüllte er sich wieder in Schweigen, schloß die Augen und sah plötzlich erschreckend erschöpft und abgezehrt aus. Und dabei blieb es, bis ich von der Nachtschwester hinauskomplimentiert wurde.
Während ich, in Gedanken versunken, in Richtung Kurheim wanderte, wurde ich mir allmählich des Aufruhrs, der in meinem Herzen tobte, so richtig bewußt. Höchst widerstrebende Gefühle kämpften in ihm gegeneinander. Da war einerseits das Gefühl der Dankbarkeit und der Rührung, klar. Andererseits war mir beinahe nach Heulen zumute, so enttäuscht fühlte ich mich durch Hochwürdens offenkundigen Versuch, mich zu seiner zweiten "heimlich Geliebten" zu machen. Also versuchte er's doch! Denn was sonst, bitte sehr, sollten die beiden Küsse bezwecken? Noch dazu derart intensive, so verschieden von den väterlichen Küssen, zu denen sich mein Göttergatte, selten genug, aufraffen konnte.
Dagegen erhob sich jedoch eine innere Stimme, die Urs mit allen Mitteln zu verteidigen suchte: er könne es doch als Theologe, als katholischer Geistlicher, als Mann Gottes, unmöglich auf meine Keuschheit abgesehen haben. Außerdem habe er im Gegensatz zum Oberst nie behauptet, daß wir füreinander bestimmt seien, oder ähnlichen Quatsch. Er habe ja im Schock gehandelt und dabei bestimmt keinerlei Hintergedanken gehabt.
Dann wieder mußte ich an seine offenkundige Sucht denken, mich als "schöne Frau" zu titulieren, und es machte sich aufs neue Enttäuschung, ja heiliger Zorn in meinem Herzen breit.
In dieser Nacht sandte mir Gott Morpheus merkwürdige Träume. Ich war wieder ein junges Mädchen und besuchte die Internatsschule der Unbarmherzigen Schwestern (wie wir sie in unserer Verzweiflung nannten) und wohnte, zusammen mit meinen Leidensgefährtinnen, der täglichen heiligen Messe bei, und Urs zelebrierte. Und während ich vor ihm kniete, um aus seiner Hand die heilige Kommunion zu empfangen, beugte er sich über mich, legte mir die Hostie auf die Zunge und drückte mir einen unglaublich intensiven Kuß auf die Lippen. Ich aber erstarrte vor Schreck und spürte, wie meine Knie nachzugeben drohten. Da schoß wie ein Pfeil ein Engel (oder Gott Amor) vom Himmel herab, fing mich auf und trug mich in die Höhe, und mich durchströmte ein unbeschreiblich süßes Gefühl, und ich wähnte mich im siebten Himmel. Doch plötzlich stürzte ich, entsetzt schreiend, in die Tiefe - und erwachte.
9
Nächster Morgen. Samstag. Soll ich schnurstracks zu Urs eilen, wie es mir mein Herz befiehlt? Oder soll ich mich zu meinen gewohnten Behandlungen begeben, wie mir der Verstand nahelegt? Na, zu den Behandlungen selbstverständlich.
Vor dem Eingang des Kurzentrums angelangt, hielt ich inne, besann mich kurz und bog hierauf zielstrebig in Richtung Krankenhaus ab. (Es liegt zum Glück gleich daneben.)
Urs ging es nicht schlechter als zuletzt, aber auch nicht besser. Wenn ich daher noch eine zweite Absicht mit meinem Besuch verbunden hatte, nämlich meinen heiligen Zorn über ihn auszugießen und ihm mitzuteilen, dass es in Hinkunft keine gemeinsamen Spaziergänge mehr geben werde, so hielt ich mich darin im Augenblick zurück und schluckte meine Bitterkeit hinunter. Ich blieb auch nicht den ganzen Vormittag, sondern ließ lediglich die erste Behandlung ausfallen und ging dann doch ins Kurhaus. Den Ausschlag gab übrigens Urs selbst.
"Na?" begann er unvermittelt. "Keine Behandlungen heute?"
"O ja, schon", stammelte ich und spürte, wie ich vor Verlegenheit rot wurde.
"Warum bist du dann ... Du, das ist zwar sehr lieb von dir, aber deine Kur darfst du nicht vernachlässigen."
Ich nickte, bedankte mich höflich für seinen wohlmeinenden Rat und verabschiedete mich bewußt kühl. Ich ließ mich auch später in den Pausen zwischen den Behandlungen oder nach der letzten Behandlung nicht mehr blicken. Und was das Mittagessen betrifft, so dachte ich gar nicht daran, es einem Krankenbesuch zu opfern.
Nach dem Mittagessen jedoch war alles anders. Da erwähnte meine Zimmerkollegin auf dem Weg in unser Zimmer aus heiterem Himmel "jenen feschen und sympathischen Herrn" und fragte, ob ich auch heute wieder mit ihm ausgehen wolle, und ich antwortete, vermutlich eine Spur zu schroff, nein, er liege nämlich im Spital, ich wolle ihn aber besuchen. Und während ich noch diese Worte aussprach, wußte ich auch schon, daß sie der Wahrheit entsprachen und daß ich sofort, unverzüglich, auf der Stelle zu ihm mußte, ohne erst noch ein Mittagsschläfchen zu absolvieren.
Im selben Augenblick ertönte hinter uns eine mir sattsam bekannte Stimme: "Was Sie nicht sagen! Im Spital? Sie sprechen von Ihrem neuen Verehrer, nehme ich an?"
Der Oberst hatte offensichtlich schamlos gelauscht.
"Ja, ja", stammelte meine Zimmerkollegin in einer sonderbaren Mischung aus Bestürzung und Begeisterung.
"Ah, sicher ist er zudringlich geworden, und Sie haben Ihre Keuschheit verteidigt und ihm dabei die Augen ausgekratzt. Stimmt's?"
"Ach, Quatsch!" stieß ich unwirsch hervor, faßte meine Zimmerkollegin beim Ellbogen und zog sie fort, ohne ihn weiter zu beachten. Ich war sprachlos vor Empörung. Nach einigen Schritten blieb ich stehen, drehte mich um, fauchte: "Er ist nicht mein Verehrer. Und es ist nichts dergleichen passiert." Hierauf stürmte ich in unser Zimmer, machte mich blitzartig fertig zum Ausgehen, vergaß auch nicht, ein Buch einzupacken, und eilte davon, immer noch außer mir vor Wut über die Unverschämtheit meines Möchtegernverehrers. Und ich spürte, wie dadurch mein Ärger über Urs beinahe in den Hintergrund gedrängt wurde.
Urs schlief tief und fest wie ein frisch gewickelter Säugling und schnarchte leise. Er hielt das Mittagsschläfchen, das ich mir seinetwegen versagt hatte. Aber sei's drum: ich holte mein Buch hervor, ließ mich auf dem Stuhl neben seinem Bett nieder und begann zu lesen und las – ja, bis mir die Augen schwer wurden und der Geist schwer wurde. Schließlich schreckte ich verdattert auf und erkannte, daß ich im Sitzen eingeschlafen war. Gleichzeitig fiel mein Blick auf Urs, der mir fröhlich entgegenlachte.
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| S e i t e n z a h l : |
279 |
| A u t o r I n : |
zum Autor Karl Plepelits |
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